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KW 31Die Woche, als wir Kekse mit Keksen verglichen haben

Die 31. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 13 neue Texte mit insgesamt 74.424 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Sebastian Meineck
Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Leser*innen,

diese Woche habe ich über ein Handy-Spiel berichtet, das „nur für Unterhaltungszwecke gedacht“ ist. Ich schreibe das gleich vorab, damit keine Missverständnisse aufkommen. Warum das äußerst wichtig ist, merkt ihr gleich.

Alles dreht sich um das neue Spiel „Pokémon Sleep“, das sich auch an Kinder richtet. Ab null Jahren, heißt es in Googles Play Store. Um Pokémon zu erforschen, sollen sich die Spieler*innen nachts beim Schlafen aufnehmen, mit Mikrofon und Bewegungssensor. Richtig gehört, sie sollen ihr Handy ins Bett legen und die ganze Nacht ihr Mikro anlassen.

Nicht nur ich fand das übergriffig, sondern auch Fachleute für Daten- und Verbraucherschutz. Von der zuständigen Pokémon-Pressestelle aber habe ich gelernt, dass ich die Situtation falsch eingeschätzt habe. Die von „Pokémon Sleep“ erhobenen Daten zu Schlafdauer und Schlafqualität sind demnach gar keine sensiblen Gesundheitsdaten. Warum nicht? Na, weil die App zu Unterhaltungszwecken gedacht ist!

Pokémon Sleep sein ein „Spiel“, erklärte mir die Pressestelle auf Englisch. „Die Schlafdaten sollten nicht verwendet werden, um Rückschlüsse auf die Gesundheit zu ziehen“. Als ich das las, habe ich meinen Denkfehler sofort bemerkt. Wenn etwas zur Unterhaltung gedacht ist, dann kann es auch nicht problematisch sein.

Unterhaltsame Diagramme

Und ich Schlafmütze habe die von Pokémon Sleep erstellen Diagramme über die gemessene Lautstärke in Dezibel und die minutengenaue Messung über Leicht‑, Halb- und Tiefschlaf als Gesundheitsdaten gedeutet. Wenn ich bloß gewusst hätte, dass diese Diagramme zur Unterhaltung gedacht sind, dann wäre meine Recherche viel vergnüglicher gewesen. Es versteht sich von selbst, dass auch die Übertragung der Statistiken an Pokémon-Server der Unterhaltung dient.

Leider habe nicht nur ich das missverstanden, sondern auch der Verbraucherzentrale Bundesverband, das Datenschutz-Projekt mobilsicher und der Landesbeauftragte für Datenschutz Baden-Württemberg. In meinem Artikel kommen nur Spaßbremsen zu Wort ☹️

Ich sollte von der Pokémon-Pressestelle lernen und mehr Unterhaltung in mein Leben lassen. Ich würde ja super gerne mal in die internen Unterlagen des Konzerns reinschauen. Bestimmt bekomme ich die geschickt, wenn ich betone, dass ich sie nur zu Unterhaltungszwecken lesen will. Dabei würde ich Chips essen, die selbstverständlich nicht meiner Gesundheit schaden, weil auch sie nur zur Unterhaltung gedacht sind.

Mein zweiter Denkfehler

Apropos Snacks: Die gibt es auch bei Pokémon Sleep. Spieler*innen können ihren Pokémon virtuelle Kekse verfüttern. Wer möchte, kann seinen Keks-Vorrat per In-App-Kauf aufstocken. Wie bei jeder unterhaltsamen Spiele-App muss man dabei zuerst Euro in eine Fantasie-Währung ummünzen. Damit lassen sich dann die Pokémon-Kekse erwerben. So ein virtueller Keks kostet umgerechnet etwa 84 Cent.

Leider hatte ich bei diesem Thema einen zweiten Denkfehler gemacht. Ich habe zum Vergleich geschaut, wie viel reale Kekse kosten. Der Schoko-Doppelkeks einer bekannten Marke kostet etwa 11 Cent. Das heißt, statt einem virtuellen Pokémon-Keks könnte man auch sieben reale Kekse wegknuspern. Das brachte mich zu dem Schluss, dass die In-App-Käufe bei Pokémon Sleep teuer sind. Aber weit gefehlt.

Der Vergleich verbittet sich, wie ich von der Pokémon-Pressestelle lernen durfte. Virtuelle Kekse hätten „absolut keinen Bezug“ zu physischen Keksen. Auweia. Rückwirkend weiß ich gar nicht, wie ich überhaupt darauf kommen konnte, Kekse mit Keksen zu vergleichen. Oder Euro mit Euro. Das wäre ja so, als würde man Birnen mit Birnen vergleichen! Dickes Sorry, passiert mir nicht wieder.

Ich wünsch euch ein zu Unterhaltungszwecken gedachtes Wochenende
Sebastian

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Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck
    Philipp Sipos

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

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Ein Kommentar zu „Die Woche, als wir Kekse mit Keksen verglichen haben“


  1. Christoph Schmees pc-fluesterer.info

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    Danke für die einleitende Glosse! Die Form hat mich sehr vergnügt. Der Inhalt ist natürlich zum Kotzen. Wahrscheinlich ist Satire die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, ohne die eigene seelische Gesundheit aufs Spiel zu setzen. ;-)
    Was mich immer wieder entsetzt: Wie können Eltern eine solche Perversion zulassen? Und woher haben die Kinder das Geld für die In-App-Käufe? Hier geht es doch um Kinder, nicht einmal Jugendliche. Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Dieser Artikel ist älter als 2 Jahre, daher sind die Ergänzungen geschlossen.