Keine zwei Wochen vor der Parlamentswahl kocht Ungarn allmählich über. Seit 2010 sind Premierminister Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei an der Macht. Nun droht ihnen die Kontrolle zu entgleiten. Mit Péter Magyar, der für die Tisza-Partei antritt, hat laut Meinungsumfragen erstmals ein Herausforderer eine realistische Chance, Orbáns autoritäres System zum Wanken zu bringen.
Solche potenziellen Umbrüche gehen nicht ohne Widerstand über die Bühne. In Ungarn heißt das derzeit: Ein Spionageskandal folgt dem nächsten. Und sie spielen sich vor einer breiten Öffentlichkeit ab. Rund 2,5 Millionen Mal wurde in den vergangenen fünf Tagen etwa ein Interview mit dem ehemaligen Polizisten Bence Szabó auf YouTube angesehen.
Dieser ging mit explosiven Anschuldigungen an die Presse. Szabó zufolge soll der ungarische Geheimdienst im Sommer des Vorjahres versucht haben, in die IT-Systeme der oppositionellen Tisza-Partei einzubrechen und sie unter Kontrolle zu bekommen. Dafür wollte der Geheimdienst zwei IT-Experten aus dem Umfeld von Tisza anwerben. Nachdem sich diese weigerten und die Sache aufzufliegen drohte, gab der Geheimdienst der Polizei einen Tipp: Die beiden Männer sollen Darstellungen von Kindesmissbrauch angefertigt haben.
Doch Spionage?
Szabó war einer der Polizisten, welche die Ermittlungen aufnahmen – und dabei auf allerhand Ungereimtheiten stießen, nur nicht auf Missbrauchsdarstellungen. Wer letztlich hinter der mutmaßlichen Attacke auf die Opposition steht, ist bislang nicht offiziell geklärt. Fest steht jedoch, dass beschlagnahmte Daten erst ohne Papierspur beim Geheimdienst landeten. Wenig später, im November 2025, standen plötzlich persönliche Daten von rund 200.000 Tisza-Unterstützer:innen im Netz.
Von den ursprünglichen Vorwürfen gegen die IT-Spezialisten ist nicht viel übrig geblieben. Dafür spricht die Orbán-Regierung nun von Spionage, die mindestens einer der Beschuldigten für die Ukraine betrieben haben soll. Laut Deutsche Welle ging die Regierung im Informationskrieg sogar so weit, am Wochenende das Video eines Verhörs des 19-Jährigen durch den Verfassungsschutz auf ihre Facebook-Seite zu stellen.
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Auch für den kürzlich aus der Polizei ausgeschiedenen Szabó ist die Sache nicht ausgestanden. Auf sein Interview mit Direkt36, einem der wenigen verbliebenen unabhängigen Medien im Land, folgten Hausdurchsuchungen und Ermittlungen wegen Amtsmissbrauchs.
Angebliche Spionage durch Investigativjournalisten
Mit gravierenden Anschuldigungen muss sich zeitgleich der Investigativjournalist Szabolcs Panyi herumschlagen. Panyi, der auch für Direkt36 schreibt, enthüllte Anfang März auf VSquare, wie Russland dem Verbündeten Orbán im Wahlkampf unter die Arme greifen will. So habe der Kreml ein eigenes Team des russischen Militärgeheimdienstes GRU nach Ungarn entsandt, um eine verdeckte Desinformationskampagne zugunsten der Regierungspartei zu fahren.
Ähnliche Manipulationsversuche aus Russland ließen sich zuletzt in unterschiedlichen europäischen Ländern beobachten, wie nicht zuletzt immer wieder VSquare aufdeckte – von Rumänien über die Slowakei bis zu Moldau, mit gemischten Ergebnissen.
Ein Geheimnis ist es nicht, dass die rechtskonservative Fidesz-Partei eng mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verbandelt ist. Die ungarische Regierung geriert sich gerne als nationalistisches Bollwerk gegen vermeintliche Übergriffe aus Brüssel und macht regelmäßig der EU das Leben schwer: Das Land blockiert unter anderem EU-Sanktionen gegen Russland oder sorgt dafür, dass milliardenschwere Hilfspakete für die Ukraine brachliegen.
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Kurzer Draht nach Moskau
Doch oft gewähren erst journalistische Recherchen Einblick in die enge Zusammenarbeit zwischen Ungarn und Russland. Ende März berichtete etwa die Washington Post über einen Vorschlag des russischen Auslandsgeheimdienstes SVR, einen medienwirksamen Anschlagsversuch auf Viktor Orbán zu inszenieren. Dabei enthüllte die Zeitung auch, dass Ungarns Außenminister, Péter Szijjártó, sein russisches Gegenstück Sergei Lawrow praktisch in Echtzeit telefonisch über EU-Verhandlungen auf dem Laufenden hielt.
Offenbar war dies nicht das erste Mal, selbst wenn die Regierungen beider Länder die Vorwürfe halbherzig abstreiten. Kurz nach dem Artikel veröffentlichte Szabolcs Panyi das Transkript eines Telefonats zwischen Szijjártó und Lawrow aus dem Jahr 2020, in dem sie sich über die politische Situation in der Slowakei austauschten.
Demnach bat Szijjártó, dass Russland in die Endphase der damals stattfindenden Parlamentswahlen im Nachbarland eingreifen solle, zugunsten einer bestimmten Partei. „Alle anderen werden im Grunde von Soros finanziert“, zitiert die Mitschrift den ungarischen Außenminister.
Erst Pegasus, dann Spionage
Aus dieser Veröffentlichung versucht die Orbán-Regierung nun dem Journalisten einen Strick zu drehen. Am Donnerstag wurde Anklage gegen Panyi erhoben. Der Journalist wurde schon vor Jahren mit Hilfe des Staatstrojaners Pegasus über sein Handy ausgespäht, mutmaßlich angestoßen vom ungarischen Geheimdienst. Nun werden ihm Spionage für einen ungenannten ausländischen Staat und die Weitergabe geheimer Informationen vorgeworfen.
Panyi weist dies in einem ausführlichen Posting auf Facebook zurück: Er habe lediglich im Zuge einer Recherche ein vertrauliches Gespräch mit einer Quelle geführt, das offenbar abgehört worden sei. „Investigativjournalisten der Spionage zu bezichtigen, ist im 21. Jahrhundert durch einen EU-Mitgliedstaat völlig beispiellos. Das ist typisch für Putins Russland, Belarus und ähnliche Regime“, schreibt Panyi.

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