KW 15Die Woche, in der es endlich Konsequenzen für die Datenindustrie geben muss

Die 15. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 17 neue Texte mit insgesamt 159.201 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Ingo Dachwitz
– : Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Leser:innen,

es war mal wieder eine „Databroker-Woche“ bei netzpolitik.org – und so langsam nervt mich dieser Satz, der regelmäßig in unserer Redaktion zu hören ist. Und das, obwohl ich selbst ständig über das Thema schreibe. Die ausufernde Tracking-Industrie, der unkontrollierte Handel mit unseren Daten, sie beschäftigen uns seit Jahren. Wir treiben die Debatte dazu voran wie wohl kein anderes deutschsprachiges Medium. Nur langsam frage ich mich: Soll das ewig so weitergehen?

Aber der Reihe nach. Eigentlich waren es ja drei begrüßenswerte Anlässe, aus denen wir diese Woche über das Thema berichtet haben.

Erstens haben unsere Kolleg:innen vom Bayerischen Rundfunk die sehr sehenswerte ARD- und Arte-Doku „Gefährliche Apps: Im Netz der Datenhändler“ veröffentlicht. Mein Kollege Sebastian und ich arbeiten seit mehr als zwei Jahren mit ihnen an den „Databroker Files“. Der Film erzählt von unseren Recherchen und den sehr konkreten Gefahren, die etwa von vermeintlich harmlosen Tracking-Daten ausgehen und unterschiedliche Menschen wie zum Beispiel eine Journalistin oder ukrainische Soldaten betreffen.

Zweitens schreiten Ermittlungen von Datenschutzbehörden gegen zwei deutsche Apps voran, die unsere Databroker-Files-Recherchen ausgelöst haben. Die Behörden sind sich inzwischen sicher, dass eine Wetter-App und eine Dating-App, beide mit Millionen Nutzer:innen, datenschutzwidrig genaue Standortdaten verarbeitet und an Dritte weitergegeben haben. Konsequenzen hat das bislang aber noch nicht, die Verfahren laufen noch.

Drittens haben das Citizen Lab, der Wiener Tracking-Forscher Wolfie Christl und der ungarische Journalist Szabols Panyi eine bemerkenswerte Recherche veröffentlicht. Sie können am Beispiel einer US-Überwachungsfirma detailliert aufzeigen, wie Daten aus dem Ökosystem der Online-Werbung für Geheimdienste und andere Behörden nutzbar gemacht werden. Und sie berichten, dass die Produkte dieser Firma nicht nur von Trumps paramilitärischer Abschiebetruppe ICE genutzt werden, sondern auch von der ungarischen Regierung angeschafft wurden. Dort finden am Sonntag Wahlen statt und Viktor Orbán kämpft mit allen Mitteln um den Machterhalt.

Ein komplettes Versagen von Datenschutz, Politik und Medien

Ich bin angesichts dieser Ereignisse diese Woche hin- und hergerissen. Einerseits freue ich mich über aufklärende Recherchen, Public-Value-Journalismus und konkrete Konsequenzen. Andererseits bin ich frustriert, dass es all das noch immer braucht. Wir haben doch eigentlich bei diesem Thema längst kein Erkenntnis‑, sondern ein Umsetzungsdefizit.

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Juristisch gibt es – soweit ich weiß – wenig Zweifel daran, dass das umfassende Tracking durch ein riesiges, undurchsichtiges Firmennetzwerk ebenso illegal ist wie der Handel mit den dabei erfassten Daten. Doch die Datenschutzbehörden kommen nicht hinterher.

Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages haben zudem klargestellt, dass eine Nutzung solcher Daten durch staatliche Stellen im besten Fall auf wackeligen Füßen stünde, wahrscheinlich aber doch eher überwiegend ebenfalls illegal wäre. Doch die Bundesregierung schweigt einfach dazu, ob auch deutsche Sicherheitsbehörden kommerzielle Daten nutzen.

Wir erleben bei diesem Thema ein komplettes Versagen von Datenschutz, Politik und leider auch von vielen Medien.

Also was tun? Digitale Selbstverteidigung geht immer. Aber eigentlich müsste man das Problem ja politisch angehen. Doch Regulierung, womöglich sogar Verbote bestimmter Geschäftspraktiken, das ist momentan einfach nicht angesagt. Als wir im Sommer 2024 die ersten Storys der Databroker Files veröffentlichten, gab es große Bestürzung in allen demokratischen Parteien. Heute haben wir eine Bundesregierung, die sich in Brüssel dafür einsetzt, dass der Datenschutz möglichst mit dem Vorschlaghammer reformiert – also abgebaut – wird. Die Datenindustrie macht derweil munter weiter.

Deshalb machen auch wir weiter, decken auf und erzeugen Druck. Wir lesen uns also sicher bald wieder, wenn es mal erneut heißt: Databroker-Woche bei netzpolitik.org.

Danke für eure Unterstützung bei der journalistischen Sisyphusarbeit!
Euer Ingo

Unsere Artikel der Woche

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Große ARD-DokuAchtung, Datenhandel! Lebensgefahr!

Erhoben zu Werbezwecken, verschleudert im Internet: Standortdaten aus der Werbe-Industrie können Menschen gefährden. Das zeigt die ARD-Doku „Gefährliche Apps“, die nun online ist. Sie beruht auf den Recherchen von netzpolitik.org und Bayerischem Rundfunk zu den Databroker Files.

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2 Kommentare zu „Die Woche, in der es endlich Konsequenzen für die Datenindustrie geben muss“


  1. Frank Rössner

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    Wenn ich Personen ob ihres schlendrigen Smartphonenutzens und der Datenspur anspreche, kommt das Totschlagargument: ich habe nichts zu verbergen ! Es wird nicht überblickt, was für Konsequenzen das Zusammenführen verschiedenster Daten mit sich bringen kann.
    Selbst habe ich ein prepaid Smartphone und wenn ich außerhalb des WLAN bin, kann ich nur Telefonieren und SMSen. Es ist aber auch mir nicht ganz klar, was für Daten durch das Durchfahren von verschiedenen Funkzellen- Bereichen entstehen. Und es ist sehr schwer Leute aufzufordern, von google mail und whats fern zu bleiben. Das alles sind sehr dicke Bretter, die da zu bohren sind. Weil es gegen die Bequemlichkeit geht ! Danke für eure Arbeit. Ich bin 68 Jahre und sehe die Zukunft für die meisten Menschen eher Düster. Auch wenn die Zukunft mich ja nicht mehr betrifft.
    Noch eine Anmerkung : Im obigen Beitrag werden Medienanstalten genannt. Was bitte ist die Def. für Medienanstalten ? Herzliche Grüße vom unteren Obermain – Franky


    1. Ingo Dachwitz

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      Hallo Franky, der Datenhandel, über den ich hier schreibe, bezieht sich auf Standortdaten aus Apps auf Smartphones. Auch bei unseren Telefonanbietern fallen Standortdaten an, aus denen sich Bewegungsprofile erstellen lassen, allerdings verkaufen die Telkos diese Daten meines Wissens nach nicht. Es gibt eine ziemlich alte EU-Regulierung, die ePrivacy-Richtlinie, die das klar verbietet und die Aufsicht ist in diesem Bereich stark genug, dass sie sich nicht darüber hinwegsetzen. Allerdings können Telkos solche Daten im Verdachtsfall an Ermittlungsbehörden rausgeben.
      Bei den „Medienanstalten“ im Artikel meines Kollegen Denis zu einer Studie zur Debattenkultur geht es um die Landesmedienanstalten, also die staatlichen Aufsichtsbehörden zur Medienregulierung: https://de.wikipedia.org/wiki/Landesmedienanstalt
      Viele Grüße
      Ingo

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