Die Frage, was in einer Enzyklopädie Platz haben soll und was nicht, ist so alt wie das Genre der Enzyklopädie selbst. Befreit von den engen Platzbeschränkungen gedruckter Werke, stellt sie sich auch in der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia jeden Tag aufs Neue. Begrenzt ist hier zwar nicht der Platz, aber die Zeit von Freiwilligen, den Artikelbestand zu pflegen. Wo die Grenze zwischen zu viel oder wenig Gelöschtem verläuft, darüber streiten in der Wikipedia Inklusionisten und Exklusionisten entlang von Relevanzkriterien: sie halten fest, ab wann etwas bedeutsam genug ist, um einen eigenen Artikel in der Wikipedia verdient zu haben.
Besondere Brisanz bekommt diese Frage aber vor allem im konkreten Einzelfall. Denn Relevanzkriterien sollen ja nur Orientierung geben. Auch wenn sie nicht erfüllt sind, kann ein Artikel überleben, sofern „stichhaltige Argumente für dessen Relevanz angeführt werden“ können. Es wird also diskutiert. Wie schön solche Löschdiskussionen aus der Vogelperspektive betrachtet aussehen können, hat das Projekt Notabilia bereits vor über zehn Jahren visuell demonstriert.

Der Einzelfall einer konkreten Löschdiskussion ist häufig jedoch alles andere als schön anzusehen. Wer heute als Neuling in der Wikipedia einen neuen Artikel anlegt, handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit rasch einen Löschantrag ein. Zum Beispiel, weil die Relevanzkriterien nicht erfüllt sind. Aber auch wenn Relevanz nicht das Problem ist, braucht ein Artikel genügend Länge und Substanz, belegt durch Quellenverweise.
Stichhaltige Argumente für Relevanz?
Jetzt ist der bloße Umstand, dass neue Artikel häufig schnell wieder gelöscht werden, noch nicht das Problem. Die Wikipedia-Community hat einfach nicht genug Ressourcen, um alle Nischenthemen abzudecken. Oft sind es auch einfach Werbeartikel, die im eigenen und nicht im Interesse der Allgemeinheit verfasst wurden. Das Problem beginnt bei der Art und Weise, wie diese Löschung passiert.
An dieser Stelle lohnt ein Blick auf ein konkretes, aktuelles Beispiel aus der österreichischen Ecke der deutschsprachigen Wikipedia. Dort wurden kürzlich gleich drei Artikel über junge Wissenschaftlerinnen zur Löschung vorgeschlagen. Keine von ihnen hat bereits eine „eine Professur an einer anerkannten Hochschule erreicht“, diese gelten nämlich nach den Relevanzkriterien für Wissenschaftler:innen jedenfalls als relevant.
Allerdings sind alle drei Preisträgerinnen des mit 10.000 Euro dotierten „Hedy-Lamarr-Preises“, der – laut Wikipedia – seit 2018 von der Stadt Wien „an österreichische Wissenschaftlerinnen für innovative Leistungen in der IT“ vergeben wird. Das wirft die Frage auf, ob damit das Relevanzkriterium schlagend wird, dass diese „einen anerkannten Wissenschaftspreis erhalten haben“. Zum Zeitpunkt der hier dokumentierten Löschdiskussionen gibt es zu diesem Preis noch keinen eigenen Wikipedia-Artikel, sondern nur einen Abschnitt im Artikel zu Hedy Lamarr. Reicht das als „stichhaltiges Argument für dessen Relevanz“?

Ganz unabhängig davon, wie diese Diskussion ausgehen wird, ist sie für Außenstehende in mehrfacher Hinsicht unverständlich. Das beginnt bei Wikipedia-Fachterminologie voller Abkürzungen. In der Einblendung zum Löschantrag steht beispielsweise „Begründung: SLA in LA umgewandelt“. Wer dem Link zur Löschdiskussion folgt, findet dort Sätze wie „Zum Schutz der Person besser SL, als LD mit Verriss“. Ein Wikipedianer hatte also ursprünglich einen Schnelllöschantrag (SLA) gestellt, um der betroffenen Person eine Löschdiskussion (LD) zu ersparen, was allerdings in der Folge in einen klassischen Löschantrag (LA) umgewandelt wurde.
Neben den Wikipedia-Akronymen sind für Außenstehende natürlich auch Relevanzkriterien in der Regel unbekannt und nicht ohne weiteres verständlich. Hinzu kommen schroffe Formulierungen in Sätzen wie „Stimmt, die sind genauso eindeutig irrelevant. ebenfalls SLAs gestellt“, die (vielleicht nicht nur) für Außenstehende atmosphärisch schwierig nachvollziehbar sind.
Schrecklicher erster und letzter Eindruck
Genau diese für Außenstehende schwer verständliche Form von Löschdiskussion ist aber sehr oft der erste intensivere Kontakt von Neulingen mit den internen Abläufen in der Wikipedia. Ein für viele schrecklicher erster und deshalb oft auch letzter Eindruck vom Maschinenraum hinter den Artikeln der freien Enzyklopädie.
Wer mit erfahrenen Wikipedianer:innen über das für Neulinge traumatische Erlebnis von Löschanträgen spricht, der erfährt, dass diese paradoxerweise oft dazu dienen sollen, Artikel zu retten. Tatsächlich verschafft oft erst ein Löschantrag einem schlechten Artikel genügend Aufmerksamkeit und damit freiwillige Autor:innen, die daraus einen guten Artikel machen.

Vielleicht würde es helfen, genau dieses konstruktive Potential noch viel stärker nach außen zu kehren. Es gibt ja auch Einblendungen in der Wikipedia, die den Verbesserungsbedarf betonen. Wenn es aber doch zu einem Löschantrag kommt, muss dieser viel stärker auf die Perspektive von Außenstehenden hin gestaltet werden. Viel mehr erklären. Viel weniger Abkürzungen. Und viel, viel freundlicher im Ton. Denn der macht auch in der Wikipedia die Musik.
