Neue FührungsspitzeChristian Humborg und Franziska Heine leiten Wikimedia Deutschland

Wikimedia Deutschland hat heute ein neues Führungsteam präsentiert. Christian Humborg als Geschäftsführender Vorstand und seine Stellvertreterin Franziska Heine leiten nun die größte Organisation der digitalen Zivilgesellschaft im deutschsprachigen Raum. Wir haben die beiden zu ihren Plänen gefragt.

Franziska Heine und Christian Humborg
Franziska Heine und Christian Humborg. Screenshot aus dem Interview. CC-BY-SA 4.0 netzpolitik.org

In der netzpolitischen Community sind die neuen Vorstände seit Langem aktiv und bekannt. Franziska Heine war Initiatorin einer erfolgreichen Online-Petition gegen die 2009 geplante Regelung zu Sperrungen von Internetinhalten in Deutschland durch das Zugangserschwerungsgesetz („Zensursula“). Sie arbeitete seit 2017 als Leiterin der Software-Entwicklung für die Wikimedia. Christian Humborg war seit 2016 Stellvertreter des geschäftsführenden Vorstandes sowie Bereichsleiter Finanzen bei Wikimedia Deutschland. Davor war er Geschäftsführer von Transparency International Deutschland und Correctiv, außerdem hat er das Transparenzportal fragdenstaat.de mit initiiert.

netzpolitik.org: Viele denken bei Wikimedia an die Wikipedia. Was habt Ihr gemeinsam, was ist der Unterschied?

Christian: Was uns eint, ist unser Engagement, Wissen im Internet frei verfügbar zu machen. Dafür arbeiten wir zusammen und stehen zu einer Vielzahl von Themen im strategischen Austausch. Die Wikipedia ist ein Projekt, das komplett von Ehrenamtlichen geschrieben und gestaltet wird. Wikimedia Deutschland ist ein Verein mit über 80.000 Mitgliedern, der mit hauptamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen diese Ehrenamtlichen unterstützt und versucht, ihre Arbeit zu erleichtern. Dazu gehören aber auch Dinge wie IT-Infrastruktur und Software, Projekte mit Partnern wie Museen oder Universitäten, Bildungsarbeit und vieles mehr.

netzpolitik.org: Wie steht es um Wikimedia Deutschland derzeit, worauf könnt Ihr aufbauen?

Franziska: Wir können auch in dieser besonderen Zeit auf die Unterstützung von unseren Spendenden und Mitgliedern bauen, was unsere Arbeit erst ermöglicht. Wir rechnen in diesem Jahr mit einem Haushalt von über 20 Millionen Euro. Wir können auf ein diverses und unglaublich professionelles Team von 157 Mitarbeitenden bauen, die tolle Projekte umsetzen. Diese Zahlen steigen seit Jahren und zeigen, dass wir unsere Arbeit solide und dauerhaft finanzieren können und ausreichend Gestaltungsspielräume haben. Ein weiteres wichtiges Fundament sind unsere Communities und all die Menschen, die wir mit unserer Arbeit unterstützen.

netzpolitik.org: Von Euren Backgrounds her könnte man auch sagen, dass die Führung von Wikimedia Deutschland politischer geworden ist. Seht Ihr das auch so?

Christian: Wenn Du politischer meinst, im Sinne von einer stärkeren Sichtbarkeit unseres Ziels eines offenen und nicht durchkommerzialisierten Internets, dann stimmt das. Es geht uns darum, mehr Menschen zu bewegen, im Netz nicht nur zu konsumieren, sondern mitzugestalten. Das ist ja der Kern der Wiki-Projekte.

Franziska: Die Wiki-Projekte sind eine digitale Öffentlichkeit, wie ein öffentlicher Park in einer Stadt zum Beispiel. Wir entwickeln freie Software, machen sie Menschen zugänglich und vermitteln, wie sie sie benutzen und selbst gestalten können. Das ist absolut ein politischer Akt! Vor allem in der Kombination mit unserem Thema Daten zu befreien um den Zugang zu Wissen zu ermöglichen. Das ist eine starke politische Aussage, die wir schon seit Jahren so tätigen.

netzpolitik.org: Christian, Du warst in früheren Jahren Geschäftsführer von Transparency International Deutschland und Correctiv. Was haben die drei Organisationen miteinander gemeinsam?

Christian: Über Jahrhunderte wurde Wissen von Herrschenden gefangen gehalten und als Machtinstrument missbraucht. Das zu ändern, eint meiner Einschätzung nach alle drei Organisationen, jede auf eine andere Art. Transparency setzt sich gegen Machtmissbrauch, Korruption und Fehlverhalten ein. Correctiv ist als größtes gemeinnütziges Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum investigativ tätig und vermittelt sein Wissen und seine Methoden im Rahmen eines umfassenden Bildungsangebots. Mit der Unterstützung der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia, der frei bearbeitbaren Wissensdatenbank Wikidata und der Sammlung freier Bilder, Videos und Audiodateien Wikimedia Commons wird durch Wikimedia Wissen befreit und für alle zugänglich gemacht.

netzpolitik.org: Franziska, Du hast 2009 eine damals viel beachtete Petition gegen Internetsperren initiiert, die bis dahin von am meisten Personen unterzeichnete Petition. Was kannst Du von damals mitnehmen?

Franziska: Vor allem Geduld. Zwölf Jahre später ist die Frage immer noch auf der Agenda: durch die sogenannten Uploadfilter. Bei politischen Themen ist lange Ausdauer gefragt. Und wie wichtig es ist, Projekte mit anderen zu tragen. So wie die Petition damals nicht ohne die Unterzeichner*innen und all die Vereine, Gruppen und Aktive möglich gewesen wäre, ist der Erfolg unserer Arbeit ein Zusammenwirken von Geschäftsstelle, Mitgliedern, Communities und Partnern.

netzpolitik.org: Der frühere Vorstand Abraham Taherivand war auch vorher Chef der Softwareentwicklung. Was heißt das für Wikimedia, dass das Führungspersonal teilweise aus der Softwareentwicklung kommt und kam?

Franziska: Dass nun Abraham und ich beide aus der Softwareentwicklung kommen, ist eher Zufall. Wir produzieren, verbessern und erweitern nachhaltige Open-Source-Software, um Wikimedias Ziele auf technischer Ebene umzusetzen. Sicher spielt auch unsere globale Projektleitung bei Wikidata und der strategischen Bedeutung dieses Projektes eine Rolle.

netzpolitik.org: Du hast es gerade erwähnt und vielen ist es vielleicht nicht bekannt. Was ist Wikidata und warum ist das für Euch so relevant?

Franziska: Wikidata ist die offene Wissensdatenbank, die von Wikimedia Deutschland gemeinsam mit einer internationalen Community von Freiwilligen entwickelt wird. Wikidata kann von Menschen und Maschinen bearbeitet und gelesen werden. Wenn Wikipedia-Sprachversionen mit der Datenbank verknüpft sind, können Infoboxen automatisch in allen Versionen aktualisiert werden – etwa, wenn sich die Einwohnerzahl einer Stadt ändert. Wikidata wird als Datengrundlage für diverse andere Plattformen, Apps, und KI-Anwendungen genutzt. Deshalb ist Wikidata so relevant, denn die Daten bilden die Grundlage für diverse Technologien, die wir alle in unserem Alltag nutzen. Durch Wikibase können noch mehr Daten eingebunden werden.

netzpolitik.org: Und was ist Wikibase im Unterschied zu Wikidata?

Franziska: Wikibase ist die Software hinter Wikidata. Darüber hinaus gibt sie Institutionen wie der Deutschen Nationalbibliothek oder der Library of Congress ein Werkzeug an die Hand, mit dem sie ihre Datenbestände öffnen und für die Allgemeinheit zugänglich machen können. Damit holen wir Daten aus den Silos der Institutionen heraus und setzen “Öffentliches Geld, Öffentliches Gut” praktisch um. Während die Institutionen die Kontrolle über ihre Daten behalten, können sie erschlossen, nutzbar gemacht und Teil der Daten-Allmende werden.

netzpolitik.org: Was sind die größten nächsten Herausforderungen, vor denen Wikimedia Deutschland steht?

Christian: Eine große gesellschaftlichen Frage ist, wie eine offene Digitalpolitik für alle aussehen könnte. Wie sichern wir unsere digitale Freiheit in Bezug auf Daten und Infrastruktur ab? Daten müssen unserer Meinung nach unter dem Gesichtspunkt des Gemeinwohls bewertet und gefördert werden. Die Infrastruktur der Öffentlichen Hand muss offen sein, getreu der Maxime “Öffentliches Geld, Öffentliches Gut”. Wir brauchen dies genauso wie öffentliche Straßen, öffentliche Plätze und öffentliche Krankenhäuser. Open Data und Open Source garantieren Nachvollziehbarkeit von Quellen und Entwicklungsprozessen. Zu diesen Fragen hat sich das Bündnis “Digitale Zivilgesellschaft 2021” gebildet, dem auch wir angehören.

Außerdem ist Deutschland in der digitalen Bildung zurückgefallen. Fast alle Industrieländer sind weiter beim Thema digitale Bildung. Wir wollen nicht nur die Struktur der Schulbuchverlage ins 21. Jahrhundert fortschreiben, sondern wollen mehr freie Bildungsmaterialien sehen. Zu digitaler Bildung gehören aber auch von IT-Servicediensten gepflegte offene Hard- und Softwareumgebungen der Schulen. Zu digitaler Bildung gehören digital befähigte Lehrer*innen, motiviert durch Anreize und Angebote. Auch hier sind wir in einem Bündnis tätig, dem “Bündnis Freie Bildung”.

netzpolitik.org: Wohin geht’s mit der Wikipedia und wie wollt Ihr die als Verein weiter unterstützen?

Christian: Die deutschsprachige Wikipedia wächst weiterhin gut, im November 2020 feierte sie den Meilenstein von 2,5 Millionen Artikeln. Woran wir als Verein gemeinsam mit Wikipedianern und Wikipedianerinnen nach wie vor arbeiten ist die Nachwuchsförderung, auch im Hinblick auf die Diversität der Schreibenden und dem daraus resultierenden verfügbaren Wissen. Hierbei setzen die Communities der Ehrenamtlichen entscheidende Impulse, etwa durch die zahlreichen Projekte zur Förderung von Inhalten aus weiblicher Perspektive, was wir als Verein mit Förderungen und Öffentlichkeitsarbeit unterstützen.

netzpolitik.org: Wo seht Ihr die Rolle von Wikimedia Deutschland im Ökosystem der digitalen Zivilgesellschaft?

Franziska: Was Wikimedia Deutschland auszeichnet, ist die unmittelbare Mitarbeit der Ehrenamtlichen in allen Wiki-Projekten. Dadurch sind wir direkt in der Zivilgesellschaft verwurzelt. Hinzu kommt unsere digitale Kompetenz. Wir haben eigene Spezialist*innen für Produktmanagement, UX-Design und viele Programmier*innen. Damit können wir unserer Einschätzung nach bei vielen digitalpolitischen Themen auf der Basis eigenen Tuns mitreden.

netzpolitik.org: In vier Monaten gibt es Koalitionsverhandlungen. Was sind Eure Wünsche an die kommende Bundesregierung, was kann besser laufen?

Christian: Es braucht einen Paradigmenwechsel in der Digitalpolitik. Viel zu oft standen wirtschaftliche Fragen im Vordergrund, zum Beispiel wenn es um die Nutzung von Daten ging. Nicht alle Daten dürfen einfach so verkäuflich sein, genauso wie Menschen nicht ihre Nieren gegen Geld verkaufen dürfen. Stattdessen sollte die Frage sein: Wie kommen Daten Forschung und Bildung zugute, wie können sie in der Stadtentwicklung oder der Verkehrsplanung eingesetzt werden? Da braucht es ganz dringend ein Umdenken hin zu mehr Gemeinwohl-Orientierung – und nicht nur in der Datenpolitik, auch beim Urheberrecht, bei der Plattformregulierung und vielem mehr.

netzpolitik.org: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg.

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