Interne DokumenteEU plant einheitliches Ladekabel für alle Handys, Tablets und Laptops

Vor einem Jahrzehnt versprach die EU-Kommission einen Universal-Stecker für alle Smartphones. Den gibt es bis heute nicht. Doch Brüssel arbeitet nun am großen Wurf, das zeigen interne E-Mails, die netzpolitik.org veröffentlicht.

USB-C als einheitlicher Standard für alle Geräte?
MacBooks laden mit USB-C, in seine iPhones verbaut Apple aber seinen eigenen Stecker Lightning. – Alle Rechte vorbehalten Maurizio Pesce

Vor mehr als einem Jahrzehnt hat die EU-Kommission ein einheitliches Ladegerät für Smartphones angekündigt, doch das Vorhaben scheiterte bislang an der fehlenden Durchsetzungskraft der EU und am Widerstand von Apple. Doch dieses Jahr könnte die Kommission einen neuen Anlauf versuchen, wie interne Dokumente der Kommission verdeutlichen.

Eine neue Gesetzesinitiative, für die in Brüssel Vorbereitungen laufen, soll einheitliche Ladegeräte und Anschlüsse für Handys, Tablets, Laptops und andere elektronische Geräte schaffen. Das geht aus internen E-Mails und Dokumenten der Generaldirektion Binnenmarkt hervor, die netzpolitik.org durch eine Informationsfreiheitsanfrage erhielt.

Derzeit gibt es drei verschiedene Ladeanschlüsse auf den Markt: Ältere Android-Handys verwenden Micro-USB, neuere setzen auf den Standard USB-C und Apple verbaut auch in den neusten iPhones Lightning. Mit der Verbreitung kabellosen Ladens drohe dem Markt weitere Zersplitterung, fürchten Umwelt-NGOs.

Ein Kabel-Bouquet
Lightning (l.), USB-C und Micro-USB - Vereinfachte Pixabay Lizenz tomekwalecki

Ein Gesetzesvorschlag, der ein einheitliches Ladegerät für verschiedene Geräte vorschreibt, könnte laut einem internen Zeitplan für die „Circular Electronics Initiative“ bereits im Sommer vorliegen.

Die Initiative soll Geräte mit ähnlichen Stromanforderungen einschließen, darunter fielen auch Kopfhörer, Kameras, E-Reader, tragbare Lautsprecher und Fitnesstracker, sagten Kommissionsbeamte, die nicht namentlich genannt werden wollten, gegenüber netzpolitik.org. Die Kommission prüfe noch, auf welcher rechtlichen Basis das einheitliche Ladegerät eingeführt werden könne.

Zugleich möchte die Kommission Anreize schaffen, damit nicht mit jedem neuen Handy ein Ladegerät mitverkauft wird.

Alte Handy-Ladegeräte werden von 2020 bis 2028 für bis zu 13.300 Tonnen Elektromüll im Jahr sorgen, schätzt eine neue Studie der EU. In Zukunft sollen Nutzer:innen alte Geräte weiter nutzen, statt mit jedem neuen Handy ein zusätzliches zu bekommen. Diese Entkoppelung sei aus Umweltsicht entscheidend, glaubt die Kommission.

Eine Kreislaufwirtschaft ohne Müll, wie sie die EU-Kommission seit Jahren beschwört, ist bislang ein Fernziel. Weniger als die Hälfte des Elektromülls wird derzeit recycelt. Und bloß 12 Prozent des EU-Rohstoffbedarfs wird aus wiedergewonnenen Materialien bestritten.

„Die Dringlichkeit, die Auswirkungen unserer wachsenden Verwendung digitaler Geräte zu reduzieren, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“, sagt Ernestas Oldyrevas von ECOS, einem Dachverband von Umwelt-NGOs.

Lege die EU einen ehrgeizigen Plan für einheitliche Standards für viele Geräte vor, gebe es Potenzial zu einer Einsparung von etwa 29.000 Tonnen Elektroschrott pro Jahr, schätzt Oldyrevas. Das entspreche dem 70-fachen Gewicht der Internationalen Raumstation.

EU überlegt Regeln auch für kabelloses Laden

Die Kommission möchte einen einheitlichen Standard auch für kabelloses Laden schaffen. Viele neue Handys wie das iPhone 12 lassen sich mit Ladestationen aufladen, die den proprietären Standard Qi verwenden. Doch mit Powermat gibt es einen Konkurrenzstandard, weitere könnten folgen.

Eine EU-Regel soll verhindern, dass es auch bei kabellosem Laden zu unterschiedlichen Lösungen kommt. Um mögliche Handlungsoptionen für die Regulierung auszuloten, hat die EU-Kommission laut einem von uns veröffentlichten Dokument eine technische Studie in Auftrag gegeben.

Kabelloses Laden mag bequemer sein, verbraucht aber bei Tests um bis 47 Prozent mehr Strom. Auch legt eine Untersuchung britischer Wissenschaftler nahe, dass Akkus durch induktives Laden schneller kaputtgehen.

Es müsse sichergestellt werden, dass kabellose Ladegeräte mindestens so energieeffizient seien wie herkömmliche, sagt NGO-Experte Oldyrevas. Auch hierbei sei ein einheitlicher Standard notwendig. Andernfalls gingen Versuche, die Berge an Elektro-Müll zu schrumpfen, ins Leere.

Wie Apple die EU-Kommission narrte

Ein universelles Ladegerät für Handys hatte der deutsche EU-Kommissar Günter Verheugen bereits 2009 angekündigt, damals setzte die Kommission allerdings auf freiwillige Absprachen mit der Industrie. Fast alle Handyhersteller verbauen seither USB-Anschlüsse in ihren Geräten, lediglich Apple weigerte sich und brachte 2012 einen eigenen Ladeanschluss namens Lightning für iPhones auf den Markt.

Apple unterläuft bislang Bemühungen, einheitliche Ladegeräte und Anschlüsse für alle Handys zu schaffen. Der kalifornische Konzern argumentiert, dies schade der Innovation. Eine Studie der EU-Kommission kommt hingegen zum Schluss, dass unterschiedliche Ladegeräte für Konsument:innen unpraktisch sind und in vielen Fällen zu mehr Elektromüll führen.

Nach einem Jahrzehnt des Stillstandes machte das EU-Parlament 2019 Druck, zu einer Lösung zu kommen. Die neue Kommission von Ursula von der Leyen versprach nach ihrem Amtsantritt „Regulierungsmaßnahmen für Ladegeräte für Mobiltelefone und ähnliche Geräte“. Zwar wollte sie schon 2020 eine Lösung vorzulegen, sie verschob die Pläne aber wegen der Coronakrise.

Der Plan der Kommission für eine Kreislaufwirtschaft für Elektrogeräte soll nicht nur Ladegeräte umfassen, sondern auch ein „Recht auf Reparatur“ und eine Verpflichtung für Hersteller, zumindest für eine gewisse Zeit Softwareupdates verfügbar zu machen. Auch soll mehr für das Recycling alter Geräte getan werden.

Einige in der Kommission denken bereits weiter. In einem Dokument, das netzpolitik.org nun veröffentlicht, finden sich Überlegungen der Generaldirektorate für Umwelt und Energie.

Der Clou darin: Durch eine Reform der Ökodesign-Richtlinie könnten einheitliche Ladegeräte und Anschlüsse für eine Vielzahl an Geräten geschaffen werden. Dies soll elektronische Geräte bis hin zum 60-Zoll-Fernseher einschließen, aber auch Geräte für Haushalt und Garten sowie Werkzeuge. Setzt die EU hier in Zukunft Standards, bekämen dann wohl auch Mixer, Toaster und Bohrmaschinen einen einheitlichen Anschluss verpasst.

Korrektur vom 25. Januar 2021: Im letzten Satz hieß es zunächst irrtümlich, Geräte wie Mixer, Toaster und Bohrmaschinenen könnten einen USB-Anschluss verpasst bekommen. Dies wurde auf „einen einheitlichen Anschluss“ korrigiert, da USB dafür vermutlich bei vielen Haushaltsgeräten kaum geeignet wäre.

14 Ergänzungen

  1. Tja, schade nur, das Lightning im Vergleich zu den meisten (wackeligen) USB-C Umsetzungen der bessere Stecker ist, von Micro USB ganz zu schweigen.
    Ich bin schon für Vereinheitlichung, aber gerade zu der Zeit, als Lightning eingeführt wurde, war es technisch einfach besser.
    Soweit ich gelesen habe, wollte Apple damals durchaus auch seine Ideen in das USB Zertifizierungs-Gremium einbringen, aber diese waren damals noch nicht soweit und setzten die Anregungen erst viel später (und wackelig) mit USB-C um.

    1. Das zu hören (lesen) wundert mich jetzt sehr. Ich hatte noch _nie_ einen wackeligen USB-C-Stecker. Im Vergleich zu MicroUSB ist es wirklich vielfach besser. Mich stören da eher die „offenliegenden“ Kontakte am Lightning-Stecker.
      Kann es sein, dass bei dir eine einzige schlechte Erfahrung aus der Frühzeit von USB-C dauerhaft zu diesem Vorurteil geführt hat?

      1. Also ich habe ein Raidgehäuse, wo die Verbindung aussetzt, wenn man auch nur ein bischen dran biegt – es gibt extra eine Aufhängung für das Kabel.

        USB-C ist einfach dünn und physikalisch schwer zu erklären. Die Doppelseitigkeit ist nett, aber eben noch dünner als das Kabel selbst.

        Hängt immer auch vom Hersteller ab, ein IPXY Standard mit Verschraubung wäre nett gewesen – ob der es ins Handy Business geschafft hätte?

      2. Ich habe einen sehr wackeligen USB-C Stecker als Dockingstation-Anschluss am Arbeitslaptop… (Dell, 2 Jahre alt).
        Aber meinetwegen kann man das nicht verallgemeinern, und sicher ist es auch besser als Micro-USB, jedoch ist Lightning von der Steckqualität ebenfalls sehr gut.

        Mein Punkt war auch nur, das Apple zur Zeit der Einführung von Lightning definitiv einen weit überlegenen Anschluss hatte – und das USB Gremium sich erst Jahre später gerührt hat.
        Meinetwegen kann mit der nächsten Generation eine – hoffentlich ordentliche – Umsetzung von USB-C der Standard für alles werden.
        Nur das Thema Innovation ist halt immer so ein Ding, vielleicht wäre ohne Lightning USB-C nie umgesetzt worden und was, wenn Micro-USB laut Gesetz immer noch vorgeschrieben wäre?

        1. Bei Micro USB bin ich nicht so sicher. Immerhin sind die Buchsen mechanisch ziemlich schwergewichtig standardisiert (mehr Zyklen als Groß-A).

          Ich hatte bisher mehrere kaputte Billigkabel, und nur eine herausgebrochene Buchse, bei einem Aufnahmegerät. Die war nur angelötet, und ich habe bei Dunkelheit und Regen die Tasche falsch herum aufgesetzt, was es vermutlich wesentlich mitbedingt hat, da dort dann kein Abstands- bzw. mechanischer Schutz mehr war.

          Die Asymmetrische Form und Kontakte nur auf einer Seite, dürfte zumindest erlauben das ganze mechanisch robuster zu machen als USB-C.

          Das soll man vielleicht auch nicht verallgemeinern – aber die Frage ist schon, was der Standard überhaupt allgemein ermöglicht.

        2. Vielleicht machen auch viele auf billig (USB-C) und es muss sich erst ein Stabilitätsoptimum durchsetzen (Zulieferer). Im Moment gewinnen halt die Hütchenspieler, bis die Leute es mitbekommen.

  2. Ich sehe auch den Vorteil eines einheitlichen und verbindlichen Standards für Ladekabel und Geräte. Nur ob es eine gute Idee ist hier die EU-Bürokratie entscheiden zu lassen halte ich für fraglich. Man hat da in der Vergangenheit ja schon oft vorgeführt wie weit das technische Verständnis der Gesetzgeber reicht (Spoiler: nicht sehr weit).

    Man sollte meiner bescheidenen Meinung die Gelegneheit auch nutzen um eine bessere Durchsetzung der EU-Regularien gegenüber vor allem China-Importen zu erreichen. Was von dort über Ebay und Amazon nach Europa schwappt ist technisch oft Minderwertig bis Lebensgefährlich. Und Funkstörquellen sind diese 99cent-USB-Adapter oft auch noch.

    1. Wenn sich die Industrie nicht einigen kann oder will, muss es halt der Staat vorschreiben. Ist ja nicht so, dass die Industrie nicht genug Zeit gehabt haette, aber die machten halt nichts ohne Zwang.

  3. Hatte dann Apple nicht den Zukunftssicherungen Anschluss, der weniger Müll produzierte? Androiden mussten inzwischen doch schon mindestens das Kabel, wenn nicht sogar das Ladegerät wechseln (Mini auf C), während iPhones seit dem 5er die selben Kabel und Ladegeräte (die Netzteil-seitig eh alle USB-A sind) verwenden können.

    Es würde natürlich helfen, wenn alles USB-C wäre, dann könnte ich USB-C Kopfhörer (ohne Klinke) am Laptop und Telefon ohne Adapter verwenden.

  4. Ich verstehe nicht warum es nicht gleich für Rasierer und Zahnbürsten gilt.
    Von der Leistung her könnten die allemal mit USB-C geladen werden….

  5. Prinzipiell erstmal eine gute Sache!
    Ich hab bei den Details ein paar Bedenken, z.B. dass die Umsetzung bei USB-C teilweise etwas zu wünschen übrig lässt (Hallo Raspberry Pi 4!), denke aber dass sch dafür eine Lösung finden lässt!

  6. Ich sehe ein Gesetz, was konkret einen Anschluss vorgibt etwas kritisch.
    Wenn ein solches Gesetz vor 20 Jahren entstanden wäre, müsste man vermutlich bis heute in jedem Handy Rundhohlstecker verbauen. Lightning wäre nie entstanden und ohne Lightning vermutlich auch kein USB-C.
    USB-C ist zwar nach heutigem Stand ein ziemlich guter Anschluss, aber wer weiß, wie sich das weiterentwickelt. Vielleicht hat man in 5 Jahren ganz andere Anforderungen und Möglichkeiten, kann dann aber nicht wechseln, weil im Gesetz USB-C drinsteht.

  7. Solange LadeKABEL und Ladegerät getrennt sind bzw ans Ende des Kabels ein Adapter drauf gesteckt werden kann, wäre das Umweltproblem doch auch gelöst. Also wichtiger wäre es doch, die Ladegeräte zu vereinheitlichen betreff Ausgangsbuchse und Leistungsparameter – auch bei anderen Technikbranchen (wie Rasierern, Zahnbürsten, Akkuschraubern…).

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