Vor mehr als einem Jahrzehnt hat die EU-Kommission ein einheitliches Ladegerät für Smartphones angekündigt, doch das Vorhaben scheiterte bislang an der fehlenden Durchsetzungskraft der EU und am Widerstand von Apple. Doch dieses Jahr könnte die Kommission einen neuen Anlauf versuchen, wie interne Dokumente der Kommission verdeutlichen.
Eine neue Gesetzesinitiative, für die in Brüssel Vorbereitungen laufen, soll einheitliche Ladegeräte und Anschlüsse für Handys, Tablets, Laptops und andere elektronische Geräte schaffen. Das geht aus internen E‑Mails und Dokumenten der Generaldirektion Binnenmarkt hervor, die netzpolitik.org durch eine Informationsfreiheitsanfrage erhielt.
Derzeit gibt es drei verschiedene Ladeanschlüsse auf den Markt: Ältere Android-Handys verwenden Micro-USB, neuere setzen auf den Standard USB‑C und Apple verbaut auch in den neusten iPhones Lightning. Mit der Verbreitung kabellosen Ladens drohe dem Markt weitere Zersplitterung, fürchten Umwelt-NGOs.

Ein Gesetzesvorschlag, der ein einheitliches Ladegerät für verschiedene Geräte vorschreibt, könnte laut einem internen Zeitplan für die „Circular Electronics Initiative“ bereits im Sommer vorliegen.
Die Initiative soll Geräte mit ähnlichen Stromanforderungen einschließen, darunter fielen auch Kopfhörer, Kameras, E‑Reader, tragbare Lautsprecher und Fitnesstracker, sagten Kommissionsbeamte, die nicht namentlich genannt werden wollten, gegenüber netzpolitik.org. Die Kommission prüfe noch, auf welcher rechtlichen Basis das einheitliche Ladegerät eingeführt werden könne.
Zugleich möchte die Kommission Anreize schaffen, damit nicht mit jedem neuen Handy ein Ladegerät mitverkauft wird.
Alte Handy-Ladegeräte werden von 2020 bis 2028 für bis zu 13.300 Tonnen Elektromüll im Jahr sorgen, schätzt eine neue Studie der EU. In Zukunft sollen Nutzer:innen alte Geräte weiter nutzen, statt mit jedem neuen Handy ein zusätzliches zu bekommen. Diese Entkoppelung sei aus Umweltsicht entscheidend, glaubt die Kommission.
Eine Kreislaufwirtschaft ohne Müll, wie sie die EU-Kommission seit Jahren beschwört, ist bislang ein Fernziel. Weniger als die Hälfte des Elektromülls wird derzeit recycelt. Und bloß 12 Prozent des EU-Rohstoffbedarfs wird aus wiedergewonnenen Materialien bestritten.
„Die Dringlichkeit, die Auswirkungen unserer wachsenden Verwendung digitaler Geräte zu reduzieren, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“, sagt Ernestas Oldyrevas von ECOS, einem Dachverband von Umwelt-NGOs.
Lege die EU einen ehrgeizigen Plan für einheitliche Standards für viele Geräte vor, gebe es Potenzial zu einer Einsparung von etwa 29.000 Tonnen Elektroschrott pro Jahr, schätzt Oldyrevas. Das entspreche dem 70-fachen Gewicht der Internationalen Raumstation.
EU überlegt Regeln auch für kabelloses Laden
Die Kommission möchte einen einheitlichen Standard auch für kabelloses Laden schaffen. Viele neue Handys wie das iPhone 12 lassen sich mit Ladestationen aufladen, die den proprietären Standard Qi verwenden. Doch mit Powermat gibt es einen Konkurrenzstandard, weitere könnten folgen.
Eine EU-Regel soll verhindern, dass es auch bei kabellosem Laden zu unterschiedlichen Lösungen kommt. Um mögliche Handlungsoptionen für die Regulierung auszuloten, hat die EU-Kommission laut einem von uns veröffentlichten Dokument eine technische Studie in Auftrag gegeben.
Kabelloses Laden mag bequemer sein, verbraucht aber bei Tests um bis 47 Prozent mehr Strom. Auch legt eine Untersuchung britischer Wissenschaftler nahe, dass Akkus durch induktives Laden schneller kaputtgehen.
Es müsse sichergestellt werden, dass kabellose Ladegeräte mindestens so energieeffizient seien wie herkömmliche, sagt NGO-Experte Oldyrevas. Auch hierbei sei ein einheitlicher Standard notwendig. Andernfalls gingen Versuche, die Berge an Elektro-Müll zu schrumpfen, ins Leere.
Wie Apple die EU-Kommission narrte
Ein universelles Ladegerät für Handys hatte der deutsche EU-Kommissar Günter Verheugen bereits 2009 angekündigt, damals setzte die Kommission allerdings auf freiwillige Absprachen mit der Industrie. Fast alle Handyhersteller verbauen seither USB-Anschlüsse in ihren Geräten, lediglich Apple weigerte sich und brachte 2012 einen eigenen Ladeanschluss namens Lightning für iPhones auf den Markt.
Apple unterläuft bislang Bemühungen, einheitliche Ladegeräte und Anschlüsse für alle Handys zu schaffen. Der kalifornische Konzern argumentiert, dies schade der Innovation. Eine Studie der EU-Kommission kommt hingegen zum Schluss, dass unterschiedliche Ladegeräte für Konsument:innen unpraktisch sind und in vielen Fällen zu mehr Elektromüll führen.
Nach einem Jahrzehnt des Stillstandes machte das EU-Parlament 2019 Druck, zu einer Lösung zu kommen. Die neue Kommission von Ursula von der Leyen versprach nach ihrem Amtsantritt „Regulierungsmaßnahmen für Ladegeräte für Mobiltelefone und ähnliche Geräte“. Zwar wollte sie schon 2020 eine Lösung vorzulegen, sie verschob die Pläne aber wegen der Coronakrise.
Der Plan der Kommission für eine Kreislaufwirtschaft für Elektrogeräte soll nicht nur Ladegeräte umfassen, sondern auch ein „Recht auf Reparatur“ und eine Verpflichtung für Hersteller, zumindest für eine gewisse Zeit Softwareupdates verfügbar zu machen. Auch soll mehr für das Recycling alter Geräte getan werden.
Einige in der Kommission denken bereits weiter. In einem Dokument, das netzpolitik.org nun veröffentlicht, finden sich Überlegungen der Generaldirektorate für Umwelt und Energie.
Der Clou darin: Durch eine Reform der Ökodesign-Richtlinie könnten einheitliche Ladegeräte und Anschlüsse für eine Vielzahl an Geräten geschaffen werden. Dies soll elektronische Geräte bis hin zum 60-Zoll-Fernseher einschließen, aber auch Geräte für Haushalt und Garten sowie Werkzeuge. Setzt die EU hier in Zukunft Standards, bekämen dann wohl auch Mixer, Toaster und Bohrmaschinen einen einheitlichen Anschluss verpasst.
Korrektur vom 25. Januar 2021: Im letzten Satz hieß es zunächst irrtümlich, Geräte wie Mixer, Toaster und Bohrmaschinenen könnten einen USB-Anschluss verpasst bekommen. Dies wurde auf „einen einheitlichen Anschluss“ korrigiert, da USB dafür vermutlich bei vielen Haushaltsgeräten kaum geeignet wäre.
