Sinkende Einnahmen durch Corona-Pandemie

Mozilla entlässt 250 Mitarbeiter:innen

Die globale Pandemie trifft die Mozilla Corporation hart: Ein Viertel der Belegschaft muss gehen. Auch das Berliner Büro ist wohl betroffen. In der Twitter-Community tauschen sich Betroffene und Unternehmen über einen Erste-Hilfe-Hashtag über neue Jobs aus. Viele sind verunsichert, wie zukunftsfähig Mozilla noch ist.

Laptop aufgeklappt
Rund 250 Mitarbeiter:innen von Mozilla müssen bald erstmal Bewerbungen statt Codes schreiben. Vereinfachte Pixabay Lizenz

Die Mozilla Corporation hat in dieser Woche rund 250 Mitarbeiter:innen entlassen. Das entspricht einem Viertel der Belegschaft. Die Entlassungen gingen mit weitreichenden Umstrukturierungen einher, wie CEO Mitchell Baker auf der Website des Unternehmens mitteilte. Zuvor hatte sie die Mitarbeiter:innen in einer internen E-Mail informiert. Darin teilte sie ebenfalls mit, dass der Standort in Taipei (Taiwan) komplett geschlossen wird und zusätzlich 60 Mitarbeiter:innen in andere Teams versetzt werden.

Mozilla, bekannt vor allem durch seinen freien Webbrowser Firefox und den Mail-Client Thunderbird, hatte bereits im Januar 70 Mitarbeiter:innen entlassen. Schon zu diesem Zeitpunkt stand es schlecht um die Einnahmen. Mitchell Baker begründet die umfangreichen Kündigungen nun maßgeblich mit der schlechten wirtschaftlichen Lage durch die Coronavirus-Pandemie. Diese habe sich „massiv“ auf die Einkünfte des Unternehmens ausgewirkt.

Die Stellenstreichungen beziehen sich auf das globale Unternehmen, teilt Mozilla auf Anfrage mit. Genaue Angaben zu den einzelnen Standorten wolle man zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht machen. Mozilla betreibt auch ein Büro in Berlin-Kreuzberg mit rund 50 Mitarbeiter:innen. Der Arbeitnehmervertretung Berlin Tech Workers Coalition sind bislang mindestens zwei bestätigte Kündigungsfälle am Berliner Standort bekannt, wie sie gegenüber netzpolitik.org mitteilte.

Stärkerer Fokus auf Produkten, Community und Finanzierung

Die Umstrukturierungen bei Mozilla betreffen zum einen die Verkleinerung und Organisation des globalen Teams. „Wir werden mehr experimentieren und uns schneller an Gegebenheiten anpassen“, schreibt Mitchell Baker in ihrem Blogbeitrag. „Wir werden uns öfter mit Verbündeten außerhalb unserer Organisation zusammentun und dabei effektiver sein.“ Zum anderen rückt sie die Entwicklung neuer Produkte und die Wirtschaftlichkeit von Mozilla stärker in den Fokus. Um erfolgreiche Produkte zu schaffen, müsse man sich stärker mit Menschen außerhalb der eigenen Organisation austauschen. Außerdem sei eine Rückbesinnung auf Technologie wichtig: „Mozilla kann als ‚technisches Powerhouse‘ innerhalb der aktivistischen Internetbewegung gesehen werden. Und genau das müssen wir auch bleiben.“

In dem Statement wird aber auch deutlich, dass Mozilla auf neue Finanzierungsmodelle angewiesen ist. „Wir müssen verschiedene Wege identifizieren, um uns selbst zu finanzieren und ein Business aufzubauen, das sich von dem heutigen abhebt“, heißt es dort. Das könnte bedeuten, dass das Unternehmen seine Produkte künftig zum Teil nicht mehr kostenlos anbieten wird.

Auf einen Finanzposten kann sich das Unternehmen indes offensichtlich verlassen: Mozilla und Google werden voraussichtlich ihren Vertrag verlängern, wonach Google die Standardsuchmaschine im Firefox Browser bleibt, wie ZDnet mit Berufung auf mehrere Quellen berichtet. Der Vertrag soll bis 2023 gelten. Google macht dafür geschätzt 400 bis 450 Millionen US-Dollar locker.

Kritik und Gerüchte um Entlassungen

Die Entlassungen kamen für Teile der Mozilla-Belegschaft und viele Angehörige der Tech-Branche offenbar wie ein Schock. Unter dem Hashtag #MozillaLifeboat äußerten sich Betroffene, die nun auf Jobsuche sind, und andere Tech-Konzerne teilten ihre Stellenanzeigen.

Schnell verbreiteten sich auf Twitter auch Nachrichten darüber, welche Teams die Kündigungen besonders hart getroffen haben. Dem Gerücht, wonach das gesamte Sicherheitsteam entlassen worden sei, widerspricht Mozilla gegenüber netzpolitik.org:

Mozilla hat seine Sicherheitsfunktionen neu strukturiert, um die Sicherheit von Mozilla und seinen Nutzer:innen besser zu gewährleisten. Einige Positionen wurden aufgrund dieser Bemühungen beseitigt, aber die Teams, die für die Sicherheit des Firefox Browsers und der Firefox-Dienste verantwortlich sind, waren davon nicht betroffen. (eigene Übersetzung)

Weitere Gerüchte drehten sich um Entlassungen in den Abteilungen des Mozilla Development Network (MDN) und der Software Servo, die Mozilla mit Samsung entwickelt hat. Demnach wurde fast das gesamte Servo-Team aufgelöst. Einige Twitter-Nutzer:innen fragen sich nun, wie Mozilla seinen Firefox Browser für die nächste Generation mobiler Endgeräte fit machen will.

Auf unsere Frage nach Servo geht Mozilla nicht ein. Während einige Twitter-Nutzer:innen schon das Ende von MDN, einer Dokumentation von Open-Web-Technologien wie HTML, CSS und APIs, voraussehen, widerspricht Mozilla:

MDN als Website geht momentan nirgendwohin. Das Team ist kleiner, aber die Website existiert und verschwindet nicht. Wir werden mit Partner:innen und Community-Mitgliedern zusammenarbeiten, um die richtigen Wege zu finden, die Seite angesichts unserer neuen Struktur voranzutreiben.(eigene Übersetzung)

Nicht alle in der Twitter-Community überzeugte das. Einige Nutzer:innen kritisierten die massiven Einsparungen zugunsten einer besseren Wirtschaftlichkeit.

Profitabel zu handeln sei nicht die Idee hinter Mozilla als Wegbereiterin für ein offenes, sicheres Internet gewesen, so das Urteil dieses Twitter-Nutzers.

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3 Ergänzungen
  1. Und weiter geht’s auf dem Weg in den Abgrund der Kommerzialität.

    Die üblichen faulen Ausreden können die ja schon, denn wenn die Haupteinnahmen von der vorinstallierten Suchmaschine kommen, was soll da denn schon gesunken sein außer Nutzerzahlen wegen immer mehr Verschlechterungen, die mit Gewalt eingebaut wurden?

    Wenn man das Verhältnis Entwickler/Verwaltung sieht, wäre der Abbau vom Überhang ein besserer Weg zu Einsparungen gewesen. Siehe auch Blog von Fefe.

  2. Die Frage ist doch ob nicht Europa und seine Staaten und Firmen und Bewohner Nu eine Rettungsaktion stemmen können. Sicherheit und Privatsphäre für Mail, Internet und Programmierung sind enorm wichtig. Chrome und Derivaten das Feld überlassen geht gar ned

    1. @tbb „eine Rettungsaktion stemmen können“

      „Man“ hat sich in den Regierungen/Organisationen bisher nicht mal aus der Microsoft Abhängigkeit befreien können. Verkauft Know-How und Arbeitsplätze weiterhin gegen Industrie-Gewinne nach China.

      Geschweige denn Schulen digitalisieren, kleinere Klassenverbände bilden, oder gar Schülern die Gestaltung von Dokumenten zu lehren statt Abrichten auf die Bedienung eines kommerziellen Produkts – und Lehrkräfte sind alle aus dem #Neuland.

      Deinen Optimismus teile ich daher ganz und gar nicht. An Sicherheit ist diese Kommerzfront nur so weit interessiert, um unsere Daten noch besser vor uns Nutzern selber zu sichern.

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