Seit das Bundesgesundheitsministerium im September mit dem „Nationalen Gesundheitsportal“ eine Informationsplattform für Patient:innen startete, blieb es relativ ruhig um die Initiative. Gegenüber schon lange bestehenden privaten oder kommerziellen Informationsangeboten zu Medizin und dem Gesundheitsssystem konnte die Website im Ranking der Suchmaschinen noch keinen Boden gut machen.
Die dem Ministerium zufolge verlässlichen und unabhängigen Informationen tauchten bei einer Online-Suche immer sehr weit hinten in der Ergebnisliste auf und erreichten deshalb vermutlich nicht besonders viele Bürger:innen. Ändern soll das eine neue Kooperation, die das Ministerium mit dem Konzern Google eingeht.
Bei einer Suchanfrage zu verbreiteten Krankheiten, die im Nationalen Gesundheitsportal gelistet sind, erscheint bei den Ergebnissen jetzt ein sogenanntes „Knowledge Panel“, in dem erste Informationen vom Portal aufgeführt und ausführlichere Texte verlinkt sind, vergleichbar mit der prominenten Platzierung von Wikipedia-Informationen in den Google-Ergebnissen. Das funktioniere derzeit bei den 160 häufigsten Erkrankungen in Deutschland, berichtete Gesundheitsminister Jens Spahn auf einer Pressekonferenz.
Keine Informationen bei kombinierten Suchbegriffen
Die Suchmaschine greift die Informationen über eine offene Schnittstelle ab, die prinzipiell auch anderen Suchmaschinen offen steht, erklärt Philipp Justus, Vizepräsident von Google in Zentral-Europa. Auf Anfrage von netzpolitik.org erklärte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums, dass man Anfragen von anderen offen gegenüber stehe. Über eine aktive Kooperation wie mit Google gibt es aber bislang keine Informationen.
Obwohl die Kooperation dem Gesundheitsportal auf dem Weg zu größerer Bekanntheit sehr zugute kommen könnte, bleibt offen, ob die Informationen die erreichen, die sie eigentlich benötigen. Bei der Google-Suche mit dem Begriff „Brustkrebs“ taucht das Knowledge Panel zum Beispiel sofort auf. Auch in Kombination mit Wörtern wie Symptom, Behandlung oder Therapie, die im Text des Info-Kastens vorkommen, funktioniert die Schnittstelle. Doch kombiniert man Brustkrebs mit „Medikament“ oder „Diagnose“, erscheint die Info-Box derzeit nicht. Auch in der Kombination mit „Früherkennung“ oder „Mammographie“ gelangt man nicht zu den Informationen des Nationalen Gesundheitsportals.
Wenn man den Begriff Brustkrebs mit Worten wie „Homöopathie“, „Naturheilkunde“ oder „Heilpraktiker“ kombiniert, erscheinen die Informationen ebenfalls nicht. Hier wären evidenzbasierte Information aber besonders entscheidend, da vermeintliche alternative Behandlungsmethoden für Krebspatient:innen lebensgefährlich sein können.
Bislang gibt es keine transparente Auflistung, welche Suchbegriffe genau das Erscheinen des Knowledge Panels auslösen. Auf Anfrage erklärte das Ministerium nur, dass mit der Zeit immer mehr Themen und Krankheiten hinzukommen sollen. Zu den Suchbegriffen gab die Sprecherin keine Informationen.
Verbesserungsbedarf bei der Suchmaschinenoptimierung
Im normalen Ergebnis-Ranking bei der Suche nach Erkrankungen oder der Kombination von Erkrankungen mit anderen Suchbegriffen spielt das Gesundheitsportal weiterhin keine Rolle. Klassische Optimierungsstrategien bei Suchmaschinen scheint das Ministerium noch nicht erfolgreich zu verfolgen. Zum Start der Kooperation betont die Pressesprecherin zwar, Suchmaschinenoptimierung sei ein wichtiger Aspekt, der berücksichtigt werde. Details zu geplanten oder bereits realisierten Maßnahmen nannte sie nicht.
Finanzieren sollte sich das gesamte Portal mit 4,5 Millionen Euro, die über vier Jahre verteilt aus dem Haushalt des Gesundheitsministeriums zur Verfügung stehen sollen. Im Anbetracht der Mittel, die Unternehmen aus der Branche für Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung stehen, ist dieser Betrag verschwindend gering. Für die Anzeige der Knowledge Panels erhalte Google kein Geld, so die Pressesprecherin des Gesundheitsministeriums.
Bei der Pressekonferenz zur Kooperation betonte Minister Spahn, dass die Kooperation keine Einbußen beim Datenschutz bedeute. Google wisse jetzt nicht mehr über die Nutzer:innen als ohnehin schon, wenn diese eine Suchanfrage stellen. Google-Vertreter Justus erklärte, es würden keine personenbezogenen Daten an das Ministerium weitergegeben. Das ist aber auch gar nicht nötig, da die Betreiber „für die Nutzung und Verbesserung des Nationalen Gesundheitsportals“ selbst einige Daten der Nutzer:innen erheben, unter anderem, von welcher Website sie zum Portal weitergeleitet wurden.
Zweifel an der politischen Unabhängigkeit
Aus der Verlagsbranche kommt derweil Kritik an der Kooperation. Google als mit großem Abstand meistverwendete Suchmaschine habe eine quasimonopolistische Stellung, beklagt Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger gegenüber heise.de. Dass staatlich finanzierte Informationsangebote so prominent platziert werden, benachteilige die privaten Presse-Angebote.
Gerade auch die Zweifel an der politischen Unabhängigkeit des Portals lassen die Privilegierung zweifelhaft erscheinen. Zwar betont Jens Spahn gerne, dass die Redaktion vom Ministerium getrennt arbeite. Doch die Informationen des Portals bilden politische Kontroversen nicht zuverlässig ab.
So wird beispielsweise im Beitrag zur elektronischen Patientenakte nicht erwähnt, dass der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber die derzeitige Ausgestaltung für rechtswidrig hält. Es gibt zwar im Augenblick kein Knowledge Panel bei einer Google-Suche nach der elektronischen Patientenakte, doch dürfte auch dieser Beitrag mit einer wachsenden Bekanntheit des gesamten Portals an Bedeutung und Reichweite gewinnen.
Mit der Diagnose, dass Patient:innen besser vor medizinischer Desinformation im Netz beschützt werden müssen, mag das Gesundheitsministerium richtig liegen. Doch ein Portal, das Kontroversen nicht abbildet, kann das Problem nicht lösen.
