Für Menschen, die dazu neigen, auf allen ihren Geräten Freie Software zu nutzen, ist das Smartphone bisher wohl die größte Herausforderung. Zwar gibt es seit mehreren Jahren Mobiltelefone mit freien Betriebssystemen und mit Hardware, die keine oder nur wenige proprietäre Treiber braucht. Aber vieles blieb in hohem Maße experimentell und für die alltägliche Nutzung einfach anstrengend. Das könnte sich ändern: Voriges Jahr hatte das Unternehmen Pine64 angekündigt, mit dem PinePhone ein Produkt auf den Markt zu bringen, das nicht nur frei, sondern auch durchaus alltagstauglich werden soll.
Pine64 offeriert neben dem Mobiltelefon eine Palette weiterer freier Geräte: das Laptop PineBook Pro Linux, das Tablet PineTab Linux, die Smartwatch PineTime Linux oder den Lötkolben Pinecil RISC‑V (sic). Nach ein paar Verzögerungen durch die Covid-Pandemie wurden dieses Jahr zunächst ein Prototyp für die Entwickler-Community und dann auch das Smartphone auf Open-Source-Hardware zum regulären Kauf für nur knapp 130 Euro angeboten. Es war in dieser ersten Version von 4.500 Geräten rasch ausverkauft.
Technische Grundlage für das aktuell angebotene PinePhone ist postmarketOS, eine Linux-Distribution extra für Smartphones, die auch auf anderen Mobiltelefonen läuft. Beim PinePhone werden für alle Komponenten (und beim Zubehör) allerdings keine proprietären, sondern nur freie Treiber genutzt, außer wenn der Nutzer das explizit anders möchte. Mit Blick auf die Liste freier Smartphones und deren Status kann man dem Team hinter dem PinePhone nur die Daumen drücken: Denn bisher musste man für seinen Wunsch nach Privatsphäre und Freiheit oft ziemlich viel Geduld zeigen, so manche ambitionierte Projekte gingen ein.
Das Mobiltelefon erweist sich als ausgesprochen zackig: Mit dem selbst aufgespielten Arch Linux ist das Hochfahren samt funktionierender Netzverbindung mit dem PinePhone in nur fünf Sekunden möglich. Aber ist es auch alltagstauglich, gar für Menschen, die nicht Linux mit der Muttermilch aufgesogen haben? Das wollten wir in einem Interview herausfinden.
Wir sprechen mit Andreas Paetsch, der in der Linux-Community als waldstepper bekannt ist. Er sammelt bereits seit dem Jahr 2005 Erfahrungen mit Linux Ubuntu und GNU/Linux und schloss sich für den Austausch Linux User Groups an. Heute ist er Teil der Linux User Group LinuxWorks!, bei der sich Einsteiger und Fortgeschrittene treffen, um sich über Fragen und Probleme rund um das Thema Freie Software auszutauschen und sich aktuelles Wissen anzueignen.
Vollwertiger Computer statt „Elektronik-Schrott“
netzpolitik.org: Zuerst die vielleicht naheliegendste Frage: Wie sind Sie darauf gekommen, ein PinePhone zu kaufen?

Andreas Paetsch: Ich habe mir schon seit langem ein richtiges Linux-Smartphone gewünscht. Im letzten November hatte ich auf dem Ubuntu-Berlin-Stammtisch erstmals von dem PinePhone erfahren. Der Preis und die Spezifikationen des Gerätes überzeugten mich sofort. Für mich war klar, dass ich es mir kaufen werde.
netzpolitik.org: Warum, um sich von Android oder iOS zu lösen?
Andreas Paetsch: Ich verwende auf meinen Computern GNU/Linux als Betriebssystem. So etwas möchte ich auch auf meinem Smartphone nutzen. Und es wird immer schwieriger, selbst Betriebssysteme auf einem handelsüblichen Smartphone zu installieren. Die letzten drei Jahre verwendete ich LineageOS auf einem Android-Smartphone.
Viele Hersteller sperren den Bootloader auf den Geräten, so dass man kein anderes System installieren kann. Zudem werden heute oft die Bauteile wie Speicher oder Akku verklebt und verlötet. Sind diese Bauteile defekt, dann werden die Geräte oft durch neue ersetzt. So etwas bezeichne ich als Elektronik-Schrott.
Das PinePhone hingegen ist ein vollwertiger Computer, bei dem man die Hardware, also Akku, Kamera, Mainboard oder Kabel, austauschen kann. Der Nutzer hat sogar die freie Auswahl, welches Betriebssystem er auf dem Smartphone laufen lassen möchte. Es geht sogar Dualboot. So etwas ist auf einem Android- oder iPhone-Gerät schlicht unmöglich.
Vorinstalliertes Betriebssystem
netzpolitik.org: Dahinter steckt also ein Interesse an freier Technologie und eine Bereitschaft, auch Zeit hineinzustecken. Die sogenannte Community Edition des PinePhones wird mit vorinstalliertem Betriebssystem von Partnerprojekten ausgeliefert. Ist das aus Ihrer Sicht für den Otto-Normalnutzer eine Option, wenn man sich von Google und Apple lösen will?
Andreas Paetsch: Das ist für den Otto-Normalnutzer eine Option, wenn man ein freies und unabhängiges Smartphone haben möchte. Man sollte aber wissen, dass sich Linux-Projekte für Smartphones noch in einem frühen Entwicklungsstand befinden.

netzpolitik.org: Benutzen Sie die sogenannte „BraveHeart Edition“ für Bastler und Entwickler oder die schon erwähnte Community Edition?
Andreas Paetsch: Im April 2020 wurde bekannt: Das PinePhone ist mit Ubuntu Touch vorbestellbar. Ich orderte es im Shop in der Community Edition UBports, da ich seit fünfzehn Jahren Ubuntu-User bin.
netzpolitik.org: Stecken Sie insgesamt viel Zeit in das PinePhone, also ist es eher ein Bastelprojekt oder in erster Linie ein normales Mobiltelefon für den täglichen Gebrauch?
Andreas Paetsch: Ich nutze das PinePhone für den täglichen Gebrauch. Hin und wieder boote ich verschiedene Linux-Distributionen von der MicroSD-Karte, um zu schauen, wie sich andere Software-Projekte entwickeln.
netzpolitik.org: Welche Betriebssysteme außer Ubuntu sind noch empfehlenswert?
Andreas Paetsch: Persönlich finde ich postmarketOS sehr interessant.
Sehr günstig, aber auch was für unerfahrene Nutzer?
netzpolitik.org: Wenn man sich jetzt fragt: Wie schwierig ist es denn, ein anderes Betriebssystem zu installieren? Wieviel Zeit sollte man dafür einplanen?

Andreas Paetsch: Es gibt gute Dokumentationen zum PinePhone, und es muss nichts geflasht werden. Eine Installation geht in wenigen Minuten.
netzpolitik.org: Für diese wenigen Minuten: Braucht man dafür Vorwissen oder kann das jeder, der das Wiki lesen kann?
Andreas Paetsch: Man sollte schon etwas Linux-Wissen mitbringen und ein Terminal bedienen können. Nur das Wiki lesen, wird nicht reichen, da man auch etwas Hintergrundwissen benötigt, beispielsweise was der DD-Befehl macht. Es ist ja auch ein Linux-Smartphone.
netzpolitik.org: Sollte es Ihrer Meinung nach noch niedrigschwelliger werden, so dass wirklich jeder das PinePhone benutzen könnte?
Andreas Paetsch: Wenn man sich ein PinePhone mit vorinstallierten Betriebssystem kauft, dann reicht Einschalten und Benutzen. Ich würde für unerfahrene User empfehlen, noch einige Zeit zu warten, bis die Software ausgereifter ist.
netzpolitik.org: Finden Sie eigentlich den Preis angemessen?
Andreas Paetsch: Ich finde den Preis sehr günstig. Zu dem Kaufpreis kamen aber noch Versand und Zoll dazu.
Hat es eine Chance gegen Google und Apple?
netzpolitik.org: Könnte das PinePhone sogar für einen großen Anteil Benutzer interessant sein werden? Also hat es eine Chance gegen die beiden Platzhirsche Google und Apple?
Andreas Paetsch: Nach meiner Erfahrung warten sehr viele Menschen auf so ein Gerät.
netzpolitik.org: Stimmt das auch außerhalb der Linux-Community? Gilt das auch für Leute ohne besonderes technisches Wissen?
Andreas Paetsch: Ein Linux-Rechner lässt sich nicht viel anders bedienen als ein Computer mit Windows, Android oder iOS. Nur dass ich persönlich mit einem Linux-Computer viel mehr machen kann als mit einem anderen System. Und ich lege auch großen Wert auf Freie Software.
Ich denke, wir haben in Deutschland ein Bildungsproblem. In den letzten Jahrzehnten wurde meiner Meinung nach Computer-Unterricht nicht richtig durchgeführt. Den Schülern wurde gelehrt, wie sie Programme der großen Konzerne bedienen. Ein allgemeines Verständnis für Computer wurde hingegen meist nicht vermittelt. Und oftmals ist es an den Schulen noch so, dass Lehrer Schüler unterrichten sollen, die selbst keine Computerausbildung vorweisen können.
In den Nachrichten wird berichtet, in Deutschland werde die Digitalisierung vorangetrieben. Dann werden Beispiele gezeigt, wo Schulen ihre Computerkabinette abschaffen und an die Schüler iPads der Firma Apple verteilt werden. Das finde ich sehr bedenklich. Dort werden dann wieder Produkte benutzt, aber kein Computerwissen vermittelt. Mit Computern kann man selbst programmieren. Das sollte doch auch an Schulen vermittelt werden und nicht nur, dass man an Computern Programme von Unternehmen ausführen kann.
Man stelle sich vor, man schickt Schüler zum Tanzunterricht mit der Bedingung, dass sie während des Unterrichts eine Zwangsjacke tragen müssen. Diesen Vergleich ziehe ich, wenn nur Windows und iOS gelehrt werden, aber nicht der Umgang mit Computern im Allgemeinen.
Empfehlung: Ubuntu Touch
netzpolitik.org: Welches Betriebssystem würden Sie empfehlen, wenn man mit einem PinePhone liebäugelt?
Andreas Paetsch: Im Moment „Ubuntu Touch“. Es kann aber jederzeit ein anderes Betriebssystem auf dem PinePhone eingerichtet werden. Man muss also nicht das System benutzen, welches beim Kauf auf dem Gerät installiert war.
netzpolitik.org: Neben dem PinePhone: Welche der Projekte von anderen Herstellern sind am spannendsten?
Andreas Paetsch: Es sind für die nächste Zeit schon weitere Linux-Smartphones von anderen Herstellern angekündigt. Ich bin gespannt auf das Volla Phone mit Ubuntu Touch und das Librem 5 von Purism.
netzpolitik.org: Und wie sähe das „perfekte“ Linux-Smartphone aus?
Andreas Paetsch: Ich habe schon eins. Ich vermisse am PinePhone nichts.
netzpolitik.org: Vielen Dank für das Gespräch!
