Digitale Spionage

Google erlaubt weiterhin Werbung für Stalkerware

Vergangenen Monat kündigte Google an, Anzeigen für privat genutzte Überwachungsprogramme aus der Suchmaschine zu werfen. Seit gestern ist das Verbot in Kraft – und viele Firmen werben nach wie vor für ihre Produkte. Sie nutzen eine Hintertür, die Google offenließ.

Auge im Closeup
Mit Stalkerware lässt sich fast alles überwachen, von Anrufen und Nachrichten bis zum Standort. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Victor Freitas

Software, die klar mit der Absicht vermarktet wird, andere ohne ihre Zustimmung auszuspionieren, darf ab dem 11. August nicht mehr auf Google beworben werden. So hatte es der Konzern mit der reichweitenstärksten Suchmaschine vor einigen Wochen in einem Update seiner Regeln vollmundig angekündigt.

Dieser Stichtag ist gekommen und vergangen – doch nach wie vor werben zahlreiche notorische Firmen weiter auf Google für ihre Produkte. Darüber hatte TechCrunch als erstes berichtet.

Häufig werden diese Apps vordergründig an Eltern vermarktet, die die Geräte ihrer Kinder überwachen wollen – eine ethisch umstrittene, aber legale Praxis. Forscher:innen haben jedoch aufgedeckt, dass die Apps auch eingesetzt werden, um Partner oder Partnerinnen auszuspionieren. Sie flankieren dort die physische und psychische Kontrolle, die Forschung spricht daher von „technologiegestützter Gewalt“. Die Hersteller wissen dies und bewerben ihre Produkte entsprechend in den Suchmaschinen.

Hersteller werben nach wie vor

Koordiniert von der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) läuft seit vergangenen Jahr eine internationale Kampagne, die dieser dubiosen Branche die Geschäfte schwer machen soll. Gewaltschutzorganisationen und Wissenschaftler:innen sind ebenso beteiligt wie die Hersteller von Antivirenprogrammen, die Stalkerware nun als ernsthafte Bedrohung ihrer Nutzer:innen anerkennen. In den USA ist die Bundeshandelsbehörde vergangenes Jahr gegen eine Firma vorgegangen.

Den größten Einfluss hat aber womöglich Google, in dessen Suchmaschine die Firmen ihre Produkte mit bezahlen Anzeigen massiv vermarkten. Wer dort „Freund/in Telefon überwachen“ eintippte, bekam zahlreiche Anzeigen serviert. Googles Ankündigung, künftig Werbung für Produkte zu verbieten, deren „expliziter Zweck“ darin besteht, andere ohne ihre Zustimmung zu überwachen, hatte also eine entsprechende Wucht.

netzpolitik.org konnte allerdings bei einer Suche am Tag nach dem Werbeverbot problemlos Anzeigen für zahlreiche der Apps auf Google finden – darunter FlexiSpy, mSpy, Hellospy und KidsGuard, die nach wie vor ihre Software bewerben.

Die Firmen nutzen eine Hintertür, die Google in der neuen Regelung explizit hat offen stehen lassen: Das Verbot gilt nicht für Produkte und Dienstleistungen, die für Eltern zur Überwachung ihrer minderjährigen Kinder gedacht sind.

FlexiSpy und KidsGuard präsentieren sich deshalb als Überwachungsapps für besorgte Eltern. Die Anzeige für mSpy taucht jedoch auch dann auf, wenn man „Handy Freundin überwachen“ in die Suchmaske tippt.

Screenshots der Anzeige für Stalkerware
Die Anzeige für mSpy taucht auch bei einer Suche nach „Handy Freundin überwachen“ auf. CC-BY-NC-ND 4.0

Googles Hintertür steht weiter offen

Die Ausnahme hatten Fachleute bereits nach Veröffentlichung der neuen Regeln kritisiert. Das Verbot sei damit nutzlos, denn die meisten der Apps würden heute schon mit dem Eltern-Narrativ als legale Software vermarktet.

Zugleich preisen viele Hersteller ihre Apps weiterhin explizit als illegales Spionagewerkzeug an. Das eine schließt das andere nicht aus. Auf der Seite von HelloSpy steht etwa: „HelloSPY ist eine einfach zu bedienende Spionageanwendung für die Überwachung von Kindern, Mitarbeitern und Ehepartnern.“ Bei KidsGuard steht, die Anwendung sei für „verschiedenste Bedürfnisse“ geeignet: „Erwische einen Partner beim Fremdgehen oder überwache Mitarbeiter“.

Ein Google-Sprecher sagte dazu: „Um betrügerischen Akteuren entgegenzuwirken, die versuchen, unser Produkt zu missbrauchen und sich der Durchsetzung unserer Richtlinien zu entziehen, achten wir bei der Beurteilung der Einhaltung der Richtlinien unter anderem auf verschiedene Signale wie den Anzeigentext, das Werbemittel und die Landing Page. Wenn wir feststellen, dass eine Anzeige oder ein*e Werbetreibende*r gegen unsere Richtlinien verstößt, ergreifen wir unmittelbar entsprechende Maßnahmen.“

Screenshot Webseite MSpy
Sichern auch Sie ihre Kinder mit mSpy. CC-BY-NC-ND 4.0

Spionage passiert auch ohne Stalkerware

Stalkerware in den Blick zu nehmen, wie die internationale Coalition Against Stalkerware dies tut, ist ein wichtiger Schritt. Lange konnten die Firmen ganz unbehelligt Profit aus der privaten Spionage schlagen. Die Produkte waren häufig so schlecht gesichert, dass die ohnehin schon intimen Informationen regelmäßig massenweise im Netz landeten. Die Verkäufer verstecken sich oft hinter Briefkastenfirmen.

Sicherheitsforscher:innen weisen jedoch darauf hin, dass Stalkerware womöglich keine so große Rolle spielt wie angenommen. So konnten Forscher:innen der Cornell University bei ihren Studien mit Betroffenen von Partnerschaftsgewalt nur einen einzigen Fall von installierter Stalkerware ausmachen. Wesentlich öfter spionierten Partner auf anderen, wesentlich banaleren Wegen: Sie errieten oder kannten ohnehin schon Passwörter zu E-Mail- oder Social-Media-Konten. Sie zahlten die Telefonrechnung und sahen deswegen angerufene Telefonnummern oder hatten über alte Geräte Zugriff auf GoogleDrive- und iCloud-Konten der Partnerin.

Update 13.8.: Wir haben den Beitrag um ein Statement von Google ergänzt.

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Eine Ergänzung
  1. **Software, die klar mit der Absicht vermarktet wird, andere ohne ihre Zustimmung auszuspionieren, darf ab dem 11. August nicht mehr auf Google beworben werden.**

    Und wieso wird dann Google weiter auf Google beworben? Und Twitter? Und Facebook? Und Microsoft? Und Elster? Und Javascript? Und warum wird Doubleclick Werbung einbebendet?

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