Zensurheberrecht

Buchverlage verklagen das Internet Archive

Weil das Internet Archive in der Coronakrise 1,4 Millionen Bücher unbegrenzt zugänglich macht, verklagen es vier große Verlage wegen Verstoßes gegen das Urheberrecht. Sollten die Verlage Recht bekommen, muss das Internet Archive mit einer Strafe von 150.000 US-Dollar pro Buch rechnen. Das könnte das Ende des Archivs bedeuten.

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Bekannt ist das Internet Archive vor allem für seine Wayback Machine, wo Webseiten digital archiviert werden. Doch es dient auch als Leihbücherei. Damit könnte das Internet Archive jetzt einen Schritt zu weit gegangen sein: Im März 2020 hat es insgesamt 1,4 Millionen Bücher aus eigenen Beständen und Universitätsbibliotheken frei zum Download angeboten.

Begründet hat das Internet Archive dieses Angebot mit der Coronakrise, durch die viele Bibliotheken geschlossen sind. Deshalb haben jetzt mit Wiley, Penguin Random House, Hachette und HarperCollins vier große Verlage das Internet Archive verklagt. Sie sehen das Urheberrecht verletzt.

Eine virtuelle Bibliothek

Schon seit 2006 gibt es das Projekt „Open Library“, wo Leser:innen digitalisierte Bücher direkt im Browser lesen oder sie herunterladen und im E-Book-Reader öffnen können. Dabei wurden vor allem Bücher aus dem 20. Jahrhundert, die nicht in digitaler Form verfügbar sind, eingescannt und können so digital weltweit verliehen werden, nach Angaben des Projekts vor allem für Bildungs- und Forschungszwecke.

Normalerweise können angemeldete Nutzer:innen nur fünf an Bücher gleichzeitig virtuell ausleihen und müssen diese nach einer bestimmten Zeitspanne, in der Regel zwei Wochen, auch wieder zurückgeben. Bisher hat die Open Library immer nur so viele eingescannte Bücher verliehen, wie tatsächlich real in den eigenen regulär gekauften oder gespendeten Beständen vorhanden waren. Was aus technischer Sicht natürlich eine überflüssige Beschränkung ist, sicherte so unter dem Begriff „Controlled Digital Lending“ den Betrieb in der rechtlichen Grauzone.

Bibliotheken zu, Internet offen

Nachdem durch den Ausbruch der Corona-Pandemie viele öffentliche Bibliotheken geschlossen wurden, hat das Internet Archive im März 2020 unter dem Namen „National Emergency Library“ die Wartelisten für Bücher aufgehoben. Deshalb können jetzt alle Nutzer:innen gleichzeitig ein Buch ausleihen und lesen. Das Internet Archive hatte angekündigt, diese Regelung gelte bis Ende Juni oder bis zum Ende der offiziell festgesetzten Krisenzeit in den USA. Jetzt soll die National Emergency Library zwei Wochen früher als geplant schon am 16. Juni wieder schließen.

Nach Berechnungen des Internet Archive stehen im Jahr 2020 rund 650 Millionen Bücher in geschlossenen Bibliotheken, also Bücher, für die Bürger:innen gezahlt haben, die aber in der Coronakrise nicht zugänglich sind. Deshalb kommentiert Brewster Kahle, der Gründer des Internet Archives die Klage in einem Blogpost: „Als Bibliothek erwirbt das Internet-Archiv Bücher und leiht sie aus, wie es Bibliotheken schon immer getan haben. Dadurch werden Verlage, Autoren und Leser unterstützt. Verleger, die Bibliotheken verklagen, weil sie Bücher ausleihen, in diesem Fall geschützte digitalisierte Versionen, und obwohl Schulen und Bibliotheken geschlossen sind, liegt dies in niemandes Interesse. Wir hoffen, dass dies schnell gelöst werden kann.“

Spekulationen um Rechtsstreit

Bereits im März hatte Ars Technica in einem Artikel geschrieben, dass weder das Internet Archive noch die Verlage und Autor:innen an einem Rechtsstreit interessiert sein könnten. Denn es würde ein schlechtes Licht auf die Verlage und Autor:innen werfen, wenn sie ausgerechnet in der Coronakrise eine Bibliothek rechtlich angehen. Dafür hätte die Open Library selbst außerdem zu begrenzte Nutzungszahlen.

Mit der Klage der vier Verlage hat sich diese Situation nun verändert. „Trotz des Spitznamens „Open Library“ gehen die Handlungen des Internet Archives weit über die legitimen Bibliotheksdienste hinaus, verletzen das Urheberrechtsgesetz und stellen vorsätzliche digitale Piraterie im industriellen Maßstab dar“, schreiben die Kläger. Damit werde nicht nur das temporäre Projekt der National Emergency Library, sondern die digitale Bücherleihe grundsätzlich angegriffen, antwortet das Internet Archive in einem Blogpost mit der abschließenden Aufforderung: „Lasst uns ein digitales System bauen, das funktioniert.“

Einzigartiges Projekt

Die Arbeit des Internet Archive ist einzigartig: Zwar wurde immer wieder versucht, Backups der Wayback Machine zu erstellen, beispielsweise in der ägyptischen Bibliotheca Alexandrina oder im Projekt internetarchive.bak. Diese Ansätze werden allerdings schon seit Jahren nicht fortgeführt, berichtet die amerikanische Ausgabe von Vice. Grund dafür sei die schiere Menge an Daten, die dutzende Petabytes umfasst und ständig anwächst.

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5 Ergänzungen
  1. Ich habe die vollständige Klageschrift gelesen – sie strotzt nur so vor Arroganz und Anmaßung und die Wortwahl trifft auch eher die der Mafia als einer seriösen Anwaltskanzlei. Außerdem wird die „National Emergency Library“ nun als Vorwand genutzt, um gleich noch jegliche andere Formen der Medienverwertung zu kriminalisieren, von denen die Kläger ihrer Meinung nach nicht profitieren.
    Schon im normalen Alltag ist es für viele Menschen nicht einfach an Informationen zu kommen.
    Viele Angebote sind durch eine Paywall mit unverschämten Preisen abgeschottet, welche sich Menschen mit geringem Einkommen NIE leisten könnten. Der freie Zugang zu Bibliotheken, sei es nun analog oder digital ist um so wichtiger und für viele Menschen die einzige Möglichkeit mit ihren Mitteln an Wissen zu kommen.
    In Deutschland haben sich die Verlage schon erfolgreich gegen Projekt Gutenberg durchgesetzt https://netzpolitik.org/2018/projekt-gutenberg-keine-e-books-mehr-fuer-deutsche-nutzer/.
    Auch mit Google Books sind Millionen von Büchern nicht für die Allgemeinheit verfügbar
    „“Somewhere at Google there is a database containing 25 million books and nobody is allowed to read them.” James Somer https://www.edsurge.com/news/2017-08-10-what-happened-to-google-s-effort-to-scan-millions-of-university-library-books

    Träfe es das IA in ähnlicher Weise, wäre es ein herber Verlust für die Welt!

    In der Verlagsbranche verfolgt man immer noch die gleichen Strategien, wie früher die Musik- und Filmindustrie. Wir brauchen endlich ein Umdenken was die Verfügbarkeit von Medien angeht. Aufgrund der unverhältnismäßig umfangreichen, unflexiblen Urheberrechtsgesetzen wird vielen Menschen in der Welt der Zugang zu Wissen (und ja, auch Unterhaltung, aber die ist nicht weniger wichtig, um von anderen Kulturen zu lernen) verhindert oder unverhältnismäßig erschwert: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Edit-Policy-EU-Kommission-blockiert-suedafrikanische-Urheberrechtsreform-4718374.html

    Die Welt braucht eine international zugängliche (Medien) Bibliothek die nicht diskriminiert, und derzeit gibt es keine seriöse und offene Alternative zum Internet Archiv mit einem vergleichbaren Fundus an Medien.

  2. Rechtlich ist es wohl klar. Es ist wahrscheinlich in einigen Fällen ein Verstoß gegen das Urheberrecht.

    Allerdings könnte man das einfach umgehen:
    Die meisten Bücher werden ohnehin nicht oft ausgeliehen und von einigen gibt es mehrere Exemplare (relevant ist Zugriffe/gekauftes Exemplar; nicht Zugriffe/Buch). In den wenigen Fällen in denen zu viele Personen ein Buch ausleihen möchten, könnte man die Fristen flexibel verkürzen.
    Die Folgen wären:
    – es ist sichergestellt dass man nicht gegen das Urheberrecht verstößt
    – keine Auswirkungen für die meisten Werke
    – in wenigen Fällen Wartezeiten von wenigen Minuten; vorzeitige Unterbrechung des Zugriffs; wenn Menschen in solchen Fällen eine private Kopie anfertigen (beim zweiten Zugriff nach wenigen Minuten Unterbrechung), könnte man den Betreiber wohl nicht dafür verantwortlich machen da dies auch mit gedruckten Büchern aus Bibliotheken nicht verhindert werden kann

    Ein Kopierschutz muss wohl nicht sichergestellt werden da gedruckte Bücher auch keinen Kopierschutz enthalten.

  3. Warum nervt Facebook so rum. Ihr habt keinen Share button, also copy paste ich die url. Aber wenn ich das mache, wird keine preview generiert sondern einfach nur die url geposted. Super nervig. Will FB die Leute zwingen Share buttons zu implementieren?

    Hab keine Möglichkeit gefunden diesen Artikel so zu teilen, dass Leute ihn auch anklicken. Schade.

  4. Richtig so ich meine man kann ja Bücher in echt auch nicht einfach irgendwo für umsonst ausleihen, das wäre ja total unwirtschaftlich.
    Haben die schon mal von Bibliotheken gehört? Legen sie es absichtlich darauf an die Massen zu verdummen?

    Nicht jeder hat genug Geld übrig um sich Bücher zu kaufen und die es können bezahlen trotzdem noch dafür. Es gibt Wirtschaftsstudien die beweisen das Medien- Piraterie keinen finanziell unverkraftbaren Schaden anrichtet.

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