Öffentlichkeit

Facebook verbannt mit neuer Regel allen Sex von seiner Plattform

Facebook möchte eine Dating-Plattform werden. Doch zugleich zeigt sich das soziale Netzwerk prüde: Jede Form der „sexuellen Kontaktaufnahme“ ist künftig verboten. Sogar vage anzügliche Bemerkungen wie „Ich möchte heute Nacht noch Spaß haben“ sind ab jetzt tabu.

Pärchen gemeinsam im Bett
Hookup-Verbot bei Facebook? Das soziale Netzwerk verschärft die Regeln Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Jeremy Banks

Facebook möchte vollkommen sexfrei werden. Vor kurzem erließ das soziale Netzwerk ohne große Ankündigung eine neue Regel in seinen Gemeinschaftsstandards. Darin wird jegliche Form der „sexuellen Kontaktaufnahme“ auf der Plattform untersagt. Unerwünscht seien künftig etwa „Koordinierungs- oder Anwerbeversuche für sexuelle, nicht jugendfreie Handlungen wie gefilmte sexuelle Handlungen, pornografische Handlungen und erotische Tänze oder Massagen“.

Das kommt einigermaßen verblüffend, denn Facebook kündigte zuvor den Start einer Dating-Funktion an, die derzeit bereits in mehreren Ländern getestet wird. Partnersuchende müssen laut Facebook dabei also ohne „das Erwähnen eine sexuellen Handlung“ auskommen. Als Beispiel für künftig verbotene Handlungen auf Facebook nennen die seit 15. Oktober geltenden Gemeinschaftsstandards:

  • Vage anzügliche Bemerkungen wie „möchte heute Nacht noch Spaß haben“
  • Sexualisierter Slang
  • Sexuelle Andeutungen wie die Erwähnung sexueller Rollen, Stellungen oder Fetischszenarien
  • Inhalte (von Hand gezeichnet, digital oder echte Kunstobjekte), die explizite sexuelle Handlungen oder eine bzw. mehrere anzüglich positionierte Person(en) zeigen oder zu zeigen scheinen.

Verbot wirkt bis in private Chats

Das wirkt zunächst grotesk, Facebook ist es aber damit ernst. Inhalte, die gegen die Regeln verstoßen, können der Plattform gemeldet werden und werden umgehend gelöscht. Das betrifft vermutlich vor allem öffentliche Posts, doch auch Bilder in privaten Gruppen können von jedem Nutzer als anstößig gemeldet werden. Selbst Chat-Nachrichten könnte das betreffen, wenn ein Teilnehmer Inhalte meldet.

Bereits bisher löscht Facebook nach seinen Gemeinschaftsregeln viele angeblich anstößige Inhalte, etwa nackte Brüste von Frauen. Der Lösch-Wut Facebooks kann nun schon zum Opfer fallen, wer nur ein paar Zeilen aus einem alten Freundeskreis-Song mitsingt („Heute Nacht brauch‘ ich ein bisschen mehr als Freundschaft“).

Die platonische Plattform

Wie sind solch prüde Regeln mit Dating vereinbar? Eine Sprecherin von Facebook wollte netzpolitik.org auf die Frage nicht antworten. Sie bestreitet allerdings, dass die Gemeinschaftsstandards von Facebook die Moralvorstellungen von US-amerikanischen Religiösen für die ganze Welt verpflichtend machen.

„Die Gemeinschaftsstandards von Facebook werden von einem globalen Team entwickelt und gelten für alle Menschen, die Facebook nutzen“, schrieb uns eine Firmensprecherin.

Regelverschärfung auf US-Druck?

Der Hintergrund der Regeländerung ist nicht völlig klar. Die Bürgerrechtsorganisation EFF spekuliert, Grund könnte ein neues Gesetz aus den USA sein. Der amerikanische Kongress beschloss zuletzt, Online-Plattformen wie Facebook für die Anbahnung von Menschenhandel durch User haftbar zu machen.

Das Gesetz ist laut EFF schwammig formuliert und verwische die Grenzen zwischen Menschenhandel und Sexarbeit. Plattformen würden gedrängt, durch Verbannung jeglicher sexuellen Anbahnung mögliche Haftungsprobleme zu vermeiden. Schon bisher verbot Facebook in seinem Regelwerk Inhalte, die „nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen oder kommerzielle sexuelle Dienstleistungen wie Prostitution oder Escort-Services darstellen, befürworten oder koordinieren.“

Das soziale Netzwerk verschärfte nicht als einziges seine Regeln. Auch Tumblr verbannte zuletzt Nacktheit und Pornographie von seinen Seiten.

Facebook wirft allen Sex in einen Topf

Facebook bestreitet, seine Regeln wegen des US-Gesetzes angepasst zu haben. Die Änderung gingen größtenteils auf Gespräche mit den eigenen Content-Moderatoren zurück, schrieb die Sprecherin. Facebook-Moderatoren sitzen unter anderem in den Philippinen, wo sie unter teils dramatischen Bedingungen Klick-Akkordarbeit leisten. (Ihre Arbeit beleuchtete zuletzt Hans Block in dem virtuosen Film „The Cleaners“.)

Nach Angaben von Facebook fällt es seinen Moderatoren schwer, zwischen sexueller Ausbeutung und einvernehmlichen Handlungen zu unterscheiden. „Darum erscheinen einige unserer Regeln – besonders jene zu Nacktheit und sexueller Aktivität – weniger nuanciert wie uns das lieb ist“, schrieb die Facebook-Sprecherin, die nicht namentlich genannt werden wollte. (Ihre Antworten sind hier im Volltext abrufbar.) „Das führt zu einem Ergebnis, dass dem zugrundeliegenden Ziel widerspricht.“

Facebook will in den kommenden Monaten seine Regeln zu sexuellen Inhalten weiter überarbeiten. Bei Gestaltung der Gemeinschaftsregeln greife das soziale Netzwerk auf Experten und Organisationen von außen zurück, schrieb unlängst Facebook-Managerin Monika Bickert in einem Blogeintrag. Seine User befragen will das Netzwerk aber nicht. Für die gilt ab jetzt: Beim Posten die Hände über der Gürtellinie behalten!

21 Ergänzungen
  1. Dafür. Wenn jetzt noch dieses Ding mit den tausend Geschlechtern rausgenommen wird könnte man vielleicht auch drauf hoffen, dass die Sexualisierung durch Gendersprech eingedämmt wird.

    Gibt heutzutage ja doch wenig Möglichkeiten der Sexualisierung aus dem Weg zu gehen.

    1. @Alter wemser

      Original: „Ich möchte heute Nacht noch Spaß haben“

      Meine Version: „Ich möchte, das mich der Gentleman bis vor meine Haustür geleitet!“

      „Des Narren Paradis, ist dem Weisen eine Hölle!“ ; Ironie? Hängt vom persönlichen Standpunkt ab!

        1. Solange es nicht unter Strafe steht, etwas zu sagen, geschweige denn etwas nicht zu sagen, dann ist das doch alles halb so wild.

          Ist wie mit Hassrede, die kann körperlich verletzend sein und muss daher (mit Gewalt als Notwehr) verhindert werden. Es gibt keinen guten Grund, das nicht auch auf sexualisierte Rede anzuwenden, denn die ist dann wie… Naja ihr könnt euch denken, was ich mit meinem zynischen Text sagen will, wohin das führen kann.

  2. Die Ursache für diesen Irrsinn? Aus meiner Sicht gibt es darauf nur eine Antwort:
    Es gibt in den Kreisen der digitalen Machthaber (diese sitzen bekanntlich alle in den USA) das mit gesundem Menschenverstand erkannbare Bestreben, die Menschheit weiter vom Digitalen, dessen totaler Kontrolle usw. abhängig zu halten und noch abhängiger zu machen. Und dafür muss der Mensch durch Maßnahmen dazu gebracht werden, auf Gefühle, (sexuelle) Regungen und Äußerungen, Emotionen, Kritikwillen und -fähigkeit immer weiter zu verzichten. Er soll ja schließlich irgendwann ganz den Maschinen und der totalen Kontrolle durch dieselben unterworfen werden, und reines Mittel zum Zweck des Machterhalts derer sein, die die Maschinen einsetzen. Zu provokant? Zu übertrieben? Wäre schön, wenn es so wäre! Aber subsummiert man die ganze, u. a. hier auf Netzpolitik analysierte, richtig erkannte und verurteilte Entwicklung der letzten fünf bis 10 Jahre, dann kann man gar nicht anders, als zu dem Schluß zu kommen, dass die eben von mir angerissene Horrorvision schon längst Wirklichkeit wird!

  3. Ernst gemeinte Frage: Wo steht, dass der zitierte Satz „ich will heute Nacht noch Spaß haben“ auch nur irgend etwas mit Sex zu tun hat, und nicht bloß eine Kneipentour mit Freunden gemeint ist? Na ja, ich hatte noch nie einen Account bei diesem Laden und werde auch nie einen haben.

  4. Da folgt FB nur dem Vorbild eine großen Zahl an Open-Source-Projekten, die alle den „Contributor Covenant“ verwenden. Darin wird verboten:

    > The use of sexualized language or imagery and unwelcome sexual attention or advances

    Was genau hier unwillkommen ist, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Aber bereits der Gebrauch von sexualisierter(?) Sprache ist verboten.

    Wer an irgendeinem Open-Source-Projekt mitarbeite will, muss sich an diese Regeln halten. Das ist genau das puritanische Klima, das von den USA aus jetzt unter der Flagge von „Safe Space“ und Kampf gegen „Microagression“ auch nach Europa schwappt. FB ist da nur Nachzügler.

    1. Ich verstehe nicht, was daran puritanisch sein soll, wenn man sich eine Regel gibt die sagt, dass man, wenn man mit anderen zusammen arbeitet, sexuelle Avancen außen vorgelassen sehen möchte.

  5. Passt insgesamt schon ganz gut ins Bild dieses Vereins. Vielleicht helfen dabei dann ja die neuen Uploadfilter, die es demnächst geben wird. Wer heutzutage wirklich noch bei Facebook ist, der hat wahrscheinlich auch nichts zu verbergen.

    1. Viel wichtiger wäre es, unveräußerliche Menschenrechte aufrecht zu halten.

      „Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“

  6. Wer interessiert sich denn noch für Facebook? Außer diejenigen, die von Berichten über Datenskandale leben.

    Im Ernst, ich habe meinen Account vor ca. 1 Jahr gelöscht und lebe digital seit dem wesentlich ruhiger.

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