Öffentlichkeit

Interviews mit Juncker: YouTube übte massiven Druck auf Video-Bloggerin aus

Letzte Woche stellte sich der EU-Kommissionspräsident den Fragen dreier junger Europäer. Unter anderem YouTube organisierte die Begegnung und hatte den Video-Bloggern zugesichert, freie Fragen stellen zu können. Nun kam heraus: Das Unternehmen wollte kritische Stimmen unterbinden.

Laetitia Birbes in ihrem Gespräch mit Jean-Claude Juncker. Screenshot YouTube

In der vergangenen Woche wollte der EU-Kommissionspräsident Juncker mit mehreren Interviews ein junges Publikum erreichen. Eine französische, ein deutscher und ein polnischer YouTuber hatten jeweils ca. 20 Minuten Zeit, um ihre Fragen an den Chef der EU-Exekutive zu richten. Das Event wurde gemeinsam von dem Netzwerk Debating Europe, YouTube sowie Euronews organisiert.

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"Einen schönen Kanal haben Sie da, wäre doch schade, wenn dem etwas zustoßen würde." Sachin lukose CC BY-SA 4.0
„Einen schönen Kanal haben Sie da, wäre doch schade, wenn dem etwas zustoßen würde.“
Sachin lukose CC BY-SA 4.0

„Du möchtest nicht auf der falschen Seite stehen“

Wie New Europe und Politico berichten, waren die Fragesteller nicht jedoch so frei, wie das im Vornherein kommuniziert wurde. Laetitia Birbes, die französische YouTuberin, hat ein versteckt gefilmtes Video veröffentlicht, in dem klar zu sehen ist, wie ein YouTube-Mitarbeiter sie bei der Notizbesprechung zu überzeugen versucht (man könnte auch sagen bedroht), nicht die „falschen“ Fragen zu stellen:

YouTube Mitarbeiter: Aber dies, wie ich dir gesagt habe, muss ich mit Natasha [Bertaud, Junckers Pressesprecherin, Anm. d. Redaktion] besprechen. Es gibt also immer das Risiko, dass es hier eine rote Flagge gibt.
Birbes: Dass da eine rote Flagge ist, was soll das heißen?
YouTube Mitarbeiter: Eine rote Flagge. Wir können das nicht machen.
[…]
Du stellst Mr. Juncker schon sehr schwierige Fragen, du sprichst über Lobbying von Unternehmen. Du möchtest nicht auf der falschen Seite von YouTube, der Europäischen Kommission oder den Leuten, die dir vertrauen, stehen … außer dir ist eine lange Karriere auf YouTube egal.
[unsere Übersetzung]

Damit gemeint ist wahrscheinlich eine Frage über die Vergangenheit von Juncker. Im Zuge der Luxleaks kam heraus, dass die Benelux-Länder, allen voran Jean-Claude Juncker, der damalige Regierungschef von Luxemburg, milliardenschwere Steuergeschenke an internationale Firmen vergeben haben. Im Interview wollte sie dann letztendlich wissen: „Wäre es nicht so, wie einem Bankräuber den Posten des Polizeichefs zu geben?“ Birbes sagt, dass sie sich nicht von ihrem Plan habe abbringen lassen und alle Fragen so gestellt habe, wie sie es geplant hatte.

YouTube wollte angeblich helfen

YouTube hingegen hatte ihr empfohlen, Wohlfühlfragen zu stellen, beispielsweise über Junckers Hund oder sein Handy. Politico zitiert dazu einen Google-Sprecher, der sagt, man hätte sie nur dazu anregen wollen, kooperativ anstatt konfrontativ vorzugehen. Der Kommission zufolge hatte man keinerlei Vorabwissen über die Fragen gehabt. Die einzige Bedingung, die man gestellt hätte, wäre gewesen, dass die Auswahl der Interviewpartner Europas Diversität, Geschlechtergleichheit und sprachliche Unterschiede widerspiegeln.

Ein von New Europe zitierter Lobbyist merkt dazu noch an, dass Birbes‘ Frage zu hormonaktiven Substanzen, wie Reste von Antibabypillen, im Grundwasser so ungewöhnlich sei, dass man den Verdacht bekommt, andere Lobbyisten hätten auf die Bloggerin eingewirkt. Ob das allerdings bei ihr, die sonst über ökologischen Lifestyle redet, so verwunderlich ist, muss jeder selbst entscheiden. Auf ihrem mit ungefähr 65.000 Abonnenten eher kleinen Kanal „Der Körper. Das Zuhause. Der Geist“ bespricht die Video-Bloggerin Themen wie Recycling, gesunde Ernährung und Reisen.

Ein anderer sonderbarer Aspekt ist, dass YouTube Birbes kurz nach dem Interview ein Kooperationsangebot über 25.000€ präsentiert hat. Sie fragt sich nun, ob der Vorstoß dazu gedacht war, sie von einer Offenlegung der Vorgehensweise YouTubes abzuhalten.

YouTubes Sorgen

Dass YouTube Einfluss nehmen wollte, muss im größeren Kontext betrachtet werden: Gleich in mehreren Bereichen droht es zum Streit zwischen der EU und YouTubes Mutterkonzern Alphabet zu kommen. Zu nennen sind beispielsweise der Vorstoß der Kommission, Steuervermeidungstricks zu bekämpfen oder der Plan, ein europaweites Leitungsschutzrecht einzuführen, das bereits „Google-Gesetz“ genannt wurde. Dass YouTube und Google einen guten Eindruck bei Juncker hinterlassen wollen, sollte deswegen nicht überraschen.

Eine problematische Win-Win-Win Situation

Die ganze Episode erinnert zudem sehr an Amerika, wo sich Anfang des Jahres drei Mitglieder des YouTube-Netzwerkes mit Obama unterhalten haben. Das Interview des deutschen YouTubers LeFloid mit Kanzlerin Merkel im letzten Sommer ist in diesem Zusammenhang ebenfalls zu erwähnen, auch wenn das in diesem Fall nicht von YouTube, sondern vom Kanzleramt selbst in die Wege geleitet wurde.

Solche Interviews sind für alle Beteiligten oft von Vorteil. Youtube kann als Plattform Formate bringen, die ehemals nur Fernsehsender erstellen konnten. Politiker haben bei solchen Treffen leichtes Spiel, weil sie mit unerfahrenen „Laien“ sprechen und es ihnen dementsprechend einfach fällt, sich bei einem jungen Publikum positiv darzustellen. Und der einzelne YouTuber kann sich natürlich auch über den prominenten Gast freuen, der weitere Werbung für den eigenen Kanal ist.

Abhängigkeit und Selbstzensur

Der jüngste Vorfall deutet aber auch auf eine andere Problematik hin. YouTuber sind im Regelfall vollkommen abhängig von der Plattform. Sollte diese entscheiden, die Monetarisierung durch Werbeeinblendungen abzuschalten, bedroht dies oft direkt die eigene finanzielle Existenz. Daher wird auch klar, warum Birbes sich vom YouTube-Angestellten bedroht gefühlt hat. Man kann allerdings schwer behaupten, dass sie sich mit ihren Fragen zurückgehalten hat. Von allen dreien war sie mit Abstand die am meisten kritische. Ob die anderen beiden ihre Fragen abgeschwächt haben, weiß man hingegen nicht. Aber selbst wenn es anders, wie im Fall von Birbes, nicht so konkret gemacht wurde: Gerade wer noch als kleiner YouTuber einseitig abhängig ist, stellt dann wahrscheinlich doch lieber die Frage über Junckers Hund.

LeFloid hat im Nachhinein des Interviews zugegeben, sich von Merkel benutzt gefühlt zu haben. Man sollte bei solchen YouTube-Interviews also eher davon ausgehen, keinen kritischen Journalismus, sondern eine PR-Veranstaltung für den jeweiligen Politiker zu sehen. Dies ist angesichts der direkten Einflussnahme YouTubes umso mehr zu erwarten.

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45 Kommentare
      1. Wenn man keine Ahnung hat, was ADHS ist, würde ich das Wort einfach nicht in den Mund nehmen. Danke.
        Es gibt einen nicht zu verachtenden Unterschied zwischen Aufmerksamkeit, die man bekommt und Aufmerksamkeit, die man auf etwas richtet.
        ADHS ist primär ein Problem, seine Aufmerksamkeit auf etwas zu fokussieren. Hat herzlich wenig mit Aufmerksamkeit zu tun, die man haben will von anderen auch wenn Hyperaktivität oftmals so interpretiert wird.

  1. …Das ist Pressefreiheit, wie sie sich die europäische Politik vorstellt, Informativ und Sauber für den EU-Bürger!
    Sind Fragen und Antworten gut abgestimmt, kann auch die Fachkompetenz auf den Bürger wirken, damit dieser bei der nächsten Wahl „die Richtigen“ wählt!

    Das meine lieben Bundesbürger hatten wir DDR Bürger auch, jeden Abend in der Aktuellen Kamera!
    Willkommen … in der DDR!

    … überholen ohne einzuholen … mittlerweile weiß ich, was damit gemeint ist!
    Ich finde es irgendwie schade, das Honnecker und Mielke (beides Visionäre) die Früchte ihrer Visionen nicht mehr genießen können!

    Zynisch, ironisch? Ich weiß nicht …

  2. Hatte Désirée Nosbusch (L) nicht mal mit 15 Jahren Auftrittsverbot, weil sie zu einem dt. Politiker etwas zu frech war? Sie hat sich damals jahrelang nach LA abgesetzt, weil sie als Moderatorin keine Sendung mehr bekommen hat.

      1. Weil ich das damals mitbekommen habe und sie in einem Interview sagte, sie sei in die USA getürmt, weil sie hier keine (Fernseh-)Arbeit von den Sendern bekam. Ich wusste nur nicht mehr, ob es sich um Kohl oder Strauß handelte.

          1. Also wegen einer Antipathie bezüglich D. N. winkst du durch, dass Fernsehsender Kritik an Politikern bestrafen, meine Fresse.

  3. Keine Macht den Internet-Konzernen!
    Mit der Nutzung von YouTube machst Du Google noch mächtiger.
    Du zahlst neben der Mehrwertsteuer auch noch Steuern auf dein Einkommen – aber was zahlt Google?

  4. Das eigentliche Interview allerdings bleibt dann enttäuschend harmlos bis affirmativ. Sie spricht dabei (tut sie immer) mit enormer Geschwindigkeit (der Lüfter sprang an), und sie kommentiert fast jeden Halbsatz mit „biensur“, „oui“, you name it. Das gab dem ganzen etwas absurd Vorgespieltes, und Jean-Claude hatte leichtes Spiel (ein Gläschen Elbling hat noch gefehlt).

    1. Ja, es kam mir fast so vor, als dass es mehr darum ging zugegebenermaßen sehr kritische Fragen zu äußern, als diese auch beantwortet zu bekommen. So ging das Interview leider komplett in die Binsen, obwohl, wie mir fast schien, bei Juncker durchaus die Bereitschaft bestand, die Fragen auch tiefgehender zu beantworten, wenn die Interviewerin auch nur ein kleines bisschen mehr Durchhaltevermögen gezeigt hätte. Wirklich schade um diese Gelegenheit!

      1. Juncker würde brisante Fragen sicher nicht tiefgehender beantworten, sonst wäre er nicht der Chef-Europäer schlechthin. Da wollen wir uns nicht täuschen lassen.

  5. Ist halt Ironie das die entsprechenden Beweisvideos auch auf YouTube gelistet sind, sowas ich weiß kostet es Youtube kein müdes Lächeln auch große Kanäle einfach zu sperren.

    1. Der Imageschaden wird alles andere als ein müdes Lächeln auf die Gesichter der PR-Verantwortlichen zaubern. „Don’t be evil“, erinnert sich noch an den alten Google-Claim? Irgendwann haben sie ihn dann wohl unauffällig entsorgt.

  6. Marktkonforme Demokratie ist eben, dass der Bürger zwar das Recht, nicht aber die Mittel hat, um seine Meinung zu verbreiten, wenn diese nicht marktkonform ist.

      1. Änderungsgesetz (ÄndGDBiehlG) vom 21. 20. September 2016
        zum DBiehlG i.d.F. vom 20. September 2016

        Absatz 1, Satz 1 wird geändert zu
        Jeder hat das Recht, die Meinung der Welt, Zeit oder Bild frei zu äußern.

        Absatz 1, letzter Satz wird geändert zu
        Ein Diskurs findet nicht statt.

  7. Womit bewiesen wäre, dass google und ableger ohne mit der wimper zu zucken bei bedarf die Suchergebnisse nach belieben manipulieren („dann wird dein kanal demnächst keine besucher mehr bekommen“), wenn es ihnen passt. In den paar Fällen, bei denen es mal auffällt wie hier, hält man brav die Füße still. Die großflächige Manipulation fällt nicht auf und lässt sich nicht beweisen. Aber sie findet nicht statt … logo!

  8. Ach wie nett. Das verbunden mit Demonetarisierung durch YT und „Hassrede“…schöne neue Welt, die Sie da gerade umsetzen. Wäre doch schade, wenn der was passieren würde…

  9. Sie hat nicht pragmatisch gehandelt und sich nicht kaufen lassen und wollte keine Markenbotschafterin sein. Wer kann das von sich ehrlich behaupten. Oder sie hat den Scoop gewittert, denn so kommt sie jetzt ja auch groß raus, noch größer, vielleicht. Jedenfalls kann sie weiterhin guter Dinge in den Spiegel schauen, und bei Google sind die Hosen unten. Zahlt mal eure Steuern, Hasis! Aber was hat Juncker denn jetzt geantwortet?

      1. Naja, das ist ja auch die Argumentation der Groko … Datenschutz = Täterschutz!
        Logische Konsequenz … keinen Datenschutz für alle Bürger, weil, vor dem Gesetz sind ja alle Gleich!
        Datenschutz nur noch für Privilegierte … Politiker … Vorstände … weil wegen Berufsgeheimnis und sowas …
        Man muss sich hier entscheiden … entweder Datenschutz für alle oder die Lösung des Bundesnachrichtendienstes … weil … der Bespitzelt ja nicht aus Eigeninteresse oder im Interesse der politischen Machtinhaber … nein nein … nur im Interesse des Souveräns, des Bürgers … aber für diese Dienstleistung am Kunden, muss der Bürger sich Naggisch machen, weil anders kann er nicht vor den Fehlentscheidungen der anderen Bürger geschützt werden … weil, die anderen Bürger sind ja die bösen Terroristen!
        Also, der Nachbar, die nette Bedienung … denen darf man alle nicht trauen … alles arg- und hinterlistige Marionetten des Terrors, die überwacht werden müssen … und wenn sie auch nur einen falschen Gedanken hegen, eine Bewegung zur Dynamitstange machen zu wollen … zack!
        Werden sie vom inneren Abwehrschirm weggewischt!
        … auch noch bevor sie evtl. ihre wirren Gedanken über diverse Medien verbreiten können, um so Anhänger für falsche Gedankengänge zu gewinnen!
        Ja, so eine leichte Eigenbeschränkung muss sich jeder ehrliche Bürger auferlegen, dasist im Interesse aller, wer nicht falsches Denkt, kann auch keine Falsche Handlunge einleiten oder ein Opfer eines tragischen Irrtums zu werden!
        Ja … das ist die Herausforderung, die sich jeder Bürger zu stellen hat … wählt er die richtigen Volksvertreter und überlebt den Krieg gegen den Terror … oder wird er bei der nächsten „Säuberungsaktion“ schlicht verwechselt?
        Jeder darf sich präventiv entscheiden!
        … das ist Demokratie!

    1. ganz ganz schlechter Trollversuch.
      Und: es gibt mehr als zwei. Seit laengerem sogar ganz offiziell in auch von Deutschland anerkannten Passdokumenten.

      Falls du aber ehrlich ahnungslos warst: gemeint ist hiermit natuerlich Geschlechterchancengleichheit, und Geschlechterrepraesentationsausgewogenheit.

      1. Geschlechterrepraesentationsausgewogenheit und Geschlechterchancengleichheit
        sind für mich schon mal unvereinbar …
        Wenn sich 5 Männer und 1 Frau auf eine Führungsposition bewerben sollte die wahrscheinlichkeit dass die Frau genommen wird ca 1/6 sein, und nur durch die Schulische Bildung und andere Vorkenntnisse bestimmt werden.
        Geschlechterrepraesentationsausgewogenheit ist in diesem Fall eine diskriminierung gegenüber Männern

  10. Moah. Der Kerl von YouTube wollte nur nett sein. Ich bin mir sicher das ist irgend ne arme Wurst ohne Illuminatenauftrag der’s einfach nur gut meint und viel plappert. Das wird viel zu sehr hochgekocht IMHO.

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