Überwachung

Widerstand gegen den digitalen Zugriff: Capulcu verrät wie

capulcu.blackblogs.org

Das linke Internet- und Technik-Kollektiv „Capulcu“ veröffentlichte kürzlich zwei Broschüren, die sich zum einen mit dem Schutz eigener Daten vor dem Zugriff Dritter und zum anderen mit der politischen Dimension des Angriffs auf unsere Privatsphären auseinandersetzen.


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Dabei soll der erste Band „Anleitung zur Nutzung des Tails Live-Betriebssystems für sichere Kommunikation, Recherche, Bearbeitung und Veröffentlichung sensibler Dokumente“, wie der Titel schon verrät, einen Leitfaden dazu liefern, um sich vor Angriffen der Geheimdienste zu schützen, etwa dann, wenn man sensible Dokumente bearbeitet oder sich mit vertraulichen Quellen austauschen möchte. Um nicht in die Fänge des automatisierten Spionageprogramms Turbine zu geraten, empfiehlt das Kollektiv das Live-Betriebssystem Tails. Die Anleitung erhebt den Anspruch, auch für Computer-Laien verständlich und hilfreich zu sein.

Der zweite Band geht mehr auf die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen der Angriffe auf unsere Privatsphäre ein. Im Band finden sich Diskussionsbeiträge und Ideen, die letztendlich zu einer fundierten Analyse aktueller Zustände führen sollen. So würde die Gesellschaft diesen Angriff auf uns selbst als eine vermeintlich neutrale technische Entwicklung verkennen. Capulcu möchte dem entgegentreten. Das erklärte Ziel lautet:

Unser Ziel ist die Zurückweisung des smarten Griffs nach unserer Sozialität, Kreativität, Autonomie – unserem Leben. Wir suchen nach Wegen der Selbstbehauptung.

Capulcu ist ein Begriff, der durch den damaligen Ministerpräsidenten und jetzigen Präsidenten der Türkei Recep Tayyip Erdoğan im Zuge der Gezi-Park-Proteste 2013 geprägt wurde. Das türkische Wort lässt sich etwa mit Nichtsnutz, Räuber oder Wegelagerer übersetzen und war eine Bezeichnung für die Demonstrierenden auf dem Taksim bzw. im Gezi-Park. Schnell entwickelte das Wort ein Identifikationspotential unter den Protestierenden.

15 Kommentare
  1. Dazu ist eine vor kurzem ausgestrahlte Sendung des BR aus der Reihe Faszination Wissen empfehlenswert:
    Warum die Total-Überwachung uns alle betrifft
    unter
    https://vimeo.com/134095816

    „Wenn du weißt, dass da ein System ist, das alles überwachen und erfassen kann, was du machst, veränderst du dein Verhalten. Unbewusst passt du dich an, wirst gefügiger, weil du weißt, dass jede abweichende Meinung, jede Abweichung von der Norm einfach beobachtet und entdeckt werden kann. So entsteht so etwas wie ein Gefängnis im Kopf, das sogar effektiver sein kann als echte Bestrafung. Deshalb – um die Bevölkerung unter Kontrolle zu halten – errichten autoritäre Regierungen zu allererst ein Überwachungssystem.“
    (Glenn Greenwald, Anwalt und Journalist)

  2. Mir ist immer noch nicht verständlich, warum die breite Masse die Gefahr durch Überwachung nicht erkannt hat bzw. verdrängt. Aussagen wie: „Ich habe nichts zu verbergen“, sind einfach nur dumm. Die totale Überwachung des gesamten digitalen Lebens, sind letztendlich GESTAPO-Methoden und gehören, auch so in aller Brutalität, visualisiert in den Medien verbreitet. Ein bisschen mehr Demagogie wird das Ziel, die Masse der Bevölkerung endlich aus dem Dornröschenschlaf zu holen, sicher unterstützen.

    1. „Ich habe nichts zu verbergen.“
      Weil dies den Kommunikationsinhalten und dem -verhalten der allermeisten Nutzer (99,5%) auch der Wirklichkeit entspricht. Es gibt deshalb auch keine Betroffenheit. Weshalb soll sich dann der Otto-Normal-Verbraucher Gedanken machen, wenn er seine eigene Kommunikation/Daten als für Dritte bedeutungslos empfindet.
      Es fehlt nur noch „Wenn man damit Terroristen und Verbrecher …“.
      Nein, für diese übergrosse Mehrheit sind Leute, die sich sorgen, nur Spinner. Versuche es erst garnicht, ethisch/philosophisch zur argumentieren.

      1. Nun, wenn es keine Betroffenheit gibt und ansonsten anscheinend auch keine andere Art der Argumentation zu helfen scheint.

        So tragen wir doch die Standarte des Prinzips ins Feld.

      2. „Weil dies den Kommunikationsinhalten und dem -verhalten der allermeisten Nutzer (99,5%) auch der Wirklichkeit entspricht.“
        Das ist leider ein weitverbreiteter Irrtum, schleißlich weiß man ja nicht was jemand sucht und was man deshalb verbergen müsste. Sprechen wir von strafrechtlich relevanten Dingen, hast du sicher recht, nur darum geht es letztendlich nicht.
        Gerade was den Gesundheitsbereich betrifft ist das äußerst sensibles Thema. Heute bekommst du zB. einen Rabatt, wenn du dich tracken lässt. Morgen musst du mehr bezahlen, wenn nicht oder bekommst gar keine Versicherung mehr. Und an diesem Punkt bestimmt dann jemand anderes drüber was für dich scheinbar gut ist.

      3. Die mangelnde Gegenwehr gegen die Totalüberwachung steht ja nicht isoliert in der Landschaft. Ob Verhartzung weiter Teile der Bevölkerung, Verramschen von Gemeingütern (aka „Privatisierung“) oder andere breit angelegte Attacken auf die Gesellschaft – es mangelt an Protestpotential. Ich fürchte, die Zeit, in der wir leben, ist mit „Biedermeier 2.0“ ganz gut getroffen.

      4. Zu dem Satz “ …weil 99 % wirklich nichts zu verbergen haben meine zugegebener- weise subjektive Meinung:
        Jeder hat Dinge zu verbergen und Jeder ist sich dessen auch bewusst. Ich kenne niemanden der mich sein Smartphone von A-Z durchsehen lassen würde.
        Es ist für mich eher der Mangel an Konkretem und Menschlichem.
        Beispiel: Jeden Tag wenn der Postbote kommst stehen 3 Männer in grauen Anzügen da, die vom Postboten jeden Brief, wirklich jeden, in die Hand bekommen. Der Eine ist von Google, der andre von Facebook, der Andre von Datenhändler XYZ. Die 3 grauen Herren lesen sich die Brief durch, machen sich daraus Notizen…wortlos erhält der Empfänger die Briefe danach übergeben, die Herren steigen in einen Wagen und fahren weg.
        Das ist ja schon fast surreal und ich behaupte kein Mensch würde sich das gefallen lassen (egal ob die Post wichtig wäre oder nicht) aber wenn emails maschinell gescannt und durchforstet werden ist es eben nicht so augenfällig.
        Ohne jetzt dafür Werbung machen zu wollen, die Ausgabe der Computer-Bild 14/2015 hat es wirklich geschafft in sehr anschaulichen Begriffen darzustellen was Überwachung bedeutet
        Verkürzt jetzt dargestellt „….du schaust auf youtube kein video bis zu ende —> du wirst durch die programme als mensch mit sehr kurzer aufmerksamkeits-spanne eingeordnet “
        Solche menschlichen Bewertungen (Entwertungen) können berühren und Bewusstsein schaffen was das WIRKLICH bedeutet. Und nur durch persönliche Betroffenheit hat man einen Hebel, die Leute zum Handeln zu bewegen.

    2. fehlt. Laura Poitras hat erlebt, was es bedeutet, wenn Metadaten ausgewertet wurden und die Einreise in gewisse Länder „schwierig“ war. Solange für die breite Masse einfach alles so bleibt, wie es war – wo ist die Gefahr?
      Menschen aggieren bei unmittelbarer Gefahr: Erdbeben, rums, Schaden sofort – reagieren. Das ist „Stammhirn-Niveau“. Das funktioniert.
      Bei der diffusen Überwachung, Datensammel sonst was „Gefahr“ ist der Schadensfall noch nicht in der großen Masse eingetreten. Vereinzelt ja. Hier müssen die Gefahren erst einmal ins Großhirn sickern. Und lernen dauert ja bekanntlich. Wie lange hat es gebraucht Radioaktivität als tatsächliche Gefahr zu erkennen – das richt nicht, das sieht und schmeckt man nicht. Gibst du heute jemandem eine gelbe Dose mit Radioaktivem Inhalt … glaubt man gar nicht, wie schnell die Menschen weglaufen würden.

      So lange kein Beamter einfach mal an der Haustür klingelt und sagt: „Sie haben gestern dies und jenes in einem privaten Chat geschrieben, daher …“ ist keine unmittelbare „Gefahr“ vorhanden. Spürt man nicht, riecht und schmeckt man nicht. …

  3. Wesley Clark, ehemaliger ****-General, forderte letzte Woche Internierungslager für „disloyal Americans“. Guantanamo für alle, oder soll es ein Buchenwald werden?

    if someone supported Nazi Germany at the expense of the United States, we didn’t say that was freedom of speech, we put him in a camp, they were prisoners of war.

    Wie das geht hat die CIA in Chile geprobt. Damals wurden noch Stadien gefüllt und später Gräber geschaufelt.

    If these people are radicalized and they don’t support the United States and they are disloyal to the United States as a matter of principle, fine. It’s their right and it’s our right and obligation to segregate them from the normal community for the duration of the conflict.

    Das kann natürlich auch lebenslänglich dauern. Und für temporäre Massnahmen lohnt ein rechtsstaatliches Verfahren auch nicht den Aufwand. Zu unrecht verdächtigt und seggregiert? Kann nach bestem Wissen und Gewissen eigentlich nicht vorkommen, und wenn schon, wieviele würden dadurch „gerettet“?

  4. Im letzten Editorial der c’t wurde ein schönes Beispiel gebracht. Amsterdam war schon immer eine moderne Stadt. Schon Mitte des 19ten Jahrhunderts gab es ein Bürgerregister. Mit Hilfe dieses Bürgerregisters konnten die Nazis innerhalb von wenigen Tagen sämtliche Juden in der Stadt ausfindig machen.
    Tja, die hatten bestimmt auch „nichts zu verbergen“.

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