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Münchner Bürger helfen Stadtrat bei der Arbeit. Gratis. Und beta.

Das RIS (Ratsinformationssystem) der Stadt München ist unter allen mühsamen städtischen RISsen vielleicht das mühsamste. (Man zähle z.B. alle Klicks, um die Anträge und Beschlüsse der letzten 10 Jahre zum LiMux-Projekt zu finden: hier.) Stadträte und Angestellte klagen seit Jahren über die Mühsal, Dokumente darin zu finden – eigentlich das einzige Feature, welches eine Dokumentenverwaltungsystem wirklich gut können sollte. Nun haben sich ein paar Bürger der Sache angenommen – und siehe da, in relativ kurzer Zeit ist „München Transparent“ entstanden, welches heute in die öffentliche Beta-Phase eintritt. Dort lassen sich alle Dokumente aus dem Münchner Stadtrat (Anfragen, Anlagen, Anträge, Beschlüsse, etc.pp.) einfach suchen – und vor allem finden! Darüberhinaus wird der immense Dokumentenbestand durch eine intuitive Oberfläche und clevere Aufbereitung so auch einem viel grösseren Teil der betroffenen Bevölkerung, der Presse und Wirtschaft zugänglich. Die Website bietet jetzt schon häufig eine Verortung von Dokumenten: Dazu werden die Dokumente OCR-gescannt und nach Adressen durchsucht (z.B. Baustellen, Bauanträge) und diese auf einer Münchner Karte von OpenStreetMap dargestellt. Ebenso kann man sich über neue Dokumente automatisch per Email informieren lassen, RSS-Feeds abonnieren, usw. Das Portal kann heute im Testbetrieb schon deutlich mehr als das alte RIS und wurde dabei komplett von Bürgern in der eigenen Freizeit entwickelt und gestaltet!


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Das ist nur eines der Projekte, welches die im letzten Jahr gegründete Gruppe „Code for München“ – eine von über einem Dutzend Gruppen in ganz Deutschland (vgl. Code for Germany Netzwerk) – umsetzt. Das Ziel ist, Daten der Verwaltung für die Bürger direkt nutzbar zu machen, indem sie von der Stadt ähnlch wie Open Source Software als sog. Offene Daten veröffentlicht werden. Erst dann können technisch versierte, gestalterisch begabte und politisch interessierte Bürgerinnen und Bürger gemeinsam die Daten so aufbereiten, wie sie ihnen und ihren Mitbürgern am besten helfen. In Fall von München Transparent wird sogar dem Stadtrat selbst unmittelbar geholfen, der mit einem veralteten, ursprünglich nur für ihn entwickelten, proprietären Monolithen etwas in die Sackgasse geraten sind, da jede Anpassung heute schnell teuer wird. Wenn nur jedem Stadtrat, Referent und der Stadtspitze eine halbe Stunde Suchzeit pro Woche erspart bleiben, sind das 365 volle Arbeitstage Einsparung – nur in 2015 (Annahme: 120 Personen). Die Stadt sollte 10% der eingesparten Lohnsumme an Code for München spenden, oder?

Die Open Knowledge Foundation (OKF) Deutschland  (e.V.), die auch Code for Germany lanciert hat, bietet dem Projekt ein formales Zuhause, falls es rechtliche Schwieirigkeiten geben sollte. Obwohl die originalen RIS-Dokumente am Ort verblieben und nicht weiterverbreitet werden, lehrt die Erfahrung, dass auch gut gemeinte Non-Profit-Projekte sich immer wieder gegen übereifrige Anfeindungen wehren müssen. Wer sich für die Projekte von Code for München interessiert, ist herzlich eingeladen, an den nächsten Treffen vorbeizuschauen. Am 21. Februar 2015 veranstaltet Code for München einen grösseren Entwicklertag, als Beitrag zum internationalen Open Data Day 2015. Der Eintritt ist gratis, der Zugang ist offen. Alle sind willkommen, um Anmeldung wird jedoch gebeten. Nicht zuletzt: Die Gruppe sucht tatsächlich noch Sponsoren, die den Open Data Day aber auch andere Projekte unterstützen wollen, um den digitalen Standort München aktiv mitzugestalten und attraktiver zu machen. (Disclaimer: Der Autor ist Vorstandsmitglied von OKF Deutschland.)

3 Kommentare
  1. Ich finde die Aktion bedenklich.

    Das Ergebnis ist natürlich sehr klasse und sowohl der Dienst für den Bürger wie auch die Erleichterung für den Stadtrat sind absolut begrüßenswert. Jedoch fordert es die öffentliche Hand nicht und sehr schnell kann und wird es passieren, dass solche Projekte ganz bewußt unterdurchschnittlich durchgeführt werden, denn „Wenn wir’s vergeigen, machen es die Bürger selber. Umsonst!“

    Es bräuchte eher gute Handhabe, um eine benutzbare Lösung einfordern zu können. Aber auch das wird um so schwieriger, je besser die Alternativlösung ist, die aus der Not geschaffen wird. Das klassische „Warum sollten wir den Bürgern Rechte uns gegenüber zusprechen? Geht doch auch so, guck nur.“

    1. Generell ist die Kritik natürlich korrekt, im Fall der Stadt München aber zeigen andere Projekte, wie z.B. das erst vor kurzem gestartete Open-Data-Portal, dass die Stadtverwaltung trotzdem noch eigene gute Dienste im Internet anbeiten will. Ich würde sogar behaupten, dass die Stadt München im Bereich der Internet-Dienste gerade deshalb besonders aktiv ist, weil es gute Lösungen von Bürgern und damit Konkurrenz gibt (und natürlich weil es einiges an Vorteilen bietet, wenn man selbst die Kontrolle hat und den Bürgern zeigt, dass man etwas für sie tut).

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