Im Frühjahr wird erstmals in Europa ein autonomes Shuttle-Bus-System im Regelbetrieb fahren. Das rüttelt am bisher ehernen Grundsatz, dass ein Mensch am Steuer eines Fahrzeugs zu sitzen hat. Wir haben mit dem Hersteller Navya über das Pilotprojekt gesprochen. Wie es mit der Haftung und Versicherung aussieht, wenn die Roboter-Fahrzeuge einen Schaden verursachen sollten, wollten wir wissen, haben aber auch darüber gesprochen, wie man mit subversiven Fußgängern umgeht und ob in naher Zukunft viele solcher Systeme auf öffentlichen Straßen verkehren werden.
Google, Audi, Nissan, Tesla oder Mercedes Benz: Viele Hersteller haben bereits Testfahrten auf öffentlichen Straßen unternommen, teils seit mehreren Jahren. Die Navya-Prototypen mit Elektroantrieb wurden seit 2011 in den Niederlanden, in den Vereinigten Staaten, in der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich, in England und zuletzt in Singapur in verschiedenen Pilotverfahren getestet.
Wir sprachen mit Viktoria Fontanel, Business Developer Europe bei Navya. Transkribierung und Bearbeitung von Fabian, Nikolai und Constanze.
netzpolitik.org: Soweit bekannt, handelt es sich bei diesen Bussen um das erste autonome Shuttle-System in Europa, das dauerhaft im öffentlichen Straßenraum operiert. Wie wird das Pilotverfahren in Sitten (Sion) durchgeführt?
Viktoria Fontanel: Wir warten noch auch auf eine spezielle Zulassung, die wir benötigen. Wir verhandeln im Moment mit den zuständigen Behörden. Von dort bekommen wir aber positive Rückmeldungen. Die Fahrzeuge werden voraussichtlich ab März oder April 2016 in der Innenstadt von Sitten fahren.

netzpolitik.org: Fahren die Kleinbusse vollständig autonom?
Viktoria Fontanel: Bereits für eine Messe in Bordeaux hatten wir eine spezielle Zulassung erhalten, weil wir dort auf öffentlicher Straße gefahren sind. Dabei hatten wir ein paar Auflagen einzuhalten. Beispielsweise musste immer eine Aufsichtsperson an Bord sein, die den Joystick in der Hand hält, um notfalls eingreifen zu können. Es durften auch nur neun Fahrgäste auf einmal mitfahren, die alle sitzen mussten, obwohl wir natürlich auch Stehplätze in den Fahrzeugen haben. Zusätzlich durften wir nicht schneller als 25 km/h fahren.
netzpolitik.org: In welchen Ländern und wie lange haben Sie bereits Testreihen durchgeführt?
Viktoria Fontanel: Wir haben vorher sehr viel mit einem Prototyp getestet. Das war ein offenes Modell, also ohne Dach. Damit wurde in der Forschung und Entwicklung ausführlich und lange experimentiert. Unter anderem haben wir in den USA getestet. Unser Ingenieurteam arbeitet inzwischen schon seit zehn Jahren an führerlosen Fahrzeugen. Der Betreiber Postbus hat für Sitten nun zwei Fahrzeuge gekauft, die dort in Betrieb gehen werden. Voraussichtlich können in der zweijährigen Pilotphase die Passagiere die Fahrzeuge umsonst ausprobieren.
netzpolitik.org: Wie häufig müssen die elektrischen Fahrzeuge aufgeladen werden?
Viktoria Fontanel: Die Fahrzeugakkus halten im Normalbetrieb etwa sechs bis acht Stunden, wenn die Strecke nicht sehr bergig ist.
netzpolitik.org: Wie steht es um die Haftungsfrage? Im offiziellen Werbevideo sieht man, dass die Busse selbständig anhalten, wenn Hindernisse auftauchen. Wie sieht es bei der Haftung aus, wenn es dennoch zu Problemen oder Unfällen käme?
Viktoria Fontanel: Einerseits versichern die Kunden ihre Fahrzeuge. Grundsätzlich hält aber das Fahrzeug erst einmal an, wenn es in einer Situation nicht genau weiß, was es machen soll. Sollte es aber trotzdem zu einem Unfall kommen und sich herausstellen, dass wir als Hersteller daran schuld sind, etwa durch technisches Versagen oder einen Programmierfehler, sind auch wir versichert. Natürlich zahlt immer die Versicherung des Schuldigen.
netzpolitik.org: Was passiert denn, wenn Fußgänger sich einen Spaß daraus machen, die Busse aus Jux anzuhalten? Wie geht man damit um, wenn Einwohner oder Touristen den Bussen absichtlich in den Weg laufen?
Viktoria Fontanel: Man muss natürlich die Leute sensibilisieren, um zu erklären, wie man mit den Fahrzeugen umgeht. Eine einzelne Person kann umfahren werden, aber wenn eine ganze Reihe von Menschen im Weg steht, geht es nicht mehr vorwärts.
netzpolitik.org: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Viktoria Fontanel: Verraten kann ich nicht viel. Wir haben Kontakte zu vielen Privatunternehmen, unser Ziel ist, auf öffentlichen Flächen zu fahren. Das ist heute noch nicht erlaubt. Deswegen werden wir zuerst auf privaten Flächen fahren, zum Beispiel auf Flughäfen oder einem Atomkraftwerk in Frankreich. Die Privatgelände sind ganz gut, so können wir unsere Technologie testen.
Das war nicht einfach, aber wir sind jetzt versichert
netzpolitik.org: Gehen Sie davon aus, dass in naher Zukunft – also in drei bis fünf Jahren – ein Großteil solcher Shuttles im öffentlichen Personennahverkehr fahrerlos unterwegs sein wird?

Viktoria Fontanel: Ich denke persönlich nicht, dass es ein Großteil sein wird, schon weil es heute auf öffentlichen Straßen nicht erlaubt ist. Wir können zwar Pilotprojekte durchführen. Das heißt aber nicht, dass wir Tausende von Fahrzeugen auf der Straße sehen werden. Sicher wird es aber viele Pilotprojekte geben, schon weil es viele Transportunternehmen gibt, die Interesse daran haben. Doch es liegt auch an diesen Transportunternehmen, ob sie führerlose Fahrzeuge testen wollen und spezielle Zulassungen beantragen möchten.
netzpolitik.org: Dazu wird es auch rechtliche Regeln geben müssen. Setzen Sie sich dafür ein, dass die rechtlichen Möglichkeiten für solche autonomen Shuttles verbessert werden und dass man Regeln schafft, um auf öffentlichen Straßen fahren zu können?
Viktoria Fontanel: Vielleicht werden zunächst spezielle Regeln geschaffen: erst in Fußgängerzonen, anfangs mit ganz langsamer Geschwindigkeit, vielleicht nicht sofort mitten im normalen Straßenverkehr mit Fahrzeugen, die 70 km/h fahren können. Unsere Fahrzeuge können ja ca. 40 km/h fahren. Ich würde sagen: In ein paar Jahren werden Regeln kommen, die es vereinfachen, auf öffentlichen Straßen zu fahren.
netzpolitik.org: Hatten Sie Schwierigkeiten, einen Versicherer zu finden?
Viktoria Fontanel: Wir haben zwar eine Versicherung gefunden, sogar zwei, aber das war nicht einfach, weil man erst eine neue Kategorie schaffen musste. Heute kann man ein normales Fahrzeug versichern, aber wir haben kein Lenkrad, kein Brems- und kein Gaspedal. Deswegen gehören wir nicht zu Kategorien wie „Auto“, „Minibus“ oder „großer Bus“. Man musste eine neue Kategorie „autonomes Fahrzeug“ schaffen. Das war nicht einfach, aber wir sind jetzt versichert.
netzpolitik.org: Vielen Dank, Frau Fontanel, dass Sie uns für dieses Gespräch zur Verfügung standen.
Am 17. Dezember wird die erste Pressevorführung in Sitten stattfinden, wo das Gefährt demonstriert werden soll und das Ingenieurteam für Fragen zur Verfügung stehen wird.