Wir sind alle Gmail-Nutzer: Datenschutz als Umweltproblem

Was bringt es eigentlich für den persönlichen Datenschutz, wenn ich Googles Mail-Dienst nicht nutze? Viele Menschen, die Wert auf ihre Privatsphäre legen, verlassen sich statt dessen auf Bezahl-Anbieter wie MyKolab oder Posteo und hoffen, so die Tentakeln von Google (und der NSA) wenigstens aus diesem Teil ihres digitalen Lebens heraus halten zu können. Nicht wenige betreiben gleich ihren eigenen Server.

Aber viele Menschen, mit denen wir uns austauschen, nutzen eben auch weiterhin die werbefinanzierten Dienste von Firmen wie Google oder Yahoo. Der Freie Software-Aktivist Benjamin Mako Hill hat sich die Frage gestellt, welcher Anteil der Unterhaltungen in seinem Postfach eigentlich durch Googles Server gegangen ist. Mako sitzt im Vorstand der Free Software Foundation in den USA und war einer der ersten, die die zunehmende Zentralisierung des Netzes als Problem benannt haben. Insofern hätte ich erwartet, daß der Anteil seiner Mails, die über Google geliefert wurden, eher niedrig ist. Aber falsch gedacht.

Kurz zusammen gefasst lautet sein Ergebnis:

Google has most of my email because it has all of yours

 Makos Mails: Gesamt (orange), von Google geliefert (blau). © 2014 Benjamin Mako Hill, CC-BY-SA 4.0

Makos Mails: Gesamt (orange), von Google geliefert (blau).
© 2014 Benjamin Mako Hill, CC-BY-SA 4.0

 

Im Einzelnen:

Despite the fact that I spend hundreds of dollars a year and hours of work to host my own email server, Google has about half of my personal email! Last year, Google delivered 57% of the emails in my inbox that I replied to. They have delivered more than a third of all the email I’ve replied to every year since 2006 and more than half since 2010.

 Über 30% von Makos Mails laufen durch Googles Server. © 2014 Benjamin Mako Hill, CC-BY-SA

Über 30% von Makos Mails laufen durch Googles Server.
© 2014 Benjamin Mako Hill, CC-BY-SA

 

Die Analyse hat Mako mit ein paar Python-Skripten und etwas R gemacht. Probiert es doch mal selbst aus: Wie viele von euren Mails liest Google mit?

Und wie sieht es bei mir aus?

Ich habe Makos Analyse-Skripte über meine eigenen Archive laufen lassen, und bin zu einem etwas erfreulicheren Ergebnis gekommen:

Karstens Mails. 2010-2014

Karstens Mails, 2010-2014

 

Bei meinen Mails liegt der Google-Anteil über die vergangenen Jahre zwischen sieben und 15 Prozent.

emails_gmail_prop_over_time.combined

Anteil von Karstens Mails, die über Googles Server gegangen sind: Alle Mails (oben) und beantwortete Mails (unten).

 

Woher kommt dieser Unterschied? Mako und ich vermuten beide, daß es vor allem an unserer Umwelt liegt, also an den Leuten, mit denen wir Mails austauschen. Ich arbeite Vollzeit für die Free Software Foundation Europe, und die meisten Leute dort vermeiden Gmail. Makos Arbeitgeber dagegen bietet Mitarbeitern optional Google Apps an, so daß der Google-Anteil in seinen Mails wohl noch deutlich höher wäre, wenn er die Analyse nicht auf seine privaten Mails beschränkt hätte.

Auch Hugo Roy hat die Skripte über seine Mails laufen lassen. Er kommt auf ca. 30-40% Google-Anteil.

Was lernen wir daraus?

Diese Analyse macht deutlich, daß Datenschutz ein ökologisches Problem ist. Mit der Privatsphäre verhält es sich ähnlich wie mit sauberer Luft und gesundem Trinkwasser: Diese Güter gibt es entweder für alle oder für keinen.

13 Kommentare
  1. Axel Schweiss 27. Mai 2014 @ 12:45
      • Winston Smith 27. Mai 2014 @ 16:22
  2. Seniorexpat 6. Jun 2014 @ 16:23
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