Kultur

Neue Probleme mit bezahlten Artikeln in der Wikipedia

Die Wikimedia Foundation hat eine Mitarbeiterin entlassen, die ihre Dienste kommerziell angeboten hat: 44,44$ pro Stunde Editierarbeit oder 300$ pro Artikel auf Wikipedia musste man zahlen, um Inhalte von Sarah Stierch verfasst zu bekommen.

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Wer ist Sarah Stierch?

Sarah Stierch war ein öffentlich sehr sichtbares und aktives Mitglied der Wikimedia Foundation als „Program Evaluation & Design Community Coordinator“ und hat sich vor allem darin engagiert, Frauen zur Teilnahme an der Wikipedia zu motivieren. Auch in der Ada Initiative, die Frauen bei der Mitarbeit in Open Source und Open Culture fördert, war sie Vorstandsmitglied. 2011 hat sie eine Umfrage zum Gender Gap in der Wikipedia durchgeführt, die auch andere interessante Erkenntnisse über die Zusammensetzung der Wikipedia-Autoren zu Tage gefördert hat. Außerdem war sie Wikipedian-in Residence für die Archives of American Art und die Smithsonian Institution Archives.  2012 bekam sie ein Stipendium der Wikimedia Community.

Verlauf der Diskussion

Am Anfang stand ein Blogpost, der am 5. Januar auf den oben verlinkten Screenshot von Stierchs Profil auf oDesk verwies. Daraufhin entstand eine Diskussion, die zunächst auf der Wikimedia-Mailingliste und der Usertalk-Page von Jimmy „Jimbo“ Wales, dem Hauptgründer der Wikipedia, stattfand. Hauptkritik neben dem Interessenskonflikt, der potentiell besteht, wenn ein Autor Artikel gegen Bezahlung schreibt, war die ausbleibende Reaktion von Stierch, auch nachdem die Diskussion auf ihrer eigenen Seite weitergeführt wurde. Gestern erfolgte dann die Mitteilung über die Entlassung Stierchs bei der Wikimedia Foundation.

Ich schreibe hier, um euch mitzuteilen, dass Sarah Stierch nicht mehr Mitarbeiterin der Wikimedia Foundation ist.

Die Wikimedia Foundation hat kürzlich erfahren, dass Sarah für zahlende Kunden Wikipedia editiert hat, zuletzt vor wenigen Wochen. Sie hat das getan, obwohl allgemein bekannt ist, dass bezahltes Editieren unter vielen in der Community und der Wikimedia Foundation verurteilt wird.

Nicht das erste Problem mit bezahlten Artikeln

Im September 2012 gab es Anschuldigungen, dass gegen Zahlung Artikel auffällig häufig auf der Frontseite erschienen und im letzten Oktober und November haben wir darüber berichtet, dass eine PR-Agentur im großen Stil Dienstleistungen zum Erstellen und Pflegen von Artikeln angeboten hat. Im November erfolgte dann ein Unterlassungsschreiben an die beteiligte PR-Agentur, die das weitere Editieren verbot.

Und nun?

Zu glauben, man könne die komplette Wikipedia frei von bezahlten Schreiberlingen halten, ist unrealistisch. Dafür ist die Arbeitslast zu hoch für die Freiwilligen. Und dann kommt noch die Frage, was als bezahltes Schreiben und Interessenskonflikt angesehen wird. Ein Schreiber, der von einer PR-Agentur beauftragt wird, um eine Firma oder Person gut dastehen zu lassen, ist sicherlich in einem inakzeptablen Abhängigkeitsverhältnis. Betrachtet man jedoch als Beispiel einen Mitarbeiter einer Forschungseinrichtung, der einen Artikel mit dem neuesten Forschungsverfahren erstellt (was man als indirekte Bezahlung und Interessenskonflikt werten kann), um die Welt daran teilhaben zu lassen, kann eine direkte Bereicherung für die Wikipedia entstehen.

Außerdem besteht bereits die Möglichkeit, einen „Disclaimer“ zu erstellen, um selbst zu kennzeichnen, dass man parteiisch sein könnte – so wie hier.

Mich würde eure Meinung interessieren: Wo liegt die Grenze bei bezahltem oder potentiell parteiischem Editieren, (wie) lässt sich so ein Problem lösen?

Was meiner Meinung nach immer hilft: Meldet euch in der Wikipedia an, wenn ihr es nicht sowieso schon getan habt und helft mit, Artikel kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ihr müsst keine ganzen Artikel verfassen, aber wenn ihr sowieso die Wikipedia benutzt, ist es leicht, zur Diskussion und Verbesserung beizutragen, wenn euch etwas auffällt.

Weitersagen und Unterstützen. Danke!
7 Kommentare
  1. Ein kurzer Hinweis auf die deutsche Wikipedia sei mir erlaubt:

    die zentrale Regelseite in der deutschen Wikipedia gibt es die Seite zum Interessenkonflikt. Tenor: wir finden paid editing nicht gut, aber da es sich in einem anonymen Projekt eh nicht komplett verhindern lässt: seid transparent, seid transparent, seid transparent und fragt und diskutiert lieber, statt selbst zu schreiben.

    In der WIkipedia gibt es seit etwa einem Jahr das Projekt Umgang mit bezahltem Schreiben“ das genau solche Fragen wie hier angesprochen diskutiert, und versucht innerhalb der Community zu klären, was nun geht und was nicht und wie.

    Als Disclaimer für Autoren, die zu Organisatione gehören, gibt es auch noch die Möglichkeit der Benutzerverifizierung , die zumindest so ein erster notwendiger MIndestschritt sind, wenn man nicht unter Flüchen und Verwünschungen wieder verjagt werden möchte.

  2. Man sollte ergänzen, dass die Wikimedia Foundation offensichtlich schon länger über Stierchs Tätigkeit Bescheid wusste – schließlich wurde sie von der Agentur Wiki-Strategies unter „Friends“ gelistet. Es ist kleinkariert und seltsam, sie erst jetzt zu entlassen, wo ihre Tätigkeit auf großer Bühne diskutiert wird.

    (Außerdem unterscheidet der Artikel leider (mal wieder) nicht zwischen den Verhältnissen in der deutschen und englischsprachigen Wikipedia.)

  3. Ich finde bezahltes Schreiben problematisch – bei neuen Artikeln allerdings weniger.

    Schwierig finde ich es, wenn die Änderung von Artikeln verhindert wird – entweder durch direktes Blockieren (bzw. Rückgängig machen) oder durch über einen längeren Zeitraum immer wiederkehrendes Ändern des Artikels in eine bestimmte Richtung – selbst wenn Referenzen dagegen stehen.

    Und noch kritischer finde ich es, wenn informative Artikel gelöscht werden – einmal wurde ein Artikel weggelöscht, auf den ich verlinkt hatte (die einfachere *Alternative* zu der verbreitetsten Methode, Altershinweise auf Seiten anzubringen) und zweimal habe ich Tage damit verbracht, die Löschung eines Artikels über ein freies Computerprogramm zu verhindern.

    Sowas darf es in der Datenbank des Wissens der Menschheit nicht geben.

    Was mir noch fehlt, sind Artikel in mehreren Alternativfassungen: Wenn es keinen gesellschaftlichen Konsens gibt, was die Wahrheit ist (gerade bei historischen Artikeln) sollten mehrere (ähnlich gut belegte) Meinungen nebeneinander existieren können.

  4. Die Sache ist doch relativ einfach: Wenn klar ist, dass in Wikipedia Artikel gegen Geld „aktualisiert“ werden, verliert Wikipedia seine Glaubwürdigkeit. Das sollte den Wikipedia-Leuten als Worst Case einleuchten. Dass eine Autorin bei einer Firma / Lobbygruppe / etc u.a. für Wikipedia-Artikel auf der Gehaltsliste steht, lässt sich nicht nachprüfen oder ausschließen. Aber zumindest können Jobangebote a la „Ich schreib euch Wikipedia-Artikel gegen Bares“ als Signal verstanden werden, dass man die Zusammenarbeit besser einstellt.

  5. Das Wikipedia-Prinzip sagt ausdrücklich, daß Jeder mitmachen kann (an sich eine dumme Formulierung, weil es viele nämlich nicht können). Das schließt ausdrücklich nicht aus, daß Menschen mitarbeiten dürfen, die dafür Geld bekommen. Von Bedeutung ist einzig, daß man sich an die Regeln hält. Das heißt, arbeiten unter freier Lizenz, Einhaltung des neutralen Standpunktes (falls sowas überhaupt möglich ist; für Wikipedia ist es im übrigen egal, ob Jemand Geld für die Arbeit bekommt, oder aus eigenem Antrieb nicht sauber arbeitet, davon gibt es mehr als genug Leute, die ihre persönliche Sicht pushen wollen) und einhalten anderer Regeln. Zumal: wo beginnt denn bezahlte Arbeit? Wenn der Platzwart seinen Verein unterbringen will, der nach den Kriterien des Projektes nicht von enzyklopädischer Bedeutung ist?

    Southparks Aussage weiter oben ist auch nicht ganz richtig. Die Autorenschaft der deutschprachigen Wikipedia hat sich dafür ausgesprochen, bezahlte Arbeit nicht zu verbieten. Das Ergebnis war einzig in dieser Hinsicht eindeutig, dort weitere Dinge hinein zu interpretieren ist in meinen Augen nicht machbar. Schon gar nicht in der Vehemenz, wie dies Southpark immer wieder vertritt. Man könnte ironisch sagen, für dessen Vertretung er auch noch bezahlt wurde.

    Im Artikel wurde es auch richtigerweise angesprochen, daß paid Editing sehr unterschiedlich sein kann. Es wäre ebennicht nur der PR-Mensch des mittelständischen Maschinenbauer, der PR-Mensch eines großen Autobauers oder eben der Pharma-Lobby. Es sind ebenso Wissenschaftler, die neue Forschungergebnisse umgehend einarbeiten. Objektiv ist ein Autor, der in seinen neuen Artikel ein neues Buch einträgt Jemand der paid Editing betreibt. Ein Sportler, der Sponsoren hat und ein aktuelles Ergebnis in seinem biografischen Artikel einträgt auch.

    Die Causa Stierch ist eine spezielle. Der Wikimedia Foundation in den USA muß bekannt gewesen sein, daß Sarah Stierch genau das anbietet, was sie anbietet. Das war bekannt. Ich wußte es. Wenn die WMF das nicht wußte, ist sie selbst schuld. Stierch jetzt wegen etwas Druck aus der Community rauszuwerfen ist zumindest diskutabel (wenngleich ich hier meinem Freund Frank Schulenburg absolut vertraue, der kann das soweit ich ihn kenne schon objektiv beurteilen ud kennt sicher mehr Fakten, als ich und als der Großteil aller anderen die jetzt diskutieren. Denn man im Ernst – man kann nicht davon ausgehen, daß hier wirklich alles publik gemacht wird, was in der Causa Bedeutung hat).

    Die englischsprachige Wikipedia ist einerseits von zwei Dingen geprägt. Zum einen von der Sichtweise des dort zum Teil göttlich verehrten Jimbo Wales, der eine Abneigung gegen „paid Editing“ hat und dies auch immer wieder offensiv vertritt. Daß er selbst gut von seinem Wikiedia-Engagement lebt, kann man interpretieren, wie an will. Aber der Leierkastenmann lässt es auch nicht zu, daß der Affe das eingesammelte Geld behält… – was dem Jimbo Wales recht ist, darf Anderen noch lange nicht billig sein, erscheint es manchmal. Zum zweiten gab es in der englischsprachigen Wikipedia einige – na nennen wir es mal Skandale – um das paid Editing. Es verwundert aber nicht, daß sich etwa Firmen eine Hintertür suchen, wenn sie ungerechtfertigter Weise entgegen der Projektrichtlinien von der Mitarbeit abgehalten werden. Am Ende ein äußerst hausgemachtes Problem.

    Fazit: bei Einhaltung der Projektregeln besteht überhaupt kein Grund, auch keine Grundlage, irgendwen von der Mitarbeit auszuschließen.

  6. Die Reaktionen in der Gemeinschaft dürften stark davon beeinflusst sein, dass Sarah Stierch eine sehr beliebte Person in der Gemeinschaft ist. Ansonsten hätten sich manche Leute wohl sehr viel drastischer und mitleidloser ausgedrückt…

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