Der etwas ältere Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat in der FAZ eine Wutschrift gegen die Digitalisierung geschrieben, die eigentlich den Verlust der Privatsphäre thematisiert: Enzensbergers Regeln für die digitale Welt: Wehrt Euch! Das ist insofern von Bedeutung, dass er früher ein bedeutender Intellektueller seiner Zeit war und mit seinen zehn Thesen auch Punkte aufführt, die vielen in seiner Generation durch den Kopf gehen, wenn man etwas ängstlich vor der digitalen Zukunft steht, die unsere Gegenwart geworden ist. Und es ist ja nicht so, dass wir hier nicht auch einige der Thesen unterschreiben könnten, wenn sie nur etwas anders formuliert wären.
Mein erster Gedanke war, dass da ja einige richtige Dinge drin stehen, aber das doch jemand mal mit etwas Fachwissen hätte gegenlesen können. Wenn Enzensberger als Antwort auf das automatische Scannen von e‑Mails durch Geheimdienste empfiehlt, man solle auf (aus seiner Sicht privatsphärenfreundliche) Postkarten umsteigen, dann möchte man ihm nur raten, sich mal mit moderner Post-Logistik auseinander zu setzen, wo selbstverständlich alles gescannt wird.
Oder wenn er Netz-Unternehmen wie Amazon und Google dafür angreift, dass diese alle Daten speichern und ihre Kunden mit Reklamemüll belästigen möchte man ihm das Verlagswesen in Deutschland erklären, was dank des Listenprivilegs im Datenschutzrecht unsere Briefkästen zuhause zuspammt.
Oder aber wenn er Online-Banking als einen Segen bezeichnet, „aber nur für Geheimdienste und für Kriminelle.“ möchte man ihm das SWIFT-Abkommen erklären, wo die Geheimdienste selbstverständlich unsere Finanz-Daten abgreifen, ob jetzt bequem per Onlinebanking überwiesen oder per Überweisungsformular in der Bank.
Aber da ich mich nicht näher mit seinen Werken beschäftigt habe, und das deshalb auch weniger einordnen kann, sei hier auf andere verwiesen, die das besser können.
Till Westermayer beschäftigt sich mit Enzensberger bekanntestem Werk von 1970 und stellt eine Parallele zu dem aktuellen Text her: »Das offenbare Geheimnis der elektronischen Medien ist ihre mobilisierende Kraft«
Nein, »Wehrt euch!« ist keine sorgsame Ausarbeitung, und auch keine Anleitung zur gegenöffentlichen Nutzung elektronischer Medien. Nein, der Text ist – wenn ich das so sagen darf – ein ziemlich platter Boykottaufruf für alles, was nach 1970 erfunden worden ist. Ein Rundumschlag, der nichts gelten lässt, und erst recht nicht die Politik. Egal, ob Mobiltelefon (»Wegwerfen!«), Online-Banking (»Segen für Geheimdienste und Kriminelle«), Kredikarten (»Überwachung!«), E‑Mail (»Überwachung!«), Internet of Things (»Überwachung!«), Online-Einkauf (»sollte man meiden!«), Privatfernsehen und große Internetkonzerne (»Werbeterror!«) oder Facebook (»Krake!«) – alles ist böse, schlecht und gemein.
[.…] Jetzt möchte ich gar nicht behaupten, dass »Wehrt euch!« inhaltlich komplett falsch ist. Vieles von dem, was Enzensberger den Medien der digitalen Welt zuschreibt, stimmt. Bloß ignoriert er halt alles, was nicht schlecht ist. Denn es ist komplizierter, mit den digitalen Medien, ihrer Aneignung, ihren strukturellen Begrenzungen und ihrer ökonomischen und administrativen Kontrolle – , und das alles geht bei seiner Generalpolemik unter.
Jürgen Kuri kommentiert das so:
Alte Männer machen sich so unmöglich, so gut es ihnen gelingt? Das nun ist auch wieder zu kurz gegriffen. Aber: Enzensbergers Aufruf entzieht sich nahezu jeder konkreten Kritik, da er soweit entfernt wie nur möglich von einem Verständnis der konkreten digitalen Entwicklung und der von ihr aufgeworfenen Probleme entfernt ist. Es bleibt eine Meta-Ebene, in der Enzensberger natürlich einen Punkt hat, wenn er zum Widerstand gegen die Überwachung aufruft. Aber einen Punkt zu haben heißt noch lange nicht, vom Verständnis der Welt ausgehen zu können. Enzensberger hat selbst einmal erklärt, er habe noch nie ein Smartphone benutzt, nimmt sich aber heraus, auf Basis angelesener Einschätzungen Kritik zu üben. Was würde Enzensberger sagen, wenn ein Literaturkritiker seine Texte nur auf Basis Einschätzung Dritter, nicht aufgrund eigener Lektüre kritisierte?
Torsten Kleinz zitiert einfach nur Douglas Adams:
Many were increasingly of the opinion that they’d all made a big mistake in coming down from the trees in the first place. And some said that even the trees had been a bad move, and that no one should ever have left the oceans.
Eine etwas andere Meinung vertritt Don Dahlmann: Enzensberger und die Weltrevolution.
Er verteufelt gar nicht die Technologie an sich, nur das, was andere damit anstellen, bzw. wie diese Technologie dazu genutzt wird, dass er seine Bürgerrechte nach und nach verliert. Er formuliert die Angst vor einer postdemokratischen Technokratie, in denen “seine” Freiheitsrechte nichts mehr gelten, weil sie sich der Überwachung und dem wirtschaftlichen Fortschritt unterordnen müssen. Er wehrt sich gegen die Banken, die ihr Überleben und die Geldvermehrung über das Wohl ganzer Gesellschaften stellen und die mehr Kontrolle und Macht haben, als es ihm in seinem Verständnis von Bürgerrechten lieb ist. Er beklagt den Verlust von Kontrolle über sein Leben, seine Freiheit und sein Geld. (Parallel beklagt er auch die Doofheit der Menschen, die für “Umsonst” Angebote sämtliche Freiheiten aufgeben.) Er weiß wohl, dass derartige Rechte, sind sie einmal verschwunden, sich nicht so leicht wiederherstellen lassen. Der Artikel ist nicht zwingend der eines misanthropischen Technologie Verächters. Auch wenn er es sich ein wenig einfach macht, wenn er die Schuld nur bei Technik sieht und nicht bei den Menschen, die sie nutzen.
Update: Dirk von Gehlen zieht in der Süddeutschen Zeitung eine Parallele zum Cyberdialog, den unser Außenminister Steinmeier jetzt mit den USA gestartet hat: Zwischen Ironie und reaktionärem Ratschlag.
Eine freiheitlich-demokratische Öffentlichkeit muss sich politisch wehren. Hans Magnus Enzensberger hat dazu einen Versuch gemacht. Man sollte sein Ansinnen aufnehmen, auch wenn seine Ironie dem Ansatz eher im Weg steht. Die Enthüllungen Edward Snowdens sind zunächst ein politisches Problem, dann erst ein digitales.