Öffentlichkeit

Russland: angeblich Gesetz zur Blockierung des Tor-Netzwerks in Vorbereitung

Tor-logo-2011-flatIn Zeiten immer weiter voran schreitender Zensur von Inhalten im Internet und der Enthüllung des Überwachungsskandals der NSA, legen immer mehr Menschen wert darauf, möglichst anonym im Internet unterwegs zu sein. Eine kostenlose und sicherer Möglichkeit dazu liefert die Nutzung des Tor-Netzwerks. Wie Russia Today nun berichtet, laufen in Russland angeblich nun Vorbereitungen für ein Gesetz, welches die Blockierung des Tor-Netzwerks innerhalb von Russland vorsieht. Ziel des Gesetzes soll es sein Verbrechen im Internet, darunter Kinderpornographie sowie Waffen- und Drogenschmuggel, zu bekämpfen.


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Der Direktor des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB Aleksandr Bortnikov, hat nach Angaben von Russia Today persönlich die Ausarbeitung eines Gesetzes zur Sperrung des Tor-Netzwerks in Russland in Auftrag gegeben.

FSB director Aleksandr Bortnikov announced the initiative at a recent session of the National Anti-Terrorism Committee, saying that his agency would develop the legislative drafts together with other Russian law enforcement and security bodies

Russia Today beruft sich mit seinen Aussagen auf einen Bericht der russischen Tageszeitung Izvestia (Artikel auf russisch). Demnach hat sich die russische Bürgerbewegung „Head Hunters“ in einem Brief an den FSB angewandt, indem sie die Sperrung des Tor-Netzwerks fordert, da dieses das „bevorzugte Werkzeug von Verteilern und Konsumenten von Kinderpornographie“ sei. Auch wenn der FSB eigentlich der falsche Ansprechpartner für solche Forderungen sei, übernahm der FSB jedoch gerne die Verantwortung bei Ausarbeitung des Gesetzes:

The FSB replied that the request was directed to the wrong body, as crimes against public health and morals fall under the Interior Ministry’s jurisdiction. The agency, however, informed the activists about possible future changes to the legal code. The FSB official said that the agency initiated the move as internet anonymizers were used by weapon traffickers, drug dealers and credit card fraudsters, giving the FSB an obvious interest in limiting the use of such software.

Die Meinungen über die Bemühungen des FSB das Tor-Netzwerk vollständig zu blockieren, gehen in Russland auseinander. Russische Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass sich sofort neue anonyme Netzwerke bilden würden und damit auch die Arbeit von Strafverfolgungsbehörden erschwert würden. Und Ilya Kostunov, Mitglied der Duma, gibt an, dass eine Blockierung des Tor-Netzwerks technisch überhaupt nicht möglich sei.

As far as I know, it is impossible to block Tor,” Kostunov said. “The network re-tunes quickly, switches to different hubs and starts working again.”

Auch Verantwortliche des Tor-Projekts äußerten sich zu den Plänen der russischen Regierungen und stimmten Kostunov zu, indem sie sagten, dass ein Blockieren des Tor-Netzwerks äußert schwierig sei und ergänzten, dass nicht einmal die eigenen Experten die Daten im Netzwerk kontrollieren könnten.

Der Vorsitzende der „Safe Internet League“, ein Zusammenschluss mehrerer russischer Internetanbieter, hingegen begrüßte den Schritt des FSB., forderte jedoch dazu auf, vor der Blockierung erst noch alle Verbrecher innerhalb des Netzwerks festzunehmen.

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10 Kommentare
  1. nee, ist schon klar. die russen habens nicht so mit dem terror, da muss dann die kipo-keule wieder ziehen. ausserdem: waffen töten menschen bei kriminellen akten, auch verbieten?

  2. Natürlich ist es möglich Tor zu blockieren. Ist nur eine Frage der Technik und der Skrupellosigkeit.

    Zeitweise ist (war?) es sogar schwierig hier auf netzpolitik.org über Tor zu schreiben. Über Googles Tor-Boykott rege ich mich kaum mehr auf, doch Gulli hat neuerdings auch seltsame Ansichten und stellt dumme Sicherheitsfragen. Golem warnt in Rotschrift, selbst dann wenn ich nur lesen möchte. Aber Golem mag ja auch meinen AD-Block nicht. Das wiederum mag ich nicht – Pech.

    Google, Gulli, golem sind relativ egal – es gibt Alternativen. Doch EU-Papiere über Tor? Nix da. Also muss schon einmal p2p dafür her. Wie peinlich.

    Russland ist böse? Klar. Aber hier existiert eine eigene Türe vor der man kehren muss. Jeder blamiert sich eben so gut er kann.

    1. Internetseiten im „offenen“ Internet können sich entscheiden, Anfragen von bekannten Exit-Nodes nicht oder anders zu beantworten. Aber das ist nicht, worum es hier geht. Die „bösen“ Sachen sind ja gerade nicht im „offenen“ Internet, sondern im „Darknet“-Teil des Tor-Netzwerks, den .onion-Seiten. Und das können sie nicht einfach sperren, weil es nie das Tor-Netzwerk verlässt.
      Wer sich mal im Darknet-Teil umschauen will, fängt am besten bei der „Hidden Wiki“ an (funzt natürlich nur mit Tor):
      http://kpvz7ki2v5agwt35.onion/wiki/index.php/Main_Page
      (Viele der kleineren Seiten sind nicht 24/7 online, weil sie auf Privatrechnern gehostet werden)

      1. Sicher, darum geht es hier nicht. Scheinbar wenigstens.

        Warnung: verstehst Du Leser nicht was hier steht, dann gehe direkt zu den letzten beiden Absätzen. Der sowieso zu lange Rest ist sonst kontraproduktiv und generiert falsche und unnötige Angst.

        Es existiert eine Tendenz gegen Tor – nicht nur in totalitären Staaten sondern sogar bei vielen Webseiten. Einige Exit-Nodes werden von Geheimdiensten betrieben. Haben die zwei von Dreien unter Kontrolle, so ist die Sicherheit eines Nutzers nicht mehr garantiert. Honigtöpfe (zusammen mit Sicherheitslücken im Browser) stellen deren Sicherheit zusätzlich erheblich in Frage.

        Darüber hinaus sind Server innerhalb des Tor-Netzes sind nicht wirklich anonym damit – wie auch im normalen Internet – korrumpierbar. Sie können dann diverse Dinge bis zum Browser-fingerprint loggen/erschnüffeln. Ein Werbebanner oder ein Zugriff auf die Seite, die Du ohne Tor im Internet ansurfst oder auch nur besucht hattest und du bist nicht mehr anonym.

        Natürlich helfen einige Webseiten (Google etwa) gerne dem User glauben zu machen, dass Tor nicht funktionieren würde und java-script/Cookies gar Apps unerlässlich für den Betrieb des Netzes seien. Im neuem Firefox kann man z.B. java-script nicht mehr simpel abschalten. Manchmal ist das Unwissen, manchmal Gängelung, manchmal Spamschutz, manchmal Überwachungsmentalität. Niemals ist es in Deinem Sinn.

        Möchte man das Netz kontrollieren, wenigstens Überwachen, so könnte es dumm sein Tor auszuknipsen. Das geht zwar wenn man das Netz entsprechend kastriert (DPI…). Es könnte aber sein, dass unsere Überwacher erheblich weiter sind als Russland. Die Verschlüsselung ist nicht geknackt, so gehen die einfach andere Wege.

        Na, wieder da? Gut, das hier wird jetzt echt oberlehrerhaft:
        Trotzdem oder gerade deshalb: Nutzt Tor! Trotz meiner Warnung ist Tor selbst nicht defekt. Es ist weit sicherer als das „normale Netz“. Wenn ihr könnt dann schafft exit-nodes oder gar eigene Inhalte. Das hilft Menschen in Diktaturen.

        Doch bitte bitte schaltet das Hirn im Netz auch mit Tor immer ein! Beachtet die Hinweise der Tor-Macher zur Anonymität. Und macht nicht zu viel Unsinn! Es gibt Dinge, die muss man wirklich nicht haben. Und vor allen Dingen gibt es Leute die Tor wirklich brauchen!

      2. Kann im wesentlichen zustimmen, bis auf ein paar Details. Ich weiß nicht, wo Du die „zwei von drei Exit-Nodes“ her hast. Das Netzwerk ist (für dich) korrumpiert, sobald jemand die Exit-Node und alle Hops bis auf einen in deinem aktuell benutzen Weg kontrolliert. Aber Hops sind nicht nur die Exit-Nodes, sondern im Prinzip jeder Nutzer (lässt sich an- und ausschalten; ich weiß nicht mehr was der default war). Die sind also wesentlich schwieriger unter Kontrolle zu bekommen als die Exit-Nodes, die ja einigermaßen teuer und riskant im Betrieb sein können (selbst in einem „demokratischen Rechtsstaat“ wie Schland).
        Und wer Tor benutzt und dann im mitgelieferten Browser den Javascript-Ranz oder Cookies wieder aktiviert, sollte selber wissen dass das eine blöde Idee ist (zumindest wird deutlich davor gewarnt). Und es braucht auch kein Computer-Genie um zu wissen dass Du nicht mehr anonym bist, wenn Du Dich über Tor beim Fratzenbuch einloggst o.ä.. Kryptographie befreit nicht vom Denken.
        Klar gibt es Seiten, die ohne JS und Flash-Klickibunti nicht laufen. Da musst Du dich halt entscheiden, ob Dir die Seite oder Anonymität wichtiger ist. Es gibt ja oft akzeptable Alternativen (Als Suchmaschine empfehle ich duckduckgo.com – die hat sogar einen Ableger im .onion-Teil).

      3. danke für die Korrektur. Natürlich hast Du Recht.
        Es muss heißen: „Haben die den ersten und den letzten Knoten – der letzte ist der Exit-Node – unter Kontrolle…“.

        Deine Empfehlungen kann ich nur unterstützen.

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