Kultur

Rezension: „Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft“

nautilus_pbDieser Gastbeitrag wurde von Oliver Leistert verfasst. Oliver ist Post-Doc am Graduiertenkolleg „Automatismen“ der Universität Paderborn und rezensiert hier das Buch „Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft.“ von Hans-Christian Dany (Edition Nautilus, 2013, 12 Euro, 127 Seiten).


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Ich erinnere mich an eine Anekdote aus dem frisch souverän gewordenen Slowenien. Dort errichtete Philips (oder eine andere Firma) eine neue Produktionsstätte, vielleicht für Elektrogeräte, und warb bei den Arbeitern mit Enthierarchisierung, Partizipation und Eigenverantwortlichkeit der Einzelnen. Damit wollten sie sagen, dass die Arbeiter bei Philips Mitarbeiter sind, deren Wünsche, Ideen, Bedürfnisse teil der Sorgen der Firma seien. Dies war schon damals ein recht konventionelles Managementsprech, vielleicht wirklich in den Niederlanden entwickelt. Neu war das Gegenüber, das aus einer damals bereits unwahrscheinlichen Zeit kam. Die Arbeiter in Jugoslawien waren ein wichtiges Element der Arbeiterrätedemokratie, die unter Tito, in unterschiedlichen Phasen, tatsächlich Akteure der politischen und ökonomischen Geschichte gewesen waren. Die Fabriken hatten noch vor kurzem ihnen gehört. Und damals war ihr Selbstbewusstsein, wenn auch im Wissen, dass ihre geschichtliche Zeit (zunächst) vorüber war, ungebrochen. Mitbestimmung, Teilhabe, schlanke Hierarchien gab es Jahrzehnte lang in Jugoslawien; allerdings mit dem feinen Unterschied, dass den Arbeitern die Fabriken gehörten.

Darum staunten die Philips-Manager nicht schlecht, so geht die Anekdote, als die Arbeiter sagten: Teilhabe, Partizipation kennen wir. Das ist von uns und das bekommt ihr nicht. Für Euch sind wir Arbeiter, die ihrer Produktionsmittel beraubt worden sind.

Hans-Christian Dany hat mal wieder ein Buch geschrieben. Das letzte des Hamburger Künstlers, das ich kenne, lautet “Speed” und war ein Beitrag zur Frage des Aushaltens und Produktivseins unter Stress. Sein neues, wesentlich schlankeres Buch ist nun ein Beitrag zur Frage des Beendens und Unproduktivseins unter Kontrolle. Gewissermaßen nun also das Gegenstück, wenn auch hier kein systematischer Plan erkennbar ist.

Was das Buch auszeichnet, ist der Bogen, den es spannt. Gleichzeitig ist dieser Bogen aber vielleicht sehr weit gespannt und droht, sich selbst zu ernst zu nehmen. Die These ist, dass die Kybernetik als Regulationsidee nach ihrem Ableben in den 70ern durch Managementdiskurse und der Vermassung von vernetzten Rechnern ab den 80er Jahren in der aufziehenden Kontrollgesellschaft zu sich selbst findet.

Dany geht hierzu recht chronologisch vor. Nach einer Einführung zu wichtigen Personen und Ideen der Kybernetik, die nach dem 2. Weltkrieg florierte (Wiener, Macy-Konferenzen), erfolgt mit der Verschiebung des Blicks nach England die Vorbereitung seiner These. Der Psychologe Ross Ashby und der Wirtschaftswissenschaftler Stafford Beer hatten in den 50er und 60er Jahren damit begonnen, sich mit Vorträgen vor Managern gute Gagen zu verdienen. Dieser Transfer kybernetischer Ideen der Selbstorganisation von Systemen war, folgt man Dany, die Einspeisung eines neuen Denkens in die Arbeitswelt, das dort fortan nicht mehr wegzudenken war. Der Sophist, Magier und Biologe Heinz von Förster, der die Kybernetik der Kybernetik aus den Ruinen der alten Kybernetik vorbereitete, lieferte die epistemologischen Beiklänge des radikalen Konstruktivismus, indem er die Blindheit des Systems über sich selbst als Variable in die Modelle damaliger Theorien einspeiste (und damit auch der Systemtheorie Luhmanns viel mit auf den Weg gab). Mit der Einführung des Beobachters der Beobachter in der Welt des Managements wurde die Idee der Partizipation und Teilhabe der Angestellten in Konzernen zur tragenden Säule des “postheroischen Managements”, jenes Elements, dass die post-jugoslawischen Arbeiter lachend zurückwiesen, solange ihnen die Fabrik nicht gehörte.

Sehr schön zeigt Dany, dass diese Form der Partizipation dem Systemerhalt dient, da das mehr an Kommunikation und Transparenz, das hieraus folgt, den blinden Fleck des Managements entschärft. Wenn die Arbeitnehmer darüber berichten, was sie denken, wünschen, wollen, entsteht ein Feedback, das ein offenes System, das keine eigene Bestimmung hat, außer sich zu erhalten, unterstützt. Selbst dann, wenn es sich um eine Störung handelt. Dies, so von Försters Idee, stimuliere das System.

Etwas groß fällt jedoch der nächste Schritt aus: wir befinden uns nun in einer Welt, in der wir Punkte eines Systems sind, das unsere Kommunikation abtastet, sammelt, aggregiert und quantitativ auswertet. Gerade LeserInnen von Netzpolitik werden wenig Probleme haben, sich solch eine Maschine vorzustellen, die Dany beschreibt. “Jeder kontrolliert jeden, zumindest diese Aufmerksamkeit hat man sich verdient” ist seine Diagnose, sowie “die größte Bedrohung scheint zu sein, ins Funkloch zu fallen”. Doch wie kamen wir soweit?
Dany schreibt, dass das Merkmal der Kontrollgesellschaft die größtmögliche Transparenz ist. Kommunikation ist das Zauberwort und es kann davon nicht genug geben, solange sie mit IT prozessierbar ist. Die große Maschine, die er auch „Weltmaschine für organisiertes Verhalten“ nennt, die also unsere Kommunikation abtastet, kann aber nicht auf uns persönlich eingehen. Dazu ist sie einfach nicht in der Lage. Lediglich mit der Errechnung von Normalitätskurven und Feststellung von Devianzen, die das System inkludieren muss, ist die Maschine betraut. Somit liegt der Kern der Problematik, könnte man folgern, im Menschen, der zulässt, dass seine Kommunikation zum regelhaften Regieren benutzt wird, ohne dass es ein würdiges Gegenüber gäbe.

Dany überspringt nonchalant dieses Kernproblem, indem er von vornherein davon ausgeht, dass wir in einer postpolitischen oder postdemokratischen Zeit leben. Ist dies einmal gesetzt, ist es recht einfach, eine Gesellschaft zu porträtieren, die keine Hoffnungen und Ziele mehr hat, und deshalb im ewig weiterlaufenden Kommunikationsparadigma des kybernetischen Kapitalismus gefangen ist.
Der argumentative Schlenker, den Dany anbietet, dies plausibel zu machen, ist die hegemoniale Diffundierung von Managementpraktiken wie Feedback, Kleingruppen, Open Places, die die Partizipation vom runden Tisch der Stadtteilentwicklung bis hin zur WG als kulturelle Praxis normalisierten und damit die Totalmobilmachung des Subjekts für den Kapitalismus in die Wege leitete: von nun an sind alle Manager ihrer Selbst, wollen mit den Managern mitarbeiten und sind Sonden des Managements. Damit komme die kybernetische Totalität zu ihrer Vollendung: Ein System, das offen ist, insofern es Störung integrieren können muss, und geschlossen, insofern es als Ziel nur seinen Erhalt kennt, hat sich ubiquitär in alle Poren des Sozialen eingenistet.

Ein etwas ähnliches Buch, das des Autorenkollektivs “tiqqun”, dessen Text “die kybernetische Hypothese” hierzulande geadelt durch den Diaphanes Verlag wohl eine andere Leserschaft fand, als die Originalfassung, die in aufwendig gestalteten Textsammlungen in linken autonomen Zentren Frankreichs verschenkt wurden, hatte vor wenigen Jahren einen ähnlichen Anlauf unternommen und versucht, eine Diagnose der Gegenwart im Lichte der Kybernetik zu stellen. Was beiden Büchern gemeinsam ist, ist die inhärente Affirmation einer Idee, die sich in dieser Reinheit nie in der Praxis durchsetzen konnte. Die Kybernetik war immer ein Feld der Bastler und Randfiguren. Sicherlich hallt sie wieder in den Schriften der Systemtheorie, des radikalen Konstruktivismus, der Managementliteratur, der Pädagogik, und gewiss der Informatik. Und es ist wichtig, diese Spuren nachzuzeichnen und ihre Wechselwirkungen kenntlich zu machen. Und ja, vielleicht lassen sich die ins Smartphone verwebten scheinselbstständigen Arbeitsnomaden als Symptome auch einer Kybernetik lesen. Nur allein ist dies zu wenig.

Am Ende des (Arbeits-)tages entscheidet der Chef. Top-down Strukturen erleben die Bottom-Up Kommunikation als Erfrischung, oder wahlweise als Stress, dem man standzuhalten hat. Die Kontrollgesellschaft, so richtig die These ihrer unheimlichen Offenlegung der Gedanken und Tätigkeiten ist, ist nur in der Verbindung mit Zwang, Disziplin, Bestrafung wirksam. Es ist dieses Geflecht aus falscher Teilhabe und ständiger Bedrohung der Existenz, das waltet und vor allem verwaltet. Wenn Dany schreibt, er könne sich nicht erinnern, wann ihn die Agenten der Autorität das letzte Mal erschreckt haben (S. 15) mag das für ihn ein Glück oder Unglück sein. Von hier allgemein zu werden, ist eine brüchige Brücke, die sich der Essay schreibende Künstler erlauben kann; als Diagnose trägt es aber nicht weit genug.

Idiot sein, so das Fazit des Buches, wäre ein Ausweg. Idiot im alten Sinne des Privatmenschen, der keine prozessierbare Kommunikation absetzt und somit unsichtbar wird, sich der Abtastmaschine entzieht. Aber es ist eben die Frage, ob die Verneinung der Kommunikation allein weit führt. Die ehemals jugoslawischen Arbeiter, die den Braten der falschen Teilhabe sofort gerochen hatten, wussten wohl, dass die Kommunikation allein gar nichts ist, sondern entscheidend ist, woran sie gebunden ist. Mit anderen Worten, was ihr Ziel ist. Darum ist der Kampf um Netzneutralität, Verschlüsselung und Open Source Software eben kein falscher Kampf, denn dies sind Elemente von Bedingungen einer künftigen Kommunikation, die einen Unterscheid machen will.

Danys Buch schlägt aufweckende Funken und wirft Schlaglichter auf eine interessante Idee der Geschichte der Kybernetik durch den Bogen von Kybernetik und Management. Gleichzeitig überhöht es seine Gegenstand und macht in dadurch mächtiger, als er vielleicht ist. Dennoch ist das Buch sehr empfehlenswert. Der Parcours durch Danys Geschichte der Kontrollgesellschaft ist gerahmt mit einem biographischen Narrativ über den Großvater, der als Leiter des ersten offenen Strafvollzugs ein Avantgardist der Kontrollgesellschaft im Auftrag des Humanismus war. Gleichzeitig bieten die Traumsequenzen, die Dany beschreibt, und allgemeiner die poetischen Strecken des Buches, eine verdichtende Entlastung, die kein akademisches Buch zum Thema bieten kann.

3 Kommentare
  1. Ob dieser Text oder „What the Bleep do we know“, beides lässt sich wohl am besten mit einer Dosis Rauschmittel ihres Vertrauens ertragen.

    Als ich Kybernetiv las hatte ich eigentlich einen Artikel über zukünftige Augmentierungen und deren Einfluss auf die Gesellschaft erwartet und kein alt-sozialitisches Traktat in neuen Kybernetikschläuchen.
    Schade, potential verschenkt.

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