Überwachung

Aufklärungsdrohnen der Bundeswehr werden im Kriegsgebiet von EADS gestartet und gelandet – Regierung nennt das „automatisch“

Dass im März 2010 eine Drohne des Typs „Heron“ nach der Landung in eine Transportmaschine der Bundeswehr krachte ist, wurde ja bereits mehrfach berichtet. Das unbemannte Flugzeug setzte sich nach dem Stillstand plötzlich wieder in Bewegung und machte sich daran, zwei Soldaten zu überrollen. Auf Youtube ist ein Video der BILD-Zeitung befreit worden (die Zeitung veröffentlichte hierzu weitere Bilder von dem Crash):


netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

Der Unfall ereignete sich in Mazar-i-Sharif in Afghanistan, wo die Bundeswehr drei „Heron“ zur Aufklärung nutzt. Die Systeme liefern Echtzeitvideos an Bodenstationen, seit 2010 verfügen sie über eine Vorläufige Verkehrszulassung des Militärs.

Die Drohnen werden vom israelischen Hersteller Israel Aeronautics Industries gefertigt. Vertragsnehmer gegenüber dem Militär ist aber der Rüstungskonzern EADS, das Ganze nennt sich „Betreibermodell auf Leasingbasis“. Für Wartungsarbeiten ist stets ein „Instandsetzungsteam“ EADS vor Ort. Im Juli meldete eine Presseerklärung vom EADS-Ableger Cassisidan, die „Heron“ habe inzwischen 15.000 Flugstunden (mehr als 1.300 Flüge) absolviert. Pro Flugstunde kostet die „Heron“ (ohne Steuer) 8.675 Euro.

Die Bundesregierung hatte erklärt, die Drohnen der Luftwaffe würden „automatisch von einem Flugplatz mit Start- und Landebahn“ in die Luft steigen. Erst nach zweimaligen Lesen stolperte ich aber in der EADS-Pressemitteilung über den Hinweis, dass die Drohnen in Afghanistan gar nicht von der Bundeswehr gestartet und gelandet werden – den Job übernimmt die Firma selbst:

Der Vertrag beinhaltet auch, dass die Starts und Landungen in Mazar-e-Sharif von Cassidian-„Piloten“ gesteuert werden und das Flugzeug dann in der Luft an das Bundeswehrpersonal übergeben wird. Die Bundeswehr kann sich somit voll auf die Erfüllung ihrer Mission konzentrieren und wird personell nicht durch unterstützende Aufgaben (Start, Landung, Wartung, Instandsetzung) belastet.

Die EADS-Techniker in Afghanistan kommen von Cassidian Airborne Solutions mit Sitz in Bremen. Im Frühjahr hatte in Bremen ein angeblicher Agent des pakistanischen Geheimdienstes versucht, Kenntnisse zur Steuerung von „Heron“-Drohnen abzugreifen. Die Affäre wird aber beschwiegen. Medien hatten berichtet, die Spionage habe sich in Räumen des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrt (DLR) ereignet. Das DLR ist selbst in Forschungsvorhaben zur teil-autonomen Steuerung der „Heron“ eingebunden.

Womöglich geht der Crash also auf das Konto von EADS – oder bei der „Übergabe“ an die Bundeswehr ging etwas schief. Ein ähnliches Problem ergab sich auch bei der Überführung der Spionagedrohne „Euro Hawk“ aus den USA. Der an die Bundeswehr gelieferte Prototyp geriet kurz außer Kontrolle, als die Steuerung von US-Bediensteten an deutsche Militärs übergeben werden sollte. Offensichtlich war die Satellitenverbindung für mehrere Minuten unterbrochen, die Drohne kam vom Kurs ab und verlor an Höhe.

Eine weitere „Heron“ stürzte ebenfalls in Afghanistan ab und wurde danach sicherheitshalber aus der Ferne zerstört. Insgesamt werden die Kosten für beide Crashs mit rund 9,3 Millionen Euro angegeben.

Bei anderen Drohnen haben Luftwaffe und Bodentruppen die ulkige Kategorie „systemkonforme Landung“ eingeführt: Gemeint ist, wenn die Drohne außer Kontrolle gerät und abstürzt, aber der Fall beispielsweise mit einem Fallschirm gebremst werden kann. Trotzdem verzeichnet das Gerät aber einen wirtschaftlichen Totalschaden und muss ersetzt werden.

Die berühmteste „systemkonforme Landung“ ereignete sich ebenfalls in Afghanistan, als eine LUNA-Drohne beinahe eine Verkehrsmaschine rammte und anschließend das Dach einer Lagerhalle durchschlug:

Im Rahmen des Untersuchungsausschusses zum „Euro Hawk“ hatten PolitikerInnen aller Parteien die Intransparenz des Verteidigungsministers hinsichtlich seiner Drohnenpolitik kritisiert. Schließlich wurde von manchen auch für de Maizière die „systemkonforme Landung“ gefordert.

7 Kommentare
    1. Wie hochironisch. Dazu hast du dir nach dem Abschicken wohl erstmal selbst gratuliert, was?
      Vermutlich wäre von dir selbst bei Todesfällen durch durchgedrehte Aufklärungsdrohnen kein anderer Kommentar zu erwarten: „Die dinger haben fehlfunktionen und machen unfälle? bei unfällen sterben leute? ernsthaft?“

      1. Das tun „echte“ Flugzeuge aber auch und auch nicht selten.
        Wo ist also der Punkt außer der Abneigung gegen Drohnen an sich?

        Btw. Start und Landung der Heron erfolgen durchaus automatisiert. Nur wegen lizenzrechtlicher und Haftungsfragen wurde das zu Betreiber delegiert. Die Israelis wollten das Ding halt nicht bedingungslos verleasen.

    2. du möchtest uns sicherlich die zahl der todesfälle verraten, liebe erna? oder kann es sein, dass im zuge der empörung, die fakten auf der strecke geblieben sind?

  1. Ich kann der Kritik Golda Meirs auch nur zustimmen. Allgemein sind die Artikel auf Netzpolitik.de entgegen des Trends im Internet auf einem relativ hohen Niveau. Allerdings gilt dies nicht auf Artikel, in denen über Drohnen berichtet wird.
    So verschweigt der Autor hier beispielsweise im Kontext des beinahe Zusammenstoßes über Kabul, dass sich der Airbus in gesperrtem Luftraum befand. Die Ursache für den Zwischenfall liegt bei Fehlern des Piloten/ Fluglotsen und nicht bei der Drohne.

    1. ach. man könnte noch viel mehr dazu sagen, da hast du recht, aber das stand hier ja schon mehrfach. die afghanische flugsicherung hatte dem piloten der ariana-maschine anscheinend nicht kommuniziert, dass der luftraum zeitweise gesperrt ist. der vorfall spielte sich übrigens über der hauptstadt kabul ab. es gab eine untersuchung der bundeswehr, die den soldaten attestierte alles richtig gemacht zu haben. vielleicht war es aber ein kommunikationsproblem zwischen der german army (bzw. der ISAF) und der afghanischen luftfahrtbehörde, im vorliegenden kriegsfall ist sowas durchaus vorstellbar.

      man könnte auch noch erwähnen, dass allein LUNA-drohnen der bundeswehr bereits über 50 abstürze verzeichneten. von anderswo sind keine zahlen bekannt – die geräte werden zb nach saudi-arabien exportiert, wo sie zur grenzsicherung genutzt werden. eigentlich eine polizeiliche aufgabe, doch die ausbildung an den LUNA erfolgt durch deutsche soldaten.

      der hersteller der crash-drohne LUNA bereitet einen antrag zur musterzulassung nach „kategorie 3“ vor. das ist quasi die höchste stufe, die drohnen fliegen dann hierzulande im nicht gesperrten, zivilen luftraum. Die Firma EMT schreibt dazu: „Damit können Vorteile wie die günstigen Beschaffungs- und Betriebskosten von unbemannten Flugsystemen auch verstärkt den zivilen Nutzern eröffnet werden“. gemeint sind natürlich grenzbehörden und polizei.

      die drohne auch für den zivilen einsatz wird mit folgenden funktionalitäten beworben: „Eine Farbvideo CCD-Kamera für Pilotensicht, eine 3-Achsen stabilisierte schwenkbare modulare Sensorplattform als Standardplattform: vier abwärts blickende Farbvideo (Zoom) CCD Kameras. Die Standardplattform kann mit optionalen Sensoren ausgerüstet werden. Optionale Sensoren: Wärmebild Videokamera (IR mittlerer Wellenlänge), Nahe-IR Video (Zoom) CCD Kameras, Monitorkamera für Tragflächenvereisung“. übrigens hatte genau dies ein staatssekretär des verkehrsministeriums vor zwei jahren gesagt: größere drohnen (wie die LUNA) der polizei müssten überall 24/7 verfügbar sein. aber auch das hatte ich hier schonmal beschrieben.

      bitte erklär doch mal, was du an den artikelen unter niveau findest. es ist so: ich lehne diese entwicklung, den wachstumsmarkt für militärische aufklärungsdrohnen nun aufs polizeiliche auszudehnen, tatsächlich ab. es profitiert die rüstungsindustrie, die förmlich darauf drängt, die nutzung von drohnen für die innere sicherheit vorzubereiten und zu optimieren. die gegenwärtige bundesregierung schrieb sich die förderung der deutschen drohnenindustrie in den koalitionsvertrag und spendiert dreistellige millionensummen für entsprechende forschung.

      du kannst es auch so sehen: leipzig war 1996 die erste stadt, in der die videoüberwachung im öffentlichen raum eingeführt wurde. dort entstanden auch die ersten kritischen initiativen dagegen – immer noch zu recht. sachsen war auch das erste bundesland, das sich 2007 eine fliegende kamera für die polizei anschaffte (inzwischen standard bei einsätzen zu fussballspielen, demonstrationen und jetzt auch zu vereinsparties).

      mittlerweile werden die großen drohnen heron und predator (beide in der MALE-klasse) für die grenzsicherung probegeflogen, unter beteiligung des deutschen DLR. helikopter-drohnen mit einer zuladung von 30 kilogramm werden hinsichtlich der ausrüstung mit polizeilichen „wirkmitteln“ getestet.

      hier ist eine neue dimension der visuellen aufklärung und intervention entstanden, das gab es früher so nicht. zwar haben einige polizeihubschrauber diese aufgaben auch übernommen gehabt; wenn man mehr brauchte lieh die bundeswehr ihre RECCE-tornados aus, aber das blieb die ausnahme.

      aber jetzt wird die überwachung auch aus der luft quasi fest installiert. und das ist eine neue, bedenkliche entwicklung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.