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Polen setzt auf offene Bildungsmaterialien

Wie die polnische Stiftung Nowoczesna Polska („modernes Polen“) gestern mitteilte, soll in Polen eine mit fast 11 Millionen Euro ausgestattete Initiative für die Schaffung offener Bildungsmaterialien gestartet werden. Ziel des Projektes ist es, Schüler der Klassenstufen vier bis sechs mit einem vollständigen Satz kostenloser und aktueller digitaler Schulbüchern zu versorgen. Polens Premier Donald Tusk verabschiedete das Vorhaben gestern.


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Das besondere an dem Unterfangen: Sämtliche Materialien sollen unter der CC-BY-Lizenz veröffentlicht werden. Dadurch können die Bücher (unter Nennung des Autorennamens) beliebig kopiert, vervielfältigt und verändert werden. Das Projekt wurde vor fast genau drei Jahren von vier polnischen NGOs ins Leben gerufen, inzwischen beteiligen sich über 15 gemeinnützige Organisationen.

Ob es in Deutschland gelingt, in ähnlicher kurzer Zeit solche Erfolge zu erzielen, darf angesichts der abwehrenden Haltung der Schulbuchverlage (Stichwort Schultrojaner) bezweifelt werden.

 

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19 Kommentare
  1. Hallo,

    ich wäre gerade bei diesem Diskussionsthema für ein bisschen mehr Sachlichkeit. Im Saarland hatten wir aufgrund äußerer Zwänge genau das. Da die Schulbuchverläge es nicht für nötig sahen Schulbücher für das Saarland herauszubringen haben viele viele Lehrer selbst Skripte erstellt und die in Form einer Aufgabensammlung bei dem beliebten Softfruttiverlag veröffentlichen lassen.

    Das hatte teils katastrophale Folgen. Die Hefte waren mit Fehlern gespickt, vollgestopft mit Päckchenaufgaben die stupide zum Stupiden runterrechnen, der Übungsteil war hoffnungsvoll überladen. Gerade bemüht sich die Didaktik der Mathematik an der Universität des Saarlandes die ja maßgeblich an der Lehrerbildung beteiligt ist von eben diesen Softfruttiheften wegzukommen .

    Das heißt: Freie Bildungsmaterialien sind nicht der Heilige Gral . Wenn so etwas eingeführt wird, dann muss man sich gedanken über die qualitätssicherung gedanken machen. Schulbücher sind keine Sammelmappe für Unterrichtsmaterialien oder Übungsaufgaben sondern müssen ein didaktisches Konzept beinhalten. Und am besten dann auch eines, dass den aktuellen didaktischen Standards entspricht.

    Darüber wird aber bei der Diskussion darum nur unzureichend geredet.

    1. …weil es schlicht nicht Gegenstand der Diskussion ist. Polen zB investiert offensichtlich 11Mio in Quantitaet wie Qualitaet der Materialien.

      Und freie Bildungsmaterialien sind durchaus ein Heilige Gral einer auf freier Bildung aufbauenden Gesellschaft,.

      1. Hey,

        es muss sehr wohl Gegenstand der Diskussion sein, dass man wenn man sowas macht sich auch gedanken über die Qualitätssicherung macht. Das was ich im saarland beschrieben zeigt, dass es nicht nur positiveffekte hat. Die Aufgabensammlungen wurden von lehrern erstellt konnten vervielfältigt und verändert werden.

        Man kann nicht nur sagen hurra jetzt darf mal jeder bücher schreiben. Ich kann auch ein Schulbuch schreiben. Ob die Schüler davon was lernen ist eine andere Sache. Schulbücher müssen durch ein pädagogisches Konzept getragen sein sonst geht die ganze sache in die Hose.

    2. Wenn man den Sachverhalt der Schulbücher (zz. Verlagshäuser/Properitär) auf den von geschlossener und offener Software (OpenSource) überträgt und die Parallel zieht, wird schnell klar, dass über diese Problematik aus guten Gründen kaum geredet wird.
      Es ist schlicht keine Nennenswerte.

    3. Klar, wenn jeder Lehrer bloß seine gesammelten Materialien aus zig Jahren Unterricht als Buch verlegen lässt, kann das auch in die Hose gehen.
      Wenn man sich aber die richtigen Partner für ein solches Projekt sucht, kann durchaus etwas sehr gutes dabei herauskommen. Ich finde, an der Stelle klingt die Pressemitteilung durchaus vielversprechend:

      We also think that there are institutions out there which will be more competent in creating free textbooks with the help of government funding. This doesn’t mean we will not participate in OER movement any more, quite the contrary. We just want to concentrate on the area of our expertise, which is digital infrastruture for schools, media literacy, free culture and digitalization of cultural works. You can expect more information on that soon, and we promise that you will like what we will have to say.

      (Hervorhebung von mir)

  2. In Deutschland würden 51 Schulbuchautoren einen wütenden offenen Brief schreiben und vor Enteignung, Kostenloskultur und Kommunismus warnen.

    1. … das dürfen sie doch gerne tun! Ich sehe da kein Problem. Vielleicht lasen sich die Briefe dann im Deutschunterricht einsetzen.

      Aber im Ernst:
      Die Sache der offenen Quellen deshalb zu verteufeln, weil esim Moment an Qualitätssicherung fehlt, ist der falsche Weg. Ich habe ja auch eine Mailadresse, obwohl ich Spam bekommen könnte.

      Ohne Qualitätssicherung ist es sicherlich nicht optimal, aber zumindest zeigen einige Portale, dass es funktionieren kann. Und wenn ich als Lehrer unreflektiert Material aus offenen Quellen übernehme, ist das ebenso wenig in Ordnung wwie unreflektierter Einsatz von Schulbüchern, die auch alles andere als fehlerfrei sind!

      Sprudeln erst einmal die „offenen Quellen“, wird als erwünschter Nebeneffekt auch ein entsprechender Druck auf die Politik ausgeübt, die dann für den Aufbau von Qualitätssicherungswerkzeugen sorge tragen muss.

      just my 2 cents

  3. Es wird auf jeden Fall spannend, wenn mehr und mehr europäische Länder solche Wege gehen und somit den Druck auf den größten europäischen Bildungsmarkt (D) erhöhen. In Norwegen gibt es seit einiger Zeit die NDLA (National Digital Learning Arena), bei welcher fast alle „Bundesländer“ teilhaben und ebenfalls zum Unmut der Verlage Schulbuchmaterialien offen CC ins Netz stellen. Wer mehr darüber erfahren will, wir haben eine norwegische Vertreterin beim nächsten SpeedLab am 18.4. in HH zu Gast. Mehr unter werkstatt.bpb.de/speedlab3

  4. Ich denke, dass der große Unterschied darin besteht, dass 11 Millionen Euro in die Hand genommen werden.
    Im Saarland haen das die Lehrer quasi kostenlos gemacht. In diesem Fall steht ja richtig Asche hinter dem Projekt. Ich würde mir so etwas ähnliches auch in Deutschland wünschen. Denn es werden unmengen an Geldern für Schulbücher ausgegeben. Und der Witz ist ja, dass diese Schulbücher von Lehrer verfasst werden, die ja eigentlich im Dienste des Staates stehen. Würde jedes Bundesland einfach gezielt Lehrer abordnen zur Erstellung eines eigenen Schulbuches könnte man eine Menge Geld sparen. Aber wie gesagt, dann würde die Schulbuchverlage rumheulen, da ihr tolles Monopol flöten ginge.

  5. Ein großer Vorteil von „offenen“ Lern- und Lehrmaterialien ist sicherlich auch eine gewisse Rechtssicherheit bei den Lehrern. In einer anderen Diskussion hier (schon etwas länger hier) äußerte sich auch mal ein Lehrer hier und wies auf die Restriktionen hin, die ihn bei manchen Lehrmitteln betroffen hatten…

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