Reaktionen auf die kino.to-Razzia

Bereits vorgestern wurden bekanntermaßen die „Betreiber“ des Filmportals kino.to in einer von mehreren europäischen Ländern koordinierten Razzia verhaftet. Bei heise liest man dazu:

Am Mittwoch waren über 200 Polizisten, Steuerfahnder und Computerspezialisten in Deutschland und im europäischen Ausland im Einsatz. Dabei wurden 42 Wohnungen, Büros und Rechenzentren in 20 Städten durchsucht sowie umfangreiches Material beschlagnahmt.

Zum Vergleich: Auf der Google-Suche nach Razzien eines solchen Umfangs stieß ich auf Fälle wie den Einsturz des Kölner Stadt-Archivs oder groß angelegte Drogenrazzien. Bei kino.to wurde also alles andere als gekleckert. Ähnlich wie bei den Drogenrazzien scheinen Polizei und Staatsanwaltschaft sich aber auch durch mit der kino.to-Razzia mehr Feinde als Freunde gemacht zu haben: In Dresden demonstrierte eine Gruppe in Anonymous-Masken mit Slogans wie „Info-Mörder!“ oder „We will keep watching.“

Noch weniger Freunde als die Polizei hat sich aber wohl die Urheberrechtsindustrie gemacht. Spiegel Online zitiert einen Demonstranten:

Auf kino.to wurden doch lediglich Links bereit gestellt und keine Videodateien gespeichert. Es ist nicht fair, dass man ein Suchverzeichnis illegalisiert. […]
Wir können die Filmindustrie boykottieren. Ich gehe jedenfalls nicht mehr ins Kino


Damit hat der Aktivist kein Unrecht: Die Seite selbst hat meines Wissens nie selber gehostet, sondern nur verlinkt. Die Haftung für Links ist ja unsinnigerweise rechtlich immer wieder in der Diskussion, obwohl man das echt mal langsam sein lassen könnte. Bei kino.to versucht man es daher auch auf einem anderen Weg: Der Vorwurf lautet auf „Bildung einer kriminellen Vereinigung zur gewerbsmäßigen Begehung von Urheberrechtsverletzungen“ – und im Spiegel liest man, kino.to hätte

auf ein großes Netzwerk von Helfern zurückgreifen [können] – die sogenannten Uploader. Die schaufeln die Raubkopien in Accounts bei den Filehostern und reichen die Links an Verzeichnisse wie kino.to weiter. Die Gruppe um kino.to soll extra Online-Dateispeicher zu diesem Zweck gegründet haben. Die Uploader wurden angeblich für ihre Dienste bezahlt. 1000 Dollar im Monat will einer dieser Uploader verdient haben. […]

Wenn sich das bewahrheitet, sieht die rechtliche Situation für die werbefinanzierte Seite eher düster aus.

Die besagte Demo war nicht allzu stark besucht, was an ihrer kurzfristigen Ankündigung gelegen haben mag. Auf Facebook gibt es schon mehrere „wir wollen kino.to zurück“-Seiten.

Die Seite der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen hingegen, auf deren Anstrengungen die Razzia zurückgeht, ist seit einiger Zeit nicht mehr zu erreichen: Sie liegt in DDoS-Attacken darnieder. Das obligatorische YouTube-Video im Anonymous-Stil gibt es natürlich auch längst.

Proteststürme und Facebook-Seiten von Urheberrechts-Fanatikern aus der Breite der Bevölkerung blieben bisher aus. Überhaupt hält man sich in der Angelegenheit bedeckt. Man scheint ja gewonnen zu haben. Thomas Jarzombek (CDU) kommentierte gestern beim Treffen des VATM in der US-Botschaft Berlin:

Ich bin ja froh über das Beispiel kino.to, denn damit konnte ich meinen Fraktionskollegen nun endlich zeigen, dass ‚Löschen statt Sperren‘ doch funktioniert. Ich hoffe, wir können jetzt langsam diese Sperrdebatte hinter uns lassen.

Ich dokumentiere das einfach mal unkommentiert.

Update: Thomas Jarzombek schreibt in den Kommentaren:

Mein Zitat in dem Bericht ist falsch verkürzt. Ich habe vielmehr gesagt, dass Ermittlung eben nicht durch vermeintlich einfache technische Lösungen zu ersetzen sei. In einem Tweet am gleichen Tag habe ich das so ausgedrückt:
„Fall kino.to zeigt wie es laufen muss: Ermittlung ist eben durch nichts zu ersetzen. Weder durch sperren, noch durch löschen.“

47 Kommentare
  1. Auswaschbar 10. Jun 2011 @ 15:41
  2. TylerDurden 10. Jun 2011 @ 15:50
  3. Ein anderer User 10. Jun 2011 @ 18:25
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