Durch einen Tweet von Alvar wurden wir gerade darauf aufmerksam, dass das Bundesjustizministerium unter der Überschrift „Urheberrecht, allgemein“ von einer Urheberrechts-Lobbygruppe erstelltes „Lehrmaterial“ bewirbt und auch selbst zum Download anbietet. Zu finden gibt es dort einen Comic und einen Info-Flyer für Eltern, in dem diese aufgeklärt werden:
Das Internet birgt jedoch nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. So können Kinder im Netz auch mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Häufigste Ursache ist dabei die Missachtung des Urheberrechts […] als Erziehungsberechtigte sind Sie juristisch für das Verhalten Ihrer Kinder verantwortlich.
Das Bundesjustizministerium unterstützt dort offenbar die Zukunft Kino Marketing GmbH beim Bewerben von als „Unterrichtsmaterial“ bezeichneter pro-Urheberrecht-Propaganda. Die Zukunft Kino Marketing GmbH ist ein alter Bekannter: Sie hat die Urheberrechtsdebatte bereits durch die wohlrezipierte, aufklärerische und ausgewogene Kampagne „Raubkopierer sind Verbrecher“ bereichert und engagiert sich seit Jahren für eine Verschärfung des Urheberrechts und 3‑strikes-Regelungen.
Wir haben eine Anfrage an die Pressestelle des Bundesjustizministeriums gestellt, wie es denn dazu wohl kommen konnte, dass das BMJ diese Materialien bewirbt. Noch warten wir gespannt auf Antwort. [Update: Andere haben schon eine Antwort bekommen.]
Außerdem war die Entdeckung natürlich Grund genug, sich diese GmbH und ihre Veröffentlichungen mal ein bisschen näher anzuschauen. Die Materialien werden als Initiative „Respect Copyrights – eine Initiative zum Schutz des Originals“ kostenlos zur Verfügung gestellt. Neben dem Comic samt Unterichtsmaterial werden auch Rollenspiele vorgeschlagen und sogar Lehrer-Workshops angeboten. Natürlich findet sich auf der Seite eine sehr geschliffene Sammlung von Argumenten für das Urheberrecht – zur Unterrichtsvorbereitung wohl. Eine Sammlung von Argumenten für eine Überarbeitung des Urheberrechts sucht man natürlich vergebens, allerdings reicht die Initiative dem willfährigen Pädagogen einen Leitfaden zum geschickten Umgang mit den häufigsten Einwänden besonders hartnäckige Schüler zur Hand.
Für Eltern gibt es eine Fülle an „Aufklärungsmaterial“, um ihnen auch wirklich zu verdeutlichen, dass ihr geliebter Sprössling schon mit einem Bein im Knast steckt, und ihnen viel Ärger einhandeln kann.
[…] 2. Illegales Kopieren und Herunterladen ist auch im Netz strafbar und wird verfolgt. Sie haften für Ihr Kind!
3. Wo heruntergeladen wird, lauern Viren und Trojaner. Schützen Sie Ihr Kind und sich davor! […]
5. Auf unbekannten Seiten kann Ihr Kind mit Menschen in Kontakt kommen, denen es im realen Leben auch nicht begegnen sollte. […]
Von sich selbst behauptet die Initiative, sie wolle…
aufklären, Informationen liefern und Fragen rund um das Thema „Raubkopieren“ beantworten. Im Fokus steht hierbei das Thema Urheberrecht und die rechtlichen, gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Folgen, die sich aus einer Urheberrechtverletzung durch Raubkopieren ergeben.
… all dies also mit dem besonderen Segen des Bundesjustizministeriums?
Ganz unten findet sich dann auch eine Auflistung der beteiligten Lobbyverbände. Genannt werden: Zukunft Kino Marketing GmbH, HDF KINO e.V., Cineropa, Verband der Filmverleiher e.V. (VdF), Bundesverband Audiovisuelle Medien e.V. (BVV), Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V. (IVD) und die Filmförderungsanstalt (FFA). Im Impressum findet sich dann noch Scholz & Friends, die den Kontakt für Pädagogen übernehmen.
Rein nach der Qualität zu urteilen empfehle ich daher eher die Unterrichtsmaterialien von irights.info, die einen sehr viel ausgewogeneren Eindruck machen. Sie wurden Menschen mit thematischen, statt finanziellen Interessen zusammengestellt und werden mit Partnern wie der Zeit, statt dem Bundesjustizministerium vertrieben.
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Musterlösung
Aus einer anonymen Quelle wurde netzpolitik.org eine Musterlösung zum Material von respect privacy zugespielt: Wir veröffentlichen an dieser Stelle Auszüge davon, um Kindern das möglichst schnelle abhandeln des Propaganda-Materials zu ermöglichen, damit sie sich wieder sinnvollen Aufgaben zuwenden können.
Schülerblatt 1b: 1. Geht Ihr auch gerne ins Kino? Was gefällt Euch dort besonders? Was ist im Kino anders als wenn man zu Hause einen Film schaut?
Musterlösung: Wenn man Glück hat, ist das Kino leer und man wird nicht ständig von Popcorn-Gemampfe und Gequatsche der um einen rumsitzenden Menschen gestört. Ist es voller, fehlt etwas Privatsphäre. Durch Beamer und hochauflösende Fernseher mit den passenden Soundanlagen gibt es mittlerweile auch zuhause die Möglichkeit, Kino-Feeling zu bekommen. Das hat Vorteile, dass man ungestörter Filme konsumieren kann, auch mal auf Pause drücken kann, wenn jemand die Toilette besuchen möchte und das Bier ist auch günstiger.
2. Was könnten Gründe dafür sein, dass der Film so schlecht besucht war?
Musterlösung: Erstmal kann der Film generell schlecht sein und viele potentielle Besucher haben darüber von anderen Menschen über Twitter, Soziale Netzwerke oder medienberichterstattung gelesen und wurden vorgewarnt. Dann spielt der Preis oft eine Rolle, wenn der Kinobesuch mal eben 9 Euro kostet, überlegt man sich das vielleicht zweimal. Dazu ist das Interesse an Kino und Filmen generell bei bestimmten Zielgruppen zurückgegangen und geld wird z.B. von männlichen Jugendlichen lieber für Konsolen und/oder Computerspiele ausgegeben als für Kinobesuche, wie das bei unseren Eltern noch üblich war.
Schülerblatt 2b: 1. Was könnte Lilly meinten, wenn sie vermutet, dass es keine Filmdrehs und keine Schauspielerei mehr geben könnte, wenn niemand mehr ins Kino geht?
Musterlösung: Wahrscheinlich hat Lilly zuviel Propaganda aus dem „Raubkopierer sind Verbrecher“-Umfeld mitbekommen und glaubt tatsächlich daran. Es gibt nämlich keine logische Erklärung, dass es keine Filmdrehs und keine Schauspielerei mehr geben könnte, wenn niemand mehr ins Kino geht. Dann kommen Filme in anderen Medienformen heraus und werden an anderen Orten konsumiert – die Nachfrage ist immer noch da. Zumal nicht nur Kinos die Produktion von Filmen refinanzieren, sondern beispielsweise jeder von uns durch Steuergelder, die in Filmförderung ließen.
3. Kinofilme erreichen die Zuschauer immer in der Reihenfolge Kino – Videothek Geschäft – Fernsehen. Warum machen die Filmfirmen es nicht anders herum? Erkläre was passieren könnt
Musterlösung: Gute Frage, die kann man gleich mal zurückgeben an die Produzenten dieser Schulmaterialien. Man muss es nicht anders machen, sondern könnte das Geschäftsmodell dem Mark t und dem Bedürfniss der Konsumenten anpassen. Warum muss es diese Verwertungskaskade aus der analogen Zeit noch geben? Wieso erscheinen Filme ein halbes Jahr zuvor in den USA, wenn ich in Echtzeit von meinen Freunden in den USA mitbekomme, dass ein Film gut und interessant ist, ich ihn aber erst in einem halben Jahr legal ansehen darf? Warum muss ich erstmal warten, bis ein Film in allen Kinos ausgelaufen ist, um ihn mir online oder in der Videothek legal zu holen?
4. Nicht alle Filme müssen teuer sein und daher auch viel Geld wieder „einspielen“. Wann wird ein Film besonders teuer?
Musterlösung: Besonders teuer wird ein Film auch, wenn teure Schauspieler mitspielen. Mag sein,d ass man diese aus Marketinggründen verpflichtet, z.B. in der Hoffnung, dass Brad Pitt einen schlechten Film und Story durch seine Anwesenheit aufwertet?
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Anfrage an das BMJ
1. Warum bewirbt das Bundesjustizministerium diese Unterrichtsmaterialien, die offensichtlich nicht besonders ausgewogen über das Urheberrecht informieren?
2. Ist es angedacht, ausgewogenere Unterrichtsmaterialien zu fördern, die verschiedene Perspektiven der Urheberrechtsdebatte darstellen, anstatt einseitig die Sichtweise bestimmter Lobbygruppen zu fördern?
3. Bedeutet die Bewerbung der Unterrichtsmaterialien, dass sich das BMJ auch die politischen Forderungen der respectcopyrights-Kampagne zu eigen macht?