…bauen die einen Windmühlen, und die anderen Schutzmauern.
Von carta als eine der interessantesten #a2n-Sessions empfohlen, kündigten Lukas Schneider und Stefan Herwig eine Analyse zur Strukturkrise der Musikwirtschaft an. Die Frage Wohin bewegt sich das Netz? sollte geklärt werden. Die Programmankündigung ließ schon auf das Fazit schließen: Welche Schranken sollte es dabei geben? Es ging also mal wieder darum, in das Internet kontrollierend einzugreifen.
Die groß angekündigte Strukturanalyse lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen:
Es gab früher einen Markt für Musikaufnahmen. Durch die Lösung der Musikaufnahme von einem physikalischen Träger verliert die Musikaufnahme ihre Exklusivität, und der Markt versagt. Bei Marktversagen ist der Staat in der Pflicht, den Markt wieder herzustellen. Tut er das nicht, dann haben wir ein Staatsversagen.
Wieso der Staat in der Pflicht sein sollte, das Marktversagen (wenn davon überhaupt die Rede sein kann, Stefan Peter Roos nannte es korrekt ein „Geschäftsmodellversagen“) zu verhindern, wurde nicht ausgeführt. Auch auf das Argument, dass der Markt für Musikaufnahmen ja gerade einmal ca. 100 Jahre alt ist, und es davor ebenso Musik und ökonomische Lebensentwürfe für Musiker gab, wurde nicht eingegangen. Weiterhin hätten natürlich auch die Folgen des Staatsversagens interessiert. Laufen wir Gefahr, dass bald die Hütten brennen und Blut in den Straßen fließt? (Erläuterung hier)
Für Schneider und Herwig war ein Eingreifen des Staates alternativlos. Der Staat müsse den Verlust der Exklusivität für geistige Güter rückgängig machen, um den Markt zu retten. Der Hinweis, dass die momentanen gesetzlichen Regelungen bereits das immaterielle geistige Eigentum durch Urheberrechte und Patente schützen, wurde überhört.
Wo also müsse der Markt gerettet werden? Natürlich, ans Netz müsse man heran. Der Begriff ‚rechtsfreier Raum’ fiel nicht explizit, aber das Aufkommen des Internets wurde mit dem Aufkommen des automobilen Straßenverkehrs verglichen. Hinkend:
Der Straßenverkehr expandierte auch enorm, brachte auch enorme Vorteile, hat auch die Gesellschaft stark beeinflusst. ABER: Zu Beginn fuhren alle viel zu schnell und rücksichtslos. Es gab viele Tote. Es starben 6 Kinder pro Tag. Die Nachteile überwogen also die Vorteile, es musste reguliert werden. Mit mehreren Reformen der StVO wurde der Straßenverkehr optimiert, es starben weniger Menschen.
Das gleiche ist nun beim Internet der Fall.
Dass für die Musikindustrie in ihrer momentanen, anachronistischen Positionierung die wirtschaftlichen Vorteile des Internets von den wirtschaftlichen Nachteilen überwogen werden, mag vielleicht sein. Schließlich weigert sich die Musikindustrie auch seit gut einem Jahrzehnt, beherzt und mutig von den Vorteilen Gebrauch zu machen. Die Behauptung, dass dies für die gesamte Gesellschaft der Fall ist, ist natürlich nicht haltbar.
Die Antwort auf die Frage „welche Schranken sollte es dabei geben?“, in der die etwas krude Argumentation letztlich münden sollte, wurde nicht gegeben. Lukas Schneider machte nur die vage Andeutung
Privatsphäre erlischt erst, wenn gesellschaftlich akzeptierte Regeln überschritten werden. […]
Wen ich den Gedanken jetzt hier zu Ende führe, kriege ich vom Publikum nur noch mehr die Hucke voll.
Und das Publikum hätte auch allen Grund dazu gehabt. Dass ein industrieller Zweig sein eigenes Unvermögen, sich proaktiv an neuen Bedingungen der Gesellschaft auszurichten dadurch kompensieren will, in ein gesellschaftliches Medium einzugreifen und dieses Medium zur Wahrung der eigenen ökonomischen Interessen zu kontrollieren, ist schlichtweg unsäglich. Sich dabei einer (gelinde gesagt) streitbaren wissenschaftlichen Position zu bedienen, macht es nicht besser.