Kultur

Wenn der Wind des Wandels weht,…

…bauen die einen Windmühlen, und die anderen Schutzmauern.

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Von carta als eine der interessantesten #a2n-Sessions empfohlen, kündigten Lukas Schneider und Stefan Herwig eine Analyse zur Strukturkrise der Musikwirtschaft an. Die Frage Wohin bewegt sich das Netz? sollte geklärt werden. Die Programmankündigung ließ schon auf das Fazit schließen: Welche Schranken sollte es dabei geben? Es ging also mal wieder darum, in das Internet kontrollierend einzugreifen.

Die groß angekündigte Strukturanalyse lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen:

Es gab früher einen Markt für Musikaufnahmen. Durch die Lösung der Musikaufnahme von einem physikalischen Träger verliert die Musikaufnahme ihre Exklusivität, und der Markt versagt. Bei Marktversagen ist der Staat in der Pflicht, den Markt wieder herzustellen. Tut er das nicht, dann haben wir ein Staatsversagen.


Wieso der Staat in der Pflicht sein sollte, das Marktversagen (wenn davon überhaupt die Rede sein kann, Stefan Peter Roos nannte es korrekt ein „Geschäftsmodellversagen“) zu verhindern, wurde nicht ausgeführt. Auch auf das Argument, dass der Markt für Musikaufnahmen ja gerade einmal ca. 100 Jahre alt ist, und es davor ebenso Musik und ökonomische Lebensentwürfe für Musiker gab, wurde nicht eingegangen. Weiterhin hätten natürlich auch die Folgen des Staatsversagens interessiert. Laufen wir Gefahr, dass bald die Hütten brennen und Blut in den Straßen fließt? (Erläuterung hier)

Für Schneider und Herwig war ein Eingreifen des Staates alternativlos. Der Staat müsse den Verlust der Exklusivität für geistige Güter rückgängig machen, um den Markt zu retten. Der Hinweis, dass die momentanen gesetzlichen Regelungen bereits das immaterielle geistige Eigentum durch Urheberrechte und Patente schützen, wurde überhört.

Wo also müsse der Markt gerettet werden? Natürlich, ans Netz müsse man heran. Der Begriff ‚rechtsfreier Raum‘ fiel nicht explizit, aber das Aufkommen des Internets wurde mit dem Aufkommen des automobilen Straßenverkehrs verglichen. Hinkend:

Der Straßenverkehr expandierte auch enorm, brachte auch enorme Vorteile, hat auch die Gesellschaft stark beeinflusst. ABER: Zu Beginn fuhren alle viel zu schnell und rücksichtslos. Es gab viele Tote. Es starben 6 Kinder pro Tag. Die Nachteile überwogen also die Vorteile, es musste reguliert werden. Mit mehreren Reformen der StVO wurde der Straßenverkehr optimiert, es starben weniger Menschen.
Das gleiche ist nun beim Internet der Fall.

Dass für die Musikindustrie in ihrer momentanen, anachronistischen Positionierung die wirtschaftlichen Vorteile des Internets von den wirtschaftlichen Nachteilen überwogen werden, mag vielleicht sein. Schließlich weigert sich die Musikindustrie auch seit gut einem Jahrzehnt, beherzt und mutig von den Vorteilen Gebrauch zu machen. Die Behauptung, dass dies für die gesamte Gesellschaft der Fall ist, ist natürlich nicht haltbar.

Die Antwort auf die Frage „welche Schranken sollte es dabei geben?„, in der die etwas krude Argumentation letztlich münden sollte, wurde nicht gegeben. Lukas Schneider machte nur die vage Andeutung

Privatsphäre erlischt erst, wenn gesellschaftlich akzeptierte Regeln überschritten werden. […]
Wen ich den Gedanken jetzt hier zu Ende führe, kriege ich vom Publikum nur noch mehr die Hucke voll.

Und das Publikum hätte auch allen Grund dazu gehabt. Dass ein industrieller Zweig sein eigenes Unvermögen, sich proaktiv an neuen Bedingungen der Gesellschaft auszurichten dadurch kompensieren will, in ein gesellschaftliches Medium einzugreifen und dieses Medium zur Wahrung der eigenen ökonomischen Interessen zu kontrollieren, ist schlichtweg unsäglich. Sich dabei einer (gelinde gesagt) streitbaren wissenschaftlichen Position zu bedienen, macht es nicht besser.

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26 Kommentare
  1. Ich sehe den Automobilvergleich doch ein wenig anders…

    Autos kamen, und Kutschenmacher sowie Pferdezüchter hatten nun ein Problem. Ein Auto war einfacher, und somit interessanter. Deswegen haben sich schlussendlich Autos durchgesetzt, aber nicht Kutschen und Pferde.

    Autos waren schlicht einfacher zu „besitzen“. Tanken und Inspektionen. Das wars. Genau so sehe ich das auch mit der Musikindustrie und dem Internet. Es bedarf einfach keiner Musikindustrie mehr. Jeder Musiker kann sich jetzt selbst verkaufen wie er mag, was vorher durch straffe Strukturen im Markt unmöglich war. Hiervor hat die MI viel mehr Angst, als vor den „bösen bösen Raubkopierern“. Denn wenn die Musiker sehen, dass sie für jedes Lied ECHT entlohnt werden, nur nur hypothetisch (siehe div. Berichte von Musikern im Netz), dann wird die MI ganz schnell in der Versenkung verschwinden.

    Das Beste daran ist… es werden nur Parasiten arbeitslos. Also Leute, die nur dazu da sind um mit dem Schaffen anderer Geld zu verdienen.

    Auch würde es zu echterer Kultur beitragen, denn das was uns die MI von heute vorsetzt ist nicht zwingend das, was das Volk will. Es wird nur extremst damit geworben, bis eben der erwünschte Markterfolg eintritt.

  2. Unter anderem zur Marktversagen-These habe ich nach der Sigint, wo ich u.a. mit Stefan Herwig auf dem Podium saß, auch gebloggt unter dem Titel »Der Öffentlichkeit nicht den Boden entziehen. Anforderungen an ein neues Urheberrecht«. Daraus:

    Die vulgärliberale Parole »Leistung muß sich lohnen« verschleiert, was ein Markt leistet: Ein Markt bringt Angebot und Nachfrage zusammen, Preise sind Indikatoren für Knappheit, Bedarf und Verfügbarkeit.

    […]

    Und es ist kein Marktversagen, wenn niemand mehr Content kauft. Der Markt ist ein Instrument, mit Knappheit umzugehen. Wenn man ein nicht-knappes Gut nicht verkaufen kann, dann liegt das daran, daß der Markt schlicht das falsche Werkzeug ist. Immaterialgüter verkaufen zu wollen ist aus einer naturrechtlichen Perspektive so sinnvoll wie Luft verkaufen zu wollen.

  3. Das ist Chewbacca. Er ist ein Wookiee vom Planeten Kashyyyk. Sechs Kinder täglich! Was machen Tauschbörsennutzer auf Endor? Es ergibt keinen Sinn. Wir brauchen dringend Schranken, um das Staatsversagen zu verhindern. Ich wiederhole nocheinmal: Sechs Kinder täglich wurden anfangs durch P2P-Datenströme überfahren! Denkt denn keiner an die Kinder? Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Der Straßenverkehr darf kein rechtsfreier Raum sein!

    Mhm … die Buzzword-Ansammlungen geben auch nichts neues mehr her. Aber amüsant, wie die Sentimentalisierung durch Bezug auf Kinder an jeder noch so abwegigen Ecke lauert. Die Industrie hat gelernt.

  4. Das mit dem Marktversagen ist echt witzig. Wenn sich irgendwelche Produkte nicht so gut verkaufen wie der Hersteller das gern hätte, ist das also Marktversagen, und der Staat muss einspringen. Das trifft dann natürlich auf jedes jedes Produkt/jede Dienstleistung zu, schließlich möchte jeder Hersteller/Dienstleister seinen Gewinn noch steigern. Und der einzig positive Effekt der Marktwirtschaft, dass sich innovative Produkte die den Bedürfnissen der Masse besser entsprechen, per Angebot und Nachfrage durchsetzen, und überflüssige untergehen, wird außer Kraft gesetzt. Man stelle sich vor, die Kutschenhersteller und Pferdezüchter hätten die Staaten zum Kampf gegen Dampfmaschinen, Elektrizität und Verbrennungsmotoren überreden können.

    P.S.: Sinkende Nachfrage oder nicht ins undendliche steigende Gewinne würden wohl kaum unter den Begriff Marktversagen passen. Eher die Situation, dass ein paar Oligopolisten den Staat instrumentalisieren, um ihre Gewinne zu halten/steigern (z.B. per Abgaben auf Speichermedien, Radioquoten, Kampf gegen Filesharer, usw.). Also wäre eher die Zerschlagung der Musikindustrie nötig, als weitere oligopolsichernde Maßnahmen.

  5. Es hätte mich persönlich auch sehr gefreut, wenn es die Gelegenheit gegeben hätte, früher in die Diskussion einzusteigen.
    Zu den Begriffsdefinitionen, Marktabgrenzung, ordnungspolitischen Instrumenten (minimalinvasiver Art;-)) und den direkten Kausalketten hätte es noch viel zu ergänzen und zu hinterfragen bzw. auch grundlegend abzulehnen gegeben.
    So das eine oder andere Keyword aus meiner Freemium-Session hätte dann auch noch gepaßt:

    http://www.slideshare.net/pmslides/free-and-freemium-session-outlinepdf

    Eine frühe Öffnung für die Publikumsbeteilung wäre hier m.E. der bessere Ansatz gewesen, dahier durchs qualifizierte Sachargumente kamen, nach 1,5h Panel im wesentlichen halt.

  6. Marktversagen? Ja ne ist klar…
    Dass die Musik-Industrie so Probleme hat, ist imho eher ein Zeichen dafür, dass der Markt funktioniert.

    Statt sich also Gedanken über neue Produkte & Dienstleistungen um die Musik herum zu machen, wird rumgeheult.
    In anderen Branchen wird das Geld doch auch schon lange nicht mehr mit dem ursprünglichen Produkt verdient, sondern mit der Dienstleistung zum Produkt.

  7. Der (stets zu verschlankende) Staat soll eingreifen ? Sonst wird doch auch immer vom \freien Markt\ gefaselt, der alles viel, viel besser kann. Aber so läuft’s halt immer. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Also ich bin absolut dafür, dass der Markt das mal schön alleine regelt.

  8. @Daniel: Das ist ein interessanter Artikel und ich finde es faszinierend, dass 1906 auch schon von „Piraten“ gesprochen wurde.

    Aber die Lage ist nicht unmittelbar vergleichbar mit heute. Notenblätter und Tonträger sind beides physische Träger von Information. Der Wunsch der Notenblatt-Faktion nach Gleichbehandlung war gerechtfertigt und hat sich ja auch durchgesetzt (man hätte natürlich auch Gleichbehandlung gehabt, wenn beide gleichermaßen nicht dem Copyright unterworfen wären). Beide Gruppen haben wertbehaftete physische Gegenstände verkauft und es gab keinen anderen lohnenden Weg, an die Musik zu kommen. Man konnte natürlich handschriftliche Kopien von Notenblättern machen, aber die dafür aufzuwendende Zeit war im Grunde mehr wert als die gedruckten Notenblätter. Insofern hatten beide Gruppen faire Geschäftsmodelle. Der Unterschied heute ist halt, dass das, was die Muskindustrie verkaufen möchte, keinen physischen Anteil mehr hat und ohne relevanten Zeit- oder Kostenaufwand von jedermann dupliziert werden kann.

  9. Mir scheint, den Begriff „Marktversagen“ in die Runde zu werfen war ein Eigentor erster Güte. In einem funtionierenden Markt wäre die Musikindustrie längst komplett pleite (wie meine Vorredner schon gut erklärt haben – Angebot quasi unendlich, Nachfrage begrenzt…). Daß sie es nicht ist, verdankt sie einer künstlichen Verknappung durch staatliche Eingriffe (inzwischen hauptsächlich indirekt, durch Verbreiten von Angst und Schrecken mit Abmahnungen). Da ist das Marktversagen.

  10. Vom Winde verwirrt…..

    Leider leider leider,

    ging dieser Artikel und auch die Diskussion gestern am Thema vorbei.
    Deswegen möchte ich vielleicht mal meine Motive dafür ausführen, warum ich ganz persönlich meine Visage für diese Geschichte hergegeben habe.

    Bei allem Idealismus, und der bezieht sich in erster Linie auf Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, bin ich an Realitäten interessiert.

    Was ist der Status Quo in der Urheberrechts(-durchsetzungs)debatte?

    Da haben wir eine Musikwirtschaft, die am Fortbestand einer gewissen Kultur interessiert ist, und die seit zehn Jahren beobachten muss, wie eine mögliche Alternative zu ihrem bisherigen Geschäft nach der anderen scheitert.

    Dann gibt es Leute wie Stefan Peter Roos, die sich allen Ernstes hinstellen und uns erzählen wollen, dass es doch eine kluge und weißgottwieinnovative Idee sei, unsere Produkte attraktiv zu machen und Leuten mitzuteilen, dass es uns und unsere Machwerke gibt. Als ob wir das nicht schon getan hätten bevor massenhaft illegal Musik ins Netz gestellt wurde.

    Es gibt eine Politik, die gerade in blindem Aktionismus entweder Orwell als Utopie missdeutet oder glaubt sich den Utopisten des anderen Lagers anbiedern zu müssen.

    Und es gibt mich…

    Ich habe angefangen mit Stefan Herwig zu überlegen, ob es vielleicht einen Kompromiss geben kann.
    Als Musiker fühlte ich mich von der damaligen sog. Musikindustrie nicht vertreten. Um es deutlich zu sagen: Ich fand diese ganze Netzsperren-, Abmahn-, DPI-, Anschlussabklemmscheiße schlicht zu kotzen. Und zum Glück sehen das die meisten Leute in der Musikwirtschaft und ihren Verbänden mittlerweile ähnlich. – Ja auch die Jungs die wahrscheinlich am meisten verhasst sind –
    Aber irgendwas in seiner Beschissenheit zu erkennen ist keine Lösung.

    Ich könnte mich theoretisch auf der Aussage ausruhen, dass das Netz in all seiner Größe seit zehn Jahren für Newcommer eher ein Problem, denn eine Lösung war. Dass die klassische und ach so obsolete Musikwirtschaft für den größten Teil meiner schrammelden und Synthies zwirbelnden Kollegen und Kolleginnen immer noch DIE Partnerin beim ersten Schritt in die Professionalität war und ist. Dass der größte Teil der Wertschöpfung mit Musik immer noch durch die Kanäle der Labels, Verlage, Vertriebe und Booker zu uns Künstlern gelaufen ist und zwar unter fairen Bedingungen für alle Beteiligten.

    Und dass mir das Netz und die Paranoia der darin lebenden egal sein kann.

    Dem ist aber nicht so, weil ich da auch lebe und aufgewachsen bin.

    Im Gegenteil ich will und verlange von Netzaktivisten und denen innerhalb der Musikwirtschaft, die geradeaus denken können, dass wir die Köpfe zusammenstecken und mal weniger gegeneinander schreien. Wir müssen uns der Tatsache bewusst werden, dass wir nur dann ein Gegengewicht gegen die vorherrschende bidirektionale Idiotie in der Politik bilden können, wenn wir Alternativen in der Hand haben!!!
    Maximalforderungen wie potototalitäre Überwachungsinfrastrukturen und völlige Anarchie sind dabei leider wenig hilfreich, weil realpolitisch betrachtet indiskutabel.
    In der Konsequenz heißt das, dass es, wie immer in einem demokratischen Rechtsstaat, einen Kompromiss geben muss. Wenn dieser Kompromiss ausgehandelt wird können wir entweder schreien und blöken oder einen Vorschlag machen.

    Man darf dabei aber auch nicht vergessen, dass diese Debatte um Musik und Urheberrecht eigentlich eine pars pro toto Diskussion ist. Wir müssen uns die Frage stellen ob wir auf Anreizsysteme für Schöpferische Leistungen verzichten wollen. (nebenbei bemerkt kam der Hinweis auf Patente in der Diskussion gestern von mir…)
    Wenn wir eine Informationsgesellschaft sein wollen, in der Informationsarbeiter mit Informationsgütern Wertschöpfung betreiben wollen ist die Frage ob Märkte für immaterielle Güter versagen oder nicht essentiell. Wir haben gerade noch eine Situation in der immaterielle Güter einen mehr oder weniger durchsetzbaren Schutz genießen, sodass der Markt entscheiden kann ob für einzelne Güter offene oder geschlossenere Modelle erfolgreich sind. Im Musikbereich gibt es zur Zeit (natürlich bezogen auf Musik als Immaterialgut – Anmerkung für Herrn Roos ;-)) diese Durchsetzbarkeit de facto nicht mehr.
    Wenn man wie viele der Netzutopistenfront aus der Opensourceecke kommt scheinen freie Modelle natürlich und sowieso attraktiveren zu sein. Und das sind sie zu häufig recht. Nur lässt sich das auf Musik nicht eins zu eins und eventuell gar nicht übertragen. Was nicht heißen soll, dass man da nicht trotzdem ergänzende Ideen mitnehmen kann.

    Warum bin ich mir da so sicher?

    Weil wir als Musikwirtschaft eben seit fast einem ganzen Jahrzehnt unfreiwillig „Freikultur“ betreiben. All die Dinge, die uns von Weiss, von Roos, Shirky, Anderson etc. über Künstlermarken und Aufmerksamkeit, über Mehrwertprodukte und Sekundärauswertung, über Fanbindung und Konzerte erzählt werden setzen wir, halb notgedrungen und halb mit einem riesigen Spaß beim Machen, um. Mit dem Resultat, dass es uns leider nicht gut und zunehmend schlechter geht, müssen wir trotzdem leben.
    Ich behaupte sogar, dass keine andere Branche sich so flexibel dem Netz angenähert hat wie die Musikwirtschaft. Damit ist nicht die Rethorik gemeint oder das Treiben von Digiprotect, sondern unser tatsächliches Handeln als Unternehmer und Unternehmerinnen, als Kulturschaffende, als Künstlerinnen und Künstler.

    Und da darf doch mal die Frage erlaubt sein, ob das Kind Namens Rechtsdurchsetzung, welches in den Brunnen gefallen ist noch lebt.

    Und nur um es gesagt zu haben:
    JA! Ich fordere einen staatlich- regulativen Eingriff in das Netz, so wie ein Verbot von Adresshandel, Datenschutzvorgaben in Socialnetworks, oder der Datenbrief sehr unterstützenswerte Vorschläge für staatliche regulative Eingriffe darstellen.
    Nur weil etwas „staatlich- regulativ“ heißt muss es nicht vom Teufel sein. Es kann sogar vernünftig sein, wenn sich vernünftige Menschen in einer vernünftigen Diskussion vernünftige Kompromisse aushandeln.

    1. @LUkas Schneider: Das hier tatsächlich ein Marktversagen vorliegt, ist ja durchaus umstritten und die Forderung von Verkehrsregeln für Netz gehört mittlerweile zum Standard-Rhetorik-Repertoir vieler Politiker, wenn sie sich zum Netz äußern. Was mich an der Diskussion gestern störte, war, dass Ihr zu wenig konkretisiert habt, welche „staatlich-regulativen Eingriffe in das Netz“ Ihr denn nun fordert/wünscht. Das kann ich jetzt in Deinem Kommentar auch nicht wirklich herauslesen. Das wäre eine interessante Diskussion geworden, wenn Du Abmahnung/DPI/etc auch nicht gut findest.

  11. Lieber Stefan, lieber Lukas,

    Auch in der StVO gibt es keine Berücksichtigung partieller ökonomischer Interessen.

    Ob nun eure ANALYSE betriebs- oder volkswirtschaftlich korrekt ist oder nicht, spielt eine untergeordnete Rolle. So lange euer Fazit bleibt, dass ein per se inhaltsneutrales Medium im Sinne (egal welcher) ökonomischer Interessen beeinträchtigt werden soll, werden wir nicht übereinkommen. Ich habe beim Panel schon gesagt, dass ich (eure!) Musik mag und mein Interesse deren Erhalt gilt.

    ABER: Nicht zu den Kosten, die Einschnitte ins Netz, das doch so viel mehr ist als eine Straße oder Bedrohung eures Geschäftsmodells, bedeuten würden.

    Es gibt die Gesetze zum Schutz eures Schaffens. Ich stimme übrigens sogar mit Lobo überein, dass das Verletzen des erklärten Willens einer anderen Person – nicht nur im ökonomischen Bereich – nicht in Ordnung ist.

    Ich schrieb auf diesem Blog vor ein paar Tagen einmal, dass ein freiheitlicher Rechtsstaat sich dadurch auszeichnet, dass auch illegales Verhalten immer potenziell MÖGLICH ist.

    Im Rahmen meiner Überzeugungen bleiben euch mehrere, nicht exklusive Wege: die Schärfung des moralischen Bewusstseins (darüber sprach ich gerade noch mit Stefan Benn) und das Bauen von Windmühlen. Macht bitte beides. Aber lasst sie Finger vom Netz selbst.

    Wenn ihr diesen Ansichten nicht entgegen steht (und ich hoffe, mehr als ich es glaube, das ihr das tut) bin ich gerne zu weiteren, fruchtbareren Diskussionen bereit. Vor oder nach der angesprochenen Soireé.

    Liebe Grüße, mit Respekt vor eurem Schaffen,

    Linus

  12. @Markus
    Du hast recht, dass wir keinen konkreten Vorschlag gemacht haben. Das wollten wir eigentlich dort in der Diskussion entwickeln.

    Wenn du uns so verstanden hast, dass wir auch dieser „StVO für’s Netz“-Rethorik nachhängen, dann habe ich da was falsch rübergebracht.

    Was wir lediglich sagen ist, dass man aus der ENTWICKLUNG der StVO lernen kann. Zum Beispiel in dem man zunächst erkennen muss, wo, welche Probleme aus welchen Gründen von was oder wem verursacht werden und, BEVOR man sich daran macht Regeln zu entwerfen und sie durch zu setzen.
    Und wenn man dann Regeln entwirft ist es wichtig zu beachten, dass man ausschließlich das Problem reguliert und nicht noch rechts und links davon Dinge, die vielleicht sinnvoll und unproblematisch sind.

    Ein Negativbeispiel im Netz ist z.B, diese Zensursula Debatte. Wo Ursel erstmal ein Gesetz machen wollte ohne sich informiert zu haben, geschweige denn den Sinn zu hinterfragen…. der Rest ist, denke ich, erschöpfend dokumentiert.

    Deswegen wollten wir die Diskussion auch offen halten, weil gerade im Bereich UrhR eine völlig konfuse und unsichere Daten- und Stimmungslage vorherrscht.
    Was wir klar sagen können, ist, das sich analog zur Entwicklung der Möglichkeit die Werke anderer unerlaubt zu verbreiten, die Möglichkeit mit diesem Werken auf primären oder sekundären Märkten Geld zu verdienen geschwunden ist, besonders dann, wenn es um Künstleraufbau geht.
    Wer glaubt man könne da eine einfache monokausale Cause and Effect Konstruktion ableiten ist sicher auf dem Holzweg.
    Deswegen müssen wir schauen, warum der Musikmarkt sich derart ungut entwickelt hat und WO GENAU die Probleme liegen.
    Ein Problem, dass sich ökonomisch modellieren lässt ist eben ein Marktversagen durch einen externen Effekt bzw. einen Wandel vom Immaterialgut Musik hin zu einem (quasi-) öffentlichen Gut.
    Dazu ein klärendes Wort: Dieses Marktversagen mache ich vor allem am Wegfall von Anreizsystemen fest, also der schwindende Möglichkeit mit der Bereitstellung von Musik (im allgemeinen und speziellen) einen Erlös zu generieren.

  13. Ein System hat immer einen Kontext, in dem es funktioniert. Wenn ein System versagt, dann muss ich das System überprüfen und anpassen, nicht dessen Kontext. Man schaue auf die biologische Evolution, wo sich Individuen fortentwickeln, indem sie sich an die natürlichen Gegebenheiten und deren Veränderungen anpassen, nicht umgekehrt. Um es mal mit Marc Aurel zu sagen: \Es wäre dumm, sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum.\

    Wenn alte Marktkonzepte im Internet versagen, dann muss ich die Konzepte überdenken und neu konzipieren, nicht das Internet. Ich muss mich anpassen, nicht die Welt, sonst sterbe ich aus.

    Unpassend ist das Festhalten an physischen, dinglichen Vorstellungen wie \Stück\, \hier ist ein Lied\, \kaufe diesen Song\. In einem Kontext, wo keine Knappheit existiert, funktionieren diese Ideen nicht, sie sind künstlich und das wird von den Internetbewohnern auch so empfunden. Diese sehen vor sich keine einzelnen, zu bezahlende Tropfen, sondern einen riesigen, unbegrenzten Bit-Ozean, aus dem sie mit ihrer persönlichen Bit-Kelle frei und selbstbestimmt schöpfen möchten. Und das nicht unbedingt für lau! Warum bezahlt jemand für die Bit-Kelle namens \RapidShare\? Was möchte er?

    Schuld sind nicht die Filesharer, wenn wir sorgenvoll eine zunehmenden Kontrolle des Internet beobachten. Schuld sind, auch stellvertretend, die Musik- bzw. Verwertungsindustrien, die – anstatt ihr System evolutionär zu überdenken – den Kontext verändern wollen. Kontext verändern ist schwierig, Millionen Menschen haben sich bereits an ihn angepasst, um diese neue, aber unerwünschte Spezies wieder zurückzudrängen, braucht man Staatskontrolle, braucht man Gesetze, braucht man Strafen. Denn wer entwickelt sich schon freiwillig zurück?

  14. @Ralf
    Genau solche Aktionen gehen mir auf die Nerven und ich kann jeden verstehen der sich da an den Kopf fassen muss.
    Nur hat da nicht „die Musikindustrie“ gehandelt sondern irgendjemand aus der Musikindustrie… ich denke der Unterschied ist klar…

  15. @Hadron

    Ganz unrecht hast du mit dieser Haltung nicht.. Ich mache auch dem Downloader auch keinen wirklichen Vorwurf. Es geht mir bei der Diskussion in erster Linie darum, dass es Geschäftsmodelle gibt, die auf dem Rücken von Künstlern und Labels aufgebaut sind. Rapidshare ist ja nur eines dieser Unternehmen. WIr haben es da auch nicht mit weltbewegenden Kontextveränderungen zu tun, wenn wir quasimafiöse Gigabyteschleudern entweder dazu bringen sich an der Bereitstellung der Werke zu beteiligen, auf denen sie sich einen Reibach machen, oder es schlicht zu unterlassen.
    Wenn wir schon nach vorn blicken, dann sollten wir aus den Fehlern der letzten paar Jahre im Netz lernen und ein Gefühl für Nachhaltigkeit entwickeln. (da kommt jetzt mal kurz der grüne in mir hoch)
    Geldgierige Festplattenverwalter, die Raubbau an den Ideen unserer Künstler, Entwickler und Denker betreiben sind nicht schützenswert oder zu bejubeln. Diese Leute formen keine schöne neue Netzwelt. Und an diese Leute kommt man ran ohne im Focault’schen Panoptikum zu enden…!!!

  16. @21: Rapidshare ist so erfolgreich, weil andere versagt haben. Ich denke schon, dass viele Downloader sich nur deshalb strafbar machen, weil die Preise der großen Labels zu hoch sind.

    Zitat von dir: „Geldgierige Festplattenverwalter, die Raubbau an den Ideen unserer Künstler, Entwickler und Denker betreiben sind nicht schützenswert oder zu bejubeln. Diese Leute formen keine schöne neue Netzwelt.“
    Soso. Hast du mal einen Künstler, Entwickler oder Denker gefragt, ob ihm Ideen fehlen? Was für ein Unsinn.
    Diese sollten sich darüber freuen, dass ihre Ideen (kostenlos) verbreitet werden, dafür erschaffen sie ja schließlich. Und jetzt erzähl mir nicht, dass so Leute wie… meinetewegen Lady Gaga, von der bestimmt sehr viel runtergeladen wird, sonst verhungern würden. Das würden nur die (wie oben schön geschrieben) Parasiten, die ihre Geschäftsmodelle auf den Rücken der Künstler aufgebaut haben. Deswegen maulen diese ja auch, und seltenst die Künstler selbst!

  17. PS: Es ist nämlich nicht so, dass Rapidshare behauptet, dass sie die Werke erschaffen haben.
    Die Credits bleiben fairerweiese beim Künstler, der bekommt dafür Fans, und diese kaufen Konzerttickets, TShirts etc. Verstehst du?

    Der Gottestdienstbesuch kostet auch kein Geld. Aber die Leute, die oft hingehen, treten vielleicht in die Gemeinde ein und bringen sich so ein und sichern so das fortbestehen der Gemeinde.

  18. Dann werde ich mal fleißig daran arbeiten meinen nächsten Fanclub als Sekte zu organisieren…

    Rapidshare ist erfolgreich weil über 98% der bei ihnen angebotenen Werke illegal hochgeladen wurden.
    Rapidshare baut sein Geschäft darauf auf, dass sie Dinge anbieten können, deren Kosten sie nicht mittragen.

    Was daran ist bitte fair?

    Und wenn du denkst mir tut Rapidshare einen gefallen indem es für Verbreitung sorgt, dann guck mal in meinen ersten Kommentar zu Text.

  19. Marktversagen? Oder eher marktwirtschaftliches Versagen einer strukturell erstarrten, hochgradig unflexiblen Branche?

    These: Für den Verkauf von nicht-knappen Gütern auf einem globalen Markt gilt: Je niedriger der Preis, umso höher der zu erwartende Gewinn.

    Begründung: Es gibt exponentiell mehr minder bemittelte Leute, als Millionäre. Wenn der Preis für einen Download so niedrig liegt, dass sogar ein Hartz-4-Empfänger seinen MP3-Player damit füllen kann, ohne gross zu überlegen, dann werden das exponentiell mehr Menschen tun, als wenn das auf legale Art 20000-40000€ kostet.

    Rechenbeispiel:
    Preis pro Download: 1€.
    Anzahl Downloader: 10000.
    Gewinn: 10000€.

    Prei pro Download: 1¢.
    Anzahl Downloads: 10-100 Millionen.
    Gewinn: 100.000 – 1 Million €.

    Wenn es der Musikindustrie gelingen würde, über ihren alten Schatten zu springen und eine leistungsfähige, globale Bezugsquelle für nahezu alle jemals produzierte Musik zu schaffen, dann hätte sie sogar noch eine Chance, den digitalen Umsturz zu überleben.

    Allerdings glaube ich nicht mehr daran. Die Diskussion tritt heute noch auf der selben Stelle, wie vor Jahren und dabei entspricht ein Jahr in Zeiten dieses Wandels auf vielen Ebenen einer Ewigkeit…

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