Land der Dichter und Denker nur mangels Urheberrecht?

Es ist kein Geheimnis, dass die US-Filmindustrie in Hollywood nur so groß werden konnte, weil man an der Westküste am Anfang des 20. Jahrhunderts das Copyright nicht so ernst nahm. Spiegel-Online berichtet jetzt über einen deutschen Wissenschaftler, der bei seinen Forschungen zu der These gekommen ist, dass Deutschland im 19. Jahrhundert auch nur zum Land der „Dichter und Denker“ wurde, weil hier ebenfalls das Urheberrecht nicht sonderlich geachtet wurde: Explosion des Wissens. Das führte zu viel mehr Büchern, als vergleichsweise im selben Zeitraum in Grossbritanien auf den Markt gebracht wurden. Gleichzeitig waren die Preise auch geringer und mehr Menschen konnten sich Bücher leisten und so wurde der Markt mehr stimuliert, neue Geschäftsmodelle auszudenken. In Grossbritanien waren Bücher eher etwas für die Oberklasse. Es änderte sich im deutschsprachigen Raum erst, als sich Mitte/Ende des 19. jahrhunderts das Urheberrecht stärker durchsetzte, die Preise angehoben wurden und weniger Bücher erschienen sind.

Höffners Fleißarbeit ist die erste wissenschaftliche Arbeit, in der die Auswirkungen des Urheberrechts über einen vergleichbar langen Zeitraum und anhand eines direkten Vergleichs zweier Länder untersucht wird. Seine Erkenntnisse sorgen in der Fachwelt für Aufregung. Denn bislang galt das Urheberrecht als große Errungenschaft und Garant für einen florierenden Buchmarkt. Demnach werden Autoren nur dann zum Schreiben animiert, so die Lehrmeinung, wenn sie ihre Rechte gewahrt wissen. Doch zumindest der historische Vergleich kommt zu einem anderen Ergebnis. In England nutzten die Verleger ihre Monopolstellung schamlos aus. Neuheiten erschienen meist nur in einer geringen Auflage von maximal 750 Exemplaren und zu einem Preis, der häufig den Wochenlohn einer ausgebildeten Arbeitskraft überstieg. In Deutschland hingegen saßen den Verlegern Plagiatoren im Nacken, die jede Neuerscheinung ohne Furcht vor Strafe nachdrucken und billig verkaufen durften. Erfolgreiche Verlage reagierten mit Raffinesse auf die Abkupferer und ersannen eine Form der Publikation, wie sie noch heute üblich ist: Sie gaben edle Ausgaben für Wohlhabende heraus und günstige Taschenbücher für die Masse.

Das Buch „Geschichte und Wesen des Urheberrechts“ von Eckhard Höffner ist in zwei Bänden erschienen. Einzeln kosten die Bände jeweils 68 Euro und im 2er-Pack zusammen 100 Euro.

Als Hintergrund zur Einordnung in die heutige Zeit bietet sich ein drei Jahre alter Netzpolitik-Podcast an, den ich mit dem indischen Piraterie-Forscher Lawrence Liang über die jetzige Situation in Schwellen- und Entwicklungsländern gemacht habe.

Lawrence Liang ist Piraterie-Forscher beim Alternative Law Forum in Bangalore / Indien. Er findet Piraterie ökonomisch gar nicht schlimm, wie man das immer von den Rechteinhabern hört. Sie sei sogar hilfreich, nicht nur auf lokalen Märkten und in Entwicklungsländern.

11 Kommentare
  1. Fuzzy Barnes 8. Aug 2010 @ 18:25
    • Gabriele Höfler 14. Aug 2010 @ 16:03
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