Es bleibt spannend: Der Freitag berichtet heute von einer im Internet kursierenden Datei, die unredigierte und unveröffentlichte Cables enthalte, und spekuliert, es könnte sogar der vollständige Wikileaks-Cablegate-Datensatz sein.
Die Datei mit dem Namen „cables.csv“ ist 1,73 Gigabyte groß und enthält schon veröffentlichte Botschaftsdepeschen sowie zahlreiche unveröffentlichte Berichte, unter anderem über Gespräche von US-Botschaftsmitarbeitern mit namentlich oder anderweitig identifizierbaren „Informanten“ sowie „mutmaßlichen Geheimdienstmitarbeitern“, etwa aus Israel, Jordanien, dem Iran und Afghanistan.
Julian Assange ist wegen dieser Datei anscheinend beunruhigt, und und rief aus Sorge um die Sicherheit der Informanten bei Freitag-Herausgeber Jakob Augstein an, der ihm versicherte, daraus nicht zu veröffentlichen. Die Datei sei zwar mit einem Passwort geschützt, aber…
Das geheimnisvolle Passwort, das zur Entschlüsselung der Daten notwendig ist, soll von Assange selber weitergegeben worden sein. Die Person, die das Passwort von Assange erhalten haben will und es inzwischen veröffentlicht hat, gibt an, keine Kenntnis von der Datei im Besitz des Freitag zu haben. Sie sei davon ausgegangen, dass es sich bei der von Assange übergebenen Phrase um ein temporäres Passwort gehandelt habe, das nach einer Zeit seine Gültigkeit verliere.
Bereits vor einiger Zeit hörte ich aus vertrauenswürdiger Quelle erste Gerüchte über diese Datei, die erwähnte Person und das (veröffentlichte) Passwort, hielt es aber trotzdem zunächst für eine Schauergeschichte. Bisher waren alle Cables bekanntlich nur redigiert veröffentlicht worden, um Gefahr für Betroffene (Kollaborateure etc.) auszuschließen. Wenn dieses Wissen nun also tatsächlich in die Hände der falschen gelangt ist, war all diese Arbeit umsonst und das Ansehen Wikileaks’ nimmt erheblichen Schaden.
So etwas darf ganz einfach nicht passieren. Der Freitag spekuliert dass dieses Leck ein möglicher Grund sein könnte, weshalb Daniel Domscheit-Berg sich geweigert hat, Julian die berühmten Daten auszuhändigen. Daniels Verhalten könnte man dann fast schon als edelmütig bezeichnen: Lieber den Shitstorm durchstehen und der Buhmann sein, weil man die Platte gelöscht hat, als durch einen Hinweis auf das Leck, oder gar durch das Aushändigen der Platte die Betroffenen und Wikileaks noch mehr in Gefahr zu bringen.
Sicherlich aber wird eine Version der Geschichte, dass Daniel selbst diese Datei in Umlauf gebracht haben soll, auch nicht lange auf sich warten lassen, sonst wäre es ja langweilig.
Der Freitag betont einen wichtigen Punkt: Es ist der menschliche, und nicht der technische Faktor, der Whistleblower und Leaking-Plattformen in Gefahr bringt, sei es im vorliegenden, oder im Fall von Bradley Manning.