Technologie
Künstliche Intelligenz, Drohnen, selbstfahrende Autos, Cyborgs, Roboter und IT-Sicherheit.
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: Generalbundesanwalt soll wegen Bundestags-Hack ermitteln
: Generalbundesanwalt soll wegen Bundestags-Hack ermitteln Um die Aufklärung des Bundestags-Hack aus dem vergangenen Jahr ist es etwas ruhig geworden. Was genau passiert ist, bleibt leider weiter unklar. Spiegel-Online berichtet jetzt, dass „die zur Bekämpfung von Spionagedelikten zuständige Fachabteilung der Bundesanwaltschaft bereits seit Mitte Januar ein entsprechendes Strafverfahren gegen unbekannt – wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit“ eingeleitet habe.
Der Generalbundesanwalt wollte das nicht bestätigen, auf der Webseite findet man auch nichts. Das war in unserem Fall der Landesverrats-Ermittlungen aber genauso.
Wir sind gespannt, ob der Generalbundesanwalt in diesem Fall motivierter sein wird als bei den früheren Ermittlungen wegen Massenüberwachung durch NSA & Co.
Apropos Bundestags-Hack: Wir haben immer noch Interesse an Hintergrundinformationen und freuen uns über sachdienliche Informationen und Kontaktaufnahmen über die üblichen sicheren Kommunikationswege.
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: Bundeswehr plant „Cyberattacken“
Cyber? Gleich links um die Ecke. : Bundeswehr plant „Cyberattacken“ Die Bundeswehr geht in die Cyberoffensive und bereitet nun auch „Cyberattacken“ vor. Bisher war offiziell nur von „defensiven Cyberfähigkeiten“, also der passiven Abwehr von Angriffen die Rede. Laut Informationen des Spiegels geht das Verteidigungsministerium jetzt ein Schritt weiter und plant zum Schutz der eigenen Computersysteme in den Gegenangriff zu gehen.
In einem Sachstandsbericht informierte das Verteidigungsministerium den Bundestag nach SPIEGEL-Informationen darüber, dass „Abwehrkonzepte, die über den rein passiven Schutz zur Minimierung der Auswirkungen“ eines Cyberangriffs hinausgehen, bereits von der Nato untersucht worden seien. Sobald die rechtlichen Rahmenbedingungen für solche „Responsive Cyber Defence“-Operationen gegeben seien, würden die „Möglichkeiten zur Unterbindung und Beendigung eines Angriffs“ bei der Bundeswehr geplant und umgesetzt.
Im vergangenen Sommer hatten wir bereits eine geheime Cyber-Richtlinie geleakt, die der Bundeswehr offensive digitale Angriffe erlaubt. Die völkerrechtlichen Probleme werden dabei nur unzureichend berücksichtigt, wie die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage zeigte.
Wir haben eine IFG-Anfrage nach dem zitierten Sachstandsbericht gestellt und werden über die Antwort berichten. Da Antworten auf IFG-Anfragen sehr lange brauchen, freuen wir uns auf Einsendungen über die üblichen Kanäle.
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: Tors wunderschöne Datenströme
: Tors wunderschöne Datenströme Die Firma Uncharted hat die Datenströme des Tor-Netzwerks visualisiert. Das Projekt TorFlow zeigt auf einer hübschen interaktiven Karte, wie sich die Bandbreite seit 2007 entwickelt hat und wie sich die Daten um die Welt bewegen. Erstaunlicherweise kommt ziemlich viel Bandbreite aus Europa – und hier vor allem aus Deutschland:
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: Marokko: Blockade von VoIP-Diensten
: Marokko: Blockade von VoIP-Diensten Seit Ende 2015 können die Kund_innen der drei großen Provider in Marokko nicht mehr über VoIP-Dienste wie Skype, WhatsApp und Viber telefonieren. Laut der zuständigen Behörde fehlen den Diensten die notwendigen Lizenzen, um Telefondienste anzubieten – außerdem stellen sie „einen gravierenden Verlust für nationale Telekommunikationsanbieter dar“.
Bisher werden nur Gespräche verhindert, die über mobile Internetverbindungen laufen, laut einer anonymen internen Quelle eines der Telekommunikationsunternehmen sollen in Kürze jedoch auch Internettelefonate über WLAN verhindert werden.
Der bekannte marokkanische Youtuber Amine Raghib rief am Dienstag alle Marokkaner_innen auf, am 16. und 17. Januar ihre Handys aus Protest auszuschalten. Die Blockade stelle einen „Affront gegen die Meinungsfreiheit“ dar: „Wenn Sie heute VoIP sperren, wer weiß, welche Entscheidung sie morgen treffen.“ Über Facebook gaben bereits mehr als 20.000 Menschen an, an der Protestaktion teilnehmen zu wollen. „Mit dieser Kampagne wollen wir den Unternehmen zeigen, dass wir keine Schafe sind, sondern Konsumenten die respektiert werden sollten“, sagte einer der Organisatoren. Das Internet sei ein freier Raum und niemand habe das Recht, es zu blockieren.
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: USA: Mailaccount und Telefonanschluss des Geheimdienstdirektors gehackt
Trotz Lüge im Kongress: US-Geheimdienstdirektor seit 2010 : USA: Mailaccount und Telefonanschluss des Geheimdienstdirektors gehackt Nachdem sich im Oktober 2015 eine Gruppe namens „Crackas With Attitude“ offenbar Zugang zum AOL-Mailaccount des CIA-Chefs John Brennan verschafft hatte – WikiLeaks veröffentlichte sogar Emails aus Brennans Account –, traf es nun wohl den US-Geheimdienstdirektor James Clapper. Wie Motherboard berichtet, habe sich ein Mitglied dieser Gruppe, „Cracka“, Zugriff auf mehrere mit Clapper verknüpfte Accounts verschafft, darunter sein privater Telefon- und Internetanschluss, sein privater Mailaccount sowie der seiner Ehefrau. Er habe zudem alle Telefonanrufe für Clappers Privatnummer an die Organisation Free Palestine Movement umgeleitet – als der Motherboard-Redakteur dies überprüfte, landete er tatsächlich bei einem der Gründer von Free Palestine Movement. Dieser gab an, in den vergangenen Stunden mehrere Anrufe für Clapper erhalten zu haben.
Ein Sprecher aus Clappers Büro bestätigte am Dienstag den Hack, man sei sich „des Falles bewusst und habe ihn den entsprechenden Behörden gemeldet“. Clapper ist für die Aufsicht über die Geheimdienste durch die Regierung verantwortlich und wurde vor allem durch seine Lüge vor dem Kongress über die Aktivitäten der NSA bekannt. Er hatte wenige Monate vor den ersten Snowden-Enthüllungen auf die Frage, ob die NSA „irgendwelche Daten über Millionen oder Hunderte von Millionen von Amerikanern sammelt“, geantwortet: „Nein, Sir… nicht wissentlich“. Im Chat mit einem Motherboard-Autor gab „Cracka“ an, es handle sich bei der Hackergruppe um Jugendliche, die mit der Außenpolitik der USA unzufrieden seien.
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: Kampfdrohnen: Bundeswehr entscheidet sich angeblich für israelisches Modell „Heron“
Die von der Bundeswehr in Afghanistan eingesetzte Drohne in ihrer früheren Version "Heron 1". : Kampfdrohnen: Bundeswehr entscheidet sich angeblich für israelisches Modell „Heron“ Laut einem Bericht des „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat sich die Bundeswehr nunmehr auf einen Typ ihrer zukünftigen Kampfdrohne festgelegt. Demnach sei geplant, die von Israel Aerospace Industries (IAI) hergestellte „Heron“ in ihrer neuesten Baureihe „TP“ zu beschaffen. Die Meldung geht auf eine Aussage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Tobias Lindner zurück. Lindner ist Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestages, vermutlich stammt die Information von dort.
Drei unbewaffnete Drohnen des Typs „Heron 1“ werden schon jetzt von der Bundeswehr im Einsatzgeschwader Masar‑i Scharif in Afghanistan eingesetzt. Das Verteidigungsministerium hat hierfür einen Leasing-Vertrag mit der Militärsparte des Airbus-Konzerns abgeschlossen. Airbus hat seinerseits vier Drohnen von IAI erworben, von denen eine als Reserve vorgehalten wird. Mindestens drei „Heron“ haben bereits Totalschäden erlitten und mussten ersetzt werden. Die Drohnen werden von Airbus-TechnikerInnen gestartet und gelandet und erst in der Höhe von 1.000 Fuß an PilotInnen der Bundeswehr übergeben.
„Überbrückungslösung“ von bis zu zehn Jahren
Die finale Auswahlentscheidung für die neuen bewaffnungsfähigen Drohnen wird vom Generalinspekteur der Bundeswehr getroffen. Hierfür wurden im Verteidigungsministerium „Lösungskonzepte zur Realisierung einer Nachfolgelösung“ erstellt und bewertet. Eigentlich war die endgültige Festlegung auf ein Modell bereits für Ende Dezember angekündigt gewesen. Aus dem Pressebericht geht nicht hervor, ob die nun getroffene Entscheidung lediglich vom Verteidigungsministerium oder bereits vom Generalinspekteur erfolgte.
Es handelt sich bei der Entscheidung zunächst um eine „Überbrückungslösung“ von bis zu zehn Jahren. Bis dahin plant die Bundesregierung die Entwicklung einer „europäischen Lösung“ für bewaffnungsfähigen Drohnen. Nach mehreren Anläufen haben sich die Regierungen Deutschlands, Frankreichs und Italiens auf eine Vorstudie für eine solche Drohne der MALE-Klasse (Medium Altitude Long Endurance) geeinigt. Der Auftrag für dieses „multilaterale Drohnenprojekt“ ging an die Rüstungsunternehmen Airbus, Dassault Aviation und Alenia Aermacchi. Mittlerweile ist auch Spanien dem Projekt beigetreten.
Zur Auswahl einer „Überbrückungslösung“ standen lediglich die israelische „Heron TP“ und die US-amerikanische „Predator“, die von der Firma General Atomics hergestellt wird. Zunächst hatte das Verteidigungsministerium den Typ „MQ‑9 Predator B“ geprüft, dem Modell jedoch Schwierigkeiten bei der Zulassung für den deutschen Luftraum attestiert. General Atomics hat deshalb eilig mit der Entwicklung einer Baureihe „Certifiable Predator B“ (CPB) begonnen.
Das Modell CPB soll 2017 in Serie produziert werden und hat kaum etwas mit der „Predator B“ gemein. Mehrere in den USA gefertigte elektronische Bauteile wurden durch europäische Geräte ersetzt, um dadurch das Zulassungsverfahren zu erleichtern. Hierzu gehört etwa die Funkverbindung, wozu die CPB nunmehr mit einem abhörsicheren und von der NATO zertifizierten Funkgerät der Firma Rohde & Schwarz ausgestattet ist.
„Gesellschaftliche Debatte“ fiel aus
Die Entscheidung für die „Heron TP“ könnte politisch motiviert sein. Der israelische Hersteller hat große Schwierigkeiten, seine Drohnen in den boomenden Märkten in arabischen Ländern abzusetzen. Auch hier hat General Atomics mit einem eigens entwickelten Modell „XP“ die Nase vorn.
Das deutsche Verteidigungsministerium bemängelt seit Jahren die strikten Regelungen der US-Regierung zur Herausgabe wesentlicher Dokumente, die für Zulassungsverfahren der „Predator“ gebraucht würden. Die israelische Regierung sei demnach weitaus freigiebiger. Seit 2011 reisten die Wehrtechnische Dienststelle 61 und das Luftfahrtamt der Bundeswehr für eine „Besprechung zur Zulassbarkeit“ mehrmals nach Israel. An einer „firmeninternen“ Prüfung war auch der Rüstungskonzern Airbus (damals EADS) beteiligt. Airbus fungiert für die israelischen Drohnen als deutscher Contractor.
Eigentlich hatte die Bundesregierung vor der Beschaffung von Kampfdrohnen eine „gesellschaftliche Debatte“ versprochen. Diese beschränkte sich jedoch auf eine kurze Anhörung im Bundestag. Perspektivisch will die Bundeswehr bis zu 16 bewaffnungsfähige Drohnen kaufen, die dann in Jagel (Schleswig-Holstein) stationiert werden. Ein dortiger Militärflugplatz ist bereits entsprechend umgerüstet worden.
Entscheidung über Ausrüstung mit „Wirkmitteln“
Als nächstes wird die Frage der Bewaffnung geprüft. Laut dem Verteidigungsministerium sollen die Drohnen mit „angetriebenen und nicht angetriebenen Luft-Boden-Effektoren“ ausgerüstet werden. Auch Zielbeleuchtungsgeräte sollten montiert werden können. Gemeint sind Systeme, mit denen Ziele per Laser markiert werden um sie dann mit anderen Flugzeugen oder Drohnen zu bombardieren.
Auch die anvisierte „europäische Drohne“ wird Waffen tragen. Zu den Anforderungen heißt es, die Drohne solle über Aufhängepunkte für „Luft-Boden-Lenkflugkörper und Präzisionsbewaffnung“ verfügen. Die Waffen werden vage als „Effektortypen“ bezeichnet, früher sprach die Bundesregierung auch von „Wirkmitteln“.
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: Verschlüsselungssoftware: Auch eine Hintertür mit neun Schlössern ist eine zuviel
: Verschlüsselungssoftware: Auch eine Hintertür mit neun Schlössern ist eine zuviel Bei Zeit Online schreibt Digital-Redakteur Patrick Beuth über das wahnwitzige neue Produkt des US-Kryptologen David Chaum, welches anonyme, verschlüsselte Kommunikation ermöglichen soll und gleichzeitig Strafverfolgungsbehörden eine Hintertür zur Entschlüsselung bereitstellt. Das zuerst in einem Gespräch mit dem US-Technologie-Magazin Wired von Chaum vorgestellte Verschlüsselungsprogramm PrivaTegrity wurde seitdem von mehreren Kryptografie-Experten (1, 2, 3) kritisiert.
Verschlüsselungstechnologien werden immer wieder für Terrorismus und „Online-Kriminalität“ verantwortlich gemacht. Zuletzt in Folge der Pariser Terror-Anschläge – dort gaben Politiker und Medien verschlüsselten Messenger-Diensten für das Unentdeckt-bleiben der Attentäter die Schuld. Die Geheimdienste schlossen sich bereitwillig an: So forderten CIA-Direktor John O. Brennan und FBI-Chef James B. Comey die Hersteller von Verschlüsselungssoftware auf, ihren Diensten die technische Möglichkeit zu geben, verschlüsselte Kommunikationsinhalte zu entschlüsseln – mittels des Einbaus von Hintertüren (Backdoors).
Genau das ist in PrivaTegrity vorgesehen – nach Aussage Chaums als Kompromiss-Vorschlag um das Ausbrechen eines neuen Crypto-Wars zu verhindern. Patrick Beuth sieht das anders und warnt:
[A]uch ein verteiltes Key-Escrow-System [ist] prinzipiell ein System mit einem Schwachpunkt. Mehrere namhafte Sicherheitsforscher und Aktivisten haben das umgehend und unmissverständlich klargemacht: Chaum gaukelt einen Schutz vor Missbrauch vor, den er nicht garantieren kann. Der Aufwand für Kriminelle oder Geheimdienste, heimlich an die neun Schlüssel zu gelangen, mag hoch sein. Unmöglich ist es nicht. Eine Hintertür für die „Guten“ ist immer auch eine Hintertür für die „Bösen“ – und wer was ist, ist Ansichtssache.
David Chaum beschreibt zusammen mit den Mit-Entwicklern von PrivaTegrity in einem wissenschaftlichen Artikel, welcher hier abrufbar ist, die technische Funktionsweise detaillierter.
[Korrektur: Die missverständliche Überschrift „Auch eine Hintertür mit neun Schlössern hat neun zuviel“ wurde am 11.1.16 geändert.]
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: Shari Steele über die Organisation des Tor-Projekts
Shari Steele zuhause, an der Westküste der USA Foto: <a href="https://www.torproject.org/">torproject.org</a> : Shari Steele über die Organisation des Tor-Projekts Shari Steele ist seit Anfang Dezember 2015 neue Direktorin beim Tor-Projekt. Wir haben bereits darüber berichtet, hier gibt es nun die deutsche Übersetzung.
In unserem Interview erzählt Shari, welche Aufgaben auf sie zukommen und wie sie diese bewältigen möchte. Sie arbeitete seit 1992 bei der Electronic Frontier Foundation (EFF), die letzten 15 Jahre auch dort als Direktorin.
In der Anfangszeit war die EFF maßgeblich daran beteiligt, dem Projekt zu dem zu verhelfen, was es heute ist. So arbeitete Shari schon während ihrer Zeit bei der EFF mit den Leuten vom Tor-Projekt zusammen. Sie war zudem verantwortlich für die finanzielle Unterstützung des Projekts seitens der EFF von 2004 bis 2005.
Zur Zeit läuft übrigens die erste große Spendenaktion vom Tor-Projekt. Wer mehr als 100 Dollar spendet, bekommt dafür ein T‑Shirt, aber dazu später mehr im Interview.
Das Tor-Projekt ist in der letzten Zeit erheblich umfangreicher geworden, die interne Organisation ist aber aus der Anfangszeit bestehen geblieben und nur bedingt mitgewachsen. Shari gibt in dem Interview einen Einblick in die sympathische bisherige Arbeitsweise und erzählt, wie sie mit ihrer organisatorischen Arbeit vorhat, dem Projekt gerecht zu werden.
Einblicke in die Arbeitsweise und Organisation
netzpolitik.org: Sie wurden als diejenige vorgestellt, die die organisatorische Seite des Tor-Projekts erneuern soll, während die technische Seite bereits gut funktioniert. Wie sehen Ihre Pläne zur Neuorganisierung des Projekts aus?
Shari Steele: Ich möchte an der Infrastruktur arbeiten, die das Tor-Projekt unterstützt. Ich bin keine Technologieexpertin und es wäre lächerlich, den an der Technologie arbeitenden zu sagen, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Die Dinge, mit denen ich mich beschäftigen werde, sind Fundraising und die operative Arbeit. Wir brauchen dringend Unterstützung aus nicht-staatlicher Herkunft, vor allem, da die Gelder aus den bestehenden Verträgen mit der Regierung zweckgebunden sind. Es gibt jedoch noch eine Menge anderer Vorhaben, die wir gerne umsetzen möchten, aber für die wir bisher kein Geld zur Verfügung haben.
Eine Infrastruktur zur Unterstützung für alle, die am Projekt mitarbeiten, ist bisher nicht wirklich vorhanden. Zum Beispiel brauchen wir Leute für die Personalführung. Das Tor-Netzwerk basiert zu einem großen Teil auf der Arbeit von Freiwilligen. Diese arbeiten oft an Vorhaben, für die wir keine Förderungen erhalten. Manche Freiwillige sind sehr verlässlich, andere weniger, und für manche Vorhaben finden sich sehr einfach Freiwillige, für andere Vorhaben nicht. Zurzeit mangelt es aber vor allem an der Infrastruktur für das Fundraising.
Ein gutes Beispiel für die bisherige Arbeitsweise ist Folgendes: Wir wollten in unserer aktuellen Fundraising-Kampagne T‑Shirts an alle vergeben, die mehr als 100 Dollar gespendet haben. Wir haben aber kein System, mit dem uns die Spender mitteilen können, welche Größe das T‑Shirt haben sollte oder ob sie überhaupt eines möchten. Momentan läuft das so, dass wir per E‑Mail nach der gewünschten Größe fragen, sobald wir mitbekommen, wenn jemand über 100 Dollar gespendet hat. Solche Dinge möchte ich verbessern.
netzpolitik.org: Warum haben sie die EFF verlassen und als Direktorin bei Tor angefangen?
Shari Steele: Ich habe im April bei der EFF aufgehört, da mein Mann einen Job in Seattle bekommen hat. Zuvor haben wir in der Gegend rund um San Francisco gewohnt, wo die EFF ihren Sitz hat. Aufgrund des Umzugs war ich also nicht in der Lage, bei der EFF zu bleiben. Ich dachte dann, ich nehme mir eine Auszeit und überlege in Ruhe, was ich als nächstes machen möchte. Aber als meine Kinder wieder in der Schule waren, wurde mir zu Hause langweilig. Das Tor-Projekt hatte dann Anfang September angefragt, ich überlegte mir eine Woche lang das Angebot und entschied mich dann, die Stelle anzunehmen. Ich dachte, ich bin wieder bereit, arbeiten zu gehen, und bei Tor würde es sicherlich Spaß machen. Ich ging davon aus, dass es aufregend und interessant wird, da ich genau die Fähigkeiten habe, die für den Job gebraucht werden und ich mich in der Lage sah, etwas zu verändern. Außerdem ist es für mich ein Zurückgehen in eine Community des freien Internets, die ich sehr gerne mag.
netzpolitik.org: Wie haben Sie sich ihre neue Arbeit vorgestellt und wie unterscheidet sie sich davon?
Shari Steele: So ziemlich in jeder Hinsicht. Was sich nicht unterscheidet ist, dass die Leute genauso nett, schlau und leidenschaftlich bei der Arbeit sind wie ich es von ihnen erwartet habe. Worauf ich nicht vorbereitet war, war wie… wie die „Techies“ denken, im Hinblick auf Problemlösungen. Für jedes Problem gibt es eine sehr analytische Methode, es zu lösen, aber manchmal ist es gar nicht nötig, sich so tiefgründig Gedanken zu machen. Manchmal gibt es bereits Lösungen, auf die man zurückgreifen kann. Da ist eine Menge auf der nicht-technischen Seite, wo ich sagen würde: „Interessante Idee, aber lasst es uns doch anders machen, das wäre deutlich effizienter.“
netzpolitik.org: Was waren die großen Veränderungen der Infrastruktur im letzten Jahr?
Shari Steele: Eine der wirklich großen Veränderungen war die Erkenntnis, dass sich die Organisation spezialisieren muss. Für lange Zeit wollten immer alle über alles Bescheid wissen, und jeder arbeitete an allem mit. Während des letzten Jahres kam dann die Erkenntnis, dass die Organisation zu groß geworden ist und die bisherige Herangehensweise nicht skaliert. Es handelt sich so gesehen um eine Veränderung der Gewohnheiten. Die Leute fangen an zu realisieren, dass es besser ist, wenn sie sich auf ihren Aufgabenbereich fokussieren und sich darauf verlassen, dass die Anderen ihren Teil schon richtig machen werden. Sie realisieren, dass sie nicht über jedes Detail Bescheid wissen müssen. Es ist eine langsame, aber wichtige Veränderung, und ich glaube, mich einzustellen ist Teil dessen.
Sie hätten auch jemanden aus ihren Reihen für die Stelle der Direktion nehmen können, jemanden, der bereits vorhandene Fähigkeiten mitbringt. Aber sie haben sich für mich entschieden, mit Fähigkeiten, die sie brauchen, mit denen sie nicht selber aufwarten können.
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: BKA auf EU-Ebene weiterhin gegen „Anonymisierung und Verschlüsselung“ aktiv
: BKA auf EU-Ebene weiterhin gegen „Anonymisierung und Verschlüsselung“ aktiv Eher dürftig hat das Bundesinnenministerium eine Kleine Anfrage „Europäische Anstrengungen zur möglichen Aushebelung verschlüsselter Telekommunikation“ beantwortet. Demnach ist das Bundeskriminalamt (BKA) allerdings weiterhin in dieser Richtung aktiv. Unter anderem beteiligte sich das BKA bei der jährlichen Konferenz europäischer Polizeichefs an einer Arbeitsgruppe zu „terroristischen Online-Bedrohungen“:
Die Arbeitsgruppe hat erörtert, in welcher Weise Anonymisierung und Verschlüsselung die Bemühungen der Strafverfolgungsbehörden zur Ermittlung von Tätern und Tatverdächtigen erschweren und wie eine Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft insoweit hilfreich sein kann.
Sämtlichen Schlussfolgerungen der Arbeitsgruppe wird seitens der Bundesregierung zugestimmt. Unter anderem:
Partnership with the private sector. Law enforcement’s capacity to police the online terrorist threat depends significantly on the partnership with the private sector. For police investigators to overcome digital encryption, access remote servers’ log files, conduct referrals of terrorist content, etc., the help of the Internet service providers (ISPs), social media companies and other platforms may be of critical importance. Moreover, a strong relationship with the private sector would allow law enforcement to keep track of the latest developments in the virtual world, receive specialised training for its personnel and also get early notifications on changes in the communication patterns of suspected groups of online users. Synergies with the private sector must always be built on mutual trust and a shared interest in upholding the good reputation of all stakeholders.
Diese „Zusammenarbeit mit dem Privatsektor” wird derzeit im sogenannten „EU Internet Forum“ entwickelt. Firmen wie Microsoft, Facebook und Twitter treffen sich mit den für die innere und äußere Sicherheit zuständigen Agenturen und Einrichtungen der Europäischen Union. Derzeit werden Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen gebildet, bald soll auch das Thema „Anonymisierung und Verschlüsselung“ auf der Tagesordnung stehen. Sämtliche Details zur zukünftigen öffentlich-privaten Zusammenarbeit sollen aber auf Wunsch der Firmen geheim bleiben.
Auch die sogenannte „Freunde der Präsidentschaft zu Cyber“ (FoP Cyber) berät über eine „zunehmende Verschleierung von kriminellen Handlungen, Identitäten und Tatorten durch verschlüsselte Kommunikation“. Dabei handelt es sich um ein vom Rat eingesetztes „Arbeitsgremium“, das „cyberpolitische Fragestellungen aus einer über Einzelthemen hinausgehenden EU-Gesamtperspektive“ betrachten und behandeln soll. Zu den TeilnehmerInnen gehören der Auswärtige Dienst, die Verteidigungsagentur und andere EU-Institutionen. Zu entsprechenden Sitzungen entsenden alle EU-Mitgliedsstaaten Delegierte. Zur Gruppe gehören auch „Cyber-Attachés“, die sich aus den Ständigen VertreterInnen der EU-Staaten zusammensetzen. Laut der Bundesregierung könnte das Thema Verschlüsselung im Rahmen der beschlossenen „Cyber-Diplomatie“ gegenüber Drittstaaten oder durch die Verteidigungsagentur zur Umsetzung beschlossener Projekte zu „Cyber Defense“ behandelt werden.
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: Shari Steele: die neue Direktorin vom Tor Project im Interview
Shari Steele zuhause, an der Westküste der USA Foto: <a href="https://www.torproject.org/">torproject.org</a> : Shari Steele: die neue Direktorin vom Tor Project im Interview Shari Steele ist seit Anfang Dezember 2015 neue Direktorin beim Tor Project. In unserem Interview erzählt sie, welche Aufgaben auf sie zukommen und wie sie diese bewältigen möchte. Shari arbeitete seit 1992 bei der Electronic Frontier Foundation (EFF), die letzten 15 Jahre auch dort als Direktorin.
In der Anfangszeit war die EFF maßgeblich daran beteiligt, dem Projekt zu dem zu verhelfen, was es heute ist. So arbeitete Shari schon während ihrer Zeit bei der EFF mit den Leuten vom Tor Project zusammen. Sie war zudem verantwortlich für die finanzielle Unterstützung des Projekts seitens der EFF von 2004 bis 2005.
Zur Zeit läuft übrigens die erste große Spendenaktion vom Tor Project. Wer mehr als 100 Dollar spendet, bekommt dafür ein T‑Shirt, aber dazu später mehr im Interview.
Das Tor Project ist in der letzten Zeit erheblich umfangreicher geworden, die interne Organisation ist aber aus der Anfangszeit bestehen geblieben und nur bedingt mitgewachsen. Shari gibt in dem Interview einen Einblick in die sympathische bisherige Arbeitsweise und erzählt, wie sie mit ihrer organisatorischen Arbeit vorhat, dem Projekt gerecht zu werden.
Eine deutsche Übersetzung des Interviews gibt es mittlerweile auch, hier aber das englische Original:
„It is going back to the Internet freedom community that I love so much.“
netzpolitik.org: You have been introduced as the person making the organizational side of the Tor Project excellent, while the technical side is already great. What are your plans to reorganize the Tor Project?
Shari Steele: I want to work on the infrastructure supporting the Tor Project. I am not a technologist and it would be ridiculous for me to come in and try to tell these brilliant people how to do their technological work. So the things I am going to be working with are fundraising and operations. We need to bring in some money from, first of all, sources other than the government. Our government funding is designated for specific projects. We need to report that we have used the money only for those purposes – but there are a lot more things we would like to do.
But the infrastructure to support everybody does not really exist yet at the Tor Project. For instance, we need to have somebody focused on doing human resources. The Tor network relies on many wonderful volunteers, and volunteers often work on projects we can’t get funding for. Some volunteers are very dependable and some volunteers are less dependable, and sometimes volunteers are excited about working on one thing but not on another. Currently, we lack a strong infrastructure even for things like collecting donations.
Here is a great example: We wanted to give out t‑shirts for people who gave us over $100, but there is no mechanism for letting us know what size of t‑shirt you want or whether you even want one. So the way of working right now is, when we see that someone gave a donation over $100, we send them an email asking their shirt size. After the person writes back, we record their preference into a spreadsheet. All of this is because there is no infrastructure to handle this task. And that is the kind of thing that I am going to work out.
netzpolitik.org: Why have you left EFF and started as executive director at Tor?
Shari Steele: I left EFF in April because my husband got a job in Seattle. We were living in the San Francisco Bay area; the EFF office is in San Francisco. So we moved and I was not able to stay at EFF. I thought that I would take some time off and figure out what I wanted to do next. But then my kids were back to school and I was bored. The Tor Project tracked me down in the beginning of September, we talked about the job offer, I thought about it over a week and then I decided: Okay, I am ready to go back to work and this would be really fun. It would be really interesting and exciting because I have the right skills for the job, for what they need, and I could really see making a difference. And it is going back to the Internet freedom community that I love so much.
netzpolitik.org: How does your work differ from what you have imagined?
Shari Steele: In just about every way. What is not different is: The people are so nice and so smart, very kind and really, really passionate about what they are doing. So in that respect, it was what I was expecting. What I was not really prepared for was how… how techies have this way of thinking. For every problem there is a very analytical way of solving it. But sometimes it does not require that kind of deep thought. Sometimes there are already solutions in place. So, there is lots of stuff on the non-technical side where I need to go in and say: „Interesting solution, but let us do it the other way; it is going to be more efficient.“
netzpolitik.org: What were the big changes in the Tor infrastructure in the last year?
Shari Steele: One of the really big positive changes for Tor was the recognition that they need to specialize their organization. For a long, long time, everybody wanted to know everything; everybody was doing everything. But over this past year they really came to the understanding that they are getting too big, and that it is not scalable. So there has been a separation – I am using this word very loosely, because everyone still does want to know things – and it is a cultural shift, but this cultural shift has started. It is actually having people recognizing that they can be more efficient in their work if they are focusing on the things that are around them and they can trust that there is another team focusing on the other things. They do not need to be in all of the details of all the other things. It is a slow shift but it is a serious shift, and I think that hiring me is actually part of that process.
They also could have hired another executive director who comes from the Tor community and who is tech savvy and brings in skills that are very similar to the skills they already have – or they could have done what they did, which was to say: „There are some skills that we really do not have; let us recognize that and bring in someone who can bring these skills in.“
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: Crypto Wars: Keine Krypto-Beschränkungen in den Niederlanden
: Crypto Wars: Keine Krypto-Beschränkungen in den Niederlanden Die Zweite Kammer des niederländischen Parlaments (niederländisch: Tweede Kamer der Staten-Generaal) hat sich gestern in Den Haag für die Nutzung und gegen eine Beschränkung von Verschlüsselung ausgesprochen. Das Verschlüsseln sei für die Privatsphäre und für die Vertraulichkeit der Kommunikation der Bürger von entscheidender Bedeutung, aber auch für die Meinungsfreiheit. Nicht nur jeden normalen Bürger, sondern beispielsweise auch Journalisten versetzen kryptographische Werkzeuge erst in der Lage, vertraulich kommunizieren zu können.
Kryptoexperten Whitfield Diffie und Bruce Schneier,
CC BY 2.0 via flickr/Eliot PhillipsDer Minister für Sicherheit und Justiz, Gerard Adriaan van der Steur, und der Wirtschaftsminister, Henricus Kamp (beide VVD), wollen daher keine
restriktiven rechtlichen Maßnahmen gegen die Entwicklung, Bereitstellung und Nutzung von Verschlüsselung innerhalb der Niederlande
erlassen (Beschluss als .docx-Datei). Die niederländische Regierung hält es also für nicht wünschenswert, die Entwicklung, Verfügbarkeit oder Benutzung von Kryptographie zu beschränken und möchte zugleich diese politische Schlussfolgerung auch international vertreten.
Die Niederlande werden also nicht hinter die politischen Regelungen der 1990er Jahren zurückfallen, als die ersten sog. „Crypto Wars“ ausgetragen und Verbote diskutiert wurden. Die Grundrechte
- in Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention (Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens) und
- in Artikel 7 und 8 der EU-Charta (Achtung des Privat- und Familienlebens und Schutz personenbezogener Daten)
würden zwar nicht absolut gelten, man wolle also durchaus den Strafverfolgern Möglichkeiten geben, Verschlüsselung legal brechen zu dürfen, jedoch nicht auf ein Kryptoverbot hinwirken.
Die deutsche Regierung hat sich bisher noch nicht eindeutig pro Verschlüsselung eingelassen und Kryptobeschränkungen nicht gänzlich ausgeschlossen, sondern versucht den Spagat:
Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass zum einen starke und sichere Verschlüsselung verfügbar ist und zum anderen unsere Sicherheitsbehörden ertüchtigt werden, damit umzugehen: Sicherheit durch Verschlüsselung und Sicherheit trotz Verschlüsselung.
Da könnte man sich an den Niederlanden durchaus ein Vorbild nehmen.
Update: Es gibt nun eine vollständige englische Übersetzung.
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: Freie Certificate Authority ab heute am Start: Let’s encrypt!
Eine CA ist ein Art digitaler Notar, der kryptographische Zertifikate von Webserver-Betreibern beglaubigt. : Freie Certificate Authority ab heute am Start: Let’s encrypt! Nachdem im September das erste Zertifikat online gestellt und im Oktober die Cross-Zertifizierung für alle verbreiteten Browser bekanntgegeben wurde, steht nun der nächste Meilenstein bevor: Die erste Phase der freien und offenen Certificate Authority (CA) „Let’s Encrypt“ endet heute, die sog. „Public beta“ beginnt.
Jedes Smartphone und jeder Computer speichert sehr viele Zertifikate, die jeweils von einer CA beglaubigt und verwaltet werden, um beispielsweise die Authentizität einer Webseite bestätigen zu können. Website-Betreiber können die Zertifikate von „Let’s Encrypt“ nun direkt beziehen, denn ab heute sind sie allgemein verfügbar.
Das generelle Ziel der neuen CA ist es, die finanziellen und technischen Hürden für eine sichere Kommunikation zu senken. Die Zertifikate werden daher kostenfrei vergeben. Derzeit verdienen die CAs ihr Geld damit, Zertifikate an Webserver-Betreiber zu verkaufen. Ob und wie schnell also „Let’s Encrypt“ mit kostenlosen Zertifikaten dieses Geschäftsmodell beenden wird, sollte sich schon im nächsten Jahr zeigen.
Hinter der Initiative „Let’s Encrypt“ steht die kalifornische Internet Security Research Group (ISRG), eine Non-Profit-Organisation, die von Mozilla, Cisco, Akamai und der Electronic Frontier Foundation (EFF) ins Leben gerufen wurde. Die CA hat sich Transparenz auf die Fahnen geschrieben, sie veröffentlicht etwa, an wen und welche Zertifikate ausgeteilt werden.
„Let’s Encrypt“ besteht aus technischer Sicht aus einer API und einem Open-Source-Kommandozeilentool für diese API. Es gab durchaus anfangs nicht nur Freude unter Admins über dieses Kommandozeilentool, denn es erzwang root-Rechte für die Zertifikatsanforderung. Abhilfe brachte aber ein Script ohne sudo/root.
Wer wissen will, wie ein erstes Resümee von „Let’s Encrypt“ nach drei Wochen Vollbetrieb aussehen wird, dem sei der 32C3 empfohlen, denn Roland Shoemaker von der EFF wird dort berichten. Vorerst empfiehlt sich aber ein Podcast (mp3), in dem Josh Aas über „Let’s Encrypt“ spricht. Er ist nicht nur Mitgründer und Geschäftsführer der ISRG, sondern auch Senior Technology Strategist bei Mozilla. Aas hat übrigens heute bekanntgegeben, Facebook als Sponsor ins Boot geholt zu haben.
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: Interview zu autonomen Shuttle-Bussen: „Kein Lenkrad, kein Brems- und kein Gaspedal“
: Interview zu autonomen Shuttle-Bussen: „Kein Lenkrad, kein Brems- und kein Gaspedal“ Im Frühjahr wird erstmals in Europa ein autonomes Shuttle-Bus-System im Regelbetrieb fahren. Das rüttelt am bisher ehernen Grundsatz, dass ein Mensch am Steuer eines Fahrzeugs zu sitzen hat. Wir haben mit dem Hersteller Navya über das Pilotprojekt gesprochen. Wie es mit der Haftung und Versicherung aussieht, wenn die Roboter-Fahrzeuge einen Schaden verursachen sollten, wollten wir wissen, haben aber auch darüber gesprochen, wie man mit subversiven Fußgängern umgeht und ob in naher Zukunft viele solcher Systeme auf öffentlichen Straßen verkehren werden.
Google, Audi, Nissan, Tesla oder Mercedes Benz: Viele Hersteller haben bereits Testfahrten auf öffentlichen Straßen unternommen, teils seit mehreren Jahren. Die Navya-Prototypen mit Elektroantrieb wurden seit 2011 in den Niederlanden, in den Vereinigten Staaten, in der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich, in England und zuletzt in Singapur in verschiedenen Pilotverfahren getestet.
Wir sprachen mit Viktoria Fontanel, Business Developer Europe bei Navya. Transkribierung und Bearbeitung von Fabian, Nikolai und Constanze.
netzpolitik.org: Soweit bekannt, handelt es sich bei diesen Bussen um das erste autonome Shuttle-System in Europa, das dauerhaft im öffentlichen Straßenraum operiert. Wie wird das Pilotverfahren in Sitten (Sion) durchgeführt?
Viktoria Fontanel: Wir warten noch auch auf eine spezielle Zulassung, die wir benötigen. Wir verhandeln im Moment mit den zuständigen Behörden. Von dort bekommen wir aber positive Rückmeldungen. Die Fahrzeuge werden voraussichtlich ab März oder April 2016 in der Innenstadt von Sitten fahren.
netzpolitik.org: Fahren die Kleinbusse vollständig autonom?
Viktoria Fontanel: Bereits für eine Messe in Bordeaux hatten wir eine spezielle Zulassung erhalten, weil wir dort auf öffentlicher Straße gefahren sind. Dabei hatten wir ein paar Auflagen einzuhalten. Beispielsweise musste immer eine Aufsichtsperson an Bord sein, die den Joystick in der Hand hält, um notfalls eingreifen zu können. Es durften auch nur neun Fahrgäste auf einmal mitfahren, die alle sitzen mussten, obwohl wir natürlich auch Stehplätze in den Fahrzeugen haben. Zusätzlich durften wir nicht schneller als 25 km/h fahren.
netzpolitik.org: In welchen Ländern und wie lange haben Sie bereits Testreihen durchgeführt?
Viktoria Fontanel: Wir haben vorher sehr viel mit einem Prototyp getestet. Das war ein offenes Modell, also ohne Dach. Damit wurde in der Forschung und Entwicklung ausführlich und lange experimentiert. Unter anderem haben wir in den USA getestet. Unser Ingenieurteam arbeitet inzwischen schon seit zehn Jahren an führerlosen Fahrzeugen. Der Betreiber Postbus hat für Sitten nun zwei Fahrzeuge gekauft, die dort in Betrieb gehen werden. Voraussichtlich können in der zweijährigen Pilotphase die Passagiere die Fahrzeuge umsonst ausprobieren.
netzpolitik.org: Wie häufig müssen die elektrischen Fahrzeuge aufgeladen werden?
Viktoria Fontanel: Die Fahrzeugakkus halten im Normalbetrieb etwa sechs bis acht Stunden, wenn die Strecke nicht sehr bergig ist.
netzpolitik.org: Wie steht es um die Haftungsfrage? Im offiziellen Werbevideo sieht man, dass die Busse selbständig anhalten, wenn Hindernisse auftauchen. Wie sieht es bei der Haftung aus, wenn es dennoch zu Problemen oder Unfällen käme?
Viktoria Fontanel: Einerseits versichern die Kunden ihre Fahrzeuge. Grundsätzlich hält aber das Fahrzeug erst einmal an, wenn es in einer Situation nicht genau weiß, was es machen soll. Sollte es aber trotzdem zu einem Unfall kommen und sich herausstellen, dass wir als Hersteller daran schuld sind, etwa durch technisches Versagen oder einen Programmierfehler, sind auch wir versichert. Natürlich zahlt immer die Versicherung des Schuldigen.
netzpolitik.org: Was passiert denn, wenn Fußgänger sich einen Spaß daraus machen, die Busse aus Jux anzuhalten? Wie geht man damit um, wenn Einwohner oder Touristen den Bussen absichtlich in den Weg laufen?
Viktoria Fontanel: Man muss natürlich die Leute sensibilisieren, um zu erklären, wie man mit den Fahrzeugen umgeht. Eine einzelne Person kann umfahren werden, aber wenn eine ganze Reihe von Menschen im Weg steht, geht es nicht mehr vorwärts.
netzpolitik.org: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Viktoria Fontanel: Verraten kann ich nicht viel. Wir haben Kontakte zu vielen Privatunternehmen, unser Ziel ist, auf öffentlichen Flächen zu fahren. Das ist heute noch nicht erlaubt. Deswegen werden wir zuerst auf privaten Flächen fahren, zum Beispiel auf Flughäfen oder einem Atomkraftwerk in Frankreich. Die Privatgelände sind ganz gut, so können wir unsere Technologie testen.
Das war nicht einfach, aber wir sind jetzt versichert
netzpolitik.org: Gehen Sie davon aus, dass in naher Zukunft – also in drei bis fünf Jahren – ein Großteil solcher Shuttles im öffentlichen Personennahverkehr fahrerlos unterwegs sein wird?
Viktoria Fontanel: Ich denke persönlich nicht, dass es ein Großteil sein wird, schon weil es heute auf öffentlichen Straßen nicht erlaubt ist. Wir können zwar Pilotprojekte durchführen. Das heißt aber nicht, dass wir Tausende von Fahrzeugen auf der Straße sehen werden. Sicher wird es aber viele Pilotprojekte geben, schon weil es viele Transportunternehmen gibt, die Interesse daran haben. Doch es liegt auch an diesen Transportunternehmen, ob sie führerlose Fahrzeuge testen wollen und spezielle Zulassungen beantragen möchten.
netzpolitik.org: Dazu wird es auch rechtliche Regeln geben müssen. Setzen Sie sich dafür ein, dass die rechtlichen Möglichkeiten für solche autonomen Shuttles verbessert werden und dass man Regeln schafft, um auf öffentlichen Straßen fahren zu können?
Viktoria Fontanel: Vielleicht werden zunächst spezielle Regeln geschaffen: erst in Fußgängerzonen, anfangs mit ganz langsamer Geschwindigkeit, vielleicht nicht sofort mitten im normalen Straßenverkehr mit Fahrzeugen, die 70 km/h fahren können. Unsere Fahrzeuge können ja ca. 40 km/h fahren. Ich würde sagen: In ein paar Jahren werden Regeln kommen, die es vereinfachen, auf öffentlichen Straßen zu fahren.
netzpolitik.org: Hatten Sie Schwierigkeiten, einen Versicherer zu finden?
Viktoria Fontanel: Wir haben zwar eine Versicherung gefunden, sogar zwei, aber das war nicht einfach, weil man erst eine neue Kategorie schaffen musste. Heute kann man ein normales Fahrzeug versichern, aber wir haben kein Lenkrad, kein Brems- und kein Gaspedal. Deswegen gehören wir nicht zu Kategorien wie „Auto“, „Minibus“ oder „großer Bus“. Man musste eine neue Kategorie „autonomes Fahrzeug“ schaffen. Das war nicht einfach, aber wir sind jetzt versichert.
netzpolitik.org: Vielen Dank, Frau Fontanel, dass Sie uns für dieses Gespräch zur Verfügung standen.
Am 17. Dezember wird die erste Pressevorführung in Sitten stattfinden, wo das Gefährt demonstriert werden soll und das Ingenieurteam für Fragen zur Verfügung stehen wird.
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: Vorratsdatenspeicherung kleiner Drohnen: Dobrindt-Ministerium berichtet lieber der BILD als dem Parlament
Nur Quadrokopter mit weniger als 500 Gramm dürfen nach den neuen Plänen ohne Vorratsdatenspeicherung ihrer BesitzerInnen verkauft werden. : Vorratsdatenspeicherung kleiner Drohnen: Dobrindt-Ministerium berichtet lieber der BILD als dem Parlament Wie unter anderem die BILD-Zeitung heute berichtet plant die Bundesregierung neue Regelungen für private und gewerbliche Drohnen-Flüge, darunter die Ausweitung von Flugverbotszonen. Zudem sollen gewerbliche Drohnen-PilotInnen eine Art Lizenz erwerben und hierfür ihr Können vorzeigen. Dies habe der von der CSU gestellte Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, Alexander Dobrindt, am gestrigen Samstag in Berlin erklärt.
Schon jetzt müssen gewerbliche NutzerInnen eine pauschale Erlaubnis für das Steuern der Drohnen beantragen, jeder Flug muss dann gegenüber den Luftfahrtämtern einzeln angekündigt werden. Nach dem neuen Vorstoß sollen die PilotInnen zuvor ihre „fliegerischen und luftrechtlichen Kenntnisse“ nachweisen, diese würden in einer Prüfung abgenommen. Eine entsprechende Lizenz würde anschließend durch das Luftfahrt-Bundesamt erteilt.
Außerdem sollen Drohnen mit einem Gewicht ab 500 Gramm zukünftig registriert werden, um deren BesitzerInnen im Falle eines Schadens identifizieren zu können. Wo diese Vorratsdatenspeicherung geführt wird und welche Behörden darauf zugreifen dürfen, erklärt das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur nicht. Auch über den Umfang der erhobenen Daten ist bislang nichts bekannt.
Kommt auch das „Geofencing“?
Wir schrieben vor mehr als zwei Monaten über einen Vorschlag zum „Geofencing“, der vom Chef der Deutschen Flugsicherung (DFS), Klaus-Dieter Scheurle, vorgetragen wurde. Gemeint ist die Möglichkeit, auf der Firmware der Drohnen Flugverbotszonen zu programmieren. Scheurle schlug vor, kleine Drohnen mit Chips auszustatten um diese jederzeit orten zu können. Auch die Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht für privat genutzte Drohnen stammt von dem früheren CSU-Politiker und jetzigem Chef der Flugsicherung.
Ähnlich hatten sich die EU-Mitgliedsstaaten im Frühjahr in einem „Statement von Riga“ geäußert, an dem auch das deutsche Verkehrsministerium mitgewirkt hat. PilotInnen kleiner Drohnen sollen demnach leichter für Gesetzesverstöße haftbar gemacht werden können. Die europäischen Regierungen werden aufgefordert, ihre Gesetze entsprechend anzupassen.
Erst 18 der 28 EU-Mitgliedsstaaten verfügen über einen Rechtsrahmen für kleine und mittelgroße unbemannte Luftfahrzeuge. Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) mit Sitz in Köln schlägt vor, Drohnen in der gesamten EU in drei Risikokategorien einzuteilen.
Dobrindt will Flüge außerhalb der Sichtweite erlauben
Vor vier Wochen hat das Verkehrsministerium eine Kleine Anfrage mit dem Titel „Kennzeichnungspflicht von kleinen Drohnen und Vorratsdatenspeicherung von deren Besitzerinnen und Besitzern“ beantwortet. Beinahe alle wesentlichen Fragen blieben jedoch offen. Nur schmallippig antwortete der Parlamentarische Staatssekretär und CDU-Abgeordnete Norbert Barthle, das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur „erarbeitet derzeit Rechtsgrundlagen, die innerhalb der Bundesregierung abgestimmt werden“. Auch auf mehrmalige Nachfrage äußerte sich Barthle nicht konkreter, statt den Abgeordneten wurden gestern Medien und Agenturen über die geplanten Neuerungen informiert.
Zu den neuen Plänen gehört übrigens auch ein weiterer Schritt in Richtung des autonomen Drohnenfluges. Demnach dürfen die Drohnen zukünftig auch außerhalb der Sichtweite der PilotInnen fliegen. Derzeit sind Hilfsmittel wie Ferngläser, Nachtsichtgeräte oder die Steuerung über eine an der Front angebrachte Kamera nicht erlaubt. Auch der reine Flug per GPS ist in Deutschland verboten.
Die Bundesregierung nähert sich damit der EU-Kommission an, die seit einigen Jahren die Gleichstellung von unbemannter und bemannter Luftfahrt betreibt. In einer Roadmap heißt es, dass größere Drohnen und Flugzeuge in einigen Jahren in gemeinsamen Lufträumen fliegen sollen. Später könnte sogar der „vollautonome“ Flug erlaubt werden.
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: Live-Lesung: NSA-BND-Untersuchungsausschuss zum Nachhören
Zeuge Günter Heiß vor Beginn der Anhörung. : Live-Lesung: NSA-BND-Untersuchungsausschuss zum Nachhören Letzte Woche fand in Berlin eine Tagung über Drohnen statt, während zeitgleich im NSA-BND-Untersuchungsausschuss Brandon Bryant ausführlich zu seiner Tätigkeit als US-Drohnenpilot befragt wurde. Aus dieser Ausschuss-Befragung Bryants wurden Teile am Donnerstagabend im Rahmen der Tagung live verlesen. Wer bisher noch nicht die Zeit hatte, das Live-Protokoll zu lesen, dem bieten wir das mp3 dieser Live-Lesung zum Runterladen an.

Der Live-Lesung der Fragen der Parlamentarier und Aussagen von Brandon Bryant liegt eine gekürzter Teil des Live-Blogs der Sitzung zum Thema „Geheimer Krieg“ des NSA-BND-Geheimdienst-Untersuchungsausschusses im Bundestag zugrunde, den wir hier wiedergeben.
Die Antworten gibt der ehemalige Drohnenpilot der US Air Force, Brandon Bryant, 29, aus Montana. Bryant war als US-Drohnenpilot im Irak, New Mexico und Nevada im Einsatz, stieg 2011 aber aus Gewissensgründen aus. Seit seinem Ausstieg kritisiert er immer wieder öffentlich die Praktiken im Drohneneinsatz. Mit seiner Hilfe wollte der Untersuchungsausschuss mehr darüber erfahren, wie sehr Deutschland in die Drohnenschläge der USA involviert war und ist. Es steht im Raum, dass Informationen, insbesondere Koordinaten, die aus Deutschland geliefert wurden, bei gezielten Tötungen geholfen haben. Außerdem soll die US-Luftwaffen-Basis Ramstein in Deutschland dazu genutzt werden, Drohnenangriffe zu steuern. Eine Rolle bei der Zielauswahl spielt auch das in Stuttgart stationierte United States Africa Command (AFRICOM). Bryant sagte in einem Interview gegenüber der Süddeutschen Zeitung:
Es ist ganz einfach. Ohne Deutschland wäre der gesamte Drohnenkrieg des US-Militärs nicht möglich.
Im NSA-BND-Ausschuss folgt nach einigen kurzen Eingangsworten Bryants die Befragung:
Bryant: Ich möchte Ihnen allen danken für die Ehre Ihrer Aufmerksamkeit. Wir müssen uns der Bedeutung der Informationen bewusst sein, denn wir werden hier Geschichte schreiben. Vor einhundert Jahren waren die USA und Deutschland noch Feinde, heute sind sie wichtigste Verbündete. Deutschland hat einen Einfluss darauf, in welche Richtung mein Land geht. Deutsche Erkenntnisse aus Zweiten Weltkrieg sind eine bittere Erfahrung. Wir müssen unsere Handlungen und die Verantwortung dafür sehen. Wir alle müssen uns fragen, wem wir dienen wollen und warum. Drohnenopfer Abdulrahman al-Awlaki wurde getötet, und ich war Teil dieser Maschine. Er und andere haben den Preis bezahlt. In Zukunft müssen wir Ähnliches verhindern. Wir müssen auch auf andere schauen: Manning, Assange, Snowden. Unsere Entscheidungen heute werden zeigen, wohin wir in Zukunft gehen.
Sensburg: Wollten Sie immer zum Militär?
Bryant: Ich wollte Journalist werden, habe englische Pädagogik studiert.
Sensburg: Oh, sie sind breit aufgestellt. Wie kam es dazu, zu den Nachrichtendiensten zu gehen, Sie hatten einen guten Eingangstest, warum nicht im Pressestab?
Bryant: Dass ich zum Militär ging, war eher schicksalshaft. Meine Mutter hatte immer noch Schulden, und ich wollte, dass sie damit nicht Rest ihres Lebens verbringt. Ich hatte einen Freund beim Zentrum für US-Armee-Rekrutierung. Er hat von der Air Force erzählt, sie würden die Ausbildung bezahlen und man kommt in der Welt herum. Das klingt gut mit 19 Jahren.
Sensburg: Wie ist dort die Personalauswahl? Braucht man im Drohnenbereich unglaublich viele Leute? Wie ist das Personalmanagement? Nehmen die alle, die eine Tastatur halten können oder möglichst viele junge Leute? Finden Sie, das läuft ordentlich? Sie sind innerhalb nur eines Jahres als Drohnenpilot übernommen worden. Ich kann mir da keine Spezialausbildung vorstellen.
Bryant: Ein paar Details zu Ausbildung: Die war unvollständig. Die Grundausbildung war okay, Bilderanalyse usw. Die Mentalität war aber wie im Kalten Krieg. Das waren auch die alten Videos.
Die Rekrutierung war letztlich eine Verarschung. Die lügen Sie an, drehen an Zahlen und medizinische Probleme werden ignoriert. Das kennt man sonst von der Air Force nicht. Ich war einer der ersten bei der „großen Schwemme“. Viele meiner Kollegen waren unterdurchschnittlich qualifiziert.Sensburg: Haben Sie mal geäußert, was Sie lieber machen würden? Selber fliegen, im Außenbereich arbeiten? Oder war alles aufdiktiert?
Bryant: Nein, habe es nicht probiert. Ich wurde in Nevada ins „Theater“ gebracht, das war so groß wie der Kreis an Menschen hier. Da haben wir Videos mit Drohnen und Heavy Metal gesehen. Der Sergeant sagte dazu: „Euer Job ist es, Menschen zu töten.“
Ich habe gesagt: „Ich glaube nicht, dass ich das machen kann.“ Er wieder: „Du hast einen Eid geleistet, du wirst das machen.“
Habe das dann auch getan. Mein Großvater hat gesagt: Das einzige, was ein Mann an Wert hat, ist sein eigenes Wort. Am Ende habe ich dann doch den Eid verletzt.Sensburg: Mitgehangen, mitgefangen? Haben Sie gedacht, das ist was nicht nur mit friedlichen Dingen?
Bryant: Ich wusste um die Auswirkungen, habe aber geglaubt, meinem Land zu dienen. Wirklich den Abzug zu betätigen, das habe ich mir nicht vorgestellt. Ich habe an das Land geglaubt.
Sensburg: Haben Sie selbst eine Fluglizenz?
Bryant: In der Air Force muss man Offizier sein. Das ist das Prinzip des Drohnenprogramms: Ein richtiger Pilot ist auch immer da, da muss man nur übernehmen, wenn er die Kontrolle verliert. Ich hatte Notfallautorität.
Sensburg: Ist man mit dem Piloten in einem Raum?
Bryant: Ja.
Sensburg: Was war deren Qualifikation?
Bryant: Die kamen von Fluggeräten und hatten Jahre Flugerfahrung. Aber die wurden aus vorigen Programmen rausgeworfen: betrunken, unfähig, Befehle zu befolgen, unfähig am Gerät… Wenige Piloten wollten freiwillig zum Drohnenprogramm.
Sensburg: Ist noch eine dritte Person im „Container“?
Bryant: Legalistisch sollte es noch Beobachter geben, ein weiterer Pilot. Aber tatsächlich passiert das nur auf Zufallsbasis.
Sensburg: Nochmal zum Ablauf ab Einsatzbefehl: Ist eine Remote Split Operation (RSO) im Hintergrund?
Bryant: Lange nicht mehr gehört. RSO heißt, dass wir in anderen Ländern agieren und gleichzeitig Fahrzeuge aus eigenem Land bedienen. Alles über Satellit gesteuert, und Ramstein ist der Signalrelais-Stützpunkt für Nahost.
Sensburg: Für welche Daten?
Bryant: Alle Daten. Jedes einzelne bisschen an Dateninformation, das zwischen Flugzeug und Mannschaft übertragen wurde.
Sensburg: Für alle Gebiete ist Ramstein bedeutend oder noch andere Relais-Stützpunkte?
Bryant: Alles Ramstein, wir mussten sogar einen neuen Satelliten hochschicken, weil die Signale aus Jemen nicht abgedeckt wurden.
Sensburg: Wer war noch ab und zu im Container?
Bryant: Besucher… manchmal Befehlshaber, höherrangige Leute. Normalerweise ist man aber allein und isoliert.
Sensburg: Wie läuft das generell ab, kriegen Sie vorher Infos wie: Wir überwachen jetzt dieses Haus. Dann fliegen Sie über dem Haus rum. Also wie kriegen Sie Input, wenn eine konkrete Zielperson auftaucht? Wen fragen Sie da?
Bryant: Wir fragen gar nichts. Wir bekommen Befehle.
Sensburg: Von wem?
Bryant: Verwirrend. Wir nennen die den „Kunden“, der kontrolliert die Mission: „Folgt dem, passt auf den auf.“
Sensburg: Wie ist das Verhältnis Sensor-Operator vs. Screener?
Bryant: Der Sensor-Operator koordiniert die Kamera. Die Screener in der „Distributed Ground Systems“-Bodenstation beobachten das Videobild und sagen dem Kunden bescheid, wenn etwas Wichtiges passiert.
Wenn jemand Wichtiges auftaucht, würde uns das gesagt werden. Sie sagen nicht, warum, sie sagen nur, folgt dem, das ist die Koordinate.Sensburg: Der Kunde würde dann den Wunsch äußern, weiterzuverfahren. Würde er auch sagen: „Zum Abschuss freigegeben“?
Bryant: Mehr oder weniger. Die mussten dann zum Geschäftsbefehlshaber gehen und es dann erlaubt bekommen. Aber die sagen, dass wir schießen sollen oder nicht.
Sensburg: War das alles optisch, durch Kameraerfassung? Keine Signalerfassung?
Bryant: Korrekt.
Sensburg: Ist Ihnen bekannt, dass aufgrund von Funkzellendaten Drohneneinsätze geflogen wurden? Reine Koordinaten? Wenn ja, wie geht das?
Bryant: Mein zweiter Abschuss war über Metadaten. Die vorige Schicht hatte Gebäude beobachtet. Bei meiner Schicht hatten wir Signale vom Telefontracking, dann wurde beschlossen, zu schießen.
Sensburg: Laut Zeitungsbericht: „Sie sollten High-Value-Targets verfolgen.“ Haben Sie sich das nachher erschlossen oder wussten Sie das vorher? Konkreter Fall: Anwar al-Awlaki.
Bryant: Das war ein besonderer Fall, es wurde gesagt, er sei ein Verräter und verdient es zu sterben. Ich wusste nichts speziell über ihn, nur dass er Imam war.
Sensburg: Waren da Nachrichtendienst-Leute dabei?
Bryant: Nein.
Sensburg: Wie wurde der Auftrag durchgeführt?
Bryant: Wir sind ihm zehn Monate lang gefolgt. Oder eher: Wir haben ihn gesucht. Und dann haben wir im Februar 2011 angefangen, bewaffnete Missionen über Jemen zu fliegen. Ich hatte auch kein Problem damit, dass die Konsequenz seines Auffinden sein Tod sein würde, denn das sollten eigentlich Bodentruppen machen. Man hat uns dann gesagt, der Präsident sagt, wir sollen ihn abschießen.
Der Kommandeur war sehr aufgewühlt. Er hat gesagt, er verletzt seinen Eid, denn selbst ein Verräter hat das Recht auf ein Verfahren mit Jury. Genau da hatte ich das Gefühl, ich hätte meinen Eid verraten.Sensburg: Ich frage mich: Kann eine Drohne durch Metadaten auf ein Ziel geleitet werden, durch Koordinaten?
Bryant: Ja.
Sensburg: Müssen die vorher da sein, wird die Drohne durch Metadaten geleitet?
Bryant: Beides. Wir haben eine grundlegende Vorstellung vom Gebiet. Metadaten helfen bei der Zielerfassung.
Renner: Sie sagen, Handysignale sind zur Lokalisation geeignet: Wurde auch auf terrestrischer Basis agiert?
Bryant: Wenn die Drohne Teil des GILGAMESH-Projektes ist, fungiert die Drohne als Funkmast. Ein Telefon sucht immer das stärkste Signal. Wir sind dann eben so ein Funkmast und wissen, wer da ist. Wir zapfen die echten Funkmasten an und ziehen das Signal zu der Drohne hin ab, durch Triangulation können wir dann das Ziel lokalisieren. Mit Satellitentelefon würde das nicht funktionieren.
Der Begriff GILGAMESH bezieht sich auf die aktive Geo-Lokation durch Predator-Drohnen.
Renner: Wir haben auch diskutiert, ob lokale Handydaten von Partnerstaaten nutzbar sind. Ein Argument lautet ja: Die Daten von USA und Deutschland sind nicht für Derartiges nutzbar, weil der Signalweg zu lang ist.
Bryant: Doch, das ist möglich, weil Metadaten nicht zeitkritisch sind, also SIM-Kartennummern etc. Das ist ja das, was wir wollen. Dadurch bekommen wir die Verbindung von der SIM-Karte zur Person. Wenn Deutschland diese Daten weitergibt, kann man damit dann Leute exekutieren.
Renner: Sind solche Fälle bekannt?
Bryant: Ja, ein Fall, von dem ich weiß: Es ging um zwei neuseeländische Lehrer. Diese Zivilisten waren in Nahost. Deutschland hat Metadaten an die USA gegeben, die zum Tode geführt haben. Sie wurden durch einen Drohnenschlag getötet.
Renner: Wurden dafür auch Metadaten genutzt?
Bryant: Metadaten waren das, was weitergegeben wurde.
Flisek: Sehen Sie auch ein Problem, wenn es sich um Einsätze handelt, die vom Völkerrecht gedeckt wären?
Bryant: Hypothetisch, wenn das Völkerrecht eingehalten wird und Aktionen nicht zur Tötung führen. Wenn wir damit jemanden verhaften und nicht töten, dann würde ich sagen, das ist okay. Aber wann wird das schon genutzt? Drohnenpiloten sind Menschenjäger.
Flisek: Sind „Kollateralschäden“ Einzelfälle? Worüber unterhalten wir uns da, war das der Regelfall?
Bryant: Ziemlich. Wir unterscheiden drei Kennzeichen: Männer in militärischem Alter, dann „Raben und Krähen“, also Frauen und Kinder. Männer in militärischem Alter heißt über zwölf Jahre, die waren legitime Ziele. Ich würde aber sagen, das sind Kollateralschäden, weil das nicht entsprechend der UN-Terminologie ist.
Flisek: Per se werden Männer mit Aussehen über zwölf Jahren als militärische Ziele eingestuft – also zum Abschuss freigegeben?
Bryant: Ja.
Flisek: Woran hat man das Alter festgemacht?
Bryant: Wussten wir nicht. Man hat ein gutes Bild vom Körper über Infrarot bekommen. Man konnte gut sehen: ob Jugendlicher, Kind, Frau, Mann.
Es ist viel komplizierter, welche Algorithmen man benutzt. Ob Hellfire-Raketen eingesetzt werden, war keine Information, die ich bekam.Flisek: War die Bewertung automatisiert oder durch Menschen?
Bryant: Durch Menschen. Die Screener und der Kunde haben die Entscheidung getroffen, auf wen man schießen sollte und warum.
Flisek: Bei dem Kriterium „zwölf Jahre“, hatten Sie dort Zweifel?
Bryant: Ja, jedes Mal. Das war einer der Hauptpunkte, der mich beschäftigt hat. Ich hatte Zweifel. Da waren einige Menschen, die bei Kollateralschäden gesagt haben: „Man muss das Gras mähen, bevor es wächst. Macht nichts, wenn es Kinder sind, das werden dann eh Terroristen.“

Flisek: Haben Sie Informationen darüber, dass deutsche Stellen über die Funktionen von Ramstein Bescheid wissen?
Bryant: Uns wurde gesagt, dass wir mit der Regierung zusammenarbeiten, und die wusste, was dort passiert. Wir müssen also nichts verbergen. Einzelne Namen oder Einheiten weiß ich nicht. Es wurde nur gesagt, dass Vertreter der deutschen Regierung wussten, was vor sich geht.
von Notz: Ist es ein Problem, dass Sie hier so offen reden, also rechtlich?
Bryant: Das sollte eigentlich kein rechtlich problematisches Thema sein. Ich übernehme Verantwortung, auch mein Land sollte das mal tun.
von Notz: Eine Frage zu Kollateralschäden: Hat es statistische Auswertungen gegeben, wo gesagt wurde: Diesmal war es sehr erfolgreich oder nicht so gut. Gab es Evaluationen? Konnte man überhaupt evaluieren? Oder hat man einfach gesagt: Passt schon?
Bryant: Nach jeder Mission, nach jedem Schuss musste der Pilot einen Bericht verfassen und eine Schadenseinschätzung abgegeben. Meist so, dass die Mission das Abfeuern einer Hellfire verlangte und drei Personen getötet wurden und die Mission erfolgreich abgeschlossen wurde.
von Notz: Wenn Berichte gefertigt werden, neigt man dazu, Probleme nicht reinzuschreiben? Gab es da einen Check oder ging das einfach so in die Statistik ein?
Bryant: Normalerweise wurde einfach geschrieben. Es gab dann ein Debriefing: „Was war gut, was schlecht?“
Ich habe nie erlebt, dass jemand zurechtgewiesen wurde. Es gab auch keinerlei Kontrolle, da hat keiner draufgeguckt.Sensburg: War das alles optisch, durch Kameraerfassung? Keine Signalerfassung?
Ströbele: War die Grundlage für Briefings die schriftlichen Unterlagen?
Bryant: Powerpoint-Präsentationen.
Warken: Laut Interview in der SZ im Jahre 2014 sagten Sie: „Es ist egal, wo Drohnen im Einsatz sind, die Daten gehen immer über Ramstein.“ Zur Einordnung: Ist Ramstein immer im Spiel oder nur bei Nahost?
Bryant: Soweit ich das weiß: immer.
Warken: In welcher Form, als Relaisstation?
Bryant: Ja.
Wendt: Sie sagten, 98 Prozent der Flugstunden waren Beobachtung und nur zwei Prozent Kampf. Stand das vorher fest, wurde zwischendurch gewechselt?
Bryant: Mit den Predator-Drohnen war jede Mission Aufklärung, die auch Kampf werden konnte. Reapers hatten acht Hellfire-Raketen, die spezifisch für Angriffe geschaffen sind. Ich bin immer Aufklärung geflogen, mit der Möglichkeit auf Abschuss.
Hahn: Ist die Entscheidung über Drohnenstarts eine politische oder militärische Entscheidung? Können Drohnen ohne politische Zustimmung eingesetzt werden?
Bryant: Hoffe ich nicht und glaube es nicht. Die meisten Tötungsentscheidungen waren militärische Operationen. Ich hoffe, dass es eine Struktur gab, in der das stattfand. Je mehr ich weiß, desto mehr sehe ich, wie das fragmentiert wurde. Ich habe den Abzug gedrückt, wenn mir das gesagt wurde.
Flisek: Sie sind jemand, der uns hier sehr, sehr eindrucksvoll geschildert hat, wie solche militärischen Drohneneinsätze aussehen. Als politische Entscheider haben wir das unter vielen Punkten zu beurteilen. Was ist für Sie der qualitative Unterschied im Kriegsrecht von bewaffneter Drohne und bewaffneter F16?
Bryant: Ein F16-Pilot muss jahrelang ausgebildet sein, fit sein, geistig und körperlich. Viel mehr Geld wird investiert in den Menschen als in das Flugzeug. Kampfpiloten sollen von höchster Qualität sein. Drohnenschnittstellen sind dagegen junge Leute von der High School. In meinem Fall: Ein junger Mann ohne Lebenserfahrung wird in eine Kampfsituation gebracht, neben einem Piloten, der enttäuscht ist und der eigentlich Flugzeuge fliegen will. Wenn der die Drohne fliegt, nimmt man ihm das weg. Seine Lebensqualität sinkt.
Wir wurden nicht hoch angesehen. Wir sahen uns als Flieger, aber andere Flieger haben uns gehasst. Wie bei einem Computerspiel, nicht wie Call of Duty, mehr wie SIMS.
Eine F16 kann vier bis fünf Stunden fliegen, dann Debriefings. Jedes Mal geht es um was. Bei Drohnen sitzt jemand stundenlang, zwölf Stunden, sechs Tage die Woche in einer isolierten Box: Menschen zugucken, Frauen beim Wäsche waschen, Männer beim Bomben legen und dann ihre Kinder umarmend, und wie Menschen auf Dächern Sex haben. Das ist psychologisch sehr unschön.
Es wird gesagt: Das ist nicht so anstrengend, sie können ja nach Feierabend nach Hause gehen, Pizza essen. Aber man bekommt keine Unterstützung, man hat nicht die Qualitäten, die man für die Einsätze braucht. Die Leute werden misshandelt, ich habe viele Scheidungen gesehen. Wir können ja auch nicht darüber sprechen, wenn wir nach Hause kommen.
Soldaten möchten sich wichtig fühlen, ruhmreich, ehrenhaft sein. Wenn ein Land, dem Sie dienen wollen, sie so missbraucht, macht das alles kaputt. Was Sie da sehen, ist, dass mein Land die Operateure verantwortlich macht, obwohl andere verantwortlich sind.Unabhängig von einer Mittäterschaft beim US-Drohnenkrieg, plant die Bundesregierung bereits die Anschaffung einer bewaffneten „europäischen Drohne“.
In der nächsten öffentliche Sitzung des NSA-BND-Ausschusses am 5. November wird übrigens der „Selektoren-Beauftragte“ Kurt Graulich befragt werden. Wenn die geneigten netzpolitik.org-Leser Gefallen an diesem Live-Lesung-Podcast haben, dann würden wir uns eine Form der Fortsetzung überlegen.
Bildlizenzen: CC BY 2.0 via flickr/Mike Licht. Musiklizenz im Podcast: CC BY-NC-SA 3.0 via jamendo/Bad Bed Bugs
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: Interview mit Nighat Dad: „Warum werden unschuldige Pakistanis durch aus Deutschland gesteuerte Drohnen getötet?“
Nighat Dad bei der Intelexit Pressekonferenz (Bild: Intelexit) : Interview mit Nighat Dad: „Warum werden unschuldige Pakistanis durch aus Deutschland gesteuerte Drohnen getötet?“ Bei der Pressekonferenz der Intelexit-Kampagne vergangene Woche sprach unter anderem die pakistanische Aktivistin und Rechtsanwältin Nighat Dad. In einer emotionalen Rede äußerte sie sich zu den Auswirkungen des Drohnenkrieges auf den Alltag der pakistanischen Bevölkerung und rief Geheimdienst-MitarbeiterInnen zum Ausstieg auf. Wir sprachen danach mit ihr unter anderem über die Arbeit der von ihr gegründeten Digital Rights Foundation, Massenüberwachung in Pakistan und die Rolle Deutschlands im Drohnenkrieg.
Nighat Dad ist die Gründerin und Geschäftsführerin der Digital Rights Foundation und Vorreiterin im Kampf um offenen Zugang zum Internet in Pakistan. Sie wurde 2015 vom TIME Magazin als „Next Generation Leader“ für ihre Arbeit zur Stärkung von Frauen gegen Belästigungen und Bedrohungen im Internet ausgezeichnet.
There is also an English version of this interview available. Es ist auch eine englische Version verfügbar.
Was macht die Digital Rights Foundation und an welchen Kampagnen arbeitet ihr aktuell?
Nighat Dad: Zurzeit arbeiten wir an einer Anti-Überwachungskampagne, da die Enthüllungen Snowdens zeigen, dass die NSA 55 Millionen pakistanische Mobilfunkanschlüsse überwacht.
Wir schauen uns aber auch die pakistanischen Geheimdienste an, welche ohne jegliche Rechenschaftspflicht und Transparenz Bürger, die Justiz und Politiker überwachen. Dabei machen wir die Regierung für ihr Handeln verantwortlich, indem wir Senatoren und Parlamentarier informieren. Es gibt nicht besonders viel Aufmerksamkeit und Bildung über Überwachungsmaßnahmen in Pakistan. Die meisten Leute sehen es als einen normalen Aspekt geheimdienstlicher Arbeit an. Niemand hinterfragt das. Nach den Enthüllungen von Snowden hat sich das aber geändert, sodass Senatoren und Parlamentarier das Thema adressieren.
Außerdem bieten wir IT-Sicherheitstrainings für Journalisten, Aktivisten und zivilgesellschaftliche Gruppen an, weil diese zunehmend das Internet für ihre Arbeit benutzen. Viele nutzen das Internet, ohne etwas über Online-Sicherheit zu wissen. Wir erzählen ihnen über Überwachung, wie sie genau beobachtet werden, welche Schritte sie übernehmen können, um Überwachung zu verhindern, und andere digitale Sicherheitsthemen.
Du bist ausgebildete Rechtsanwältin mit einem Schwerpunkt auf Frauenrechte. Mit welchen Herausforderungen und Problemen sehen sich pakistanische Frauen und Mädchen online konfrontiert?
Nighat Dad: Zurzeit gibt es keine Gesetzgebung zu Internetkriminalität oder Gesetze, die Frauen bei Belästigungen Absicherung bieten, also zum Beispiel bei Vergewaltigungsandrohungen oder wenn ihre Freiheitsrechte durch Belästigung eingeschränkt werden.
Erstens wissen also Frauen oftmals nicht bescheid über Rechtsmittel oder irgendwelche Gesetze, die ihnen Schutz bieten. Zweitens haben sie keine Ahnung, was sie im Falle von Belästigung machen sollen.
Ihr versucht ihnen also durch Trainings zu helfen?
Nighat Dad: Ja, wir haben ein großes Trainingsprogramm an Universitäten und Colleges gestartet, bei dem wir mit jungen Frauen reden. Immer mehr Frauen nutzen Handys in Pakistan, weil es zunehmend von ihren Familien akzeptiert wird. Normalerweise erlauben Väter und Brüder aus kulturellen Gründen Frauen den Besitz von Handys nicht. Ich kann mich gut erinnern, dass ich kein Handy haben durfte, als ich an der Universität studiert habe. Es ist also eine wirkliche Herausforderung für diese Frauen, Zugang zu dieser Technologie zu bekommen. Im Falle von Belästigungen und Bedrohungen können sie aber nicht einfach zu ihren Familien gehen und ihnen davon erzählen. Sie wissen nicht, wie sie mit solchen Situationen umgehen sollen, und kommen daher zu uns.
Sind Verschlüsselungstechniken in euren Trainings Thema?
Nighat Dad: Verschlüsselung ist in Pakistan verboten. Die Gesetze sagen, dass du eine Genehmigung von der Pakistan Telecommunication Authority (PTA) brauchst, um verschlüsseln zu dürfen, was überhaupt keinen Sinn für mich ergibt.
Kennst du Fälle, bei denen jemand auf Grund von Verschlüsselung angeklagt wurde?
Nighat Dad: Mir sind keine öffentlichen Fälle bekannt, aber ich weiß, dass die ISPs den Auftrag von der PTA bekommen haben, jene, die verschlüsseln, zu überwachen.
Wie gehst du mit dieser Situation persönlich um?
Nighat Dad: Manchmal nutze ich Verschlüsselung, wenn ich das Gefühl habe, meine Kommunikation sichern zu müssen, oder wenn ich mich bedroht fühle… Es gibt gerade diesen drakonischen Cybercrime-Gesetzesvorschlag, welcher einige unserer in der Verfassung niedergeschriebenen Grundfreiheiten einschränkt. Einige Aktivisten, unter anderem ich, sind dagegen besonders aktiv. Ich fühle mich also schon gezielt beobachtet. Wenn ich zum Beispiel bei Twitter über diesen Gesetzesvorschlag schreibe, steht immer eine Art Twitter-Troll-Armee bereit, mich zu attackieren. Gerade fühle ich mich also beobachtet und nutze sie [Verschlüsselung] nicht.
Es gibt zurzeit Bestrebungen der pakistanischen Regierung, die Kompetenzen der Überwachungsdienste auszubauen. Was sind die Vorhaben genau?
Nighat Dad: Ja, das stimmt. Privacy International hat vor ungefähr einem Monat einen Bericht herausgegeben, in dem sie zeigen, dass der pakistanische Geheimdienst plant, die Überwachungsprogramme der NSA nachzuahmen. Das ist nicht nur beschränkt auf die pakistanischen Internetnutzer, sondern auch außerhalb der Grenzen Pakistans. Es handelt sich also um einen bedeutenden Plan, der auch viel Geld kostet. Die veröffentlichten Dokumente zeigen, dass die Pläne auf das Jahr 2013 zurückgehen. Ich denke, dass sie gegenwärtig umgesetzt werden.
Gibt es darüber in Pakistan eine öffentliche Diskussion?
Nighat Dad: Erfreulicherweise ist es nicht nur die Zivilgesellschaft, die diesen Plan öffentlich thematisiert, auch ein Senator hat sich letztens dessen angenommen. Er brachte einen Antrag ein, der die Regierung auffordert, die Geheimdienste über diesen Plan zu befragen. Überall auf der Welt, auch in Pakistan, operieren Geheimdienste außerhalb gesetzlicher Kontrolle und Verpflichtungen. Ich denke, jetzt ist die Zeit, in der sie zur Rechenschaft gezogen werden sollen, was auch immer sie tun.
Wir wissen dank der Snowden Enthüllungen, dass Metadaten genutzt werden, um Zielpersonen für die Drohnenattacken auszuwählen. Wie funktioniert das?
Nighat Dad: Es ist bekannt, dass die meistgenutzte Taktik der NSA für die Drohnenattacken die „geolocation“-Methode ist, bei der Zielpersonen ausschließlich anhand von Mobiltelefonen und SIM-Karten identifiziert werden. Auch der ehemalige Drohnenpilot Brandon Bryant hat deutlich gemacht, welche Rolle Metadaten im Drohnenkrieg spielen und wie durch ihre Fehleranfälligkeit bereits tausende Zivilisten getötet worden sind. Die NSA hat keinen Mechanismus, um ihre Ziele zu verifizieren, was zur Tötung von Unschuldigen führt.
Beispielsweise gab es 2011 einen Vorfall bei einer traditionellen Versammlung (Jirga), bei der lokale Belange geklärt werden, in der Stammesregion Waziristan mit mehr als hundert Stammesältesten. In dieser Region geschehen die meisten Drohnenattacken. Das Treffen wurde mit Drohnen angegriffen, weil einige der Männer Bärte trugen. So wurden 44 Stammesälteste getötet. Dieses Beispiel zeigt, wie Metadaten und Charakteristika genutzt werden, um Menschen als Ziele auszuwählen.
Ist das der Grund, warum du heute auf der Pressekonferenz der Intelexit-Kampagne gesprochen hast?
Nighat Dad: Ja, weil diese geheimen Unternehmungen der Geheimdienste und Regierungen zunehmen. Sie wollen aber nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Zum Beispiel Deutschland: Niemand hinterfragt energisch genug, warum die Bundesregierung einen Stützpunkt für die Drohnenattacken der USA bereitstellt.
Ich spüre sehr viel Freiheit hier in Berlin. Schließlich hat die Stadt das Thema Überwachung schon in der Vergangenheit aufgeworfen und durch die Befragungen des NSA ein sehr gutes Vorbild für andere Regierungen gesetzt. Zur selben Zeit erlaubt die Bundesregierung den Amerikanern aber einen Stützpunkt zur Steuerung der Drohnenangriffe.
Du denkst also, dass die deutsche Regierung die Pflicht hat, etwas zu ändern?
Nighat Dad: Natürlich, warum auch nicht? Die Medien hier sollten die Regierung noch stärker unter Druck setzen, die Duldung des Stützpunktes Ramstein zu rechtfertigen. Warum werden unschuldige Pakistanis durch aus Deutschland gesteuerte Drohnen getötet? Das sind die Fragen, die gestellt werden müssen! Wir müssen sie zur Rechenschaft ziehen!
Was würdest du den Menschen sagen, die für die Geheimdienste arbeiten?
Nighat Dad: Ich denke, dass sie wissen sollten, dass diese Drohnenangriffe keine Videospiele sind, sondern dass dabei echte Menschen getötet werden. Jene, die tot sind, sind tot! Jene, die überleben, tragen Verletzungen davon. Die Opfer bekommen von nirgendwo Hilfe.
Die Drohnenattacken beeinflussen die Communities, weil Kinder nicht raus können, um zu spielen, nicht zur Schule gehen können. Mütter und Väter haben Angst, ihre Kinder aus dem Haus zu lassen, Menschen können nicht zu Hochzeiten gehen, an Beerdigungen teilnehmen oder traditionelle Stammesversammlungen abhalten, weil sie sonst leicht von Drohnen ins Ziel genommen werden. Die Mitarbeiter dieser Geheimdienste sollen wissen, dass Blut an ihren Händen klebt.
Was denkst du über die Intelexit-Kampagne?
Nighat Dad: Ich denke, dass es eine sehr gute Kampagne ist, weil sie den Mitarbeitern die Möglichkeit bietet, aus diesen blutigen Unternehmungen auszusteigen. Es wäre wunderbar zu sehen, wie ihre „kleine“ Handlung eine reale Folge für die Communities und das Leben der Menschen in Pakistan hat. Wenn sie Herz und Gehirn haben, werden sie definitiv diese Möglichkeit nutzen, um aus den Behörden herauszukommen.
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: Interview with Nighat Dad: „Why are innocent Pakistanis killed with drones being operated from Germany?“
: Interview with Nighat Dad: „Why are innocent Pakistanis killed with drones being operated from Germany?“ One of the guest speakers at the recent Intelexit press conference was Nighat Dad, a digital rights activist from Pakistan. She gave an emotional speech about the effects of the drone war on the daily lives of Pakistani citizens and appealed to intelligence agency personnel to resign. We talked to her afterwards about her work at the Digital Rights Foundation, mass surveillance in Pakistan and the involvement of the German government in the drone attacks.
Nighat Dad is the founder of Digital Rights Foundation Pakistan and its Executive Director. She has been named a „Next Generation Leader“ by the TIME magazine in 2015 for her work against online harassment of Pakistani women.
Es gibt auch eine deutsche Übersetzung dieses Interviews. There is also a german translation available.
What is the Digital Rights Foundation currently working on?
Nighat Dad: At the moment we’re working on an anti-surveillance campaign focusing on NSA’s intrusion in Pakistani space after Snowden’s revelations showed that the NSA surveilled 55 million Pakistani mobile users.
We are also looking into the Pakistani intelligence agency which is surveilling citizens, the judiciary, and politicians without having any accountability and transparency in the whole process. We are making the government accountable for their actions by reaching out to senators and parliamentarians. There is not so much awareness and education about surveillance in Pakistan, so people and politicians often think surveillance is part of the normal job being done by the intelligence agencies. Nobody questions them. However, the Snowden revelations led to a huge debate in Pakistan as well. Senators and parliamentarians are also raising this issue in their chambers now.
We also organize digital security trainings for journalists, activists, and civil society organizations because people are now more tend to use internet for their work. They use it without having any knowledge about security and safety in the online space. We are telling them about surveillance, how they are being monitored, what steps they can take to avoid surveillance and other digital security issues.
You are a trained lawyer with a focus on legislations and policies concerning women’s rights. What challenges and problems are Pakistani girls and women facing in the Internet?
Nighat Dad: At the moment we do not have any cybercrime legislation or any law which actually gives safeguards to the women who are facing harassment, for example rape threats or whose freedom of expression is violated by their harassers.
Firstly, women often don’t know about the legal remedy or any laws and policies which actually give them any safeguards. Secondly, they absolutely have no idea what to do in case of harassment or how to avoid it.
So you’re providing them with trainings?
Nighat Dad: Yes, we have started a massive training program in universities and colleges where we talk to young women. More and more women are using mobile phones in Pakistan because it is becoming more acceptable to their family members. Fathers and brothers usually didn’t allow women to have mobile phones due to cultural factors. I remember that when I was in university, I was not allowed to have a mobile phone. So it’s a real challenge for these women to have access to these technologies. Also, in a case of harassment they cannot simply tell their families about it. They don’t know how to deal with these situations.
Are you teaching encryption techniques in your seminars?
Nighat Dad: Encryption is actually illegal in Pakistan. The laws say that if you have to use encryption, you have to get permission from the Pakistan Telecommunication Authority (PTA) first, which actually does not make sense to me. I do not know about any public cases where people got into trouble because they used encryption but the ISPs are told by the PTA to monitor those who are encrypting.
Has anyone ever been charged with using encryption?
Nighat Dad: I do not know about any public cases where people got into trouble because they used encryption but the ISPs are told by the PTA to monitor those who are encrypting.
So how are you dealing with this situation in your daily work?
Nighat Dad: Sometimes I just start to use encryption when I feel like I need to secure my communications or when I feel endangered … There is this draconian cybercrime legislation right now which violates some of the fundamental freedoms enshrined in our constitution. There are a few activists in Pakistan who are at the forefront, including me, and I feel like I am being surveilled and I am being targeted. For example, whenever I talk about this cybercrime legislation on Twitter, there is this twitter troll army ready to attack me. These days I feel like I am actually monitored and I know that it is illegal so I am not using it [encryption] right now.
As far as I have heard, there are new plans by the Pakistani government on expanding the surveillance by the intelligence services. What’s the current status?
Nighat Dad: Yes, that’s right. Privacy International released a report about a month ago showing that the Pakistani intelligency agency is planning to replicate the programs of the NSA. Not only restricted to the Pakistani internet users but also outside the borders of Pakistan. This is a major plan that also requires a lot of money. The released documents show that these plans are dating back to 2013. I believe that they are implemented right know.
Is there a discussion in Pakistan about this?
Nighat Dad: Gladly, not only civil society is raising these issues but also one of the Senators addressed this recently. He issued a motion, demanding that the government questions the intelligence agencies about these plans. All around the world intelligence agencies are beyond legislative control and liabilities, in Pakistan as well. I think now is the time where they should be hold accountable, whatever they are doing.
We know from the Snowden revelations that Metadata is used to determine targets for drone attacks. How does that work?
Nighat Dad: It is already revealed by Snowden that for the drone attacks the most common tactic by the NSA is „geolocation“ which involves locking of the sim card or mobile handset of a target. Former drone pilot Brandon Bryant also mentions clearly how metadata is used in drone strikes and how erroneousness in this method has killed thousands of civilians. The NSA has no mechanism to verify its targets which often results in the killing of innocent people.
They have also identified some characteristics like a gathering of three to four men having beards. For example in 2011, there was this tribal gathering, a Jirga, with more than a hundred elders in a tribal area (Waziristan) where most of the drone attacks happen and they were discussing local village issues. They were attacked by drones because some of the men had beards and 44 elders got killed. This shows how characteristics and metadata are used to target people.
Is this the reason why you were one of the speakers at the press conference of the intelexit campaign today?
Nighat Dad: Yes, because the secretive business of these intelligence agencies and governments is becoming more and more common. They don’t want be held accountable. In Germany for example: No one is questioning them hard enough why they are providing an air base for the drone attacks by the US.
When I come to Berlin, I feel like there is a lot of freedom here. Berlin has raised the issue of surveillance in the past and has set a very good precedence for the governments as well to question the NSA but at the same time they’re allowing a base for operating drone attacks.
So you think that the German government has an obligation to change something?
Nighat Dad: Absolutely, why not? The media here should pressure the German government more heavily to provide justification for why they are providing the Ramstein base. Why are innocent Pakistanis killed with drones being operated from Germany? These are the questions that should be raised! We should hold them accountable!
What would you like to tell those people working for the intelligence agencies?
Nighat Dad: I think they should know that the drone attacks that are happening are not a videogame but that real people, real human beings are killed. Those who are dead are dead! Those who survive are disabled, they are crippled. These victims just do not get any remedy from anywhere.
The drone attacks are impacting communities since children cannot go out and play, they cannot access schools. Mothers and fathers are scared to send their kids out of the house, people cannot gather in a wedding, they cannot go to a funeral or hold tribal gatherings because they are easily targeted by drones. People in those agencies should be aware that they have blood on their hands
What do you think about the Intelexit campaign?
Nighat Dad: I think it is a very good campaign as it paves a way for those agents to get out of this bloody business. It would be great if they see that their “small” actions have a real impact on the communities and lives of people in Pakistan. If they have a heart and a brain, they will definitely use this opportunity to get out of these agencies.
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: EU-Parlament pocht auf Menschenrechte bei Technologieexporten
Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg. Bild: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:J._Patrick_Fischer">J._Patrick_Fischer</a>. Creative Commons <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/">BY-SA 3.0</a>. : EU-Parlament pocht auf Menschenrechte bei Technologieexporten Am Dienstag verabschiedete das europäische Parlament eine Entschließung zu Technologieexporten. Darin mahnte es an, welche Rolle europäische Technologien derzeit beim Ausbau von Massenüberwachung weltweit spielen. Der Export von Technologien in Drittstaaten alleine stellt natürlich nicht die eigentliche Bedrohung für die dortige Menschenrechtslage dar. Insbesondere bezieht der Entschluss klar Stellung gegenüber den wachsenden Einschränkungen von Bürgerrechten und Privatsphäre, die seit den Snowden-Veröffentlichungen dokumentiert sind. So heißt es in der Resolution vom vergangenen Dienstag, das EU-Parlament…
[…] vertritt die Auffassung, dass die aktive Komplizenschaft bestimmter Mitgliedstaaten der EU an der Massenüberwachung der Bürger und der Ausspionierung politischer Führungspersönlichkeiten durch die NSA, wie sie von Edward Snowden enthüllt wurden, der Glaubwürdigkeit der Menschenrechtspolitik der EU schwer geschadet und das weltweit herrschende Vertrauen in die Vorteile der IKT unterlaufen haben.
Die Entschließung ist ein klarer Seitenhieb in Richtung der bundesdeutschen Geheimdienstaufsicht. Darin wird gefordert, für die europäische Außenpolitik eine umfassende demokratische Kontrolle von Geheimdiensten gegenüber Drittstaaten zur Bedingung für eine Zusammenarbeit zu machen. Die Weitergabe von nachrichtendienstlichen Daten oder die Ausstattung bestimmter Staaten mit Späh- und Überwachungssoftware gehe mit einer großen Verantwortung für die Menschenrechtssituation in diesen Staaten einher. Scharfe Kritik richtet sich daher an die bisherige Praxis der Mitgliedsstaaten. Deren Nachrichtendienste seien auch dazu aufgefordert, keine Daten zu nutzen, die aufgrund von Menschenrechtsverletzungen gewonnen wurden.
Eine klare Ansage ging an die EU-Kommission, ein wirksames Gesetz zum Whistleblowerschutz auf den Weg zu bringen, das ihnen einen internationalen Schutz vor strafrechtlicher Verfolgung zu gewähren soll. Die Enthüllungen von rechtswidrigen Überwachungspraktiken machen Whistleblower und Journalisten zu Menschenrechtsverteidigern, die von der EU zu schützen wären. Netzneutralität, Verbreitung von Offener Software in Drittländern und die Förderung von Verschlüsselung sieht das Parlament außerdem als notwendige Ziele an. Vergangene Woche hatte die EU-Abgeordnete Marietje Schaake (ALDE) angedeutet, dass eben Letzteres im Parlament noch umstritten war. Stattdessen besteht nun ein nachdrücklicher Beschluss,…
[…] der Kriminalisierung der Nutzung von Instrumenten zur Verschlüsselung und zur Umgehung der Zensur sowie zum Schutz der Privatsphäre entgegenzutreten, indem sie [die Kommission, a. d. R.] sich nicht darauf einlässt, die Nutzung von Verschlüsselungsinstrumenten in der EU einzuschränken, und fordert sie auf, das Vorgehen von Drittländern, die die Nutzung entsprechender Instrumente unter Strafe stellen, in Frage zu stellen.
Freilich hat die Resolution des EU-Parlaments keine bindende Wirkung für die EU-Kommission. Es ist daher nicht damit zu rechnen, dass bald konkrete Initiativen seitens der Mitgliedstaaten oder seitens der Kommission der Entschließung folgen werden.
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: Deutsche Flugsicherung fordert, dass BesitzerInnen privat genutzter Drohnen auf Vorrat gespeichert werden
Der Aufsichtsrat der Deutschen Flugsicherung. : Deutsche Flugsicherung fordert, dass BesitzerInnen privat genutzter Drohnen auf Vorrat gespeichert werden Der Aufsichtsratschef der Deutschen Flugsicherung (DFS), Klaus-Dieter Scheurle, fordert eine Kennzeichnungspflicht für privat genutzte Drohnen. Dies berichtet die Nachrichtenagentur Reuters nach einem Interview mit dem früher als Staatssekretär im Verkehrsministerium tätigen DFS-Manager. Dabei geht es um kleine Quadrokopter, die mittlerweile in vielen Ausführungen und Preisklassen in Elektronikmärkten erhältlich sind. Der Kauf erfolgt in der Regel anonym, Gerätenummern und Personen werden allenfalls für Rechnungszwecke gespeichert.
Mit einer Kennzeichnungspflicht würden die kleinen Quadrokopter ihren BesitzerInnen zugeordnet und damit ähnlich behandelt wie größere Drohnen. Laut Scheurle könnten die Behörden „jemanden, der so ein Gerät missbräuchlich benutzt, identifizieren und aus dem Verkehr ziehen“.
Es soll sich dabei offenbar nicht um technische Mittel wie einen RFID-Chip handeln, der erst im Falle einer Gesetzesüberschreitung ausgelesen würde. Vielmehr bemüht Scheurle den Vergleich mit der bemannten Luftfahrt, wo über Transponder neben Informationen über das Flugzeug permanent Daten über Richtung und Geschwindigkeit ausgesendet werden.
Flugverbotszonen nach US-Vorbild
Der deutsche Vorschlag zielt auf eine Art Vorratsdatenspeicherung für fliegende Elektrogeräte und setzt damit eine EU-Initiative um. Im März hatten die EU-Mitgliedstaaten zusammen mit der Kommission das „Statement von Riga“ verabschiedet. Auch dort wird gefordert, DrohnenpilotInnen für Gesetzesverstöße haftbar machen zu können. Die europäischen Regierungen werden aufgefordert, ihre Gesetze entsprechend anzupassen. Drohnen und ihre BesitzerInnen müssten demnach jederzeit identifizierbar sein. Angeraten wird, den „am wenigsten bürokratischen Weg“ zu wählen. Der Vorschlag hebt hervor, dass einige Staaten bereits entsprechende „Chips“ in Drohnen vorschreiben wollen.
Vorstellbar sei laut Scheurle auch, „in der Landkarten-Software der Drohnen Verbotszonen zu verankern“. Dann könnten bestimmte Gebiete nicht mehr durchflogen werden. Die Drohnen würden auf diese Weise wie an einer unsichtbaren Mauer stehenbleiben. Ein solches Verfahren hatte der populäre Hersteller DJI nach einem Vorfall am Weißen Haus versprochen, dies aber aus technischen Gründen kurz darauf widerrufen. Denn auf den Platinen der Quadrokopter könnten zwar Flugverbotszonen programmiert werden. Diese würden aber nur dann aktualisiert, wenn die BesitzerInnen ein Firmware-Update durchführen.
Hintergrund der Initiative sind mehrere Vorfälle, in denen die Drohnen der zivilen Luftfahrt in Europa gefährlich wurden. Zuletzt war ein Lufthansa-Jet in Warschau beinahe mit einem Quadrokopter kollidiert. Auch Rettungsmannschaften berichten, dass ihre Hubschrauber immer öfter durch Kameradrohnen behindert würden. Justizbehörden klagen ebenfalls über die Nutzung der Drohnen, um in Gefängnissen verbotene Güter zu schmuggeln. Wie in der Nähe von Flughäfen darf über Justizvollzugsanstalten allerdings nicht geflogen werden.
Drohnen „im unmittelbaren Nahbereich von Frau Bundeskanzlerin Merkel und Herrn Minister de Maizière“
In Deutschland wurde das Phänomen unerwünschter Drohnenflüge erstmals 2013 breiter bekannt, als AktivistInnen in Dresden eine Hobby-Drohne „im unmittelbaren Nahbereich von Frau Bundeskanzlerin Merkel und Herrn Minister de Maizière“ flogen und landeten. In Frankreich kurvten kleine Drohnen im Oktober und November 2014 in mindestens 15 Fällen über Atomkraftwerken, ohne dass die PilotInnen festgestellt wurden. Atomanlagen dürfen jedoch nur in einer Höhe von mindestens 1.000 Metern überflogen werden.
Sicherheitsbehörden befürchten, dass die Geräte explosive oder gefährliche Stoffe transportieren könnten, um Anschläge oder andere Straftaten zu begehen. Das Bundeskriminalamt erforscht deshalb mit mehreren Landeskriminalämtern Möglichkeiten zur Abwehr der kleinen Drohnen. Im Rahmen einer „Marktbeobachtung“ haben die Behörden unter anderem Jamming-Verfahren, Gewehre, die Netze verschießen, oder Laserwaffen begutachtet und diskutiert.
Die weniger eingriffsintensiven Vorschläge der Deutschen Flugsicherung gehen in eine deutlich andere Richtung als die Suchbewegungen der Kriminalbehörden. Trotzdem sind sie datenschutzrechtlich bedenklich, denn es entstünde ein Register, in denen Personen und Fahrzeuge gespeichert würden. Scheurle erläutert nicht, welche Behörden auf diese Daten zugreifen dürften.
Förderung der europäischen Industrie
Auch die EU-Kommission warnt vor „illegalen Tätigkeiten“ mit Drohnen. Sie könnten demnach „als Waffen benutzt werden, die Signale der Navigations- oder Kommunikationssysteme fremder Drohnen könnten gestört oder Bodenkontrollstationen überfallen werden“. Zur „Behebung von Sicherheitsschwachstellen im Bereich Information und Kommunikation“ müsse deshalb ein „Generalplan für das europäische Flugverkehrsmanagement“ erstellt werden. Aus den dort festgestellten „Sicherheitserfordernissen“ müssten dann „rechtliche Verpflichtungen für alle relevanten Akteure“ abgeleitet werden, darunter „Navigationsdienstleister, Drohnen-Betreiber oder Telekommunikationsdienstleister“.
Laut dem DFS-Chef müssten Drohnen die Regeln für den Betrieb des bemannten Flugverkehrs beachten. Damit liegt Scheurle auf einer Linie mit der EU-Kommission, die seit einigen Jahren die Gleichstellung der unbemannten und bemannten Luftfahrt betreibt. In einer Roadmap heißt es, dass größere Drohnen und Flugzeuge in einigen Jahren in gemeinsamen Lufträumen fliegen sollen. Später könnte sogar der vollautonome Flug erlaubt werden.
Die besagte EU-Initiative zielt vor allem auf die Förderung der europäischen Industrie. Die EU-Kommission veröffentlichte im Jahr 2014 Zahlen, wonach die globalen Ausgaben für Forschung, Entwicklung und Beschaffung (einschließlich militärischer Aufträge) von 5,2 Milliarden US-Dollar jährlich auf rund 11,6 Milliarden im Jahr 2023 steigen. Weltweit seien 1.708 unterschiedliche Drohnen-Typen belegt, davon 566 in Europa. Der Europäische Lobby-Verband der Luftfahrt‑, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie orakelt von 150.000 Arbeitsplätzen bis 2050.
Mehr große Drohnen auch für deutsche Polizeibehörden?
Geld und Arbeitsplätze in der Industrie mag auch Klaus-Dieter Scheurle mit seinen Regularien für kleine Drohnen im Sinn gehabt haben. Die Deutsche Flugsicherung gehört zwar zur Bundesregierung, ist aber ein Unternehmen. Scheurle hat seit zweieinhalb den Vorsitz inne, schon vorher saß er im Aufsichtsrat der DFS. In der Vergangenheit probierte er sich als CSU-Politiker, Banker und Chef der Telekom- und Post-Regulierungsbehörde. Sein Wechsel zur DFS löste im Jahr 2012 Irritationen aus.
Der ehemalige deutsche Staatssekretär geht davon aus, dass sich die Zahl der Drohnen in den nächsten fünf Jahren hierzulande mindestens verzehnfacht. Es ist unklar, ob dabei auch Geräte von Sicherheitsbehörden erfasst sind. Einige Landeskriminalämter nutzen Quadrokopter zur Gefahrenabwehr, Strafverfolgung oder Tatortsicherung.
Während seiner Tätigkeit als Staatssekretär hatte Scheurle gefordert, die deutschen Polizeibehörden nunmehr auch mit größeren Drohnen auszurüsten, um damit höherwertige Überwachungssensorik zu transportieren. Die Fluggeräte müssten demnach rund um die Uhr in ganz Deutschland einsatzbereit sein.



