Brandon Bryant: „Mein Land muss zur Verantwortung gezogen werden“

brandon bryantDer ehemalige Drohnen-Operator Brandon Bryant ist derzeit in Deutschland und steht bei einigen öffentlichen Veranstaltungen Rede und Antwort. Am Mittwoch war er in Berlin und nahm an einer Podiumsdiskussion teil, organisiert von der Partei Die Linke.

Sahra Wagenknecht leitete den Abend ein und stellte die Position ihrer Partei bei Kampfdrohnen dar. Dass auch die Bundeswehr bewaffnete Drohnen bekommen soll, lehnen die Linken ab.

Bryant kann sehr plastisch und verständlich aus dem Alltag eines Drohnen-Operators berichten. Dafür, dass er an die Öffentlichkeit ging und über das Drohnenmorden spricht, wurde er insbesondere von Veteranen der US-Armee beschimpft, auch seine Mutter wurde bedroht.

Wie kam es dazu, dass der Soldat zum Whistleblower wurde? Der Fall des mit einer Drohne ermordeten Awlaki, der mitsamt seinem minderjährigen Kind den Raketen zum Opfer fiel, hätte ihn aufgerüttelt, sagt Bryant. Aber auch die Tätigkeit an sich habe ihn sehr belastet. Denn durch die leichte zeitliche Verzögerung zwischen der Ausführung eines Befehls zum Abschuss der Hellfire-Raketen bis zum Einschlag sehen die Operatoren das Opfer bis zur Explosion in seinen letzten Sekunden:

It is horrific: The person you are watching, is going to die.

Zunehmende Gewissensbisse führten zu seinem Ausstieg beim US-Militär. Er wollte kein „Nintendo Warrior“ (Bryant) mehr sein, die völkerrechtlich höchst fragwürdigen militärischen Operationen in nie erklärten Kriegen nicht mehr aktiv unterstützen. Mit ihm sind mittlerweile sechs weitere ehemalige Drohnen-Operatoren ausgestiegen und informieren nun die Öffentlichkeit über die weitgehend geheimen Hinrichtungsprogramme.

john goetzModerator John Goetz, der als investigativer Journalist über die illegalen geheimen Gefangenenflüge und Foltergefängnisse der CIA geschrieben hatte, gab zu bedenken, dass bei den Drohnen-Hinrichtungen – im Unterschied zu seinem früheren Recherchefeld – keine Gerichtsverfahren die Operationen stören würden, da die Opfer nach den Angriffen nicht mehr am Leben seien. Dabei ließ er allerdings die vergangenen und derzeitigen gerichtlichen Streitigkeiten von Hinterbliebenen in mehreren Staaten unerwähnt und auch die von den NGOs Reprieve und European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) unterstützte Klage vor dem Verwaltungsgericht Köln wegen der deutschen Mitverantwortung für die Drohnenangriffe über die US-Militärbasis im rheinland-pfälzischen Ramstein.

Der Podiumsteilnehmer, Linken-Politiker und Jurist Niema Movassat gab zum Beschreiten des Rechtswegs zu Protokoll: „Über den Rechtsweg werden wir das Morden nicht beenden.“ Er scheint sich nicht vorstellen zu können, dass man mit langem Atem Menschenrechte gerichtlich einfordern könnte. Stattdessen sprach er sich für Ramstein-Blockaden aus und hofft auf Proteste der Bevölkerung und politischen Druck.

„The guy to pull the trigger“

Aus dem Publikum kamen mehrere Nachfragen zu Vergleichen zwischen Videospielen und dem Operieren von Drohnen. Bryant erklärte, dass seine Tätigkeiten tatsächlich dem Gaming nicht so unähnlich gewesen seien. Optisch sei man auf die Bildschirme fixiert, habe parallele Chats laufen und mehrere Screens. Außerdem brauche man ähnliche Fertigkeiten wie beim Gaming, nutze vergleichbare Instinkte.

podium brandon bryantEntscheidungsgewalt darüber, wer getötet wird, habe der einzelne Soldat aber nicht:

I was just the guy to point the laser for the guy to pull the trigger.

Wenn man aber den Menschen als Faktor entferne, reduziere das die ideellen Kosten und erleichtere die Rechtfertigung für Kriege.

Bryant nahm sich Zeit für viele Fragen aus dem Publikum, darunter einige zur US-Politik und zum derzeitigen Wahlkampf. Gefragt, ob sich einer der US-Präsidentschaftskandidaten gegen das Drohnenprogramm aussprechen würde, wies der ehemalige Soldat auf Jill Stein von den Grünen (Interview). Die anderen Kandidaten würden die extralegalen Tötungen fortführen wollen, auch der in Europa beliebte Bernie Sanders.

Erstmals offizielle Zahlen über die Drohnentoten

Dabei haben die Präsidentschaftskandidaten die große Mehrheit der US-Bürger auf ihrer Seite, denn zwei Drittel der Bevölkerung befürworten den Drohnenkrieg. Dass man Verbrecher auch festnehmen und einem Gericht übergeben kann, statt sie in einem geheimen Prozedere für verdächtig zu erklären und unmittelbar zu exekutieren, scheint in Vergessenheit geraten zu sein.

Jüngst hat das Weiße Haus allerdings immerhin angekündigt, erstmalig offizielle Zahlen über die Drohnentoten seit 2009 veröffentlichen zu wollen. Die Getöteten sollen nach Terror-Verdächtigen und zivilen Opfern aufgeschlüsselt werden, allerdings ohne Beweise für die Verdachtskriterien mitliefern zu müssen.

reaper droneHinter der Transparenzinitiative dürfte der Wunsch nach fortgesetzter Unterstützung durch Alliierte stehen. Lisa Monaco, die Sicherheitsberaterin von Barack Obama, will mit den Zahlen Legitimität simulieren:

Not only is greater transparency the right thing to do, it is the best way to maintain the legitimacy of our counter-terrorism actions.

Vielleicht ist es auch eine Reaktion auf die wiederaufkeimende Diskussion über Drohnen nach dem offenen Brief an US-Präsident Barack Obama. Bryant und mehrere weitere ehemalige Drohnen-Operatoren betonten darin die kontraproduktiven Folgen der Hinrichtungen aus der Luft:

This administration und its predecessors have built a drone program that is one of the most devastating driving forces for terrorism and destabilization around the world.

Bryant sagte, er gehe davon aus, dass auch Michael Haydens Meinungsartikel in der New York Times eine mittelbare Antwort auf den offenen Brief gewesen sei. Hayden verteidigt die Drohneneinsätze darin:

Many such strikes killed high-value targets […] The United States viewed these attacks as legitimate acts of war against an armed enemy.

Freunde und Partner

Auch die Beihilfe Deutschlands zu den extralegalen Tötungen durch die parallel laufenden Drohnenprogramme der CIA und des Joint Special Operations Command (JSOC) der US-Armee kam mehrfach zur Sprache. Deutschland zieht sich bereits seit Jahren auf den Standpunkt zurück, an den Entscheidungen, wer mit einer Hellfire-Rakete exekutiert wird, nicht direkt beteiligt zu sein. Eine Notwendigkeit, sich völkerrechtswidrigen Tötungen der US-amerikanischen Partner entgegenzustellen oder sie auch nur öffentlich zu kritisieren, wird von der deutschen Regierung nicht gesehen. Bryant kommentierte diesen Umstand mit dem Hinweis, dass doch gerade Freunde und Partner dazu verpflichtet seien, bei Fehlverhalten nicht zu schweigen:

Friends should call their friends for their bullshit.

Auch der notorische Bundesnachrichtendienst (BND) ist involviert: Er dementiert die Weitergabe von Zielinformationen an US-Geheimdienste auch nicht. Allerdings gibt er an, dass die Informationen für konkrete Drohnen-Zieldaten nicht geeignet seien.

future vehicle militaryBryant äußerte den Wunsch, den das Publikum mit Applaus bedachte, dass sich nicht nur die Partei die Linke gegen den Einsatz von unbemannten Killerdrohnen stellen, sondern die Drohnenmorde auch den Protest aus breiteren Schichten der Bevölkerung hervorrufen sollte. Er betonte, dass es keine Ausreden für Ignoranz gebe. Man könne die US-Drohnenmorde nicht mehr stillschweigend akzeptieren:

My country needs to be held accountable.

Die Dokumentation „Drone“ gibt es seit Januar 2016 auch bei Netflix (US only). Der ehemalige US-Airforce-Soldat Brandon Bryant wirkt darin mit.

Bilder Podium: CC BY 2.0 via flickr/linksfraktion.
Bilder Reaper-Drohne und „Future Vehicle“: CC BY-NC 2.0 via flickr/Think Defence.

15 Kommentare
    • Horst Kevin 19. Mrz 2016 @ 13:56
      • Horst Kevin 21. Mrz 2016 @ 9:48
      • Horst Kevin 21. Mrz 2016 @ 12:11
    • Zeitbeauftragter 21. Mrz 2016 @ 12:41
    • Kerzenlicht 20. Mrz 2016 @ 9:27
  1. Thomas ranglack 21. Mrz 2016 @ 10:14

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