Wer noch vor ein paar Wochen in netzpolitischen oder Hacker-Gesprächskreisen über die Abschaltung des Internets oder bestimmter Fernsehsender, und über die Notwendigkeit redundanter und dezentraler Strukturen philosophiert hat, lief Gefahr, vielleicht als „ein bisschen zu paranoid“ bezeichnet zu werden. In Zeiten, in denen auch der größere Teil der westlichen Bevölkerung nicht nur „nichts zu verbergen“ hat, sondern sogar das offensive Gegenteil dessen von einer kleinen sich als besonders progressiv empfindenden Minderheit als erstrebenswert propagiert wird, ist das eben so. Aber gerade die Lost-Privacy-Freunde, die keinen besonderen Wert auf redundante oder dezentrale Dienste legen, würde der Ausfall selbiger schwer treffen.
Die Technik mit der der Iran TOR blockieren konnte, stammte von Nokia/Siemens. Die Technik mit der in Ägypten filterte, stammte von Narus, USA. Der ägyptische Mobilfunkprovider, der sich ohne zu Murren „gezwungen sah“ das Netz abschaltete, hieß Vodafone. Da Mag Amnesty noch so sehr rügen, Vodafone noch so sehr seine Hände in Unschuld waschen.

via metronaut
Möchte irgendjemand ernsthaft behaupten, diese Unternehmen hätten die Technologien nur für diese Länder entwickelt, und würden sie „bei uns“ nicht anwenden? Wir erinnern uns: Der letzte Bekannte Brief des FBI mit der Bitte um alle Daten auserkorener „Staatsfeinde“ und ihrer Follower ging an Twitter. Wenn Twitter heute bekanntgibt „The Tweets musst flow“ ist das natürlich ein schönes Bekenntnis, aber auch nicht mehr.
Und diese Idee vom Internet-Abschalten? Die kennen die Herren vom Bund der Kriminalbeamten doch, oder?
Im Lichte dieser Entwicklungen erhalten nun längst vergessene Technologien (wie BulletinBoards und das Fidonet) und lange Zeit stiefmütterlich behandelte Projekte Auftrieb – denn von den anfangs noch ausreichend scheinenden 20 Möglichkeiten der Umgehung funktionieren ohne Internet und Mobilfunk nur noch 6, nämliche jene, die auf alte Telefonmodems, oder CB- bzw. Amateur-Funk (Packet Radio) setzen – die übrigens große Gefahren hinsichtlich des Abhörens und der Ortung mit sich führen – und einen eklatanten Mangel an Kommunikationspartnern. Dabei wäre das nicht notwendig gewesen, wenn man sich zu Zeiten um ausfallsicherere, dezentralere Strukturen gekümmert hätte, als man sie noch nicht so dringend benötigte.
OpenNet / Digitata ist ein Projekt für Mesh-Networks sowohl mit CB‑, als auch mit WiFi-Hardware. Leider sind die Projektseiten momentan in einem Zustand, der keine ausreichenden Informationen bietet, um mal schnell auf eine Revolution zu reagieren. Ehrlich gesagt ist der Website nicht zu entnehmen, ob überhaupt eine funktionsfähige Installation möglich ist. Netsukuku (letztes Update: 2009) soll ein anonymes Mesh-Netzwerk auf WiFi-Frequenzen schaffen, ähnlich der Standard-Funktion in OLPCs – aber seit 2009 nicht mehr weiterentwickelten Code gilt nicht mein Vertrauen. Das OpenMESH-Projekt, das als Reaktion auf die Entwicklungen des letzten Jahres im Iran ins Leben gerufen wurde, schien zwar in letzter Zeit auch ein bisschen eingeschlafen zu sein, ist aber immerhin in den letzten Tagen erwacht, und macht mit einigen Blogposts und Tweets auf sich aufmerksam. Die Entwickler genießen sicherlich diesen Moment, da sie jetzt nicht mehr „ein bisschen zu paranoid“ bezeichnet werden.
Natürlich wird eine Revolution nicht daran scheitern, dass nicht mehr getwittert werden kann. Vielmehr ist die Behinderung der Kommunikationsmöglichkeiten des Gegners seit jeher ein wichtiger Bestandteil jeder militärischen Strategie. Um sich durch Dezentralität des militärischen Kommunikationsnetzwerkes genau dagegen zu schützen, wurde übrigens das Internet erfunden.
Man sollte sich auf diese Tugenden wieder mehr besinnen.
