Es ist ein Etappensieg im Kampf gegen Partnergewalt: Die Softwarefirma Kaspersky Lab will Nutzer*innen seiner Antivirenprogramme künftig mit einer besonderen Nachricht warnen. Wenn Software auf ihrem Telefon entdeckt wurde, mit der sie verfolgt und abgehört werden können, erscheint auf dem Bildschirm der Hinweis: „Privatsphären-Warnung! Diese App könnte dazu genutzt werden, um ihre persönlichen Daten zu kompromittieren, etwa ihre Anrufe mitzuhören, ihre E‑Mails und Textnachrichten zu lesen, ihren Standort festzustellen oder ihre Kommunikation auf sozialen Netzwerken mitzuschneiden.“ Bislang hatten sie in solchen Fällen nur die verwirrende Nachricht bekommen: „Not a virus.“
Die Moskauer Firma reagiert damit auf eine Kampagne der Hackerin und Sicherheitsforscherin Eva Galperin, die bei der digitalen Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation arbeitet. Galperin beschäftigt sich dort nicht nur mit der Sicherheit von Oppositionellen im Netz, sondern seit einiger Zeit auch mit intimer Partnergewalt und deren digitalen Werkzeugen. Und sie hat mit langer Lobbyarbeit dafür gesorgt, dass Kaspersky bei ihrem Kampf gegen die zweifelhafte Stalkerware-Industrie mit an Bord kommt.
Screenshot der Kaspersky-AppSogenannte Stalkerware bezeichnet Apps, mit deren Hilfe man andere ohne deren Einverständnis und Wissen überwachen und ausspionieren kann. Diese Apps schneiden Gespräche und Nachrichten auf dem Telefon mit, übermitteln den Standort, zeigen Fotos und Videos, manchmal kann man darüber sogar Textnachrichten verschicken oder das Mikrofon aus der Ferne anschalten, um Gespräche mitzuhören.
Vermarktet werden die Apps vor allem als Trackingsoftware für Eltern, um die eigenen Kinder „besser zu beschützen“ – denn das Abhören einer anderen Person ohne deren Einverständnis ist in Deutschland eine Straftat. In der Realität nutzen viele sie aber, um einen Beziehungspartner oder eine Partnerin auszuspionieren. Der größte Teil der Nutzer – das zeigen bisherige Recherchen, Studien und Datenlecks – ist dabei männlich.
Geräte einrichten? Das macht bei uns Peter/Thomas/Bernd
Viele Frauen, die von einem Partner oder Ex-Partner bedroht und verfolgt werden, berichten, dass der Täter auch Spionagesoftware auf ihren Geräten installiert hat. So weiß er rund um die Uhr, wo sie sind und mit wem sie sprechen. Diese Form der Überwachung ist Gewalt, nämlich eine Verletzung der Privatsphäre. In den extremsten Fällen führt sie darüber hinaus zu Schlägen oder sogar zum Mord, wenn ein Täter etwa durch die App erfährt, dass seine Partnerin sich trennen will oder sie mit Hilfe der Ortung im Frauenhaus aufspürt.
Auch Expertinnen aus Beratungsstellen berichten, dass solche oft verdeckt arbeitenden Apps in den vergangenen Jahren zu einer massiven Bedrohung für die Sicherheit ihrer Klientinnen geworden sind. „Bei acht von zehn Fällen haben wir inzwischen eine digitale Komponente dabei“, sagt Beate Köhler vom Anti-Stalking Projekt, einer Beratungsstelle für von Stalking betroffene Frauen in Berlin. Die Frauen kommen häufig bereits aus gewalttätigen Beziehungen, den Partnern geht es vor allem um Kontrolle. Diese weiten sie dann über die Geräte aus – bis die Frauen selbst an sich und ihrer geistigen Gesundheit zweifelten.
Teil des Problems: Die Männer sind häufig diejenigen, die Geräte und Passwörter verwalten und damit kontrollieren. „Wir hören oft: Das macht alles Peter/Thomas/Bernd“, sagt Anette von Schröder von der Hamburger Beratungsstelle Patchwork. Die Unsicherheit vieler Frauen im Umgang mit Technologie verschärfe das Problem.
Moralisch verwerflich, aber legal
Stalking-Apps sind schon für wenige Euro pro Monat erhältlich und auch für Laien einfach zu installieren. Ein paar Minuten alleine mit dem Telefon der Partnerin reichen dazu aus. Rechtlich kann man gegen die Firmen nur schwer vorgehen, weil die Hersteller oft in Indien, China oder Vietnam sitzen.
Die großen Anbieter, die von Millionen Nutzern auf der ganzen Welt eingesetzt werden, vermarkten die Produkte geschickt. Sie preisen sie nicht mehr als ideales Tool zum Ausspähen der eigenen Freundin oder Ehefrau an, sondern als legale Tracking-App für Kinder. Dass solche so genannten Dual-Use-Programme von übergriffigen Partnern missbraucht werden, nehmen sie bewusst in Kauf. Das zeigt etwa eine Studie von Wissenschaftlern an der Cornell Tech, der New York University und der University of Washington aus dem vergangenen Jahr, die unter anderem überprüfte, wie Hersteller auf einschlägige Anfragen an ihren Kundendienst reagierten – „Ich möchte meine Freundin abhören: merkt sie das?“
Werkzeuge zur digitalen Selbstverteidigung
Wenn sich Hersteller von Antivirensoftware am Kampf gegen die Branche beteiligen, ist das eine interessante neue Strategie. Sie könnten Betroffene dabei unterstützen, solche Apps auf ihren Geräten aufzuspüren. Die großen Antiviren-Hersteller wie Kaspersky, Norton, ESET und Avira hatten Stalkerware als Bedrohung bislang allerdings nicht besonders ernst genommen – wohl, weil sie in der engeren Definition tatsächlich keine Viren sind.
Die Studie der Cornell University aus dem vergangenen Jahr hatte auch untersucht, wie zuverlässig die Programme Stalkerware aufspüren. Das ernüchternde Ergebnis: Unter den großen Anbietern war keiner, der Spionage-geeignete Apps zuverlässig erkannt hätte. Besonders im Fall der legalen Dual-Use-Apps aus dem Google Play Store erkannten die meisten Programme weniger als drei Prozent. „Vermutlich reflektiert [dieses Ergebnis] die Designziele“, resümieren die Autor*innen, „die das Aufspüren von Spyware für intime Partnergewalt nicht unbedingt mit einschließen, geschweige denn von Dual-Use-Apps.“
Auch Eva Galperin kritisiert, dass Programme, die direkten Zugriff auf das Telefon erfordern, von vielen Expert*innen nicht als „echtes“ Hacking anerkannt werden. Dass eine Bedrohung für die Sicherheit von Frauen häufig nicht von fremden Hackern oder gar Regierungsbehörden ausgeht, sondern von Menschen aus ihrer eigenen Familie – das liegt für viele Sicherheitsexperten wohl außerhalb ihres Radars.
Was machen andere Antiviren-Hersteller?
Das soll sich jetzt ändern. Galperins Hoffnung: Der Schritt von Kaspersky soll Druck auf die Konkurrenten aufbauen. Wenn eine Firma sich als Weltmarktführer für das Aufspüren von Stalkerware positioniert, dann ziehen auch die anderen nach. In einem Fall hat das schon funtkioniert: Die Antivirenfirma Lookout, die sich auf die Sicherheit von Telefonen und Tablets spezialisiert, hat angekündigt, Stalkerware ebenfalls in den Fokus zu nehmen.
https://twitter.com/evacide/status/1115785787822440449
Und die anderen? Alexander Vukcevic, der das Protection Lab der Softwarefirma Avira leitet, antwortet auf Anfrage von netzpolitik.org: Apps, die ein „potentielles Risiko für Sicherheit oder Privatsphäre auf dem Computer oder Mobiltelefon für den Anwender darstellten“, würden von Avira in die Kategorie „Security Privacy Risk (SPR)“ eingestuft. Sobald eine App unsichtbar im Hintergrund die Aktivität auf dem Gerät mitschneide, falle sie in diese Kategorie. Das trifft auf Stalkerware zu. In der Studie der Cornell University hatte Avira allerdings nur 60 Prozent der gängigsten Stalkerware außerhalb des App Stores erkannt, unter den Dual-Use-Überwachungsapps aus dem Store waren es sogar nur drei Prozent, ein Tropfen in der Badewanne.
Ein weiteres Problem: Die Funktion ist derzeit nicht automatisch aktiv, wenn man das Programm installiert: Nutzer*innen müssen sie erst anschalten. Dazu müsste man allerdings bereits vermuten, dass man abgehört wird. Laut Kaspersky wusste aber ein Großteil der Nutzer*innen, die im vergangenen Jahr Stalkerware auf ihren Geräten fanden, vorher nichts von deren Anwesenheit. Plant Avira, diese Einstellung zu ändern? Unklar. „Avira behält sich vor, eine Anpassung der Standardeinstellungen in Zukunft vorzunehmen“, schreibt Vukcevic.
Nikolaos Chrysaidos, Head of Mobile Threat Intelligence and Security bei Avast, einem der meistgenutzten Programme, sagt: „Ja, wir sind der Meinung, dass Tracking-Apps, die zweckentfremdet werden, eine Sicherheitsbedrohung für die Anwender darstellen.“ Entsprechend alarmiere Avasts Software Nutzer*innen, wenn sie eine App entdeckt, die sie ohne ihr Wissen ausspionieren könnte. „Dazu gehören zum Beispiel Funktionen, um E‑Mails, Text- und Chat-Nachrichten zu lesen, seine Stimme oder Videos aufzunehmen.“ Allerdings sieht dieser Alarm genau so aus wie bei jeder anderen Malware. Ein konkreter Hinweis, wozu das Programm in der Lage ist, wie bei Kaspersky fehlt. In der Studie hatte Avast ähnlich schlecht abgeschnitten wie Avira.

Ein Sprecher von Symantec, der Firma hinter dem Anti-Viren-Programm Norton, sagte auf Anfrage nur, Nortons Software für Mobiltelefone markiere Stalkerware als Malware und kategorisiere Apps, die persönliche Informationen wie Fotos, Videos oder die Telefonnummer leaken, als „high privacy risk“. Norton Mobile hatte in der Studie die besten Werte erzielt, was das Aufspüren von Dual-Use-Apps angeht: 13 Prozent dieser Apps aus dem Store hatte das Programm gefunden.
Leena Simon, die in der Beratungsstelle Frieda eine IT-Sprechstunde für Betroffene von Cyberstalking anbietet, kritisiert, im Grunde müssten die Programme noch weiter gehen. „Die Antiviren-App müsste abfragen: Haben sie ihre Zustimmung dafür gegeben, dass dieser Dienst auf ihrem Handy ist? Haben Sie das bewusst installiert?“ Viele Programme arbeiteten gar nicht unsichtbar, sondern versteckten sich auf dem Bildschirm hinter Icons mit vermeintlich unauffälligen Namen wie „WiFiService“. Ein guter Virenscanner müsste auch solche Programme finden.
Gute PR für Kaspersky
Für Kaspersky Labs ist die Aktion wohl auch ein kalkulierter PR-Schritt. Der Firma werden seit Jahren Verbindungen zum russischen Geheimdienst nachgesagt. In den USA ist sie deswegen seit vergangenem Jahr von allen Behördengeräten verbannt worden. Die Stalkerware-Kampagne ist da eine willkommene Möglichkeit, um sich auf der Seite des Guten zu präsentieren.
Für Eva Galperin sind Kasperskys Verstrickungen in diesem Kampf allerdings irrelevant: „Es geht darum, deine Bedrohung zu analysieren“, sagte sie im Gespräch mit WIRED. Die meisten Opfer von häuslicher Gewalt arbeiteten eben nicht für die US-Regierung. Ihre Bedrohung geht entsprechend nicht von Russland aus, sondern von Menschen, mit denen sie oft genug noch eine Wohnung teilen.
https://twitter.com/nscrutables/status/1115656532610506752
Auf einen weiteren Punkt weist der IT-Sicherheitsforscher Cian Heasley hin: Stalkerware-Hersteller vermarkten ihre Produkte häufig für eine bestimmte Region. Für die arabischen Länder gibt es andere Programme als für Europa oder die USA. Die Statistik von Kaspersky spiegelt daher vor allem den Markt wider, den die Firma bedient: Russland.
Die Frage ist also, ob Kasperskys Antiviren-Software auch Programme zuverlässig aufspürt, die dort selten zum Einsatz kommen. Um einen wirklich guten Schutz zu bieten, müssten wohl tatsächlich auch andere Firmen an Bord kommen und Stalkerware als ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit ihrer Kund*innen anerkennen.
Hinweis: Dieser Artikel wurde aktualisiert um einen Screenshot aus der Antiviren-App von Avast. Er zeigt den Warnhinweis für Stalkerware. Außerdem wurde die Berufsbezeichnung von Beate Köhler aktualisiert: Sie arbeitet nicht beim Frieda Frauenzentrum, sondern beim Anti-Stalking-Projekt, das dort angesiedelt ist.
