Smarte neue Welt – Ein Kurzbericht zum Weltverbrauchertag

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Ferngesteuerte Herzen, selbstbestimmte Autos – anlässlich des Weltverbrauchertags 2014 hat die Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. vergangenen Donnerstag zu „Smarte neue Verbraucherwelt“ geladen um darüber zu diskutieren, was die digitale Zukunft wohl so bringen wird. Als Programmredner waren Cory Doctorow, Science-Fiction Autor, Blogger und Mitherausgeber von boinboing sowie Dr. Stefan Rammler, Mobilität- und Zukunftsforscher, vom Institut für Transportation-Design an der Universität der Künste Braunschweig anwesend.

Gerade aus Vernetzungsprozessen in Industrie und Verbraucherwelt wachsen viele neue Geschäftsmodelle. Innovation, Effizienz oder auch Mobilität sind die dazugehörigen Leitbegriffe, die dabei unseren Daten-Ausverkauf leicht in den Hintergrund rücken lassen. Der deutsche Begriff VerbraucherInnen präzisiert eigentlich den Umgang mit vernetzten Inhalten und Geräten. Leider kann Verbrauch von Dienstleistungen nur über das Entweder-Oder-Prinzip in Anspruch genommen werden, ‚deine Daten gegen unseren Service‘. Die dabei eingesetzten Technologien bleiben für Verbraucher- bzw. NutzerInnen nicht einsehbar.

Das Polizeiliche, erklärt Doctorow sinngemäß, hat sich vollkommen ins Netz transformiert. Ob durch Unternehmen oder staatlich-geheimdienstliche Institutionen, ununterbrochen wird nach Lücken in Sicherheits-Systemen geahndet (sofern nicht vorher miteingearbeitet). Darüber werden Endprodukte in unseren Händen, Körpern zweckentfremdet, ganze Kataloge gibt es dazu, erinnert Doctorow. Egal wie sehr wir uns schützen, sind uns diese Dienste mindestens 10 Schritte voraus. Es gibt einige, die unermüdlich sind neue digitale Produkte auf ihre Anfälligkeit für solche Attacken zu überprüfen, jedoch erfordert dies angesichts der industriellen Maßstäbe, eine grundlegende Systematik und mehr Öffentlichkeit:

„Security is a process that requires continuous repair in order to prove all vulnerabilities and discover them. […] Security is a public health issue“

Doctorow berichtete von einem jungen Mann, der im November 2012 auf einer Sicherheitskonferenz in Australien eine Präsentation zu implantierten Defibrillatoren (Herzrhytmus-Stimulatoren) hielt. Der Takt des Herzschlages wird zur Implementierung genau programmiert und seine Recherchen ergaben, dass es ein Leichtes wäre, die Software der Defibrillatoren zu manipulieren und PatientInnen einen neuen Rhythmus aufzusetzen – um ihnen zum Beispiel mit Herzschocks auszusetzen, ganz nach (algo-) rhytmischen Belieben. Mit steigend technischer Abhängigkeit wachsen die Manipulationsmöglichkeiten gleichstark. Daher müssen bürgerliche Freiheiten in Verbindung mit Verbraucherschutzrechten realisiert werden, leitet Doctorow bereits zu Beginn ein. Aber was soll schon dabei sein, wenn XY weiß ob ich nachts 4 mal zum Kühlschrank gehe oder womit der automatische Nachfülldienst meinen Kühlschrank befüllt? Höchstwahrscheinlich könnte es sich bei XY um deine Krankenkasse handeln! Datenschutz muss sich unbedingt in Design ‚importieren‘, das heißt, dass vernetzbare Produkte (Bügeleisen, Kühlschränke, TV-Geräte, Handys, Waschmaschinen usw.) so entworfen werden, dass sie vor ökonomisch motivierten Schnüfflern sicher sind. Daher appelliert er an Verbraucherschutz-Agenturen und Zentralen, intensiv mit DatenschützerInnen zu kooperieren.

Entweder-Oder, ökologisch versus datenschutzrechtlich? Dr. Rammler argumentiert mit Bezug auf seinen vorigen Redner, dass die Zusammenschlüsse großer Automobilhersteller mit Riesen-IT Unternehmen problematisch sind. Lückenloses Geo-Tracking, Versicherungsverträge nach Fahrverhalten A, Echtzeitdatenübertagung sind die technischen Wirklichkeiten. Dazu sind die Verantwortungsbereiche nicht klar definiert. Was passiert bei Unfällen, wer oder was ist zu belangen – das selbstbestimmte Auto oder Mensch…?

Auf jeden Fall sei mit einer Mischung von Digitalität und regenerativen Technologien der Treibstoff für die Mobilität des 21. Jahrhunderts bereits auf heutigem Niveau umsetzbar, durch Elektrizität oder Wasserstoff. Erdöl ist knapp und Begleiterscheinung beim Ertrag ökologisch so verherend, dass nachhaltigere Verkehrssysteme notwendig sind. Am besten im Bereich öffentlicher Verkehrsmittel. Car-Sharing, Leihfarradsysteme sind erst der Anfang. Und der eigene PKW das Ende. Im Dschungel der Digitalität versucht Dr. Rammler 6 ‚Wirkprinzipien‘ zu perspektivieren, die bei neuer Technologie im Einsatz sind. Zum Beispiel die Autonomisierung durch die Robotik, worunter Fahrerassistenzsysteme fallen. Vernetzung durch sogenannte Intermodalität, die eines der erfolgversprechendsten verkehrspolitischen Strategien der Zukunft darstellen sollen. Dabei geht es darum Verkehrsträger so miteinander zu vernetzen, dass Übergänge zwischen Verkehrsmitteln durch technische Integratoren – Informationsschnittstellen- zu einer übergangslosen Mobilität führen können. Auch in diesen ökonomisch getriebene Bereichen, muss europäischer Datenschutz internationale Standards setzen. Da können verwantwortungsvolle Prinzipien nur durch detailgetreue Regulierungen realisiert werden.

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4 Ergänzungen

  1. Die höchste Kunst des Teufels ist es die Menschheit mit sinnlosen und schädlichen zu beschäftigen. Das haben wir derzeit auf die Spitze getrieben.

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