Unter Android verspricht RedPhone schon seit 2010 verschlüsselte Voice-over-IP-Verbindungen, seit gestern steht eine damit kompatible Software für iOS im AppStore: „Signal“ (Affiliate) verspricht weltweit kostenlose verschlüsselte Gespräche und wirbt damit, dass der Quelltext auf Github unter GPLv3 veröffentlicht wurde, sodass unabhängige Audits möglich sind.
Der Hersteller Open Whisper Systems kündigte zugleich an, die Android-App RedPhone ebenso wie den Crypto-Chat-Instant Messenger TextSecure (bisher ebenfalls nur für Android erhältlich) mit den iOS-Geschwistern unter der Marke „Signal“ zusammenführen zu wollen. Damit entstünde eine einheitliche Open-Source-Kommunikationslösung zumindest für die beiden wichtigsten mobilen Plattformen.
Was ist nun unter dem Aspekt Datensicherheit davon zu halten? Offen gesagt: Wir wissen es (noch) nicht definitiv, einfach weil es bisher noch keine unabhängige Analyse der Quelltexts zu geben scheint. Torsten Kleinz z.B. sieht die Software bisher eher kritisch, insbesondere weil der Hersteller nicht offen genug darauf hinweist, dass bei der Nutzung von „Signal“ Metadaten – wer hat wo und wann mit wem kommuniziert – anfallen können. Das ist in der Tat ein wesentlicher Punkt, denn auch reine Metadaten können ein sehr detailliertes Persönlichkeitsbild ergeben und lassen sich außerdem viel leichter als Sprachkommunikation automatisiert auswerten.
Außerdem muss man sehen, dass gegen eine sogenannte „Quellen-TKÜ“ durch Verwanzen des Endgeräts mit (Staats-) Trojanern kaum ein Kraut gewachsen ist. Insofern bietet iOS allerdings jedenfalls ein sehr hohes Sicherheitsniveau, sofern nicht gerade Apple zum Signieren von Trojanern gezwungen wird (Stichworte National Security Letters oder Subpoenas) oder jemand™ einen 0day in iOS ausnutzt.
Außerdem: Sofern die Crypto in „Signal“ sauber implementiert ist, dürfte die Software jedenfalls einen wesentlich besseren Schutz der Vertraulichkeit der Kommunikation sicherstellen als offenes Telefonieren über Festnetz oder Mobilfunk – frei der Idee einer unserer Redakteurinnen nach, „dass ein bisschen Krypto immer besser ist als gar kein Krypto, und die Dienste schön beschäftigt hält.“ Sicherheit vor Überwachung ist schließlich relativ und folgt außerdem ökonomischen Gesetzen: Wenn man nicht gerade ein besonders interessantes Ziel ist, lohnt es sich auch für finstere Dienste meist nicht, sich besondere Mühe beim Überwachen zu geben. Ein bißchen Crypto kann dann schon einen erheblichen Gewinn an Privatsphäre bedeuten.
Man sollte sich eben nur bewusst sein, dass es 100%ige Sicherheit bei der elektronischen Kommunikation kaum je geben kann, und auch „Signal“ wird daran nichts ändern. Insofern erscheint die Kritik an den jedenfalls bei einem System mit einer zentralen „Vermittlungsstelle“ kaum vermeidbaren Metadaten ähnlich plausibel als wetterte man gegen PGP/GPG-Verschlüsselung in eMails: Stimmt, die Header-Zeilen bleiben offen, und die meisten Mailserver loggen mit, aber immerhin wird es wesentlich schwerer, den Inhalt der Kommunikation zu überwachen.
Eine offensichtliche Schwachstelle sollten die Signal-Macher(innen) aber schnellstens angehen: Der Schlüssel-Austausch läuft bisher allein über die Server von Open Whisper Systems, und es scheint keine Möglichkeit zu geben, die Authentizität der anderen Seite unabhängig zu prüfen, etwa durch Vergleichen von Schlüssel-Fingerprints. Bisher muss ich also einfach glauben, dass ich z.B. unter der Nummer von Netzpolitik-Redakteur Andre Meister via „Signal“ tatsächlich ihn erreiche – und nicht etwa irgendeine Schnüffelstelle, die eine Man-in-the-Middle-Attacke ausführt, etwa indem sie die Server von Open Whisper Systems gekapert hat. Das dürfte aber eine sehr leicht auszubügelnde Schwachstelle sein: Systeme wie beispielsweise Threema führen seit langem vor (Affiliate), wie man die Authentizität der anderen Seite komfortabel checken kann.
[Update] Ein Leser weist uns gerade darauf hin, dass immerhin während eines Gesprächs ein „shared secret“ angezeigt wird, im Beispiel oben „hockey publisher“, sodass man mündlich vergleichen kann, ob eine MITM-Attacke stattfindet (Short Authentication String-Verfahren). Das ist sicher besser als nichts, man sollte die Authentizität der anderen Seite aber auch außerhalb eines Gesprächs prüfen können, zumal wenn die App in Bälde auch eine Instant-Messenger-Funktion bieten soll. Außerdem soll die NSA das SAS-Verfahren schon geknackt haben … Da muss Open Whisper Systems also doch noch mal ran. Besonders komplex sollte eine solche Funktion ja nicht zu implementieren sein.[/Update]