Homosexualität in Sport & Gesellschaft – Jung & Naiv: Folge 117

Ich wollte, nachdem ich vergangene Woche mit Jens Weinreich Putins Spiele in Sotschi beleuchtet habe, diesmal über Homosexualität und Homophobie in Sport und Gesellschaft sprechen und habe mich mit Imke Duplitzer getroffen. Imke ist Fechterin, war schon mehrfach bei Olympia dabei und ist lesbisch. Ergebnis ist eine grandiose Folge


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Auszüge:

„Das ist gerade im Leistungssport so eine Sache, dass du einem gewissen Stereotyp entsprechen musst. Sport und Sexualität sind zwei sehr, sehr körperliche Sachen. Dementsprechend liegt es nahe, dass eine von der Norm abweichende Sexualität als sehr bedrohend empfunden wird. Auch bei Frauen .. Sport ist körperbetont.

Viele Vermarktungsgeschichten sind sehr männerdominiert. Es gibt sehr sehr wenige Frauen, die über Sponsoring oder über Marketing entscheiden.“

„Es ist ja so .. du hast ja Angst. Das ist einer der Punkte: Weil du hast Angst…. Gerade wie jetzt, bei solchen Debatten… wie in Baden-­Württemberg. Wenn ich da noch immer leben würde und ich wäre wieder wie damals 15 oder 16 und ich würde mitkriegen, dass gerade um dieses Thema eine erbitterte Diskussion tobt. Und die einen sagen, das soll einfach frei gelebt werden, da soll man darüber informiert werden dürfen. Und die anderen sagen: Nein, das ist des Teufels. Und das ist widernatürlich. Ich glaube, das muss sich einfach nur Jeder vorstellen: Wenn man immer wieder zu hören kriegt, das ist widernatürlich, da kannst du ja nicht weghören. Mittlerweile werde ich fast 40 und diese ganze Diskussion schlägt auch mir immer noch aufs Gemüt. Weil ich jeden Tag, immer wieder, wenn ich in die Zeitung gucke oder in den Fernseher gucke, damit konfrontiert werde,: „Na, so normal ist es ja nicht“. Dabei wache ich morgens neben meiner Freundin auf. Das ist für mich normal. Ich sitze am Frühstückstisch mit meiner Freundin. Das ist für mich normal. Ich telefoniere über den Tag mit Freundin – das ist für mich normal! Ich gehe abends ganz normal mit meiner Freundin wieder ins Bett – das ist für mich normal. Und Teile der Gesellschaft, die bei mir zu Hause gar nichts zu suchen haben, erklären mir permanent: Das ist NICHT normal. Das ist so ein Zwiespalt, in dem man dann lebt. Und das ist einfach so eine Sache, in der man für sich dann einfach so ein bisschen Ruhe reinbringen und dann irgendwann das Selbstbewusstsein haben muss, dass man einfach sagt: Es ist so und wenn andere Leute damit ein Problem haben, dann ist es deren Problem! Das kostet relativ viel Kraft und es ist auch schon so, dass man dann manchmal… auch so an Tagen, an denen es einem nicht gut geht, wenn man dann so auf der Straße oder auch in den eigenen Reihen blöd angeredet wird, dann sagt:„Ach, weißte was? Lass mich doch einfach in Ruhe, ja? Ich habe jetzt keine Lust mehr, darüber zu diskutieren.

Es ist so: Es gibt Millionen Homosexuelle. Ein Programmfehler kann es nicht sein und deshalb ist es eigentlich völlig normal.“

„Kinder sollen einfach Kinder sein. Das ist völlig Wurst, ob da Sexualisierung oder sonst etwas… Ich meine: Viel Sexualisierung passiert ja auch durch Werbung. Also wenn man sich einfach mal anschaut heutzutage, das sind jetzt keine Kindergartenkinder mehr, aber knapp so drüber, erste Klasse Grundschule, bei Werbung für Kinderklamotten: Die sehen teilweise aus, als ob sie auf den Kinderstrich gehen. Da muss die Werbung ein bisschen runterkommen und Kinder wieder Kinder sein lassen. Dass die nicht aussehen,wie Britney Spears zu heiß gewaschen.“

„Es gibt eine sehr nette Geschichte, da hat ein Marketingfuzzi mal einen von unseren Funktionären richtig massiv unter Druck gesetzt. Und dieser Marketingfuzzi ist auch sehr schmerzfrei, der hat den immer weiter unter Druck gesetzt. Und dann brach aus unserem Funktionär heraus: Jemand mit so einer sexuellen Orientierung, Lebenseinstellung, der passt in keinen Sponsorenpool. Bums! Da hatte ich es dann endlich mal… Da musste ich mir auch keine Sorgen mehr machen, warum ich da nie berücksichtigt worden bin.“

„Ich habe es ja zum Beispiel bei mir erlebt: Ich habe als Trainerin relativ lange gearbeitet – auch mit Mädchen in einem relativ sensiblen Bereich…. 15, 16. Und am Anfang waren die Eltern schon so ein bisschen so: „Aha… Ach, Sie fahren über’s Wochenende weg? Und da ist eine Übernachtung mit dabei?“ Aber je mehr Umgang sie mit mir hatten und die einfach festgestellt haben, den Mädels geht es super bei mir, ich passe auf die auf, die entwickeln sich toll mit allem drum und dran, umso mehr wurde es normal. Also das Schönste, was ich erlebt habe: Dass gerade eine der Mütter, die am Anfang am kritischsten war, als ihre Tochter dann aufgehört hat, weil sie ins Studium gegangen ist, da sind Tochter und Mutter bei mit einem Blumenstrauß angetrabt und haben sich dafür bedankt, dass die Tochter – im Grunde genommen – der Mensch und der charakterfeste Mensch geworden ist, der sie ist. Mit einer eigenen Meinung und allem drum und dran, weil ich sie da halt hin erzogen habe. Und das sind einfach so Sachen, wo man einfach sieht, es geht halt auch, indem man es einfach lebt. Ganz normal.“

Im zweiten Teil habe ich Imke Duplitzer dann *Eure naiven Fragen* gestellt

Ihr wolltet wissen:

– Wie steht Imke zur Frühsexualisierung im Kindergarten? Findet sie die Diskriminierung der Heterosexualität in Ordnung? (Peter Mardian)

– Sind die Aussagen wie von Jens Lehmann zu Hitzlpergers Homosexualität gefährlich? Stichwort: Vorbildcharakter (Kevin Wggrt)

– Sportliche Probleme in der Jugend? (Jan Supertramp)

– Wie können lokale Vereine am besten Aufklärung betreiben? (Niclas Bruns)

– Warum interessiert alle so sehr, wenn Sportler schwul oder lesbisch sind? Sollte es nicht um den Sport gehen? (Wibke Ladwig)

– Geht es nicht eigentlich um Werbepartner, die eine „heile, konservative Sportlerwelt“ zur Vermarktung ihrer Produkte brauchen? (Wibke)

– Wieso ausgerechnet die Grünen? (Jonas Jordan)

– Imke war ja schon Vorsitzende des OFC Bonn. Kann sie sich vorstellen es Thomas Bach gleichzutun und irgendwann mal als IOC-Präsidenten zu kandidieren, um den Laden ordentlich umzukrempeln? (Vassili Golod)

– Bist du in der „optimal geschmacksneutralen Welt“ Olympia Sportlern aus Diktaturen begegnet, die von deinem politischen Engagement wussten und dir den Rücken gestärkt haben? (Roland Thele)

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