Überwachung

Bundesregierung lässt Bevölkerungsscanner zur Erkennung „bedrohlicher Handlung“ an Mimik und Gestik beforschen

In mehreren Projekten finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wissenschaftliche Arbeiten zur sogenannten „Mustererkennung“. Automatisierte Verfahren sollen helfen, unerwünschtes Verhalten und dessen menschlichen UrheberInnen zu erkennen und zu verfolgen. Die Vorhaben verfolgen damit das gleiche Ziel wie das höchst umstrittene EU-Sicherheitsforschungsprojekt INDECT. Sogar das Zusammenführen der verschiedenen Analyseverfahren in einer einzigen Überwachungsplattform wird von der Bundesregierung gefördert: In einem einzigartigen, deutsch-amerikanischen Verbund forscht das deutsche Fraunhofer Institut mit dem US-Department of Homeland Security seit 2011 zu „Visual Analytics for Security Applications“ (VASA). Nächstes Jahr sollen Ergebnisse präsentiert werden.


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Alle anderen Forschungen des Themenfeldes „Musterkennung“ sind bereits abgeschlossen oder enden in den nächsten Monaten. Im Mai geht auch das Projekt mit dem sperrigen Namen „Automatisierte Detektion interventionsbedürftiger Situationen durch Klassifizierung visueller Muster“ (ADIS) zuende, das vom bayrischen Landeskriminalamt (BLKA) begleitet wird. Dort entwickelte „Auswertungsroutinen“ sollen nicht nur das Verhalten, also Bewegungsabläufe einer Person auswerten. Überdies sollen Verfahren programmiert werden, um aus Videodaten jene Gestik und Mimik zu analysieren, die „typischerweise zu einer bedrohlichen Handlung“ führe. Üblicherweise besteht die Rolle von an derartigen Forschungen beteiligten Polizeien darin, das inkriminierte unerwünschte Verhalten zu definieren. Es dürfte also das BLKA gewesen sein, das festlegte, welches Verhalten bzw. welche Gesichtszüge als „bedrohlich“ zu werten sind.

ADIS soll „Gewalt an Haltestellen und Bahnhöfen“ eindämmen. Das heikle Projekt wird von den Beteiligten damit bagatellisiert, dass die Technik zunächst nur in speziell ausgewiesenen Bahnsteigbereichen zum Einsatz kommen soll. Sollte sich die Technik tatsächlich als funktionabel herausstellen, sollen Fahrgäste „individuell entscheiden können, ob sie sich zu ihrer Sicherheit in einem speziell ausgewiesenen Bereich aufhalten wollen“.

mispelWeitere Projekte helfen, Bewegungsprofile von Menschen im öffentlichen Raum zu erstellen. Die „Analyse von Personenbewegungen an Flughäfen mittels zeitlich rückwärts- und vorwärtsgerichteter Videodatenströme“ (APFEL) forschte an Verfahren, um „auffällig erscheinende Personen“ auf Bildschirmen zu markieren und automatisiert „über mehrere Kameras hinweg“ in einem Flughafen zu verfolgen. Die Leistungsfähigkeit derartiger Verfahren hatte die Polizei in Dubai unter Beweis gestellt, als sie vor drei Jahren wegen des Mordes an dem Hamas-Politiker Mahmoud al Mabhouh ermittelte. Innerhalb kürzester Zeit wurden Verdächtige präsentiert, indem deren Weg mit Siemens-Technologie vom Tatort bis zur Einreise am Flughafen zurückverfolgt werden konnte.

Doch APFEL soll noch weiter gehen: Mittels Abgleich „mit typischen Bewegungsmustern“ sollen sogar Prognosen für das zukünftige Verhalten der Überwachten erstellt werden, um so eine „frühzeitige Einschätzung ihres Gefahrenpotenzials“ zu erhalten. Damit verfolgt APFEL ein ähnliches Ziel, wie das im März zuende gehende Vorhaben „Verteilte, vernetzte Kamerasysteme zur in situ-Erkennung personeninduzierter Gefahrensituationen“ (CAMINSENS), das in Echtzeit auf „potenzielle Gefährdungssituationen“ aufmerksam machen soll. Polizeilicher Stichwortgeber ist hier das Landeskriminalamt Baden Württemberg.

Weil viele der Forschungen graviernde datenschutzrechtliche, aber auch ethische und juristische Fragen aufwerfen, wurde hierzu ein eigenes Projekt finanziert. Unter dem Titel „Mustererkennung und Video Tracking: sozialpsychologische, soziologische, ethische und rechtswissenschaftliche Analysen“ (MUVIT) forschen mehrere Universitäten an der Umsetzung der beschriebenen Verfahren im Rahmen bestehender Gesetze.

Die gleiche Problematik betrifft die Verbundprojekte aus dem Themenfeld „Biometrie“, die ebenfalls vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert werden. So sollen durch eine „Multi-Biometrische Gesichtserkennung“ (GES-3D) Methoden zur „Gesichts – und Ohrenerkennung“ entwickelt werden, um miserable Porträts (etwa aus der Videoüberwachung) zum Abgleich mit polizeilichen Datenbeständen zu nutzen. Für die bis Ende 2014 beforschte Technik interessiert sich insbesondere das Bundeskriminalamt (BKA), das am Projekt beteiligt ist. Das BKA wendet bereits ähnliche Verfahren zum „Lichtbildvergleich“ an. Da will auch die Bundespolizei nicht zurückstehen: Ebenfalls bis Ende 2014 forscht das Bundespolizeipräsidium mit der Polizei Hamburg zur „Multi-Biometriebasierten Forensischen Personensuche in Lichtbild- und Videomassendaten“ (MisPel). Diese „Bildinhaltsanalyse“ soll eine „zeitnahe Erkennung von ermittlungstechnisch relevanten Personen“ bewerkstelligen. Wieder ist ein Fraunhofer-Institut mit von der Partie, aber auch die Bochumer Firma L1-Identity Solutions, die von mehreren anderen BMBF-Programmen profitiert.

Mehrfach war auf Netzpolitik zu lesen, dass der Fokus auf das EU-Sicherheitsforschungsprojekt INDECT ähnlich problematische Überwachungsphantasien ausklammert. Zweifellos gibt es genug Gründe, die EU für ihre technokratischen Forschungen zur Handhabung unerwünschten Verhaltens und sozialer Probleme zu kritisieren. Damit dies aber nicht zu einer Betonung nationalstaatlichen Geschwurbels missbraucht werden kann, müssen auch deutsche Vorhaben (die zudem weit über INDECT hinausgehen!) aufs Korn genommen werden. Hierzu bietet die Linksfraktion nun die Mitarbeit an einer Kleinen Anfrage an: Bis 4. März können Fragen zu Forschungen in den Themenfeldern „Biometrie“ und „Mustererkennung“ beigesteuert werden.

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33 Kommentare
    1. gefesselten Person die Fresse polieren ist in Bayern Standardverfahren. Mit der neuen Technik werden unsere rustikalen bajuwarischen Freunde dann zum prophylaktischen inhumieren übergehen….

    1. Ja, aber in Zukunft soll das dann automatisch laufen.
      Für Menschen ist das viel zu viel Arbeit, ständig nach solchen *ähm* beunruhigenden Beobachtungen Ausschau zu halten. Aber wozu haben wir denn Computer?

    2. Tja da haben diejenigen, die diese Bilder auswerten aber sowas von ins Klo gegriffen. Wenn jemand überhaupt keine Mimik zeigt, dann ist von gesundheitlichen Einschränkung aus zu gehen. Da hat wohl einer im Unterricht gepennt.

  1. Na endlich! Jetzt fehlt nur noch eine halbwegs ordentliche Gedankenpolizei, damit wir alle wirklich sicher sind.

    Ich kann gar nicht so viel … ihr wisst schon … :-/

    1. Dir „fehlt“ die Gedankenpolizei? Dann schau dich doch mal bei Occupy, Anon, Zeitgeist & Co um… dort sitzen sie schon, die CIA’ler und Verfassungs-„Schützer“, wie auch diverse Parteifunktionäre von Grünen, FDP, Piraten und Die Linke, die gerade die eine gegen die andere Bewegung gegeneinander aufwiegeln!

  2. Boaaahhhh ….

    Aber jeder, der eine Akte bei der StaSi hatte, ist ja SOOOOOO böse.

    Da hilft uns dann wohl nur noch „Botox“ oder „SM-Spielzeug“ (google: bdsm mouth hook) als Gegenmaßnahme.

    Ach, und meine Frau (Krankenschwester) sagt gerade: „Denen ist aber schon klar, dass die Leute, die ständig grinsen, am gefährlichsten sind?“

    Wie war das doch gleich mit dem Terrorismus-Paragraphen? Wie wird dort ein Terrorist definiert?

  3. Wie war das nochmal das Video für den #idp13 würde das Bild überzeichnen und damit eine falsche Wahrnehmung suggerieren?

    Reden wir mal später drüber. ;)

  4. Ein LKA arbeitet mit?

    Dann brauchen wir uns in den nächsten Jahren eher keine Sorge um das Projekt machen. Zumindest, solange die dringend benötigten 3000 Cyber-Stormtrooper nicht fertig ausgebildet sind :)

  5. In dem Artikel wird der Begriff Mustererkennung (warum in Anführungsstrichen?) gleichgesetzt mit bösartigen Überwachungstechnologien. Tatsächlich bezeichnet das Wort seit Jahrzehnten ein Teilgebiet der Informatik, in dem es ganz allgemein um die maschinelle Wahrnehmung (Perzeption) auf der Basis von Sensordaten geht. Dazu gehört zum Beispiel die Spracherkennung, die automatische Klassifikation von Verkehrszeichen, die Fahrbahnranderkennung, die Erkennung von Musikstücke, die Steuerung von Robotern mit Hilfe von Kameras und nicht zuletzt die medizinische Bildverarbeitung, etwa die Klassifikation pathologischer Gewebestrukturen oder die dreidimensionale Rekonstruktion von CT-Daten. Dass bestimmte problematische Forschungen in dieses Feld fallen steht außer Frage, aber das gilt auch für andere Teilgebiete der Informatik.

    1. >warum in Anführungsstrichen?
      Weil das Bildungs- und Forschungsministerium hier eben nicht einfach nur in Forschung für Musterkennung wie du sie beschreibst, investiert, sondern in Forschung für Überwachungstechnologie.

      Das klingt natürlich nicht so hygienisch und harmlos.

  6. was muß die Regierung für eine Angst vor dem Volk haben, das wäre nicht der Fall, hätte sie richtig gehandelt aber das sehe ich erst als Anfang. So langsam wird das deutsche Volk aufwachen, ganz egal was sie noch alles vorhaben, dann hilft auch das nicht mehr !!

    1. Nun, wir Frauen haben da noch einen Notnagel. Wir ziehen uns einen Tschador oder Burka über.
      Das ist dann von der Religionsfreiheit geschützt und unsere rot/grünen Freunde und rot/grünen Freundinnen werden sicher nicht zulassen, daß man die „armen“ Frauen belästigt.

  7. Den letzten Abschnitt würde ich etwas relativer sehen. Videoüberwachung gibt es nunmal in vielen Bereichen und die Aufzeichnungen als Beweismittel einzusetzen ist legitim. Die Entwicklung technischer Verfahren, um die Auswertung dieses Beweismittels zu verbessern, erscheint mir deshalb ebenso legitim.

  8. Nicht aufregen, Maske tragen, kann mich an etwas erinnern, da war ich so 10.-11. Klasse und trug einen Schönheitsfleck wie im Mittelalter, es ging so weiter, plötzlich waren es 4 später alle aus der Klasse, auch die Jungs. Ich war total platt. Man kann es doch mal mit Maske versuchen.

  9. INDECT war Schnickschnack und so gut wie vorbei. NISD ist das echte Ding. 2013/0027 (COD)
    http://ec.europa.eu/information_society/newsroom/cf/document.cfm?doc_id=1666

    Ich habe neulich mal Bücher aus den sechziger Jahren gelesen, über Spracherkennung usw. alles Fantasietechnologie, die selbst jetzt mal gerade so funktioniert. Damals schon mit viel Gerede über millionenschwere Forschungsprogramme, und Beschreibungen, die wie die Paranoia von heute klingen.. Ich finde es ok, wenn man im Bereich Personenerkennung forscht. Zum Beispiel weiss man heute besser wie man Gebäude so konstruiert, dass Vandalismus oder Panik verhindert werden. Die Fantasiewelten der Hightech-Polizei sind auch in Sachen technischer Machbarkeit weit von der Realität entfernt.

  10. Auch in Deutschland wächst der Zorn schon über die blosse Absicht sich mit sowas zu befassen jeden Tag!
    Unsere „Repräsentative Demokratie“ repräsentiert unsere durchaus legitimen Interessen seit langem Nicht mehr!
    Das sollte von den Verantwortlichen endlich einmal kritisch gesehen werden!
    In ihrem eigenen Überlebensinteresse..

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