Kultur

Wie die BamS eine Guttenberg-Party inszenierte

Am Freitag, den 10.02. besuchte ich zusammen mit einem Freund den auf Zeit Online angekündigten „Guttenberg Carnival in der ‚Wohngemeinschaft.'“ Wenige Tage zuvor war Karl-Theodor von und zu Guttenberg in dieser kleinen Kneipe des Berliner Stadtteils Friedrichshain von Anonymous und den „digitalen Konditioren“ bei seinem Versuch, als EU-Berater für Netzfreiheit ein politisches Comeback vorzubereiten, getortet worden.


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Die Reaktion der Betreiber, aus dem Medien-Event, das sich in ihren Gemäuern ereignet hatte, einen kleinen PR-Gag zu machen, empfand ich eigentlich als nachvollziehbar und recht sympathisch. Sie hatten sowohl Anonymous- als auch Guttenberg-Masken vorbereitet und auch an kleinen Törtchen bestand kein Mangel. Sogar einen DJ hatte man für den Abend engagiert.

Als wir die kleine Bar gegen 21 Uhr betraten, hatten bereits einige Gäste die verteilten Masken vor sich liegen und machten in kleineren Gruppen vereinzelt Scherze über den Plagiator und seine Bloßstellung. Ansonsten aber schienen sie sich auf ihre Gespräche zu konzentrieren, wenn sie gerade nicht vom Personal belästigt wurden, das sie immer wieder aufforderte, mit den Masken für Photos zu posieren.

Die dominierenden Sprachen waren Französisch und Spanisch, was uns dann doch sehr verwunderte. Hatte der Betrug des Herrn Guttenberg etwa sogar europaweit Wellen geschlagen, so dass sogar Erasmus-Studenten und Touristen seine Tortung feiern wollten? Ein junger Mann mit einer professionellen Foto-Ausrüstung erhärtete aber bald meinen Verdacht, dass hier mehr als nur eine kleines gemütliches Zusammensein bei Kaffe und Kuchen geplant war.

Gegen 22:00h füllte sich die Kneipe schlagartig und der Fotograf begann, die Anwesenden zum Aufsetzen der Masken aufzufordern. Das Personal verteilte kleine Törtchen und auf Kommando des Fotografen, der inzwischen auf einem Hocker stand, positionierte sich das maskierte Publikum vor dem Tresen. Spätestens jetzt bemerkte ich, dass hier etwas inszeniert werden sollte und begann, aus meiner entfernten Perspektive das Geschehen zu fotografieren.

Dass die Gäste größtenteils nicht deutsch sprachen, hatte bereits meine Zweifel daran genährt, dass sie mit den Hintergründen, geschweige denn der Bedeutung der Aktion, überhaupt vertraut waren. Die Aufforderungen des Fotografen, näher zusammen zu rücken, um für ein Bild zu posieren, sollte mich bestätigen.
Das Publikum begann, sich wahllos gegenseitig zu torten – natürlich jeweils nur auf Kommando des Fotogragen. Dabei war es egal, ob das ‚Opfer‘ nun eine Guttenberg- oder Anonymous-Maske trug, was auf eine weitgehende Unkenntnis sowohl des Vorgangs, als auch der Randbedingungen schließen ließ.
Dem Fotografen schienen solche Details ziemlich egal zu sein. Hauptsache, alle standen eng beieinander und machten viel „Action“.

Nach wenigen Minuten war das Foto-shooting beendet und man widmete sich wieder seinen Getränken und Gesprächsrunden. Der Fotograf verließ kurz danach die Kneipe. Ich folgte ihm, um ihn nach seinem Auftraggeber zu fragen.

Es war –natürlich – die Bild am Sonntag.

Nach allem, was ich beobachtet hatte, überraschte mich das überhaupt nicht mehr. Es war viel mehr die Bestätigung des faden Beigeschmacks, den ich nicht erst seit dem Betreten der Kneipe, sondern schon beim Lesen der Ankündigung „des Events“ verspürt hatte. Von der Bild am Sonntag ist wohl nichts anderes zu erwarten – von den Kneipiers und war ich aber mehr als enttäuscht.

Auf die morgige Ausgabe der BamS bin ich aber mehr als gespannt. Die Inszenierung der Bilder lässt auf eine noch weitreichendere Verzerrung der inszenierten Tatsachen hoffen.

Die BamS mal bei der „Recherche“ zu sehen, war auf jeden Fall eine erhellende Erfahrung.

19 Kommentare
    1. Dann muss man es aber auch richtig verwenden: „hochnotpeinlich“ bedeutet so viel wie „übermäßig streng“ – das hat mit der heutigen Bedeutung von „peinlich“ nichts zu tun und ist schon gar keine Steigerung von „peinlich“.

      1. Dem muss ich widersprechen! Das Wort wird umgangssprachlich sehr wohl als Steigerung von ‚peinlich‘ verwendet. Auf der (mittelalterlichen) Ursprungsbedeutung eines Wortes zu bestehen ist falsch verstandene Sprachpflege und eine Verkennung des Umstands, dass deren Entwicklung ein fluider Prozess ist.

        Zumal Du dann genau genommen auch das Wort ‚peinlich‘ nicht in der heute üblichen Verwendungsform anerkennen dürftest.

      2. „Peinlich“ kommt von der Pein, dem Schmerz. Insofern hat das eine Schmerzhafte schon mit dem Anderen zu tun, der Kontext ist jedoch unterschiedlich.
        Eine hochnotpeinliche Befragung wurde im Mittelalter z.B. vor einem Hexenprozess vorgenommen oder wenn man einen Ketzer entlarven wollte und beinhaltete Folter um zum Geständnis zu kommen.

  1. Tortenschlachten sind ein teurer Spaß. Dass nicht Fawkes gegen Guttenberg Front stand sondern das Ganze eher den Charakter deer Berliner Spaßguerilla hatte, finde ich beruhigend. Auch wenn selbst Guttenberg der Puls wieder runter geht wenn er das liest. Er kommt nicht wieder in die vorderen Reihen der Politik zurück, aber in Berlin eine Latte trinken, das sollte noch möglich sein.

  2. Verstehe den Vorwurf nicht. Die Kneipe hat doch selbst zur Guttenberg-Party geladen. Und nicht die Bams…Die Facebook-Pinnwand des Ladens ist voll von Fotos von Gästen, die die Gutti-Masken tragen. Und nur weil der Fotograf gesagt hat, dass die Erasmus-Hipster sich mal torten sollen, ist das fake? Komische Maßstäbe hier. Und dann noch anonym gepostet? Who cares, erzähl es Deinem Friseur…

  3. Sie sind alle peinlich. Die Kneipler, die Blöd, die Törtchenwerfer und das beschmierte Sahneteilchen (Sahnehäupchen adelt) . Fein, dass man mal wieder darüber berichten konnte, wenn man sonst keine Hobbies hat.

  4. Die glorreiche Tortung des Ex-Verteidigungsministers, ein denkwürdiger und heroischer politischer Akt extraordinaire, wird nicht ausreichend gewürdigt und verkommt zum Schabernack für bunte Blättchen. Worte können das Ausmaß dieser Tragödie nicht zum Ausdruck bringen.

  5. Check ich nicht.

    Nur weil der Fotograf von der BAMS kam, war die ganze Aktion ein Fake? Wie passen „machten in kleineren Gruppen vereinzelt Scherze über den Plagiator und seine Bloßstellung“ und „meine Zweifel …genährt, dass sie mit den Hintergründen, geschweige denn der Bedeutung der Aktion, überhaupt vertraut waren“ zusammen?

    Super auch „Die Aufforderungen des Fotografen, näher zusammen zu rücken, um für ein Bild zu posieren, sollte mich bestätigen“ – weil der Fotograf ein Bild machen will und dazu die Leute etwas anstachelt ist die ganze Party inszeniert?

    Oder geht’s nur darum, dass im Rahmen der Party einige Bilder für die BAMS in Szene gesetzt wurden? Oh mein Gott! Gestellte Partyfotos.

    Gestellte Partyfotos ab sofort verbieten!

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