Kultur

Der Castor rollt (auch) durchs Netz

Über das politische Potenzial des Internets wird häufig philosophiert, und ab und zu kommt es auch zur Anwendung – wenngleich die größten Erfolge des Netz-basierten Protestes bisher immer das Netz selbst betroffen haben. Sollte diese Selbstreferenzierung etwa bedeuten, dass auch die Internet-Nutzer nur eine homogene Interessengruppe sind, die sich für wenig mehr als ihr Internet interessiert? Und was ist mit den klassischen Offlinern? Bleiben die ihren traditionellen Organisations- und Mobilisationsformen treu? Oder bilden sich im Web 2.0 nun tatsächlich dezentral vernetzte, beständige Protestkulturen?


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Die in dieser Woche beginnenden Anti-Atom-Proteste im Wendland sind ein erfrischendes Beispiel für abwechslungsreiche Protest- und Organisationsformen. Die Anti-Castor-Bewegung zählt zu einer der größten und heterogensten politischen Vereinigungen: Selten stehen pazifistische Öko-Hippies, antikapitalistische Sonnenbrillenträger, Clowns und ungehorsame Landwirte (mit Trekkern) gemeinsam mit Bürgern der sog. Mitte (sprich: unpolitisch) so eng zusammen. Die Anti-Atom-Bewegung bietet gutes Anschauungsmaterial, wie es um Online-Protestkultur in Deutschland steht.

Neben den ‚großen‘ Playern wie Greenpeace gibt es eine schier unendliche Menge an kleineren und größeren Bündnissen.

Von zivilem Ungehorsam spricht insbesondere das Bündnis „Castor schottern“ mit 1.656 UnterzeichnerInnen (Stand 01.11.2010) das die Absicht erklärt, durch massenhaftes Abtragen von Schotter das Gleisbett zu beinträchtigen, und so eine Weiterfahrt des auf Schienen transportierten Atommülls zu verhindern. Rechtlich kann ich das nicht beurteilen, moralisch schon. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg jedenfalls ermittelt gegen alle Unterzeichner, was denke ich allenfalls symbolischen Wert und wohl kaum juristische Folgen haben wird.

Das Bündnis „Atomkraft Wegbassen„, ein bundesweiter Zusammenschluss aus Kultur und Nachtleben mit knapp 50 Bündnispartnern, ruft zu „allen Formen des zivilen Ungehorsams“ auf, um den „Castor endlich mal zu stoppen“ – und erhält in seinem YouTube-Kanal überraschende Unterstützung von Stefan Mappus, prominenten Fußballern, der Gewerkschaft der Polizei, und sogar Angela Merkel:

Für die live-Koordination gibt es den Castor-Ticker, der eine Demo-freundliche SmartPhone-Oberfläche bietet. Gespannt sein darf man auch auf die zahllosen Twitter-Accounts zum Thema und was sich in den nächsten Tagen unter den Hashtags #castor#antiAKW, #schottern und ihren Abkömmlingen tun wird. Leider behaupten UMTS-Insider, dass das Wendland nicht unbedingt zum Kernversorgungsgebiet der Anbieter mobilen Internets gehört.

Neben klar auf Intervention ausgerichteten Protestformen gibt es natürlich auch die ‚klassische‘ Großdemonstration, die am Samstag um 13:00h in Dannenberg beginnt. Verschiedene Banner dazu zum einfachen Einbinden in die eigene Seite werden zur Verfügung gestellt. Auch das Problem der massenhaften Anreise wird online angegangen: Ausgestrahlt.de bietet eine Busbörse mit bereits über 200 Bussen. Da ist es nur selbstverständlich dass auch die insgesamt 7 Camps für Demonstranten online beworben und koordiniert werden. Jedes Camp hat eine eigene Website (dezentral), aber natürlich gibt es auch eine Camp-Übersichtseite (vernetzt).

Natürlich gibt es auch wieder überall in Deutschland Blockadetrainings für Leute, die zum ersten Mal dabei sind. Ein etwas längliches Video des Trainings in Berlin gibt es hier.

Wie immer, wenn Polizeiübergriffe nicht nur zu befürchten, sondern vorprogrammiert sind, unterstützt die Rote Hilfe nicht nur vor Ort, sondern auch durch Pressemitteilungen und allgemeine Online-Ratgeber. Vor Ort ist der Ermittlungsausschuss Wendland erster Ansprechpartner bei Problemen mit der Polizei

Insgesamt rechnen viele mit den „größten Protesten, die es im Wendland in 33 Jahren Streit um Gorleben gegeben hat“ – ob das aber an der Online-Mobilisierung, oder am unsäglichen Ausstieg der Bundesregierung aus dem Atomausstieg inklusive Rücktrittsversicherung für die AKW-Betreiber zu tun hat, bleibt offen.

Doch auch für jene, die nicht vor Ort bei den Protesten dabei sein können, wird die Unterstützung beim Protest angeboten: „Atomausstieg selber machen!“ hilft beim Wechsel des Stromanbieters.

Und jetzt ihr: Diese kleine Auswahl ist nur ein Bruchteil der Online-Aktivitäten zum Thema, und ich möchte niemanden durch Auslassen beleidigen. Also ergänzt eure Lieblings-Seiten und -Kampagnen.

23 Kommentare
  1. Während der letzten Castordemos gab es immer Radioberichte (und Live-Sendungen) aus dem Wendland. Die wurden nicht nur vor Ort hörbar, sondern durch die vielen Freien Radios in der Republik auch (Achtung, Wortwitz) ausgestrahlt und selbst wieder ins Netz gestreamt.

    Ich bin grade dabei herauszufinden, wie es dieses Jahr aussieht und werde entsprechende Links hier einfügen.

  2. Das politische Potenzial des Internets und deren Wirkung wurde schon eindrucksvoll zu Stuttgart 21 demonstriert. Ich habe zwar keinen eigenen Anti-AKW Blog doch Immerhin eine Webseite mit gut 11.000 Besuchern und fast 30.000 Seitenzugriffen im Monat und kann mir gut vorstellen einen bertrag zu leisten indem ich mich mit einem Banner beteilige und somit meine Meinung gegen AKW´s äußere.

  3. Nicht nur die Polizei war desöfteren überfordert mit den Protesten, auch die tausenden Protest-Klicker haben einiges „bewirkt“.

    Der Live-Ticker auf http://www.taz.de war heute bis 15 Uhr immer wieder überlastet, soll inzwischen aber besser abgesichert sein.

    Graswurzel.tv ist mit ihrem aktuellen Video zu prügelnden Polizeibeamten bei der Aktion „Castor? Schottern!“ ebenfalls kräftigs ins virtuelle Schwitzen geraten.

    Zwischenzeitliche Liveschaltung ins Wendland von n-tv waren relativ problemlos per Stream empfangbar.

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