Damoun sitzt mit Freundinnen in einer Bar, als sich eine weitere Frau der Gruppe anschließt. Damoun kennt sie nicht, hat aber ein ungutes Gefühl. Sie präsentiert ihren neuen, kurzen Haarschnitt. Mitten im Gespräch schaut sie Damoun an und sagt, dass sie sich jetzt wie ein toxischer Mann fühle. Ein Mann, der die Welt beherrschen könne. Sie starrt Damoun an und wiederholt diese Sätze. Damoun ist einfach still.
Ein paar Minuten später wendet sie sich erneut Damoun zu: „Fragen wir den einzigen Mann in der Gruppe“, sagt sie.
Als Damoun sich ihr zu Beginn vorstellte, äußerte Damoun den Wunsch, genderneutral angesprochen zu werden. Doch sie ignoriert die Bitte.
In diesem Moment entgegnet Damoun: „Wie kannst du es wagen, mich einen Mann zu nennen? Seit du hergekommen bist, habe ich das Gefühl, dass ich von dir angegriffen werde. Ich identifiziere mich nicht als Mann.“ Sie entgegnet: „Oh, aber du siehst für mich wie ein Mann aus!“
Damoun ist nicht-binär und sieht sich weder als Mann noch als Frau. Damoun fühlte sich zuvor wie gefesselt von dem bei der Geburt vorgegebenen Geschlecht und die Befreiung von diesen Fesseln ist ein fortlaufender Prozess, der vor etwa zwei Jahren begann.
„Bitte missachte nicht meine eigene Identität“, sagt Damoun zu der Frau. Sie reagiert mit den Worten: „Du sagst diese Dinge immer wieder, aber die Welt außerhalb deiner Blase sieht dich als Mann.“
Solange man Menschen wie Damoun nicht zuhört, wird sich das nie ändern. Jede:r könnte die Perspektive ändern und die Art, die Welt zu sehen. Damoun hat im Interview mit netzpolitik.org über einengende Stereotype gesprochen, die Verwendung von nicht-binären Pronomen, Diskriminierung, Rassismus und Aktivismus dagegen.
Stereotype aufbrechen

Damoun wurde in Teheran geboren, lebt mittlerweile seit fast zehn Jahren außerhalb von Iran und hat seitdem in Dubai, Zypern und in der Türkei gelebt und gelegentlich als Englisch- und Französischlehrer:in gearbeitet. Zurzeit studiert Damoun Digitale Medienkultur an der Filmuniversität Babelsberg und arbeitet nebenbei bei She Said in Berlin, dem deutschlandweit ersten queeren und intersektional-feministischen Buchladen mit Fokus auf BIPoC (schwarze, indigene Menschen und People-of-Color), weibliche und queere Autor:innen.
Damouns Arbeit soll das stereotypische Bild geflüchteter Personen aufbrechen und deren vielfältige Lebenserfahrungen darstellen. „Wir brauchen mehr Sichtbarkeit für unsere Geschichten, um den verschiedenen Anliegen Gehör zu verschaffen!“, appelliert Damoun und versucht gemeinsam mit anderen Geflüchteten über verschiedene Medien mit Kunst und weiteren Formen von Aktivismus die Sichtbarkeit ihrer Anliegen zu erhöhen. Meistens bleibe aber die harte Arbeit vieler Geflüchteter, nach Damouns Schilderung, unbemerkt und unerkannt, weil sich die Medien bis heute zu viel auf das klischeehafte Bild konzentrieren würden.
Aktivismus verschafft Gehör
Damoun ist auch im Team von Voices4 Berlin. Das Kollektiv setzt sich für die Rechte von LGBTQIA+ ein, kurz für: lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, queer, intersex und asexuell. Das Kollektiv ist verknüpft mit weiteren Gruppen in New York, London und einem für minderjährige queere Personen. Vor der Pandemie hat Voices4 Berlin sich vor allem getroffen und Demos organisiert. Seit Corona treffen sie sich digital und organisieren auch Protest im Netz.
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Eine der vielen Aktionen, an denen Damoun teilnahm, fand im Frühjahr 2020 statt: Eine marokkanische Instagram-Influencerin machte einen homophoben Post, der schnell Reichweite erlangte. Sie schrieb kurz vor dem ersten Lockdown in Marokko über Grindr, eine beliebte Dating-App für schwule, bisexuelle und trans* Männer. Sie forderte ihre Follower:innen dazu auf, sich gefälschte Profile zu erstellen, um Menschen aus dem Bekanntenkreis auf Grindr ausfindig zu machen.
Die Leute machten Screenshots, outeten Grindr-Nutzer und stellten sie öffentlich bloß. Daraufhin verloren mehrere schwule Männer ihr Zuhause, nachdem ihre Familien sie rausschmissen. Homosexualität ist in Marokko illegal und Schwule können zu langer Haft verurteilt werden aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Dating-Apps wie Grindr existieren zwar in Marokko, doch in Fällen, in denen homosexuelle Menschen ihre sexuelle Orientierung öffentlich preisgeben, ist Inhaftierung die Konsequenz. Voices4 Berlin kommunizierte gemeinsam mit den anderen globalen Kollektiven und sie organisierten vorübergehende Bleiben, Essen und weitere Unterstützung für die Opfer des Mobs.
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Von Mikroaggressionen bis hin zu Diskriminierung
Damoun erzählt im Interview viel von diskriminierenden Erfahrungen im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Stereotypen und Rassismus. An Tagen, an denen Damoun Make-Up trägt und androgyn aussieht, erfährt Damoun seitens weißer cis-geschlechtlicher Frauen tendenziell einen freundlicheren Umgang, von Cis-Männern hört Damoun hingegen häufig diskriminierende Kommentare oder Beleidigungen. Erst vor kurzem schilderte Damoun eine Situation, in der ein Cis-Mann Damoun während der Arbeit im Buchladen mit dem Wort „Schwuchtel“ beschimpfte. Damoun erlebt verbale Gewalt vordergründig analog – das liegt auch daran, dass Damouns Instagram-Profil aus Selbstschutz bereits auf privat gestellt ist.
In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts befragten Wissenschaftler:innen queere, junge Menschen und fanden heraus, dass Internetplattformen für sie beides zugleich sind: wichtiger Teil der Vernetzung und ein Ort, an dem Diskriminierung stattfindet. Zum einen können sie dort „zum Teil authentischer auftreten, als ihnen das im realen Leben möglich ist“, gleichzeitig berichtete fast die Hälfte von Beleidigungen und Beschimpfungen.
Damoun nimmt sich Geschehnisse dieser Art nicht zu sehr zu Herzen: „Diese Männer, die mich angreifen, fühlen sich in ihrer eigenen Haut nicht wohl, während sie ihre wahre Identität und ihre Wünsche unterdrücken. Wenn sie also eine sichtbar queere Person sehen, dann triggert das genau diese Männer, weil sie nicht ihr wahres Selbst zelebrieren und sehen, dass ich in meinen eigenen wahren Farben lebe. Sie sind neidisch auf mich und das gibt mir dass Gefühl, Gewinner:in zu sein.“
Wenn Damoun jedoch stereotypisch männlich aussieht, dann verhalten sich Cis-Frauen oft kühl, abweisend und respektlos Damoun gegenüber. Zum Beispiel laufen sie mit weitem Abstand an Damoun vorbei oder wechseln den Sitzplatz, wenn Damoun sich in der Bahn ihnen gegenüber setzt. Damoun befürchtet, dass das an der dunkleren Haar- und Hautfarbe liegt, dem dunklen Vollbart und rassistischen Vorurteilen gegenüber Migrant:innen innerhalb einer dominant weißen, westlichen Gesellschaft.
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„Das Geschlecht ist ein buntes Spektrum, es ist kein schwarz-weißes Konstrukt.“
„Das Geschlecht ist ein religiöses und soziales Konstrukt“, fährt Damoun fort. „Sieh dir beispielsweise einige der indigenen Stämme in der Vergangenheit an: geschlechtsspezifische Kleiderordnungen und soziale Rollen gab es bei ihnen nicht, weil sie nicht unter den begrenzten, engen Definitionen der vordefinierten Normen und Standards unserer heutigen Gesellschaft lebten.“
Damoun beschreibt weiter, dass eine geschlechtsinkonforme Person von überall innerhalb des Geschlechterspektrums stammen kann. Menschen können nicht-binär sein ohne androgyne oder körperlichen Merkmale. Zugleich ist die Geschlechtsidentität nicht mit der sexuellen Orientierung verflochten.
Geschlechtsneutraler Sprachgebrauch zeigt Respekt und erfordert Achtsamkeit. Doch wie genau funktioniert das überhaupt? Wenn man über mehrere Personen zugleich redet, dann ist die gendergerechte Sprache mittlerweile relativ etabliert. Wird über eine Person gesprochen, dann kommen die passenden Pronomen zum Einsatz. Das gefühlte Geschlecht sieht man einer Person nicht zwangsläufig an und im Zweifelsfall muss man höflich danach fragen.
Auch wenn sich der Gebrauch gendergerechter Sprache immer weiter durchsetzt, erhalten wir bis heute regelmäßig Kommentare zu diesem Thema. Unsere Erklärung, warum wir geschlechtergerechte Sprache verwenden, ist mittlerweile ein Jahr alt, aber das Thema scheint viele Leser:innen nicht loszulassen. Je häufiger man dieses Anliegen thematisiert und Menschen dafür sensibilisiert, desto eher kann sich der neue Sprachgebrauch etablieren. Persönliche Erfahrungen wie die von Damoun können durch tiefere Einblicke Empathie schaffen.
In der englischsprachigen Literatur wird seit vielen Jahrhunderten das Pronomen „they“ in einer geschlechtsneutralen Form verwendet, etwa dann, wenn das Geschlecht einer Romanfigur nicht verraten werden soll. Daher ist es etwas weniger kompliziert, die Verwendung der Pronomen „they/them/their“ im täglichen Gebrauch der englischen Sprache für Personen anzupassen, die sich außerhalb der geschlechtsbinären Vorgaben identifizieren.
Wenn man im Englischen über Damoun spricht, würde man immer die geschlechtsneutralen Pronomen „them/them/their“ nutzen. Im Deutschen bevorzugt Damoun keine Pronomen, daher wird der Name anstelle eines Pronomens gesetzt.
Damoun spricht nicht nur fließend Deutsch und Englisch, sondern auch Persisch, Französisch und etwas Türkisch. Persisch und Türkisch sind standardmäßig geschlechtsneutrale Sprachen, in denen geschlechtsspezifische Pronomen überhaupt nicht existieren.
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„Nicht-binär zu sein ist eine Befreiung des Selbst.“
Ich fragte Damoun, was das Wort nicht-binär für Damoun bedeutet. Die Antwort war voller positiver Energie: „Für mich bedeutet nicht-binär zu sein, Ambiguität zu umarmen. In der Freiheit all der Möglichkeiten zu baden, die ein Körper sein kann. Ich entscheide mich dafür, mein Geschlecht als ein Wesen zu sehen, das nicht wegen mir oder für mich existiert, sondern durch mich. Indem ich es so darstelle, wie ich es möchte, ohne jemandem Androgynität zu schulden. Nicht-binär zu sein, ist eine Befreiung des Selbst.“
