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IT-Gipfel der Bundesregierung ohne Zivilgesellschaft

Es ist frustrierend. Da kämpft man sich drei Jahre lang im Umfeld des UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) ab, um überhaupt gehört zu werden. Am Ende kommt ein sehr offener Prozess namens „Internet Governance Forum“ dabei raus, bei dem alle Interessengruppen auf gleicher Augenhöhe wie die Regierungen reden können, und man denkt sich „staatliche Politik hat…

  • Ralf Bendrath

Es ist frustrierend. Da kämpft man sich drei Jahre lang im Umfeld des UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) ab, um überhaupt gehört zu werden. Am Ende kommt ein sehr offener Prozess namens „Internet Governance Forum“ dabei raus, bei dem alle Interessengruppen auf gleicher Augenhöhe wie die Regierungen reden können, und man denkt sich „staatliche Politik hat doch noch Potenzial und ist offen für Neues“.

Und dann kommt man von der UN-Konferenz nach Hause, hört zum ersten Mal seit einem halben Jahr mal wieder was von Merkels „nationalem IT-Gipfel“ und muss dank der Recherchen von heise feststellen, dass es in Berlin noch läuft wie in den 70er Jahren oder mindestens zu Schröders Zeiten. Die Regierung trifft sich mit ein paar Managern, diese dürfen vortragen, was sie von der Politik erwarten, und die Zivilgesellschaft ist ausgeschlossen. Zur Erinnerung: Dem folgenden Absatz aus der Tunis Agenda des WSIS-Weltgipfels hat die Bundesregierung unter anderem auch zugestimmt:

We acknowledge that multi-stakeholder participation is essential to the successful building of a people-centred, inclusive and development-oriented Information Society and that governments could play an important role in this process. We underline that the participation of all stakeholders in implementing WSIS outcomes, and following them up on national, regional and international levels with the overarching goal of helping countries to achieve internationally-agreed development goals and objectives, including the Millennium Development Goals,is key to that success.

Was ich nicht verstehe: Die Bundesregierung hat sich auf internationaler Ebene immer dafür eingesetzt, dass die Zivilgesellschaft besser einbezogen wird. Warum kriegen die das nicht zuhause hin?

Über die Autor:innen

  • Ralf Bendrath

    Ralf ist seit Jahren in Zusammenhängen wie DigiGes, EDRi, AK Vorrat, AK Zensur aktiv. 2011 wurde er in den Beirat von Privacy International berufen. Nach einer soliden Grundausbildung als Nerd am Commodore C-64 und dem Studium der Politikwissenschaft in Bremen und Berlin hat er zehn Jahre lang zu Datenschutz, Internet-Governance und Cyber-Sicherheit geforscht, u.a. in Berlin, Bremen, Washington und New York City. Von 2002 bis 2005 hat er für die Heinrich-Böll-Stiftung den Weltgipfel Informationsgesellschaft begleitet. Im Hauptberuf arbeitet er seit Sommer 2009 für den Abgeordneten Jan Philipp Albrecht im Europäischen Parlament, ebenfalls zu Themen der Internetfreiheit und der digitalen Bürgerrechte. Wenn er Zeit findet, bloggt er hier auf deutsch oder auf englisch auf http://bendrath.blogspot.com. Häufiger twittert er als @bendrath.


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6 Kommentare zu „IT-Gipfel der Bundesregierung ohne Zivilgesellschaft“


  1. Das hat wohl was mit „Wasser predigen und Wein trinken“ zu tun. Also analog dazu. Denn: Versprich nichts, was du auch halten muss. Und da drüben, hinter der Grenze,kann man viel erzählen,verantwortlich sind glücklicherweise andere, aber man kann wenigstens den Anschein wahren, demokratische und liberale Absichten zu haben – dort wie hier.


  2. […] Das Syrien ein Problem mit dem Thema Menschenrechten hat, ist ja bekannt. Das mit dem Urheberrecht aus syrischem Mund irritiert mich allerdings. Etwas verwundert bin ich über den nicht namentlich zitierten deutschen Vertreter. Aber das spiegelt auch das aktuelle Verhalten der Bundesregierung wieder, wenn es um Multi-Stakeholder-Prozesse geht. Andere Nationen sind da schon viel weiter und offener. Schade eigentlich. von markus um 12:48 | abgelegt in General, Informationstechnologie, UN Trackback URL | Comment RSS Feed Tag at del.icio.us | Incoming links […]


  3. […] Die Bundesregierung veranstaltet ja am 18. Dezember in Potsdam ihren “nationalen IT-Gipfel”. Wie hier schon berichtet wurde, ist die Zivilgesellschaft in der Vorbereitung komplett ausgesperrt gewesen und wird auch zum Gipfel selber nicht eingeladen. Das verstößt ziemlich drastisch gegen die von der Regierung mit verabschiedeten Prinzipien der UN-Informationgipfel von Genf und Tunis, nach denen die Informationsgesellschaft nur inklusiv und mit Beteiligung aller entwickelt werden kann. […]


  4. […] Nur der Verbreitung wegen: Am 18. Dezember 2006 findet der eher umstrittene nationale IT-Gipfel unter Vorsitz unserer verehrten Frau Bundeskanzlerin statt, der, einmal mehr, ein Konglomerat aus Politik und Wirtschaft zu werden verspricht, bei dem die Zivilgesellschaft und ihre Repräsentanten ausgesperrtunerwünscht sind. Wem das nicht egal ist, der mag (a) den offenen Brief zum Thema einsehen und signieren und/oder (b) kurz darüber berichten, um die Informationen in die Breite zu tragen. Bislang hat der Brief knapp über 60 Unterzeichner, was insgesamt etwas dürftig ist, und bis zum 18. Dezember ist es nicht mehr allzu lange hin… […]


  5. […] Am Montag findet in Potsdam der erste “IT-Gipfel” der Bundesregierung statt. Nach der Zivilgesellschaft hatten auch die Grüne Bundestagsfraktion und die mittelständische Wirtschaft den Gipfel kritisiert, der sehr abgeschottet und nur unter Beteiligung großer Firmen vorbereitet wurde und wohl auch durchgeführt wird. Nun hat sich der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar in den anschwellenden Chor der Kritiker eingereiht: Schaar übte scharfe Kritik an dem am Montag in Potsdam stattfindenden IT-Gipfel, an dem Datenschutzbeauftragte seines Wissens nicht beteiligt seien. Die Frage der Wahrung von Bürgerrechten in der Informationsgesellschaft scheine dort “keine wichtige Rolle zu spielen”, sagte Schaar. Dabei müsse auf dem Gipfel darüber diskutiert werden, wie “die Informationsgesellschaft demokratisch gestaltet und verhindert werden kann, dass sie zu einer elektronischen Überwachungsgesellschaft wird”. Ferner müsse auch die Stärkung der Betroffenenrechte thematisiert werden. […]


  6. Innere Feindschaft schafft äußere Freundschaft sowie innere Freundschaft äußere Feindschaft ergibt.

    Bis auf Amerika, sind es innerpolitisch in der Regel weniger und von daher besser sich mit den außen besser zu stellen.

    Macht? Vermutung. One World?

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