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„Fenster zu – es zieht!“

Heute Abend feiert Microsoft eine Lobby-Party im Abgeordnetenhaus. Dies ist ungewöhnlich für den Ort und sehr kritisierungswürdig, da es dort eigentlich nicht um die tollen Corporate Social Responsibilty-Aktionen von Microsoft geht, die gefeiert werden sollen, sondern um die Umstellung der Windows 2000-Lizenzen auf Windows XP.


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Wir dachten uns, dass die Zeit reif für eine symbolische Aktion ist und machten heute dieses Foto vor dem Abgeordnetenhaus unter dem Motto „Fenster zu, es zieht!“:


Die Grüne Jugend hatte praktischerweise einige Pinguinkostüme und ein „Alt+F4“-Transparent musste eh mal gemacht werden.

„Fenster zu, es zieht!“

Das Netzwerk Neue Medien, die Grüne Jugend und der Chaos Computer Club üben Kritik an Microsoft-Lobbyveranstaltung im Berliner Abgeordnetenhaus am 18.8.2005

Heute Abend nach der Plenarsitzung lädt die Firma Microsoft zu einer Veranstaltung im Festsaal des Berliner Abgeordnetenhaus ein. Wir halten diese Lobby-Veranstaltung im Berliner Abgeordnetenhaus für besonders pikant, da Berlin ein Großkunde von Microsoft ist und dieser Empfang durch die Lizenzkosten der Software finanziert wird. Der Veranstaltungsort und die zeitliche Nähe zur Plenarsitzung zeigt, mit welchem Engagement Microsoft das Land Berlin umgarnen möchte, um nicht eine weitere Stadt an die „Konkurrenz“ Linux verlieren möchte.

Monokultur bei Software ist immer ein Nachteil, da der eine Hersteller beliebig Konditionen und Preise diktieren kann und eine spätere Umstellung immer aufwändiger wird. Eine Regierung sollte durch seine IT-Strategie eine solche Knebelung vermeiden und im Rahmen des Wettbewerbs insbesondere offene Schnittstellen und Ausweichwege fördern.

Monokultur ist keine Innovation!

Wir fordern von Wowereit und Körting mehr Mut zu Alternativen: Freie Software ist nicht nur preisgünstiger, sondern fördert auch regionale Unternehmen und ist nachhaltig innovativ. Die Umstellung erfordert zwar zunächst mehr Aufwand, ist aber langfristig günstiger, da keine laufenden Lizenzkosten anfallen. Bereits jetzt laufen in einigen Bereichen der Berliner IT wichtige System unter Linux – ein Beweis für die Praxistauglichkeit. Die Stadt München hat die Umstellung zur Chefsache gemacht.

In den Schulen müssen Alternativen zu Microsoft zumindest aufgezeigt werden anstelle blind das Monopol zu festigen. SchülerInnen sollen die Software im ITG- oder Informatik-Unterricht im Prinzip verstehen und nicht auf einen Hersteller konditioniert werden. In Zeiten leerer Kassen fällt es zwar schwer, freundliche Geschenke vom Monopolisten abzulehnen, doch ist das Ziel dieser Präsente offensichtlich.

Das Foto zur Aktion gibt es noch in hoher Auflösung hier.

Aber Danke an Microsoft, dass sie mit ihrer missglückten PR-Aktion Aufmerksamkeit auf aktuelle Entwicklungen im Berliner Abgeordnetenhaus gelegt haben. Wir hätten sonst übersehen, dass es am 3.8. eine schriftliche Stellungnahme des Berliner Senats zum Thema IT-Migration gegeben hat. Diese stellt in ihrem Fazit fest:

Nach dem derzeitigen Stand der Untersuchungen ist eine Umstellung auf Open Source (Linux) grundsätzlich technisch machbar.

Nach Einschätzung der Senatsverwaltung für Inneres wird sich dabei der zukünftige Einsatz von IT-Infrastruktur so gestalten, dass die unterschiedlichen funktionalen Anforderungen an die Infrastruktur auch unterschiedliche Ausprägungen der Koexistenz von herkömmlicher und OSS-Software erfordern. Es ist ebenfalls absehbar, dass sich Entwicklungen in beiden Bereichen aufeinander zu bewegen (z. B. in Fragen der Lizenzierung bzw. der Geschäftsmodelle) und dadurch die bisherige Trennung zwischen OSS und „proprietär“ weiter an Bedeutung verliert.

Nach bisherigen Erkenntnissen ist Linux mit geringfügig geringeren Betriebskosten als Windows zu betreiben. Die Lauffähigkeit und Umstellungskosten der Fachverfahren sind nach Einschätzung von Gartner dabei jedoch als kritischer Entscheidungsfaktor anzusehen. Dieses wird für die Berliner Verwaltung gegenwärtig geprüft.

Heise hat daraus heute einen Artikel gemacht: Berliner Hauptverwaltung auf dem Weg zu Linux

Die Taz vom 19.8. kommentiert die Microsoft-Party u.a. mit folgenden Worten: Parlament als Kommerztempel

Niemand behauptet, dass die Präsenz des Computerriesen in der Lobby gegen die Regeln des Hauses verstoßen würde. Niemand behauptet, dass die Länge des Prüfprozesses irgendetwas mit der Microsoft-Fete im Parlament zu tun habe. Niemand wird sich jedoch wundern, wenn genau dieser Verdacht im Raum steht. Denn ein Konzern wie Microsoft handelt nicht uneigennützig, schon gar nicht wenn er wie ein Vertreter Kunden in deren Haus besucht.

Leider lassen es die Regeln des Hauses zu, dass das Parlament zu einer schnöden Messehalle, zu einem Tempel für den Kommerz verkommt. Es ist fatal, dass sich die Mehrheit der Politiker auf diese laxen Regeln beruft, statt sie umgehend zu ändern. Sie sollten ein dringendes Interesse daran haben, jeden Hauch von schlechtem Beigeschmack zu vermeiden.

Auch interessant ist ein weiterer Artikel in der Taz: Linux wird kalt abserviert

Die BErliner Zeitung berichtet über die Kritik der Grünen an der Lobby-Party: Grüne wollen nicht mit Microsoft feiern

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12 Kommentare
  1. Sehr gut, weiter so! Bleibt dran, denn sonst realisiert niemand, was hier eigentlich geschieht, und wer sehr allen mit dem bestehenden Quasi-Monopol geschadet wird…

    Ihr seid nicht allein :-)

    liquidat

  2. München wird spätestens nach den ersten Problemen merken, daß Linux SEHR TEUER ist.

    Ich finde die Aktion nicht gut-

  3. Die Aktion ist lustig, keine Frage. Finde es auch gut das zb Schülern schon früh alternativen aufgezeigt werden sollen. Linux > Windows oder „Linux billiger Windows“ ODER UMGEKEHRT greift aber zu kurz.

  4. Linux mag zwar billiger und open source sein, die Umstellungskosten des ganzen Verwaltungsapparates werden diesen Vorteil aber deutlich ausgleichen. Wenn alles schon unter Windows läuft sollte man dabei bleiben.

  5. wenn ich mir die gesichter vorstelle als 3 pinguine reinkamen, muss ich lachen.

    bei der kostenrechnung gilt es zu bedenken, dass bei linux definitiv weniger wartungsaufwand an den rechnern der mitarbeiter zu betreiben ist. die wenigsten beamten oder angestellten können mit linux was anfangen. es werden folglich keine spiele installiert, keine kameras angeschlossen oder sonstige aktionen gestartet, die von der arbeit ablenken.

    die kosten für die umstellung sind beachtlich. auf jahre gerechnet wird es sich meiner ansicht nach rechnen. außerdem geht mir die reine windows welt nicht ab.

    gruß
    ali

  6. Linux kostet zwar nix, aber die ganzen it-profis, die man braucht, um es zu bedienen, kosten. windows läuft von alleine. also wohl eher kostenvorteil auf der windows seite. außerdem ist windows nicht so absturzfreidig wie linux.

    diese aktion ist wohl eher was von irgendwelchen dummen spacken die zuviel freizeit haben und extrem neidisch auf das monopol von microsoft sind. akzeptiert es endlich! microsoft ist besser als jeder open-source scheiß und wird immer monopolist bleiben! nicht umsonst steigen sehr viele serverbetreiber wieder von linux auf windows 2003 um…

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