Widerstand gegen Überwachung„Man kann Kameras auch kaputtmachen“

Verhaltensscanner, Gesichtserkennung, Datenanalyse: Immer mehr Bundesländer rüsten mit KI-Überwachung auf. Bislang lief das weitgehend geräuschlos. Jetzt regt sich Widerstand.

  • Martin Schwarzbeck
Ein Polizist steht vor einer Kundgebung. Im Hintergrund eine improvisierte Bühne unter einem Pavillon.
Anti-Überwachungsdemo in Berlin.

Ende April, ein Platz im Görlitzer Park in Berlin: Etwa 100 Menschen stehen vor einer Bühne, am Rand eine Reihe Polizeifahrzeuge und Gruppen von Polizist*innen. Es gibt kostenloses Essen und Rap. Die Bühne haben Aktivist*innen mit Überwachungskameras dekoriert. Davor ist ein Banner gespannt, Aufschrift: „Gegen Überwachung und Ausgrenzung“. In kleinerer Schrift darunter: „Keine KI-Videoüberwachung unserer Parks, Plätze und Straßen!“

Diesen Park will die Polizei künftig mit Videokameras und Verhaltensscanner-Software kontrollieren, so wie weitere Orte in Berlin. Die Software, eine sogenannte Künstliche Intelligenz, soll analysieren, was die abgebildeten Menschen gerade tun und gutes von schlechtem Verhalten unterscheiden. Deshalb sind die Demonstrierenden hier. Sie lehnen die KI-Kontrolle ab. Die Person am Mikrofon ruft: „Man kann Kameras auch kaputt machen!“

Neun Bundesländer haben ihrer Polizei den Einsatz von Verhaltensscannern entweder bereits erlaubt – oder planen, dies zu tun. Bislang setzen Polizeien die Technologie nur in Mannheim und Hamburg ein. Doch die Zahl der Orte, die damit überwacht werden, wird sich wohl bald deutlich erhöhen.

Größere Polizeigesetz-Änderungen

Mehrere Bundesländer legalisieren derzeit Verhaltensscanner im Rahmen größerer Polizeigesetz-Reformen. Sie genehmigen den Beamt*innen unter anderem den Einsatz von Datenanalyse à la Palantir, Live-Gesichtserkennung oder Videodrohnen. In einigen Ländern, die gerade ihr Polizeigesetz verschärfen oder verschärft haben, formt sich auch außerparlamentarischer Widerstand.

Magdalena Finke, CDU-Innenministerin von Schleswig-Holstein hat mit ihrem Polizeigesetz-Entwurf Fans des Fußballvereins in Kiel gegen sich aufgebracht. Die mobilisieren in der Fanszene und vernetzen sich darüber hinaus mit zivilgesellschaftlichen Initiativen. „Das wurde komplett im Hinterzimmer ausgehandelt“, sagt Fußballfan Jan auf Anfrage von netzpolitik.org über das Polizeigesetz.

Jan und seine Mitstreiter*innen wollen eine große Demo durch die Landeshauptstadt Kiel organisieren. Kein bloßer Fanmarsch, sondern ein breites Bündnis. „Wir wollen Menschen aus dem ganzen Landesgebiet mobilisieren“, sagt Jan. Geplant sind außerdem Infoveranstaltungen für Fußballfans, Flyer und Aktionen mit Spruchbändern im Stadion. „Wir sehen das als unsere Aufgabe, das Polizeigesetz in unserer Kurve zum großen Thema zu machen.“

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Das volle Programm High-Tech-Überwachung

Die schwarz-grüne Landesregierung von Schleswig-Holstein steht kurz davor, das volle Programm High-Tech-Überwachung genehmigt zu bekommen: Datenanalyse nach Palantir-Art, Verhaltensscanner, Live-Gesichtserkennung, Gesichtersuchmaschine. Am 6. Mai haben die Abgeordneten den Gesetzentwurf erstmals im Parlament besprochen.

Jan sagt: „Durch Überwachung und erst recht durch KI-Überwachung werden die Freiräume immer begrenzter. Freiräume sind aber ein wichtiger Teil der partizipativen Demokratie.“

Begründet werde die Ausweitung der Überwachung mit Messerangriffen. „Aber in Kiel gibt es kaum bis keine Messerangriffe. Dann kann man doch nicht deshalb der Polizei solche Befugnisse geben. Die lassen sich nicht wieder zurückdrehen“, sagt Jan. Er befürchtet, dass bald alle öffentlichen Plätze im Land KI-überwacht werden.

Wie wir bereits berichtet haben, gibt es auch in Thüringen Widerstand gegen das dortige Polizeigesetz. Der bekommt zunehmend Schwung, wie die Initiator*innen der Anti-Polizeigesetz-Kampagne ThürPAG stoppen berichten. Zu den Kritiker*innen gehören inzwischen die antifaschistischen Bündnisse Auf die Plätze Erfurt und Rechtsruck Stoppen, der Verein Vielfalt Leben – QueerWeg und der Hacker*innentreff Krautspace Jena.

Kunstaktionen gegen Überwachung

In Sachsen wehrt sich das antifaschistische Aktionsbündnis Leipzig nimmt Platz gegen die Polizeigesetz-Novelle. Die Dresdner Datenpunks planen Kunstaktionen zu Überwachung, um darüber mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

Aufklärung zur niedersächsischen Polizeigesetznovelle leisten der Kleindatenverein und Freiheitsfoo.

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Derweil agieren Initiativen wie Kameras stoppen aus Köln, Bündnis Hansaplatz aus Hamburg oder dieDatenschützer Rhein-Main seit Jahren nicht ohne Erfolg gegen Video- und KI-Überwachungs-Projekte – auch vor Gericht.

Ausdrücklich gegen die Massen-Datenanalyse positioniert sich das Bündnis Kein Palantir in Baden-Württemberg. Das Netzwerk Sicherheit ohne Überwachung macht derweil auf Bundesebene gegen verschärfte Gesetze mobil. Es geht einmal mehr um biometrische Gesichtersuche, um Datenanalyse nach Palantir-Art – und Vorratsdatenspeicherung. Unter anderem geplant ist eine Demonstration am 13. Juni 2026 ab 14 Uhr in Berlin.

Die Gewerkschaft der Osterhasen

Zurück zur Kundgebung im Görlitzer Park. Dahinter stehen drei Initiativen: Cables of Resistance, die in Berlin kürzlich einen Kongress zum Kampf gegen die Big-Tech-Übermacht veranstaltet hat; Wrangelkiez United, eine polizeikritische Anwohner*innengruppe – und Görli 24/7, die dagegen kämpft, dass die Stadt den Görlitzer Park inzwischen nachts verriegelt.

Für einen offen zugänglichen Görlitzer Park sind auch zwei Redner*innen, die als nächstes die Bühne betreten, maskiert mit rosa Hasenköpfen. Sie stellen sich als Vertreter*innen der „Osterhasen-Gewerkschaft“ vor und erzählen, dass Menschen bereits Nachschlüssel zu den Parktoren an Interessierte verteilt hätten. Einige Eingänge könne man auch selbst öffnen, wenn man eine Türklinke in die dafür vorgesehene Öffnung schiebt. „Klinken bekommt ihr am Info-Stand“, ruft einer der Hasen.

Bevor die Osterhasen die Bühne betreten, gibt es eine unfreiwillige Programm-Pause. Beamt*innen treten an die Bühne heran und wollen Personalien sehen – von der Person, die über kaputte Kameras gesprochen hatte. Gibt es jetzt Ärger?

Per Mikrofon hält eine andere Person aus dem Kreis der Veranstalter das Publikum auf dem Laufenden. Sie gibt weiter, dass die Polizei die Aussage über die Zerstörbarkeit von Kameras für eine Straftat hält. „Also sagt das nicht“, ruft sie durch die Lautsprecher. „Sagt nicht, dass man Kameras auch kaputtmachen kann.“

Über die Autor:innen

  • Martin Schwarzbeck
    Darja Preuss

    Martin ist seit 2024 Redakteur bei netzpolitik.org. Er hat Soziologie studiert, als Journalist für zahlreiche Medien gearbeitet, von ARD bis taz, und war lange Redakteur bei Berliner Stadtmagazinen, wo er oft Digitalthemen aufgegriffen hat. Martin interessiert sich für Machtstrukturen und die Beziehungen zwischen Menschen und Staaten und Menschen und Konzernen. Ein Fokus dabei sind Techniken und Systeme der Überwachung. Für Recherchen zur Spionage-App mSpy hat er gemeinsam mit Chris Köver 2026 den Sonderpreis Print des Datenschutz Medienpreises DAME erhalten.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Signal: yoshi.42042


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20 Kommentare zu „„Man kann Kameras auch kaputtmachen““


  1. Anonym

    ,

    So von aussen: die Berliner Chaoten im failed state mal wieder, die sich ansonsten das Leben von den anderen Bundesländern bezahlen lassen und selber schnell ins bürgerliche ziehen, wenn die Kinder in die Schule kommen.

    Und die Fußballfans, deren Austoben man regelmäßig am Trümmerfeld in Stadt und ÖPNV abmessen kann.

    Ja, mit den Assoziationen wird man sicher etwas erreichen. Bestimmt. Vielleicht nicht unbedingt das erwünschte.


    1. Anonym2

      ,

      Wir sollten froh sein, dass wir keine überproportional wirtschaftlich starke Hauptstadt haben sondern sich die Wirtschaftskraft über viele Regionen verteilt.

      Siehe Frankreich und wie es da auf dem Land aussieht.

      Oder wir bedienen Narrative die sich schön anhören und das Gefühl der eigenen Überlegenheit stützen, jedoch gegen das was auch wir sind.
      Tatsächlich geht es im Artikel auch um andere Städte.


      1. Anonym

        ,

        Zwischen „überproportional wirtschaftlich stark“ und „pleite, dreckig und disfunktional“ ist viel Platz.

        Abgehaengte Regionen gibt es in Deutschland uebrigens auch.


    2. Bit-te-1-Bit und das gute XUNIL

      ,

      … „die Berliner Chaoten im failed state mal wieder“ …

      Bevor Sie hier „von aussen“ (wo genau ist das?) völlig irrationale Ergüsse aus dem Hut zaubern und im Vorurteilsrausch dahinsiechen, sei in bester Rettungsabsicht darauf hingewiesen, dass Berlin drei Universitäten hat, Bundeshauptstadt ist und eine stetig wachsende Zahl von Startups zu verzeichnen hat.

      Ach ja, es gibt schöne Villen in Zehlendorf – falls es Sie „ins Bürgerliche“ zieht …


      1. Anonym

        ,

        Von „aussen“ als Wahrnehmung von jemandem, der im Gegensatz zur mir hier nicht prinzipiell wohlwollend liest.

        Und jede Grossstadt des globalen Suedens hat neben Favelas und No-Go Zonen auch Bereiche, in denen die gut leben, die sich das in einer disfunktionalen Stadt leisten koennen. Mal davon abgesehen, dass Berlin halt primaer deswegen nicht voellig zusammenbricht, weil es von den Bundeslaendern gestuetzt wird, die explizit nicht wie Berlin handeln. Die zwei Generationen Zuzugsselektion im kalten Krieg wirken halt heftig nach.


      2. Anonym

        ,

        Eine Sicht von außerhalb der „links-progressiven“ Community, in der sich der Autor bewegen dürfte und die, wenn auch abnehmend, auch Teil meines Umfeldes ist.


  2. painted lense

    ,

    Zur kunstvollen Verschönerung für alles, was oben im Maibaum hängt, können kleine Spray-Drohnen verwendet werden.

    https://content.instructables.com/FPQ/5HRM/IJX57ZDP/FPQ5HRMIJX57ZDP.jpg


  3. Piratenparteiler

    ,

    Liberale, Linke und vielleicht auch einige mitt-konservative sollten da gemeinsam widerstand aufbauen. Das lässt sich nur stoppen wenn es breitere Kooperation gibt.

    So wie bei den Freiheit Staat Angst Demos früher !


    1. Anonym

      ,

      „Freiheit für Vandalismus und Drogendealer“ wird aber wenig Zulauf haben…


      1. Robert Schmidt

        ,

        Sie verwechseln das genau wie alle Kamera- und Überwachungsfetischisten und glauben, Vandalismus, Drogenhandel u. a. rechtfertigen eine möglichst vollständige Überwachung aller Orte, Telefone, IP-Adressen usw. von allen.

        Das ist falsch. Vandalismus beginnt schon im Klassenzimmer; ihm kann man durch Erziehung vorbeugen. Drogenhandel verlagert sich bei Überwachung von Ort zu Ort; ihm kann man durch stabile familiäre und soziale Verhältnisse und menschliche Zuwendung viel eher als mit Kameras begegnen. Gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht dadurch lösen, dass man Grundrechte für alle immer weiter beschneidet. Mit einer Angst- und Kontrollgesellschaft schaffen wir uns selbst ab.

        Wir brauchen mehr Soziologie, Psychologie und sinnvolle Prävention in Form von Beratung, Hilfestellung, Schaffen sozialer Gerechtigkeit, menschlicher Zuwendung usw.

        Freiheitsbeschränkungen und Überwachung dürfen immer nur in ganz speziellen und konkreten Fällen eingesetzt werden, und der beginnende Widerstand ist Ausdruck des „Wir haben die ausufernde Überwachung satt!“


        1. Anonym

          ,

          Allgemeine Gerechtigkeit und Harmonie, unterhalb dieser Utopie haben Linke leider keine Lösungsvorschläge. Und konkrete Maßnahmen um hier und jetzt schonmal gar nicht.

          Die linksgrünen Sozialarbeiterinnen hier im Projekt sind auch krachend an den Arab-Jungs (Selbstbezeichnung) gescheitert, die Stadt kaschiert das Problem durch Zahlung zusätzlicher Hausdienststunden zum Hinterherräumen. Das ist natürlich fatal, vor allem für die Jungs selber, denn alle „normalen“ Beteiligten ziehen ihre Schlüsse für die Zukunft…


          1. Robert Schmidt

            ,

            „hier im Projekt“ – meinen Sie damit Berlin?

            Welche Personengruppe umfasst für Sie „normale“ Beteiligte?

            Klingt sehr nach oberflächlichem Law-and-Order-Wunschdenken, und das verortet man landläufig bei ziemlich dunklen Parteifarben…

            Aber das ist es eben: Gesellschaftliche Veränderungen kommen nciht von heute auf morgen, sie brauchen Zeit und politischen Willen. Hau-Drauf-Lösungen mit polizeilichem (Überwachungs-)Hintergrund helfen höchstens in bestimmten Einzelfällen, aber können keineswegs dauerhaft soziale Probleme lösen.


          2. Anonym

            ,

            Gesellschaftliche Änderungen passieren sehr schnell, wenn sich die Gesellschaft anorganisch ändert, ganz wertfrei. Aber was nicht sein darf…


          3. Anonym

            ,

            Ein integratives Wohnprojekt der Stadt. Wobei Integration neben dem Angebot auch die Nachfrage und Bereitschaft voraussetzt, und eben zielgruppengerechtes Agieren.

            Und „normal“ im Sinne von „wollen nicht in einem runterkommenden Sozialbau gepraegt von einer patriachal-islamischen Community leben“. Was uebrigens auch eine Reihe migrantische Mitbewohner einschliesst, Schwarze sind allerdings wegen des erlebten Rassismus nicht mehr dabei.


  4. stefan

    ,

    Dass die aktuelle und vergangene Regierungen unsere Bürgerrechte mit Füßen treten, sieht man unter anderem an der langen Liste gerichtlich kassierter Normen. Leider verschaffen die Erfolge vor Gericht keinerlei Abhilfe, weil bis zum Urteil die Verfassungswidrige Rechtslage besteht, und die Regierungen dann offenbar einfach weiter Verfassungswidrige Gesetze erlassen. Ich frage mich, ob GG Art 20 (4) nicht genau dafür geschrieben wurde?

    Es ist ein Zeichen der Verdorbenheit, dass sich Politiker, Verfassungschutz, Polizei und Staatsawälte in Schweigen hüllen wenn z.B. ein Innenminister die Verfassung leugnet (“Supergrundrecht”). Aber sofort ein Untertan zur Stelle ist um eifrig Personalien zu notieren wenn jemand auf die Möglichkeit zum Widerstand hinweist.

    Es sollte dann auch keinen Polizisten mehr wundern, wenn er verachtet wird. Falls hier einer mitliest: Hört auf nach unten zu treten — tretet nach oben.


  5. Anonym

    ,

    Die ganze Überwachung durch Systeme des maschinellen Lernens kosten auch Energie. Je mehr KI, desto teurer das System. So gut der Wille des Gesetzgebers, so negativer die Folgen für die Umwelt… defacto mag das ganze gut wirken, ist aber nichts weiter als eine Pseudobalance – zwischen Umwelt und uns Menschen.


  6. Anonym

    ,

    Die Zerstörung fremden Eigentums steht unter Strafe. Passt auf, dass man Euch Eure (Foto/Handy/Video) Kameras nicht von behördlicher Seite zerstört: https://www.ilda.com/camera-sensor-damage.htm


  7. Peter

    ,

    „Man kann Kameras auch kaputt machen!“
    Entweder das oder man meidet solche überwachten Plätze solange es noch geht. Leider ist abzusehen, dass es künftig kaum noch öffentliche Plätze geben wird, wo man sich ungefilmt und unbeobachtet aufhalten kann.


    1. Anonym

      ,

      Ganz ernst gemeinte Frage: neben der prinzipiellen Ablehnung, was ist Ihr eigenes reales Problem mit einem kameraüberwachten Platz, was ist die erwartete Wirkung oder das Ergebnis der Meidung?


  8. Anonym

    ,

    In den USA hat der Recht-auf-Reparatur-Aktivist Louis Rossmann eine Initative gegen die Systeme von Flock gestartet, die auch hierzulande immer mehr im Einsatz sind. Auf seinem YouTube-Kanal finden sich sehr aufschlussreiche Informationen, mit welch unseriösen Methoden die Lobby-Arbeit dieser Firma abläuft, wie gravierend die Sicherheitsmängel sind und wie groß das Missbrauchspotential dieser Geräte ist.

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