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TrugbildFlucht aus der Entfremdung

Ein einsamer Pinguin bewegt das Netz. Politiker aus aller Welt, die Europäische Union und deutsche Supermarktketten wollen an seinem Ruhm teilhaben. Dabei steht der vermeintlich nihilistische Vogel für eine zunehmend entfremdete Welt.

Ein Pinguin von hinten auf einer Schneefläche, im Hintergrund Berge
Aber warum? – Public Domain Vincent Först mit ChatGPT

Ein Pinguin verlässt seine Kolonie am Südpol. Zielstrebig läuft er in Richtung der Berge. Es ist ein einsamer Gang in den sicheren Tod. „Aber warum?“, fragt Werner Herzog gewohnt dramatisch, während er den über das Eis wandernden Pinguin mit der Kamera festhält. Die Szene stammt aus seinem Dokumentarfilm „Begegnungen am Ende der Welt“ aus dem Jahr 2007.

Knapp zwanzig Jahre nach seinem ersten Auftritt geht der Pinguin viral. In den sozialen Medien setzt sich der Spitzname „Nihilist Penguin“ durch. Die Kommentarspalten lassen darauf schließen, dass sich Tausende Menschen in dem selbstmörderischen Vogel wiedererkennen. Es ist nicht das erste Mal, dass ein derartiges Verhalten im Netz als Spektakel romantisiert wird.

Fragwürdige Idole

Kurz vor der berühmt gewordenen Szene fragt Werner Herzog in der Doku einen Tierforscher, ob Pinguine wahnsinnig werden können, wenn sie genug von ihrer Kolonie haben. „Sie verlieren die Orientierung und landen dort, wo sie eigentlich nicht sein sollten“, antwortet der Forscher lakonisch.

Auf YouTube, TikTok und Instagram interpretieren viele Nutzer den Pinguin dagegen als einen mutigen Ausreißer, der sich aus den Fesseln der Gesellschaft befreit. „Dieser Pinguin ging nicht in die Berge, um zu sterben. Er machte diese Reise, um zu leben“, vermutet etwa ein Zuschauer. „Die Menschen verstehen die Abgründe der Kolonie nicht. Gesichtslos, starr, monoton“, ergänzt ein anderer. Wenige Tage nach dem viralen Erfolg des Pinguins gab es bereits T-Shirts zu kaufen mit der Aufschrift „Colony Dropout“.

Die mit unzähligen Daumen nach oben versehenen Beiträge heben den Pinguin damit auf eine Ebene mit fragwürdigen Internet-Idolen wie Marvin Heemeyer oder Richard Russell.

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Heemeyer ist zu zweifelhaftem Ruhm gelangt, weil er mit einer modifizierten Planierraupe mehrere Gebäude, darunter das Haus des ehemaligen Bürgermeisters und die Polizeistation, im US-amerikanischen Ort Granby zerstörte. Anschließend erschoss sich der Täter. Seine Fans übernahmen den von den Medien etablierten Spitznamen „Killdozer“ für ihn. „Ist es nicht irre, wie viel besser du diesen Mann verstehst, je älter du wirst?“, sagt ein Bewunderer über den Killdozer und sammelt dafür über zwanzigtausend Likes auf YouTube.

Richard „Sky King“ Russell gehörte dem Bodenpersonal auf einem internationalen Flughafen in Seattle an. Der 28-Jährige entwendete dort ein unbesetztes Flugzeug und steuerte die Maschine nach einem 70-minütigen „Ausflug“ auf eine dünn besiedelte Insel. Den Absturz überlebte er nicht. Im Gespräch mit dem Kontrollturm sagte Russell zuvor: „Ich habe nicht geplant, wieder zu landen.“

In den sozialen Medien wurde er dafür ähnlich gefeiert wie Heemeyer und der Pinguin. Unter pathetischen Gedenkvideos und Lobreden am Jahrestag von Russells Flug, unter anderem von einem Kongressmitglied, finden sich Sprüche wie: „Am Boden war er tot, als er abhob, war er lebendig.“

Aus der Entfremdung ausbrechen wollen

Unter den Videos taucht immer wieder ein Zitat der Anime-Serie Cowboy Bebop auf: „Ich gehe da nicht hin, um zu sterben. Ich will herausfinden, ob ich wirklich lebe.“ Das Gefühl der Entfremdung ist offenbar ein essenzieller Teil der Online-Kultur. Und tatsächlich gibt es Tage, an denen sich die Netzwelt wie ein morbides Projekt zur Desensibilisierung der Menschheit anfühlt.

Die Startseiten von YouTube, TikTok, Instagram und Pornhub sind laut, überreizt und voller Gewalt. Nach der Entdeckung eines sehenswerten Videos lauert bereits ein brutaler Konterclip auf den Zuschauer. Darauf folgt penetrante Werbung – und der Kreislauf beginnt von neuem.

Ein Teil der Online-Gemeinschaft macht bizarre Figuren wie den Nihilist Penguin, den Sky King oder den Killdozer zu ihren Stellvertretern, die für sie aus einer feindlichen Umwelt und dem als fade wahrgenommenen Leben ausbrechen. Der Himmel oder die Berge dienen dabei als Symbole für eine verloren geglaubte Freiheit.

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Im Streben nach „echten“ Erfahrungen außerhalb des digitalen Raums liegt wohl auch ein produktiver Aspekt des Herzogschen Pinguins. Das Buch „Reinhold Messners Philosophie – Sinn machen in einer Welt ohne Sinn“ beschreibt Messners Verlangen nach Grenzgängen in den Bergen als einen lebensnotwendigen Impuls. Dieser ereilt ihn ausgerechnet dann, wenn er sich am sichersten fühlt: zu Hause, bei der Familie. Woher dieser Trieb kommt, weiß Messner selbst nicht.

Es sind wohl diese weißen Flecken auf der Landkarte der menschlichen Bedürfnisse, die als Inspiration für einen nachhaltigen Ausbruch aus der Entfremdung dienen können. Herzogs Frage nach dem großen „Warum?“ sollte deshalb vielleicht gar nicht erst beantwortet werden.

Alarmierende Signale

Wo ein kleines Tier so große Aufmerksamkeit erregt, kreisen selbstverständlich schon die Marketing-Geier. Von Politikern und Präsidenten bis hin zu deutschen Discountern oder einer Schuhhandelskette möchten alle den Penguin für die eigenen Zwecke instrumentalisieren – etwa händchenhaltend mit Trump oder auf der Suche nach europäischen Werten am Südpol.

Diese vom „Nihilist Penguin“ inspirierten Marketing-Clips treffen den Nerv der Zeit. Auf die Schulter klopfen sollten sich die Werbeleute allerdings nicht. Denn dass eine beachtliche Zahl von Menschen online Selbstmorde romantisiert und so gleichzeitig ihr eigenes Leben abwertet, ist ein alarmierendes gesellschaftliches Signal. Dabei führt ein System, das menschliche Bedürfnisse mit leicht konsumierbaren Bildchen zu kompensieren versucht, zwangsläufig zur Entfremdung.

Und dem Wunsch, aus diesem System auszubrechen, kann eine erfahrungsarme Welt nichts weiter entgegensetzen als einen Pinguin, der auf eine KI-generierte Lidl-Filiale in den Bergen zuwatschelt.

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