KW 7Die Woche, in der wir zeigten, was Spionage-Apps anrichten

Die 7. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 17 neue Texte mit insgesamt 157.854 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Martin Schwarzbeck

Liebe Leser*innen,

Aiko, die eigentlich anders heißt, wurde von ihrem Ex-Freund gestalkt. Über ein Browser-Interface konnte er sehen, wo sie ist, was sie liest, eintippt und fotografiert. Er hat ihr Handy zur multimedialen Wanze gemacht.

Immer wieder lauert er ihr auf, hält sie fest, redet auf sie ein. Sie traut sich nicht mehr aus dem Haus. Die einst lebensfrohe junge Frau wird depressiv, durchlebt Panikattacken und Albträume.

Es gibt zahlreiche Apps, die es erlauben, die Kontrolle über fremde Telefone zu übernehmen. Die App, die Aikos Ex-Freund nutzte, kennen meine Kollegin Chris und ich schon seit einer Weile. Vor zwei Jahren haben wir uns durch Nachrichten gegraben, die Menschen aus der ganzen Welt mit dem Kundendienst der App austauschten. Sie waren in einem Datenleck öffentlich geworden und sind nun für alle nachzulesen im Internet.

In dem Leak finden sich auch Daten von Aikos Ex-Freund.

Wie brutal der Eingriff in die Privatsphäre ist, den solche Apps ermöglichen, ist mir aber erst richtig klar geworden, als ich Aiko gegenübersaß und sie uns ihre beklemmende Geschichte erzählte.

Fast unmöglich, sich der Überwachung zu entziehen

Es ist etwas anderes, sich mit der technischen Seite von Stalking zu beschäftigen als einer Person zuzuhören, die es erlebt hat. Stalking kann einen Menschen zermürben. Kommt so eine App ins Spiel, wird es für Betroffene fast unmöglich, sich der Kontrolle und Überwachung zu entziehen.

Aiko ist nur eine von vielen. Jede 100. Frau hat in den vergangenen fünf Jahren Stalking mit digitalen Tools erlebt, so eine Studie des Bundeskriminalamtes. Aiko gibt diesen vielen Frauen ein Gesicht.

Sie wollte ihre Geschichte auch deshalb erzählen, damit andere gewarnt sind. Damit andere der Software und einem Täter oder einer Täterin nicht so hilflos ausgeliefert sind wie sie. Denn eigentlich ist es ziemlich einfach, frei zugängliche Spionage-Apps zu erkennen und ihre Tätigkeit zu stoppen. Dazu muss man aber wissen, dass es sie gibt. Aikos Geschichte hilft hoffentlich dabei, dieses Wissen zu verbreiten.

Gerne weitersagen.

Martin

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Über die Autor:innen

  • Martin Schwarzbeck
    Darja Preuss

    Martin ist seit 2024 Redakteur bei netzpolitik.org. Er hat Soziologie studiert, als Journalist für zahlreiche Medien gearbeitet, von ARD bis taz, und war lange Redakteur bei Berliner Stadtmagazinen, wo er oft Digitalthemen aufgegriffen hat. Martin interessiert sich für Machtstrukturen und die Beziehungen zwischen Menschen und Staaten und Menschen und Konzernen. Ein Fokus dabei sind Techniken und Systeme der Überwachung.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Signal: yoshi.42042


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2 Kommentare zu „Die Woche, in der wir zeigten, was Spionage-Apps anrichten“


  1. Bob Härber

    ,

    Egal auf welche Art, Spionage-Apps und Tools, vermehrt angewandt werden, ob von Stalkern, StalkerInnen, ob von Privatwirtschaftlichen Big Tech Unternehmen, ob von Konspirativ- im Schatten agierenden Gruppierungen, welche jeweils, gegen Regierungs- Kritiker und Menschenrechts- ‑Aktivisten, sowie ‑NGO’s und Personen, welche Investigativ- Journalismus oder Mißliebige Informationen über bestimmte Macht- und Herrschaftsstrukturen, in diesem oder jenem Staat oder einer Region in der Welt, von Korruption, Umweltzerstörungen, Repression, Unterdrückung, Systematisches Profiling, Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierende Gewalt, von Einschüchterungen bis zu Gefahren, für die Sicherheit der Personengruppen ggf. bis zu mögliche Übergriffen auf deren Leib und Leben!

    Ob für Spionage und ggf. Erpresserische Einflussnahme auf Personen in Wirtschaftsunternehmen oder um diese mit einer Diffamierungskampagne zu Willfährigkeit zu zwingen und zu bedrohen, ob zum Ausspähen und Locken zu „Honigfallen“ etc. so gut wie: „Alle Verwendungszwecke“ u. vermehrtes Nutzen, solcher Software u. Apps, hat keine Demokratie fördernde & friedlichen Absichten & Zwecke, durch Datensammlung und Spionage im Sinn!
    Wird eine Nutzung solcher Software u. Apps, nicht extrem begrenzt angewendet, wird man äusserst schwer ein:
    „Schutz, vor absolut, Bösartigen, Unrechtsmäßigen Spionage-Attacken auf Wirtschaft, NGO’s, Hilfsorganisationen, Journalisten, Regimekritikern, Professoren, Umwelt- und Menschenrechtlern oder eben Einzelpersonen, auch nicht jener Opfer, Systematischen Unterdrückung, Gewalt, Staatlich Repressiver Machtstrukturen, deren Konspirativen Gruppen, über Internationale Korrupte Strukturen Organisierter Kriminalität, bis zu Anwendungen, als Tool für Stalking und Häusliche Gewalt!
    Die Massenhafte Nutzung, teils gar legitimierten Anwendungsbereiche, in meisten Fällen, jedoch Bosärtigen, Illegitimen Nutzung werden jede Kontrollen überfordern


  2. Spionage-Apps sind eine Sache, aber das Silbertablett für den Spion bauen?
    In Zeiten von Datennazis fordert Merz Klarnamenpflicht irgendwie im Internet: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/merz-klarnamen-internet-100.html

    Ist den Leuten eigentlich klar, dass das wirklich böse und dumm ist? Niemand diskutiert im Normallfall unter Nennung aller Namensdetails, habe ich noch nicht erlebt. Es geht auch um die Exponierung und den gegebenen oder nicht gegebenen Schutz.

    Klarnamen im Internet, mit der daraus resultierenden Profilbildung? Kopfschuss.
    In der Realität kann man versuchen Menschen einzuschätzen, solange man noch nicht in einer Gestapklitsche angelangt ist. Man kann auch emotional einschätzen versuchen und auf die Situation eingehen. Im Internet ist man sofort komplett exponiert. Wenn auch Identifikation oftmals noch ein kleiner Schritt ist, je nach Angreifer, so ist es zumeißt ein kleiner Schritt. Da überall Klarnamen dranstehen würden, wird es noch viel einfacher, alles zuzuordnen.

    Herr Merz will die Demokratie auf dem Silbertablett ausliefern.

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