Aufwachsen im Internet„Die Verantwortung für alles, was auf dem Kinderhandy passiert, liegt bei den Eltern”

Kinder wachsen in einer digitalen Umgebung auf, die sie oft überfordert und gefährdet, sagt der Digitaltrainer Julian Bühler. Schärfere Gesetze und Verbote alleine würden das Problem allerdings nicht lösen. Ein Gespräch über Klassenchats, Alterskontrollen im Netz und die Frage, was wirklich helfen kann.

Jugendliche mit Smartphone in der Hand
Bis zu acht Stunden am Tag am Smartphone – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / ANP

Donnerstagmorgen, 8:30 Uhr in einer Grundschule in Berlin-Mitte. Julian Bühler steht auf der Bühne in der Aula, in den Reihen vor ihm sitzen Kinder aus der fünften und sechsten Klasse, Zehn- bis Elfjährige. In den kommenden anderthalb Stunden spricht Bühler mit ihnen über Dinge, die für die meisten von ihnen zum Alltag gehören: ihre liebsten Apps, die Zahl der Push-Benachrichtigungen, die sie pro Tag bekommen, über Gruselvideos und Nacktaufnahmen. Sie melden sich, als er fragt, ob sie schon mal Einladungen von Fremden auf WhatsApp gefolgt sind, und erkennen sofort ein Bild aus der blutrünstigen Netflix-Serie Squid Game.

„Wie alt seid ihr denn auf TikTok?“, will Bühler wissen. Die Kinder lachen auf, einige rufen rein: „18!“, „25!“. Bühler hat diese Antworten wohl schon erwartet. „Und wie habt ihr das gemacht? Ach so, ihr habt bei der Anmeldung gelogen!“, feixt er. „Anscheinend muss man das, wenn man TikTok benutzen will in eurem Alter.“ Gelächter und Zustimmung.

Mehrmals im Monat steht Bühler vor Schüler*innen, von der ersten Klasse bis zur Oberschule. Als Digitaltrainer spricht er mit den Kindern über ihre Erfahrungen im Internet und mit dem Smartphone, aber auch mit Eltern und Schulpersonal.

Er ist Kollege des Digitaltrainers Daniel Wolff, über dessen Buch wir bereits berichtet haben. Im Interview mit netzpolitik.org erzählt Bühler, was er aus den Gesprächen mit den Kindern mitgenommen hat, und warum technische Lösungen wie Alterskontrollen Eltern nicht die Verantwortung abnehmen können.

„Ohne Vertrauen geht es generell nicht“

netzpolitik.org: Julian Bühler, Sie arbeiten seit mehreren Jahren als Digitaltrainer an Schulen. Was wissen Sie über den Alltag von Kindern im Netz, das viele Erwachsene sich nie ausmalen würden?

Julian Bühler: Den Älteren ist nicht bewusst, wie komplett unterschiedlich die jüngere Generation das Smartphone benutzt. Zu vielen Smartphone-Themen kann ich vormittags bei den Schülern Fragen stellen und bekomme sofort eine Antwort von der ganzen Gruppe. Stelle ich die gleiche Frage abends vor den Eltern, gucken mich die Erwachsenen nur entgeistert an und verstehen oft schon die Frage nicht. Beide Seiten leben in verschiedenen Welten.

netzpolitik.org: Zum Beispiel?

Julian Bühler: „Wie viele Nummern habt ihr geblockt?“ oder: „Habt ihr schon mal eine Einladung in eine Gruppe bekommen und wusstet nicht von wem?“. Bei solchen Fragen melden sich fast alle Kinder. Das liegt daran, dass die Kinder ab der vierten, fünften Klasse alle WhatsApp haben und diesen Messenger für ihren Klassenchat und vieles mehr nutzen. Während Erwachsene mit WhatsApp meist einzelnen Personen schreiben, kommunizieren Kinder fast immer in Gruppen. Das macht einen starken Unterschied.

Ich sage den Eltern dann: Euer Kind hat ein Smartphone, wir müssen uns dringend über Horror, Gewalt und Pornografie unterhalten. Die sind entsetzt und antworten, ihre Kinder interessiere sich mit 10 oder 11 Jahren doch noch gar nicht für sowas. Aber das geht an der Realität vorbei, denn viele Kinder bekommen diese Inhalte, ohne je danach gesucht zu haben. Sie sind einfach in einem Gruppenchat, in dem ein anderes Kind Bilder oder Videos weiterleitet, die es zum Beispiel von älteren Freunden erhalten hat.

netzpolilitk.org: Was raten Sie Eltern in so einer Situation?

Julian Bühler: Bei jüngeren Kindern würde ich dazu raten, den Chat regelmäßig gemeinsam anzusehen und über problematische Inhalte zu diskutieren. Jeder Mensch hat allerdings auch ein Recht auf Privatsphäre, und spätestens mit dem Beginn der Pubertät sollte man diese auch dem eigenen Kind immer mehr zugestehen. Ohne Vertrauen geht es generell nicht. Eltern müssen sich bewusst sein, dass sie gegen den Willen ihrer Kinder vieles nie erfahren werden. Dabei sind zwei Punkte für Eltern besonders wichtig: Ich muss glaubhaft vermitteln, dass ich nicht in Panik geraten werde, wenn mein Kind mir komische Sachen zeigt und, dass ich das Smartphone dann nicht wegnehmen werde.

netzpolitik.org: Warum nicht?

Julian Bühler: Ich höre ständig von Kindern: „Wenn meine Eltern wüssten, was auf meinem Smartphone ist, wäre das Ding sofort weg“. Wenn Kinder dann früher oder später schlimme Dinge erleben, gemobbt werden oder Inhalte sehen, die für sie belastend sind, werden sie diese Dinge ihren Eltern nicht zeigen. Einfach aus Angst, dass sie dann ihr Smartphone verlieren. Und diese Sorge ist für Kinder immens groß, denn dieses Gerät bedeutet für sie nicht nur Spielen, Spaß haben, Blödsinn machen – es ist die soziale Schnittstelle zu allen anderen Kindern! Wer nicht im Klassenchat dabei ist, wer nicht auf den Plattformen ist, kriegt nicht mit, was der Rest der Gruppe macht. Und darum geht es für viele Kinder. Deswegen ist die ganz große Aufgabe, dem Kind immer wieder zu sagen: Egal was passiert, du kannst zu mir kommen, ich bin da und wenn es Probleme gibt, kannst du mich ansprechen ohne Angst zu haben.

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„Wir brauchen eine Altersüberprüfung im Gerät“

Mann lächelt mit gekreuzten Armen
Julian Bühler - Alle Rechte vorbehalten privat

netzpolitik.org: Derzeit diskutieren Politiker*innen in Deutschland und in der EU über mehrere gesetzliche Maßnahmen, die Kinder schützen sollen, etwa ein Social-Media-Verbot für alle unter 16. Halten Sie solche Regelungen für sinnvoll?

Julian Bühler: Die Debatte und auch die Berichterstattung ist oft undifferenziert. Da heißt es etwa: Australien hat jetzt ein Social-Media-Verbot für alle unter 16, deswegen brauchen wir das auch. Doch wenn man dann genau hinschaut, sieht man: WhatsApp wird dort gar nicht als Social-Media-App erfasst, verursacht aber oft viele Probleme. Generell gibt es jede Menge Problem-Apps, die nicht in die Kategorie Social Media fallen. Sowas ist also gerade mal eine kleine Teil-Lösung.

Ich bin der Meinung, dass wir dringend mehr Regulierung benötigen, doch es sollte klar sein, dass wir das Problem nicht allein über Verbote geregelt bekommen. Wir brauchen eine bewusste und detailreiche Auseinandersetzung mit dem Thema – für Erwachsene und für Kinder und Jugendliche.

netzpolitik.org: Welche Regeln braucht es Ihrer Meinung nach konkret?

Julian Bühler: Ich würde grundsätzlich dafür plädieren, dass Kinder bis zum 12. Lebensjahr kein eigenes Smartphone haben. Das sollte verboten werden – nicht nur während der Schulzeit, sondern grundsätzlich. Die Kinder, mit denen ich spreche, verbringen schon ab der fünften Klasse im Schnitt zwei bis drei Stunden am Handy, teils auch sieben oder acht Stunden. Und das auch an Schulen, die Handys gar nicht erlauben.

netzpolitik.org: Wie soll so ein Smartphone-Verbot für unter 12-Jährige funktionieren? In der Regel kaufen ja Erwachsene das Handy.

Julian Bühler: Wir brauchen eine Hardware-basierte Altersüberprüfung im Gerät. Die EU könnte vorschreiben, dass jedes verkaufte Handy einen „Kinderschutz-Chip“ enthalten muss. Im Verkaufszustand könnte man dann sämtliche Webseiten und Inhalte ab 18 damit nicht anzeigen. Erwachsene könnten den Chip in einem Geschäft gegen Vorlage ihres Personalausweises freischalten lassen, Kinder nicht.

„Viel schlechte Symbolpolitik“

netzpolitik.org: Das EU-Parlament hat sich gerade in einer Resolution für eine verpflichtende Alterskontrolle im Netz ausgesprochen. 13- bis 16-Jährige sollten demnach nur mit Zustimmung der Eltern Zugang zu sozialen Medien erhalten. Allerdings sollen diese Kontrollen nicht auf Geräteebene, sondern über eine App passieren, die das Alter für einzelne Webseiten und Plattformen nachweisen soll.

Julian Bühler: Der Ansatz geht in die richtige Richtung. Ich finde, für Jugendliche ab 13 sollten wir nicht von einem auf den anderen Tag alles zugänglich machen, sondern über ein Heranführen an die Technik und den Aufbau von Medienkompetenz reden. Was die App-Überprüfung angeht: Wenn man sich etwa die Altersüberprüfung auf TikTok heute anschaut, dann ist das nicht ernst zu nehmen. Da werde ich bei der Anmeldung nach meinem Geburtsjahr gefragt; und wenn es beim ersten Mal nicht klappt, verstehen die Kinder sofort, dass sie sich beim nächsten Versuch einfach älter machen müssen. Das ist lächerlich. Eine App-Kontrolle muss hier schon mehr leisten. Aber auch strengere Alterskontrollen werden uns nicht darum herumbringen, die Kinder und Jugendlichen zu begleiten.

netzpolitik.org: Schaffen technische Maßnahmen wie Alterskontrollen eher ein falsches Sicherheitsgefühl bei Eltern und Politik?

Julian Bühler: Zweifellos. Eltern müssen hier endlich ihre Verantwortung erkennen und annehmen. Und die Politik muss endlich konkrete Maßnahmen vorlegen – bisher hatten wir in diesem Bereich nur schlechte Symbolpolitik. Ernsthafter Kinderschutz im Web wurde bisher nicht umgesetzt.

netzpolitik.org: Das Gesetz für digitale Dienste der EU sieht heute schon vor, dass Plattformen für die Sicherheit ihrer minderjährigen Nutzer*innen sorgen und diese vor illegalen Inhalten schützen müssen – etwa per Altersschranke. Das betrifft nicht nur Pornoseiten, sondern auch TikTok oder Instagram.

Julian Bühler: Das ist richtig so. Ich bin äußerst skeptisch, dass die Firmen von allein zu einer sinnvollen Lösung kommen. Die großen Konzerne wie zum Beispiel Meta haben über die letzten Jahre immer wieder klar gezeigt, dass sie gar kein Interesse an einer sinnvollen Kinderschutzlösung haben. Man wird sie dazu zwingen müssen.

„Man muss für das Kind da sein“

netzpolitik.org: Es gibt heute schon eine Reihe von Möglichkeiten, um Kinderhandys abzusichern. Apple und Google bieten in ihren Betriebssystemen einen begleiteten Elternmodus an. Was halten Sie davon?

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Julian Bühler: Eltern fragen mich oft nach diesen technischen Lösungen. Die sind auch gut, um die Bildschirmzeit und die Auswahl der Apps zu begrenzen. Allerdings werden hier keine Inhalte in den Apps kontrolliert oder beschränkt. Die traurige Wahrheit ist, dass sich das Problem nicht mit der Anschaffung einer Sicherheitssoftware lösen lässt. Die Aufgabenstellung ist, das Kind über Jahre hinweg in der Auseinandersetzung mit digitalen Medien zu begleiten. Dafür muss man als Elternteil wesentlich mehr machen als Schutz-Software zu installieren. Man muss für das Kind da sein.

netzpolitik.org: Wenn Kinder statt technischer Lösungen vor allem Erwachsene brauchen, die sich Zeit nehmen – was halten Sie von politischen Maßnahmen wie verlässlicher Betreuung, mehr Möglichkeiten für Teilzeit oder höheres Kindergeld?

Julian Bühler: Der mangelnde Kenntnisstand von Eltern ist nicht unbedingt an mangelnder Zeit festzumachen. Wir brauchen eher mehr digitale Bildung. Oft kennen sich ja schon die Erwachsenen nicht gut mit den Geräten aus, die sie benutzen und kennen die Gefahren gar nicht. Wie sollen sie dann einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Smartphone an die Kinder vermitteln? Hier brauchen wir ein anderes Bewusstsein.

Um das einmal klar zu sagen: Die Verantwortung für alles, was auf dem Kinderhandy passiert, liegt bei den Eltern. Die meisten Eltern haben diese Verantwortung nicht erkannt und nicht angenommen. Wir müssten erst mal durchsetzen, dass Eltern das verstehen.

Was Kinder im Netz erleben, und was Politik daraus lernen kann

netzpolitik.org: Hätte es einen Vorteil, wenn der Klassenchat wenigstens von WhatsApp auf alternative Messenger wie Signal verlegt würde?

Julian Bühler: Das wäre positiv, doch an der Grundthematik, dass Kinder problematische Inhalte teilen können, ändert das nichts – weil auch da keine Inhaltskontrolle stattfindet. Aus Sicht des Kinderschutzes müssten die Inhalte in der App irgendwie maschinell kontrolliert werden. Da gibt es natürlich viele Gegenstimmen, die das auf keinen Fall wollen, weil sie fürchten, das könnte auch außerhalb des Kinderschutzes zum Tragen kommen.

„Wir lassen da eine ganze Generation gegen die Wand laufen“

netzpolitik.org: Das führt uns zur Debatte um die sogenannte Chatkontrolle in der EU. Die EU-Kommission und einzelne Mitgliedstaaten wollten, dass Anbieter auf Anordnung die verschlüsselten Inhalte in Messengern durchsuchen müssen, um darin nach Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern zu suchen. Dazu müsste allerdings die Verschlüsselung umgangen werden mit Folgen für die Grundrechte aller. Nach eindringlichen Warnungen aus der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft haben sich, Stand aktuell, sowohl der Rat als auch das Parlament der Europäischen Union hierzu kritisch positioniert.

Julian Bühler: Technisch können wir alle möglichen Dinge diskutieren. Es ist ein politisches Versagen, dass bei digitalen Medien seit Jahren kein sinnvoller Kinderschutz umgesetzt wurde und wir die jungen Menschen einfach schutzlos lassen. Laut der gerade erschienenen Studie der Landesanstalt für Medien NRW hat mittlerweile bereits jedes dritte Kind im Alter von 11 bis 13 Jahren Kontakt zu Pornos. Viele ungewollt, weil sie die Inhalte einfach zugeschickt bekommen. Das gleiche gilt für extreme Horror- und Gewalt-Videos. Diese Zahlen steigen seit Jahren, doch wir tun nichts dagegen und nehmen hin, dass sich die Kinder daran gewöhnen. Welche Folgen das hat, werden wir wahrscheinlich erst in vielen Jahren erkennen. Aus meiner Sicht lassen wir da eine ganze Generation gegen die Wand laufen und das ist verantwortungslos.

netzpolitik.org: Was würden Sie sich wünschen?

Julian Bühler: Es braucht den politischen Willen, sich von plakativen Forderungen zu trennen und sich ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen. Weder Social Media ab 16 noch andere Verbotsforderungen sind eine vollständige Lösung. Bei mir rufen Grundschulen an und berichten von Fällen, bei denen sich 9-jährige Mädchen ausziehen, sich nackt filmen und das im Klassenchat teilen. Weil sie halt nachmachen, was sie in Videos gesehen haben. Das wäre ohne Smartphones alles nicht denkbar. Da komme ich auch an meine Grenzen. Dass die Politik hier nichts unternimmt, ist absurd.

netzpolitik.org: Die Bundesregierung hat im Herbst eine Expert*innenkommission für „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ eingesetzt. Die soll ein Jahr lang Empfehlungen erarbeiten.

Julian Bühler: Das ist toll, wenn daraus auch bald konkrete Maßnahmen entstehen. Die Zeit drängt.

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13 Ergänzungen

  1. „Im Verkaufszustand könnte man dann sämtliche Webseiten und Inhalte ab 18 damit nicht anzeigen. Erwachsene könnten den Chip in einem Geschäft gegen Vorlage ihres Personalausweises freischalten lassen, Kinder nicht.“

    Nein, anders herum. Eltern sollen endlich mal ihren Pflichten nachkommen. Bei Geräten, die an Kinder ausgehändigt werden sollte eine Jugendschutzsperre durch die Aushändigende Person aktiviert werden. Im „Schadensfall“ gerne auch mit Haftung, wenn dies nicht erfolgt ist. Wir brauchen aber nicht noch mehr „Verifikationen“. Wer volljährig ist, sollte nicht behelligt werden.

  2. Das hier gesagt ist auch meine Ansicht. Kinderschutz ist Primär Aufgabe der Eltern aber diese brauchen dringend mehr Hilfe und Kompetenz in Digitalen Dingen und Medien-erziehung. Und eben die Zeit und die Mittel das erwünschte dann auch umsetzen zu können – jeder selbst und für die eigenen Kinder.
    Aber wenn die Symbolpolitik sich auf Chatkontrolle, Bruch der Verschlüsselten Übertragung, VDS und Inhalte Sperren auf Zuruf irgendwelcher Kinderschutz-fanatiker begrenzt dann sind die Kinder immer noch Schutz- und die Eltern Macht-los.
    Und es sind gewiss vor allem die Content-lieferanten und Verteiler die eine Verpflichtende Altersgerechte Kennzeichnung jedes Mediums (Text, Ton, Video, Bild) zwar Technisch umsetzen könnten; und auch müssten; aber die wollen m.E. schlicht nicht weil das eine massive Einschränkung darstellt. Bei der „Reichweite“, der Wirkung (Teilen, weitergeben) und all den Daten die das über die teilnehmenden generiert – beim jeweiligen Anbieter.

    Man müsste eigentlich alle Teilnehmer dieser Aufmerksamkeits-Ökonomie zerschlagen und es von Grund auf neu machen – unter Harten Regularien und festen Zielvorgaben. Aber das klappt doch schon im Gesundheitsdatenraum nicht! Und wenn die EU die größtenteils aus USA kommenden Anbieter noch härter reguliert ist doch zwangsläufig mit einer Drastischen und Abstrafenden Retourkutsche zu rechnen. Diesmal von einem POTUS der der EU mangelnde Redefreiheit vorwirft – aber darunter nur versteht das ausschließlich ER Frei reden dürfe und alle anderen (auf) ihn hören sollen MÜSSEN. Gegen so einen Verbaldiktator hilft doch nur Rückzug und einigeln, eigene Lösungen forcieren, Autonom werden & bleiben und seine Wirtschafts-buddies dann aussperren. Das schafft man sicher nicht bis zum Regulären Ende seiner Amtszeit aber man sollte besser jetzt anfangen. Das er seinen Job beim 2. mal freiwillig abgibt ist m.E. nicht absehbar!

  3. Zitat:
    Von zumindest einem Verbot rät Digitaltrainer Julian Bühler im Interview mit meiner Kollegin Chris klar ab: Wenn Minderjährige erst einmal ein Handy haben, dann sollten Eltern es ihnen nicht wieder wegnehmen oder damit drohen. Weil sonst das Vertrauen platzt.

    Wenn Minderjährige angefangen haben zu saufen, dann sollen Eltern ihnen nicht die Flasche wegnehmen? So geht man nicht mit Suchtverhalten um.

    1. Das Handy weg nehmen oder die Flasche mag vergleichbar sein – aber auch nicht. Der Säufer besorgt sich einfach eine neue Flasche von dem Kind wird das mit seinem Handy nicht einfach möglich sein. Darum finde ich Handy weg nehmen IST ein größerer Vertrauensverlust. Reden sollte man in beiden Fällen mit dem Kind.

    2. Es werden hier zwei völlig verschiedene Fälle verglichen: Bei Alkoholismus geht es um Sucht, beim Handy nicht zwangsläufig. Er beschreibt ja, dass es da vor allem um soziale Kontakte und Anschluss geht.
      Alkoholentzug ist wichtig bei einer Sucht, aber jemanden in die soziale Isolation zu zwingen weil andere Menschen dir Bilder aufzwingen ist doch völlig konträr.
      (Problematisches) Jugendliches Medienhandeln mit einer Substanzsucht zu vergleichen (die sich körperlich auswirkt!) ist populistisch und unverantwortlich und verstärkt die gesellschaftlichen Probleme von beiden Phänomen.

  4. Ja Julian, verbiete mal Smartphones für unter 12-Jährige. Der Herr sagt das Kinder und Erwachsene in zwei unterschiedlichen Welten leben, aber gesteht sich dann selbst nicht ein das seine Forderung absoluter Schwachsinn ist.

    Ich habe schon mit 10 programmiert. Aber der glaubt wohl das ich Mandalas ausmale. Kann das alles nicht ernst nehmen wie man Kinder permanent kontrollieren will. Ich bin froh nicht in einem Überwachsungsstaat aufgewachsen zu sein.

    1. > So geht man nicht mit Suchtverhalten um.
      Völlig richtig. Die Entstehung von Suchtverhalten bei Kindern gilt es primär zu verhindern.
      Wenn die Sucht schon chronifiziert ist, wird selbst Therapie schwierig.

      Mir ist ein Fall bekannt, wo ein Vater das konfiszierte Smartphone im Waffenschrank weggeschlossen hat. Der Sprössling ist nachts ins Elternzimmer geschlichen und hat den Schlüssel unter dem Kopfkissen des schlafenden Vaters geklaut, um an sein Smartphone zu gelangen. Danach wurde der Schlüssel ebenfalls unbemerkt wieder unter das Kissen geschoben.
      Bemerkt wurde der nächtliche Coup, als der Vater dem Sohn das Smartphone zurückgeben wollte.

  5. > Julian Bühler: Wir brauchen eine Hardware-basierte Altersüberprüfung im Gerät. Die EU könnte vorschreiben, dass jedes verkaufte Handy einen „Kinderschutz-Chip“ enthalten muss. Im Verkaufszustand könnte man dann sämtliche Webseiten und Inhalte ab 18 damit nicht anzeigen. Erwachsene könnten den Chip in einem Geschäft gegen Vorlage ihres Personalausweises freischalten lassen, Kinder nicht.

    Schade, dass hier Netzpolitik nicht mal nach hakt. Wie soll das bei freien Betriebssystemen funktionieren? Oder sind die dann nicht mehr erlaubt? Oder machen wir das dann wie beim Waffengesetz?

    Ich seh es schon kommen man muss erstmal ein paar Jahre nachweislich auf Windows oder anderen geschloßenen Plattformen Open Source Software programmieren und einem Verein beitreten der kontrolliert, dass man auch ein „Bedürfnis für freie Betriebssysteme“ nachweisen kann. Hardware mit alternativen Betriebssystemen für Endnutzer müssen natürlich verschlossen im Panzerschrank aufbewahrt werden und der Staat betreibt regelmäßige, unangekündigte Kontrollen ob man seine freie Hardware auch ja verschloßen aufbewahrt.

    1. Der Chip ist Luft. Die Webseiten müssen entsprechende Metadaten enthalten, oder man benutzt eine Whitelist, oder eine Blacklist, oder mehrere.

      Die installierte Software, Betriebssystem etc., entscheiden zunächst, wie was dann geht. Der Sicherheitschip würde höchstens verhindern, dass das System geändert wird. Theoretisch reicht Secure Boot dafür, was theoretisch auch mit Linux umsetzbar und konfigurierbar ist. Das Ökosystem dafür ist gegebenenfalls etwas kompliziert zu bauen, es gibt tausende Wege etc., aber im Prinzip ist ein neuartiger Chip das letzte, was irgenwer benötigen würde.

      Secure Boot basiert natürlich auf einem Chip, bzw. TPM. Da ist nicht viel Neues dran. Es wäre noch besser, man würde die Funktion der geforderten Sicherheitschips, unter Berücksichtigung von Bestandstechnologie, mal frei definieren, so dass man die Platzhirsche da etwas loswird. Aus strategischen Gründen sowieso unabdingbar.

  6. Zu: „dass jedes verkaufte Handy einen „Kinderschutz-Chip“ enthalten muss. Im Verkaufszustand könnte man dann sämtliche Webseiten und Inhalte ab 18 damit nicht anzeigen.“
    Ein katastrophaler Vorschlag. Noch deutlich schlimmer als die Chatkontrolle-Ideen in meinen Augen. Die Smartphonehersteller haben es durch nicht entsperrbare Bootloader bei Android und bei Apple allgemein schon jetzt viel zu sehr normalisiert, dass Geräteeigentümer nicht mehr wirklich Herr über ihre Hardware sind. Zur Durchsetzung eines solchen „Chip“ müsste man Freie Software unmöglich machen.
    Geräteeigentümer müssen die uneingeschränkte Freiheit haben, auf ihrer Hardware beliebige Software ausführen zu können und die Hardware darf sie daran nicht hindern.

    1. Blos keine Spezialfallchips. Das wäre fatal (dumm). Krypto-Chips zu Händen des OS (sowie reproducible OS/Boot etc., also mit Bios), alles in Offen (-nen Schnittstellen mindestens), das wäre was.

      Meine Fresse, kein Wunder, dass die Gesetzgebung so niedrige Qualität erreicht, wenn die Ansager das Wort Architekt nicht mehr buchstabieren können…

  7. Mir greift die Diskussion hier (auch von Herrn Bühler) zu kurz:
    a) Die Hersteller der Smartphones designen sie genau so, dass die Kinder ständig dran gehalten werden, Aufmerksamkeitsökonomie halt (wurde ja schon angesprochen). Dark Patterns sind auch in der Smartphone-Hard- und Software zu finden. Jemand hat mal gesagt: Da arbeiten am anderen Ende (also bei Google, Apple usw.) 10000 Ingenieure und Psychologen gegen einen. Kinder haben im Allgemeinen viel weniger psychologische Abwehrmaßnahmen gegen Dark Patterns. Und selbst etliche Erwachsene sitzen ja nur noch stumpf rum und scrollen auf den Dingern rum. Hat das in letzter Zeit mal jemand von Euch in Bus oder Bahn beobachtet? Wie sollen sich Kinder allein und unter sozialem Druck dagegen wehren? Und wenn ich mit jüngeren Kollegen spreche und sehe, wie oft das Telefon da auf dem Tisch Geräusche macht oder blinkt und immer um Aufmerksamkeit quängelt, da weiß ich, dass dort ein erhebliches Problem liegt. (Die Standardeinstellungen sind einfach mies und die Leute ändern das nicht.)
    b) Sollte man mal darüber nachdenken, dass die Schule hier (neben den Eltern) auch eine Verantwortung hat: Sie sollte den Kindern beibringen, wie der ganze Kram im Groben technisch funktioniert (dass es nämlich ein kleiner PC mit Abhörfunktionen in unserer Tasche ist). Sie sollte auch die psychischen Randbedingungen beleuchten, dass das Smartphone in seinen Standardeinstellungen mitsamt seiner Software nicht unser Freund ist (und auch nie wird), sondern dem Hersteller dient, Profile über uns anlegt, nach Hause telefoniert und ggf. auch gegen einen eingesetzt werden kann („Cyber“-Mobbing usw.). Schulen könnten auch Handyverbote durchdrücken. Warum wird das nur vereinzelt gemacht?

  8. (Ergänzung wegen Zeichenbegrenzung)
    c) Nervt mich die Einstellung, dass Eltern und Lehrer da „zu wenig Einblick“ haben und „sich nicht auskennen“. Klar, kennen sie vielleicht nicht die neueste Gaming-App. Aber die heutige Eltern- und Lehrergeneration – sagen wir, sie ist Mitte 30 – ist Geburtsjahrgang 1990. Die sind alle mit PCs in den 2000ern und Smartphones spätestens ab 2005 aufgewachsen. Die kennen das alles. Nur unterschätzen sie womöglich die Wirkung auf die Kinder. Vielleicht müssten sie sich mal über Aufmerksamkeitsökonomie und Überwachungskapitalismus weiterbilden, das sind aber wirtschaftlich/soziale Probleme. Aber am oberflächlichen, technischen Verständnis der Geräte liegt es nicht.
    d) Die Politik hilft uns hier überhaupt nicht. Wer immer noch von „Datenautobahn“ spricht oder von „Cyber-hier-Cyber-da“, von dem erwarte ich da auch keine sinnvolle Regulierung.

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