Twitch hat seine Kleiderordnung erneut verschärft. Genitalien und weiblich gelesene Nippel durften Streamer*innen schon vorher nicht nackt vor der Kamera zeigen. Die Regeln verlangen außerdem vollständigen Sichtschutz bei der Verhüllung von „Körperregionen, bei denen Verhüllung erforderlich ist“. Ab dem 3. Januar ist auf Twitch nun auch die bloße Andeutung verboten, dass man unbekleidet sein könnte.
Twitch schreibt hierzu auf Englisch: „Wir erlauben es nicht, dass Streamer*innen implizieren oder suggerieren, dass sie vollständig oder teilweise nackt sind, unter anderem, indem sie Brüste oder Genitalien mit Objekten oder schwarzen Balken verdecken.“
Damit dreht Twitch das Prinzip der bisherigen Regeln um. Aus dem Verbot von Nacktheit wird quasi eine Nachweispflicht von Bekleidung. Streamer*innen müssen also auch deutlich sichtbar vorweisen, dass sie ordnungsgemäß bekleidet sind. Allzu eng darf die Kleidung dabei nicht anliegen, denn auf Twitch gilt außerdem die Regel: „Wir erlauben keine sichtbaren Umrisse von Genitalien, auch wenn sie bedeckt sind.“ Wer gegen die Regeln verstößt, kann gesperrt werden.

Die verschärften Regeln sind die neueste Eskalation in einem Ringen zwischen Twitch und einigen Streamer*innen, die sexy Inhalte zeigen. Die erfolgreichsten erreichen damit ein Millionenpublikum, immerhin ist Sexualität ein existentielles, menschliches Grundbedürfnis. Twitch hält allerdings dagegen und pocht aufs eigene Hausrecht. Immer wieder zieht die Plattform in den Nutzungsbedingungen weitere, rote Linien – immer wieder reagiert die Community auf kreative Weise. Teils entstehen dabei neue Genres der Online-Unterhaltung.
Die Richtlinien von Twitch hacken
So sind Hot-Tub-Streams zu einem populären Twitch-Genre geworden. Hierfür bauen Streamer*innen in ihrem Studio etwa ein Planschbecken auf und setzen sich im Bikini hinein. Der Grund: Eine der wenigen Ausnahmen fürs Zeigen von Haut auf Twitch ist Schwimmbekleidung – allerdings nur, wenn sich Streamer*innen auch in einer „Schwimmbecken- oder Strandumgebung“ aufhalten. Die Planschbecken im Wohnzimmer sind also nichts anderes als ein Hack der Richtlinien.
Auch die ausdrückliche Erwähnung „schwarzer Balken“ in den neuen Twitch-Regeln dürfte kein Zufall sein. Streamer*innen haben etwa ihre Brüste mit schwarzen Balken verdeckt und damit den Anschein erweckt, darunter nackt zu sein. Die Reaktion darauf ist das neue Verbot: Fortan ist es also nicht mehr erlaubt, beim Publikum nur den Gedanken an Nacktheit zu wecken. Darin wird ein weiteres, neues Prinzip erkennbar: Bisher hat Twitch reguliert, was Menschen auf Twitch sehen können; nun erstrecken sich die Regeln auch darauf, was sie sich dabei vorstellen.
Verbotene Regionen der weiblich gelesenen Brust
Auch die Definition von Tabuzonen bei der weiblich gelesenen Brust hat es Twitch schon seit Jahren angetan. Den Twitch-Regeln zufolge ist es zwar erlaubt, den oberen Teil der weiblich gelesenen Brust zu zeigen (Twitch: „Dekolletés sind nicht eingeschränkt“), verboten ist dagegen neben den Nippeln auch der untere Teil der Brust.
Als Reaktion darauf hat die Streamerin Twee schon im Jahr 2021 auf Twitter ein Schaubild veröffentlicht: Für ihre „Underboob Theory“ stellt Twee weiblich gelesene Brüste als zwei Kreise dar. Sie werden durch horizontale Linien mittig in zwei Hälften geteilt. Die jeweils unteren Kreishälften müssten demnach für Twitch als Tabuzonen gelten, die oberen nicht. Doch auch die genaue Form der Brüste und die Position der Nippel müsse beachtet werden, wie Twee zu bedenken gibt.
Das Schaubild von Twee ist natürlich als Satire zu verstehen. Sie soll die Absurdität des Regelwerks hervorheben. Es scheint, mit jeder Erweiterung verstrickt sich Twitch in neue Probleme. Um solche Probleme haben etwa Gesetzgeber*innen einen großen Bogen gemacht. Im deutschen Recht gibt es keine genauen Definitionen, welche Körperregionen auf welche Weise bedeckt sein müssen. Vielmehr entscheiden mehrere Faktoren und der Gesamteindruck darüber, ob ein Inhalt etwa als erotisch oder als pornografisch gilt. Auch diese Regelung hat allerdings ihre Probleme, wie eine netzpolitik.org-Recherche im Dezember zeigte.
Tabus statt sexuelle Bildung
Der Fall Twitch ist nur ein Beispiel für eine grundsätzliche Entwicklung im Netz. Vor allem große Plattformen führen zunehmend strengere Regeln rund um Nacktheit und Sexualität ein. Eine der bekanntesten ist der sogenannte Nippel-Bann auf Instagram – ein weitgehendes Verbot der Darstellung weiblich gelesener Nippel.
Bei dieser Entwicklung spielen mindestens zwei Faktoren eine wichtige Rolle. Der eine ist wirtschaftlich: Werbe-Kund*innen, die Nacktheit und Sexualität nicht in öffentlichen Medien sehen möchten, können auf werbefinanzierten Plattformen wie Instagram oder Twitch finanziellen Druck ausüben. Der andere Faktor ist ideologisch: Tabus rund um Nacktheit und Sexualität spielen in der Firmenpolitik vieler Konzerne eine wichtige Rolle, in den USA nicht zuletzt durch den Einfluss erz-religiös geprägter Ansichten.
Sexpositive Fachleute wie die Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming oder die Porno-Produzentin und ‑Aktivistin Paulita Pappel warnen eindringlich davor, Sexualität und Nacktheit zunehmend mit Tabus zu belegen. Oeming schrieb uns hierzu etwa: „Ab welchem Erektionsgrad ein Penis nun jugendgefährdend wird, ist meines Erachtens nicht die Unterhaltung, die wir gerade dringend führen müssen.“ Statt Dinge zu verbieten, könnten Ressourcen deutlich effektiver in sexuelle Bildung investiert werden.
