Kultur

Die Banalität des Besonderen

Die Inszenierung von Schönheit und magischen Orten ist mit Instagram zur Massenkultur geworden. Dabei entsteht eine stereotype Form des Individuellen – mit unerfreulichen Nebenwirkungen.

Die ständige Inszenierung wirkt sich negativ auf die Psyche von Influencern und Followern aus. Das Foto ist ein Symbolbild, könnte aber genauso gut die im Artikel vorgestellte Elvira zeigen. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Raw Film

Elvira ist kein Model mit Millionen Anhängern, sondern eine Influencerin mit 300.000 Followern. Wir nennen sie Elvira, weil ihr Name nichts zur Sache tut. Elvira* reist mit ihrem Freund gerade um die Welt. Das klingt für viele nach Spannung, Abenteuer und verschwitzten Rucksäcken. Nach Entspannung und Freiheit. Nach Erholung und Einblicken in neue Welten. Doch bei Elvira steht minutiöse Organisation auf dem Programm. Jeder Schritt ist geplant und durchdacht. Die Reise durchgestylt. Denn Elvira reist für ihre Instagram-Follower um die Welt. Für Likes. Und Fame.

Im Alltag heißt das: Elvira ruft Restaurants und Hotels an, nennt ihr Instagram-Profil, die Zahl der Follower und versucht gratis Essen und Übernachtungen im Tausch für schicke Bilder, Erwähnungen und Hashtags herauszuhandeln. Dann macht sie Termine aus. Nebenbei recherchiert sie Orte, an denen sie Fotos vor interessanten Hintergründen machen kann. Alles muss passen, damit der Urlaub auf ihrem Instagram-Profil stimmig erscheint.

Elvira packt die Koffer. Für die ersten Tage legt sie in Plastikfolie eingeschweißte Outfits bereit. Ihr Freund packt die Drohne ein, denn Aufnahmen aus der Luft gehören für Instagram-Traveller mittlerweile zum Standard. Dann endlich steht der Flug bevor und die Reise beginnt. So erzählt es jemand aus dem Umfeld von Elvira. Nicht ohne einen Ausdruck des Bedauerns.

Inszenieren ist alles. Auch Männer folgen diesem Trend. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Robson Hatsukami Morgan

Bei den Menschen, die später Elviras Reise auf Instagram bewundern und liken, wird es als der perfekte Urlaub erscheinen. Tolle Bilder vom Strand, Elvira vor Tempeln, auf dem Markt, vor Wasserfällen. Elvira im Hilton. Sonnenuntergang im Infinity-Pool. Fliegende Sommerkleider mit dem für sie typischen Strohhut, tolle Ausblicke, schicke Terrassen. Die Skylines ferner Städte, während sie in einem wertigen Magazin blättert. Drohenaufnahmen von Hotelanlagen. Elvira vor Fachwerk-Kulissen, an klaren Bächen, auf Blumenwiesen, mit Tuareg-Schleier in der Wüste. Elvira reist um die Welt. Unbeschwerte Schönheit und Hochglanz-Optik. Ein bisschen wie im Katalog.

Der Blick über die Schulter hat sich zur ständig wiederholten Pose von Nutzerinnen auf Instagram entwickelt. Eine deutsche Studie hat die Nutzung stereotyper Posen untersucht. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Anthony Tran

Die Inszenierung geht so weit, dass Elvira sogar per Photo-App Vögel hinzufügt, die am Himmel über ihr kreisen. Jeden Tag steht sie unter Zwang, etwas Ausgefallenes, etwas Anderes, etwas noch nie Gesehenes dem Netzwerk zu präsentieren. Ganz unbenommen davon, wie angestrengt und verbissen Elvira die Natürlichkeit und Entspanntheit ihres Urlaubs inszeniert, übt diese Perfektion nicht nur Druck auf sie selbst, sondern vor allem auf ihre Follower:innen aus. Bin ich auch so schön? Kann ich auch so toll reisen? Warum bin ich nicht Jet Set? Kann ich auch ein Model sein? Das Leben ist für andere so leicht, nur bei mir nicht. Warum ist bei mir nicht immer alles perfekt?

Sich selbst zum bewertbaren Objekt machen

Elviras Bilder sind nicht so sehr auf den Körper ausgerichtet – sie selbst zeigt nie ihr Gesicht – es geht vielmehr um die Perfektion der Reise, die Stimmung und die ausgefallenen, mondänen Reiseziele. Bei anderen Influencerinnen steht der eigene Körper mehr im Mittelpunkt. Es gibt zahlreiche Studien dazu, wie Instagram auf Menschen wirkt. Die Royal Society for Public Health (RSPH) in Großbritannien hatte 2017 in einer Umfrage unter knapp 1.500 jungen Menschen festgestellt, dass Instagram von allen untersuchten sozialen Netzwerken die negativsten Effekte auf die Psyche der Befragten habe. Junge Frauen, die Influencern oder Models folgen, machen sich in der Fotonachbearbeitung die Zähne weißer und fühlen sich weniger wohl im eigenen Körper (PDF). Durch das Fotografieren für soziale Netzwerke machten sich die Nutzerinnen selbst zum Objekt, das sie dann für die Evaluation durch andere Nutzer mit Foto-Effekten optimierten, sagt die Autorin Rachel Cohen.

Der britische Star-Fotograf Rankin fotografierte in seinem Projekt Selfie Harm 15 Teenager und gab diesen dann die Bilder mit der Aufgabe, diese für die Veröffentlichung in sozialen Medien zu bearbeiten. „Die Leute ahmen ihre Idole nach, machen ihre Augen größer, die Nasen schmaler und die Haut heller – für Social Media Likes“, sagt der Fotograf. Es sei an der Zeit, die zerstörerischen Effekte, die soziale Medien auf das Selbstbild der Menschen haben, endlich anzuerkennen.

Auszüge aus dem Projekt Selfie Harm. Alle Rechte vorbehalten Rankin

Jeder, der ein soziales Netzwerk benutzt hat, kennt es: Das gute Gefühl, wenn der Post viel geteilt und gelikt wird. Das aktiviert unser Belohnungssystem. Während bei Facebook und Twitter auch Text eine wichtige Rolle spielt, ist bei Instagram das Foto am Wichtigsten. Das reduziert die Optionen und Felder, in denen Menschen etwas darstellen können. Häufig auf den Körper. Gleichzeitig fördert Instagram eine Disparität zwischen dem, was wir wirklich sind, und dem, was wir darstellen wollen. Wir richten unser Außenbild darauf aus, was im Netzwerk gut ankommt.

Renee Engeln schreibt in Psychology Today, dass Instagram insbesondere Frauen das Gefühl vermittle, dass nichts wichtiger sei als ihr Aussehen. Selbst vermeintlich harmlose Komplimente an einen selbst wie auch Kommentare, wie schön jemand anderes sei, trügen dazu bei, die Sorge um den eigenen Körper befeuern. Während die Kommentare der anderen die körperbezogene Performance als Weg zu mehr Aufmerksamkeit aufdrängten, zeigten die Studien, dass Selfies posten das Selbstvertrauen von Frauen schwäche.

Durch Instagram ist die Einsamkeit mancher Orte, wie dem Trolltunga, zur reinen Inszenierung geworden. Was man hier nicht sieht: Hunderte Menschen stehen am Felsen für dieses Foto an. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com George Alexandru Novac

Neben den körperbezogenen psychologischen Effekten der perfekten Inszenierung führt die Inszenierung vor Ort auch zu einem Auseinanderklaffen von Realität und dem letztlich veröffentlichten Foto. So gibt es handfeste touristische Auswirkungen, weil junge Menschen ihre Reisen am Hashtag der anderen ausrichten. Schöne Orte mit hoher „Instagramability“ und Sichtbarkeit im sozialen Netzwerk wie zum Beispiel der Trolltunga-Felsen in Norwegen sind überlaufen. Die Schönheit und Einsamkeit, die Magie der Orte, existieren nur noch auf den Instagram-Bildern. In der Realität sind sie zu Fotoshooting-Orten mit Massenabfertigung geworden, wie dieses Video der Social-Media-Schlange am Trolltunga zeigt. Auch andere Orte haben mit der unerwarteten Prominenz zu kämpfen.

Die Gleichförmigkeit der Individualität

Dabei ergibt sich zudem eine Gleichförmigkeit, welche der Account „Insta Repeat“ sehr treffend auf die Schippe nimmt. Hinter dem Account steckt die Filmemacherin Emma Sheffer aus Alaska, die sich mit ihrem Projekt auf „Inszenierungen aus der Wildness“ spezialisiert hat. „Ich denke, wir alle sehen ständig Bilder, die uns bekannt vorkommen, aber auf Instagram wird die Monetarisierung von Beliebtheit beflügelt. Ich interessiere mich für diesen Umstand und die vermehrt auftretende Wiederholung von Bildern und die Gründe dafür – warum diese weiterhin beliebt sind und auch weiterhin produziert werden,“ sagte sie gegenüber dem Blog Hyperallergic.com.

Die Ironie bei den von ihr gezeigten Bildern sei, dass diese aus dem Genre „Abenteuer“ und „kreatives Leben“ stammten und dass die Menschen die Bilder mit #liveauthentic („lebe authentisch“) oder #exploretocreate („entdecke, um kreativ zu sein“) taggen, sagt sie in einem Interview mit Photoshelter. Das mache die Bilder zu einem interessanten Ziel für ihre Kritik.

Instagram führt zu immergleichen Bildern, die aber alle mit Individualität und Kreativität getagged werden. Alle Rechte vorbehalten Insta Repeat

Auch der Fotograf Oliver Kmia hat typische Instagram-Urlaubsfotos in einem Video zusammengefasst und zeigt damit ähnliches wie Sheffer. Doch es geht nicht nur um die immergleichen Motive und Inszenierungen. Eine Gleichförmigkeit der Körperhaltungen und Posen hat auch die Malisa-Studie festgestellt. Dafür untersuchte das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) 300 Posts von erfolgreichen Influencerinnen auf wiederkehrende Muster hin. Anschließend wurden diese Bilder mit 300 Bildern von Mädchen aus Fallstudien verglichen. Ergebnis war, dass Posen wie „Der vermeintlich zufällige Blick über die Schulter“ oder „Ein angewinkelter Arm und die Hand wie beiläufig im Haar“ auch bei den Mädchen aus den Fallstudien als wiederkehrende Muster zu erkennen waren.

Instagrammability als Werbefaktor

Unterdessen passen sich auch Hotels der Instagrammability an. Während sie einerseits mit immer mehr Menschen zu tun haben, die als Influencer umsonst Kost und Logis abgreifen wollen, werden die Hotels auf gute Fotografierbarkeit getuned. Hoteldesigner berichten, dass sie bei der Planung immer den perfekten Fotowinkel im Kopf hätten. Angeblich ist 40 Prozent der britischen jungen Erwachsenen die Instagrammability bei der Reiseauswahl wichtig, das will zumindest eine Studie herausgefunden haben. Reiseveranstalter reagieren auf diesen Trend mit Bestenlisten der Top10-Instagram-Hotels auf ihren Webseiten, um genau diese Zielgruppe anzusprechen. Nicht ohne die neuesten Filter- und Nachbearbeitungs-Apps als Tipp anzuhängen.

Die Badewanne mit Ausblick gilt offenbar bei Hotels als gute Investition, um Instagrammability zu generieren. Sie ist ein wiederkehrendes Motiv bei Influencer:innen auf Instagram. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Ishan @seefromthesky

Wie Schein und Wirklichkeit vollkommen aus dem Ruder laufen können, zeigt der Skandal um das Fyre-Festival. Die Macher des Festivals luden im Vorfeld einen Haufen Influencer:innen auf die Bahamas ein, um mittels Hashtags auf Instagram und mit Hochglanz-Videos für das Festival zu werben. Das Festival war wegen des Hypes in kürzester Zeit ausgebucht. Die Veranstalter konnten allerdings die Versprechungen von schönen Strandhütten und karibischer Exklusivität nicht halten, setzten das Festival komplett in den Sand – und stehen heute als Betrüger vor Gericht.

* Name der Redaktion bekannt.

21 Ergänzungen
  1. Zur Bildunterschrift „Einsamkeit der Trolltunga“: Die gibt es nur noch zu Randzeiten. Einen Tag nach meinem letzten Besuch 2015 stürzte eine Besucherin ab (https://de.wikipedia.org/wiki/Trolltunga). Ich hab mich damals schon allein deswegen nicht in die Nähe der Spitze bewegt, weil die hippelige Schlange, die Zentimeter vom Abgrund auf Zugang für DAS Foto wartete, zu gefährlich war.

  2. Danke für den interessanten Artikel.

    Ich denke, Instagram & Co. machen etwas gut messbar, was es schon lange in unseren Kulturkriesen gibt. Den Fokus auf Fame gab’s doch schon vor dem Internet. Die vermeintlich coolen Typen der Schule wurden kopiert, oder zumindest waren sie Inspirationsquelle für angesagte Marken. Wenn jemand großes Ansehen hat, soll das offenbar auf einen selbst abfärben, wenn man sich ähnlich kleidet, verhält und dieselbe Musik hört.

    Interessant ist zudem die betonte Individualität, die sich so immer wieder zu Uniformität wandelt. Siehe Punks, Hipster, Esoteriker, Neonazis, streng gläubige, Fußballfans etc. Letzlich scheint eine Zugehörigkeit dann doch wichtiger zu sein als pure Individualität. Es entsteht dabei eher eine Gruppenindividualität, die Stabilität und Sicherheit schafft oder zumindest suggeriert.

    Psychologen können sicher seit Jahrzehnten eine Lied davon singen, was intensives Vergleichen und überfokussierte Suche nach Anerkennung mit Menschen anstellt. Der Buddhismus oder Yoga befassen sich seit Jahrtausenden damit. Die Mittel und Wege wie Meditation und eben Yoga, die unter anderem als Gegenmittel angedacht waren, sind längst Teil der Maschinerie. Yoga wird immer mehr für die rein körperbezogene Imagepolitur inszeniert und wer etwas auf sich hält, meditiert und lässt es natürlich die Welt wissen.

    Das „Problem“ bleibt aber nicht unerkannt. Amüsanterweise gibt es Meditationskurse mit Kleiderordnung, die quasi eine Uniformierung dazu nutzen, die Teilnehmer etwas von der Nabelschau und dem Vergleichen zu befreien. Ich kann mir auch vorstellen, dass bereits Yogastudios die Moden- und Körperschau in den Kursen etwas eindämmen. Konkret mitbekommen habe ich das zwar noch nicht, schon aber die Bitte aus Sicherheitsgründen Accessoires wie Schals oder lange Ohrringe abzulegen.

  3. Das Phänomen Influencer ist eine Nische in einem neoliberalen digitalen Markt, der unkritische Konsumenten wie eine Herde von Schafen in die Gatter der Schlachthöfe treibt.

    Es ist weithin bekannt, dass die Dümmsten unter den Dummen am besten manipulierbar sind. Ohne ausgeprägte Fähigkeit zu kritischem Denken, stets auf der Suche nach billiger Unterhaltung, fehlendes Selbstbewusstsein und Bedürfnis nach Orientierung, das waren schon immer jene Teile einer Bevölkerung, die dankbare Adressaten geschäftstüchtiger Rattenfänger waren. Nützliche Idioten wollen geführt werden, denn sie selbst kennen den schnellsten Weg zur Klippe nicht. Ein letzter Pitch noch, und die Mission ist erfüllt, ein letztes Selfie vom Sturz in den Abgrund, und alle wollen das auch. Pandemische Dummheit, genährt von überbordender Bevölkerungsexplosion ist die unerschöpfliche Knetmasse selbsterfundener Influenzer.

    So wie es schon immer Persönlichkeiten gab, die zwar selbst zu einer unprivilegierten Gruppe gehören, aber seltenes Talent haben, die Defizite anderer zum eigenen maximalen Vorteil zu nutzen. So haben etwa Kapos Ankommende in die Selektion geführt. Das verbessert das Gefühl selbst in der Hölle.

    Wenn man nun hergeht und versucht, einen kritischen Artikel zu Influencern zu schreiben, wie sinnvoll ist es, diesen auch noch mit (zuvielen) schönen Bildchen zu garnieren? Was geschieht da mit dem Leser? Nimmt er diese Bilder dann rein „dokumentarisch“ wahr? Worauf richtet sich der Fokus, und was bleibt übrig vom Text? Ein Pfad von Brotkrümeln in die Konsumfalle. Klappe zu, Affe tot.

    1. Kann es sein, dass Du Dich gerne reden (schreiben) „hörst“? Ist ja ausgesprochen blumig Deine Ausführung.

      > Es ist weithin bekannt, dass die Dümmsten unter den Dummen am besten manipulierbar sind.
      Die Studie hätte ich gerne mal gesehen, ich meine gehört zu haben, dass bspw. gerade viele Intellektuelle für niedrig adressierte Inhalte sehr empfänglich sind. Wohl weil sie denken, sie würden die manupulativen Mechanismen (er)kennen und ihnen damit nicht zu unterliegen. Bestes Beispiel sind Inhalte wie das Djungel-Camp, das mitnichten nur von H4-Publikum rezipiert wird.

      Beispielquelle: https://www.cicero.de/kultur/akademiker-entdecken-das-trash-tv/47962
      „Von den über acht Millionen Zuschauern, die die Sendung 2011 verfolgten, hatte jeder dritte Abitur und jeder fünfte einen akademischen Abschluss.“

      1. „„Von den über acht Millionen Zuschauern, die die Sendung 2011 verfolgten, hatte jeder dritte Abitur und jeder fünfte einen akademischen Abschluss.““

        Was sagt der Abschluss alleine über die Intelligenz der Person mit dem hübsch gestempelten Papier aus? Zumal für die Erkennung von Manipulation ein sehr breites Allgemeinwissen in Verbindung mit einer guten Portion Medienkompetenz viel wichtiger sind.

        1. Nichtsdestotrotz ist es ein starker Beleg gegen die These, dass „die Dümmsten unter den Dummen am besten manipulierbar“ seien – welche übrigens ohne jeden Beleg in den Raum gestellt wurde.

          Ein Argument mit starken (wenn auch nicht absolut wasserdichtem) Beleg ist 1000x überzeugender als ein Argument, das lediglich mit „Es ist weithin bekannt“ daher kommt.

          Es sei denn, natürlich, man definiert „die Dümmsten unter den Dummen“ als diejenigen, die am leichtesten von Medien manipulierbar sind. Dann jedoch wäre obige Aussage inhaltsleer, eine Tautologie, und würde ebenfalls nichts für die Argumentation taugen.

          1. klingt etwas bitter, die ergänzung, aber ich habe (auch) die befürchtung, dass das (etwas allgemeiner gefaßte) konzept von sog. „nützlichen idioten“ sehr wirkmächtig war, ist und bleibt? und scheinbar weiter verbreitet ist als mensch lieb sei. aber was er_wartet mensch in „globalen“ und vor allem marktkonformen zeiten…
            und unser (westliches?) übersteigertes ego in zeiten des krisenbehafteten überschußes und -flußes sucht dann sein hayl/asyl in den versprochenen „15 minuten ruhm“ oder zb 10k followern – und tut dafür dann so einiges – nur halt seltener nachhaltig „gutes“ – zu oft nur die produktion von „fake life“. diese anstrengungen sorgen aber damit für umsatz bei technikausrüstern, plattformökonomien, fluglinien, modelables ect. und sie lassen freiwillig große intransparente algorythmen trainieren, welche dann wiederum auf „ähnliches“ & „max. zugriffen“ heiß gemacht werden(fb,googl). wohl alles sympthome des angenommenen und gelebeten „homo oeconomicus“ und der damit einhergehenden durch_ökonomisierung des gesamten lebens. das kann aber eigenlich auch nur eine tranfomationsphase sein. weil wohin sollte das noch führen…? naja…“aber muss ja, muss ja, muss ja kennt man ja, muss ja!“


    2. Wenn man nun hergeht und versucht, einen kritischen Artikel zu Influencern zu schreiben, wie sinnvoll ist es, diesen auch noch mit (zuvielen) schönen Bildchen zu garnieren? Was geschieht da mit dem Leser? Nimmt er diese Bilder dann rein „dokumentarisch“ wahr? Worauf richtet sich der Fokus, und was bleibt übrig vom Text? Ein Pfad von Brotkrümeln in die Konsumfalle. Klappe zu, Affe tot.

      Wie albern ist denn dieser Standpunkt bitte? Selbstverständlich sollte der Artikel auch entsprechende Beispielbilder enthalten. Anhand des bloßen Textes könte ich mir sonst kein richtiges Bild davon machen, wovon hier die Rede ist. Selbst bin ich nämlich auf keiner der genannten Plattformen unterwegs.

  4. Wenn die Ergänzung erlaubt ist: Überhaupt auch der Trend der zwanghaften Bebilderung sebst banalster Artikel spielt hier mit rein. Kein Beitrag der frei ist von einem „interesssanten“, absurden oder anderweitig aufmerksamkeitsheischenden Artikelbild. Und sei es nur ein Stock-Bild (95% aller Fälle), das mit „origineller“ Bildunterschrift dann krampfhaft irgendwie in Richtung des redaktionellen Beitrags gedreht wird. Und ja, davon macht sich auch NP.org nicht frei. Da wünsche ich mir mehr Mut zur Lücke.

    Noch mehr auf die Spitze treiben es nur internationale Medienhäuser, wo heute kein Artikelstumpf ohne Begleitvideo auskommt.

    1. Die Bilder helfen vielen Menschen bei der Erinnerung und Wiedererkennung von Artikeln. Genau wie die Überschrift. Beide sind für den eigentlichen Inhalt des Artikels unerheblich, aber dennoch absolut nützlich. Nun werden eher optisch lernende Menschen die Überschriften überflüssig finden, und eher sprachlich lernende Menschen die Bilder. Das heißt aber nicht, dass man die eine oder andere Gruppe ausschließen sollte. Sondern eher, dass man auch die eher akustisch lernenden Menschen inkludieren sollte – was die NP-Podcast ganz gut schafft.

      Wenn jedoch der gesamte Inhalt auf die Überschrift reduziert wird (Twitter) oder auf das Bild (Instagram), dann wird es unangenehm. Nehmen wir noch akustische Schnipsel (Wortgruppen, Geräusche) in den Mix, und dann sind wir zu 100% in der bizarren Welt der Werbung und Werbeindustrie gelandet – zu der man Influenzer getrost hinzuzählen kann. Darum, um diesen Effekt, geht in dem Artikel.

      Was mir an dem Artikel jedoch nicht gefällt, ist, dass das Kernthema „Werbung“ bzw. das modernere Wort „Marketing“ an keiner Stelle beim Namen genannt wird.

    2. „die Kognition von Bildern ist eben exorbitant besser als die von Text“
      das wäre eine gute Antwort auf meine Kritik, WENN die Bilder etwas mit dem Inhalt zu tun hätten*). Nach dieser Interpretationsweise könnte man auch
      – in jedem Artikel das gleiche Bild verwenden
      – in jedem Artikel ein zufälliges Bild verwenden
      – in jedem Artikel ein Zappel-Gif, Video mit Ton, psychedelisches Bildflimmern verwenden, wenn denn die „kognitive Wirkung“ noch höher ist, als von „statischen Bildern“
      Aus gutem Grund machen das seriöse Medien eher nicht.

      *) haben sie aber nicht, und das ist meine Kritik. Der User wird nur auf Instinkt-Level (Emotion, Reiz-Reaktion o.ä.) abgeholt. Derlei Mittel gibt es in modernen Medien viele: Text-Bild-Schere (z.B. Archiv-Füllmaterial Tagesschau), immer schnellere Bildschnitte (nicht nur in Kino, sondern auch bspw. in TV-Reality- und Show-Formaten, Kinderfernsehen, Werbung), Stör-Kommunikation, aggressive Werbeformen, Loudness-War, Framing, Clickbait. Alles Effekte, die man mit „funktioniert halt“ und „Konkurrenzdruck“ rechtfertigen kann, oder sich mit der eigenen Medienethik gegen die Spirale entscheiden.
      Ich persönlich traue NP eine ausreichend interessierte Leserschaft zu, die Feed oder Tweet auch ohne Begleitbildchen/Texttafel anklicken wird.

  5. Auf Dating Seiten wie Tinder ist das auch sehr deutlich zu beobachten, wer da nicht durchgestylt ist ohne Ende und dem inszenierten Schönheits und Lifestyle Idealen entspricht bekommt keine Matches, keine Dates und in Folge auch keinen SEX mehr. D.h entsteht dann auch gerade für Männer der Druck sich ebenfalls auf extremst coole weise zu inszenieren. Wer nicht mitmacht verspielt halt seine Chancen beim anderen Geschlecht.

    D.h ist da schon ein zunehmender sozialer Druck vorhanden da mitmachen zu „müssen“. Profitieren tun natürlich die Datensammel Konzerne davon.

    D.h nicht nur in der Politik haben wir immer mehr Fake und Inszenierung sondern auch im privaten betreffend dem Livestyle und Sexualität welche immer abhängiger davon werden sich selbst auf quasi perfekte Weise zu vermarkten.

    1. „Wer nicht mitmacht verspielt halt seine Chancen beim anderen Geschlecht.“

      Ich glaube nicht, dass das tatsächlich stimmt. Aber es wird erfolgreich der Eindruck erweckt, als wäre dem so. Wie ein erfolgreiches Marketing. Und das erzeugt den Druck. Es reicht die Angst davor, von den anderen abgehängt zu werden. Und kaum jemand hinterfragt oder probiert aus, ob diese Angst berechtigt ist oder nicht.

  6. Eine Gleichförmigkeit der Körperhaltungen und Posen hat auch die Malisa-Studie festgestellt. Dafür untersuchte das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) 300 Posts von erfolgreichen Influencerinnen auf wiederkehrende Muster hin. Anschließend wurden diese Bilder mit 300 Bildern von Mädchen aus Fallstudien verglichen. Ergebnis war, dass Posen wie „Der vermeintlich zufällige Blick über die Schulter“ oder „Ein angewinkelter Arm und die Hand wie beiläufig im Haar“ auch bei den Mädchen aus den Fallstudien als wiederkehrende Muster zu erkennen waren.

    Sicherlich wäre es mal interessant, die Posen mit Posen aus der Kunst zu vergleichen. Vermutlich gab es sie schon vor Instagram.

  7. Ich würde mir in diesem oder einem Folgeartikel noch Hinweise auf mögliche Gegenbewegungen und -maßnahmen gegen diesen Trend der übermäßigen Selbstinszenierung wünschen.

    Ich frage mich schon länger, ob man nicht in organisierter Form eine Gegenöffentlichkeit sichtbar machen könnte, die ganz bewusst auch die „hässlichen“ oder nicht inszenierten Szenen des Alltags zeigt und so quasi auf den Plattformen selbst der Filterbubble aus immergleichen Posen und Filter-lastigen Urlaubsfotos etwas entgegensetzt.

    Etwas in die Richtung geht das Subreddit InstagramReality, auf dem ich aber eher den Eindruck habe, dass es darum geht Menschen an den Pranger zu stellen. Weiß jemand mehr?

    1. Solche Ansätze gibt es schon.
      Irgendwann kam es mir mal unter, daß sich weibliche Stars (keine Ahnung, ob auch männliche) ungeschminkt und absichtlich mit ihren vermeintlichen optischen Mängeln zeigten.

      Als jemand, der viele Jahre seines Lebens mit einer Magersüchtigen teilte, kann ich aber sagen, daß das nicht viel hilft. Das wird ausgeblendet (Was gehen mich andere an?!) und meist ist das Hinterherrennen hinter irgendwelchen Idealen eh nur eine Ersatzhandlung, die wenig bis nichts mit den eigentlichen Problemen zu tun hat.

      So „bekämpft“ man also nur Symptome.

      Und nicht immer ist es gleich krankhaft und dann könnte man das auch entspannt als ein Hobby betrachten. So wie Autotuning…

    2. Ich glaube, das endet ganz schnell in einer viralitätsgetriebenen Pseudo-Authentizität, wo Leute dann meinen gestylter Out-of-the-bed-Look sei authentisch. Oder es ergibt sich das typische „Unterschichten-Aquarium“ wie im RTL-Tagesprogramm. Ein Vorführeffekt, der allenfalls zu eigenen Selbstüberhöhung konsumiert wird.

      Etwas nicht-inszeniertes in Szene zu setzen (= ablichten und veröffentlichen) ist fast unmöglich und noch schwerer, die Authentizität einer Information dahingehend einzuschätzen.

  8. Ein ganz simpler, wenn nicht sogar banaler Weg, eine Gegenbewegung zu schaffen bzw. diesem ganzen Selbstinszenierungswahn etwas entgegenzusetzen, ist, die genannten Plattformen (Instagram, Tinder, Twitter, facebook etc.) nicht zu nutzen.
    Irgendwann merken dann auch die Social-Media-süchtigsten Leute, dass man nichts davon wirklich braucht. Und man hat plötzlich 1, 2, wenn nicht sogar 3 Stunden mehr am Tag, die man für sowas wie richtige Entspannung nutzen kann :-)

    1. jep. Dann kann man die Individualität auskosten :-) Und wennn man doch mal Bilder macht, am Besten ohne Menschen und nicht im ganzen Netz veröffentlichen, max. in privaten Blogs… Damit eurer geheimer, verlassener Ort auch in 10 Jahren noch müllfrei und verlassen ist… ^^

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