Kultur

Leben wir in einer Angstgesellschaft?

Auf dem Blog Internet-Law setzt sich der Rechtsanwalt Thomas Stadler mit der Angstgesellschaft auseinander, in der wir alle angeblich leben. Er führt dabei aus, dass der relative Wohlstand, den wir in der „westlichen“ Welt erleben, paradoxerweise zu einem generellen Klima der Angst führen würde. Die Hauptschuld hierfür macht er in der Politik und zum Teil auch in den Medien aus, die dieses Klima der Angst durch Berichterstattung etc. schaffen würden.


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Doch so paradox ist das eigentlich gar nicht. So erscheint es doch relativ logisch, dass mit wachsendem Besitz eben auch eine Angst einhergeht, diesen auch wieder zu verlieren. Oder mit den Worten Friedrich Wilhelm Nietzsches:

Der Besitz besitzt. Er macht die Menschen kaum unabhängiger.

Vielmehr liegt dies doch in der Sache an sich. Es ist sehr einfach, die selbstverschuldete Unmündigkeit eben so zu erklären, dass es Desinformation gibt. Die Unmündigkeit ist doch nicht ohne Grund selbstverschuldet.

Deshalb scheint es doch mehr wie eine Ausrede, der Politik und den Medien die Schuld an der Unmündigkeit der Menschen zu geben. Natürlich haben Politik und Medien Einfluss auf Meinungsbildungsprozesse. Am Ende dieses Prozesses steht aber immerhin ein Mensch, der im Idealfall eigene selbstverschuldete Entscheidungen trifft oder auch diese verweigert. Man könnte auch so argumentieren, dass das Bedürfnis nach einem Schuldigen, in diesem Fall Politik und Medien, nur Ausdruck des eigenen Verblendungszusammenhanges ist.

Um ein anderes Beispiel zu nennen, ist es doch auch verkürzt, im Zusammenhang der letzten Finanzkrise zu glauben, die Manager der Großbanken hätten uns das alleine eingebrockt. Man kann im modernen Kapitalismus nur einen Schuldigen suchen, finden wird man jedoch viele. An unserer Angst sind wir demnach selbst Schuld, oder ist es vielleicht sogar die Angst, die in uns das Verlangen auslöst, einen Schuldigen zu finden? In dem Fall kommt dann ein personifizierter Schuldiger wesentlich gelegener, als einfach festzustellen, dass dies eine systemische Frage von Besitzverhältnissen, Verblendungszusammenhängen und Verdinglichung ist.

Abschließend kann man sich durchaus über die Unmündigkeit beschweren und/oder diese in der Gesellschaft ankreiden, gleichzeitig kann man aber auch aus der Geschichte lernen, das Menschen erst im Angesicht von extremen politischen und sozialen Umwälzungen dazu neigen, sich zu politisieren und einen Standpunkt einzunehmen, der auf mehr als nur einem relativen Gefühl der allgemeinen Angst basiert, nämlich auf Fakten.

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21 Kommentare
    1. Weil Immanuel Kant im Rahmen seiner Schriften zur Vernunft um das Jahr 1784 herum auf die Frage „Was ist Aufklärung?” die Antwort gegeben hat, sie sei der „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit”.

  1. Mutti macht Angst:

    „Wir alle sind großen Bedrohungen ausgesetzt. Wir wissen dass durch den Terrorismus, ähm, IS ist eines der Stichworte, leider kommen auch sehr viele Kämpfer aus, ähm, Deutschland und aus Europa. Das heißt, wir können nicht sagen, das ist irgendwas, was weit von uns entfernt ist. Wir alle müssen uns vor terroristischen Anschlägen schützen und jetzt geht die Frage natürlich, wie passiert das und da ist die erste Botschaft man muss mit anderen Nachrichtendiensten auch zusammenarbeiten, daran gibt’s für mich überhaupt gar keinen Zweifel und auch gerade mit den amerikanischen Nachrichtendiensten. “

    https://machtelite.wordpress.com/2015/06/05/terrorgefahr-merkel-versetzt-kirchentagsbesucher-in-angst-und-schecken/

  2. Die Annahme, dass ich der Politik und den Medien die Hauptschuld für die von mir beschriebene Angstgesellschaft geben würde, ist ein Missverständnis. Meine These ist eher, dass große Teile der Politik und Teile der Medien diesen Zustand für ihre Zwecke ausnutzen und und damit diese Ängste noch zusätzlich befeuern.

    Ich möchte das auch eher als Zustandsbeschreibung verstanden wissen.

  3. Oder anders ausgedrückt: dass diese die Wünsche und Sorgen ihrer Wähler respektieren und danach handeln. Ist das nicht so üblich in einer Demokratie?

    1. Der Mensch hat ein Hirn um es zu benutzen und sich zu überlegen, ob sein Handeln richtig ist. Einen ganzen Staat nur auf den Trieben der Individuen zu gründen scheint recht rückständig. Eine Demokratie sollte mehr sein als das.

  4. Ich werde bewusst nicht viel dazu sagen, nur soviel: Menschen die in einem permanenten Angstzustand leben (teilweise ihr ganzes Leben) sind nicht in der Lage eine rationelle Weltsicht zu entwickeln. Man kann sie wenn man es darauf anlegt, beliebig steuern und manipulieren, wovon Politik und Wirtschaft auch reichlich Gebrauch machen und bedauerlicherweise in der Vergangenheit gemacht haben.

  5. “ gleichzeitig kann man aber auch aus der Geschichte lernen, das Menschen erst im Angesicht von extremen politischen und sozialen Umwälzungen dazu neigen, sich zu politisieren und einen Standpunkt einzunehmen, der auf mehr als nur einem relativen Gefühl der allgemeinen Angst basiert, nämlich auf Fakten“

    Es gibt Theorien darüber, wann Revolutionen entstehen. Anders, als Marx z.B. behauptete, entstehen sie in Zeiten wachsenden Wohlstands. In Zeiten der Verelendung werden sie unwahrscheinlich. Davon ausgegangen gibt es eher wenig Aussicht auf zunehmende Politisierung durch Umwälzungen.

    Und nun zum Thema der Unmündigkeit. Ich möchte fast meinen, dass diese Individualisierung der Probleme selbst schon Ausdruck eines neoliberalen Zeitgeistes ist. Dieser Zeitgeist lebt davon, gesellschaftliche Zusammenhänge auszublenden zugunsten der These, jeder sei allein für sein Wohl verantwortlich. Die Folge davon ist, dass viele Notlagen und Probleme zu Fragen der persönlichen Einstellungen umgedeutet werden. Oder eben Unmündigkeit. Wir haben es aber mit eindeutig gesellschaftlichen Schieflagen zu tun, mit Herrschaftsverhältnissen, mit wachsender sozialer Ungleichheit.

    Angst ist nicht einfach nur eine Einstellung oder ein psychologischer Effekt des Wohlstandes. Die Angst hat reale Gründe, denn der Wohlstand als Massenphänomen schmilzt deutlich messbar ab. Die Deregulierungen des Sozialstaates, des Finanzmarkes, des Arbeitsmarktes haben das Risiko der Arbeitslosigkeit und des Wohlstandsverlustes für sehr viele Menschen erhöht. Genau das macht Angst, berechtigte Angst. Dem kann man sich natürlich stellen, mit Engagement und politischer Aktivität. Wenn man aber schon biografisch etwas länger Erfahrungen gemacht hat mit Protestbewegungen und Initiativen, weiß man auch, wie vergeblich das sein kann. Der Appell an die individuelle Verantwortung hilft dann nicht weiter. Das ist bloßes Moralisieren. Stattdessen braucht es schon realistische Perspektiven dafür, dass sich die Dinge zum Besseren wandeln durch das eigene Engagement. Das ist nicht Bequemlichkeit, sondern rational, da der Mensch nun einmal ein endliches Leben hat, weshalb er seine Kräfte einteilt. Und der gewöhnliche Mensch hat auf vielen Baustellen zu tun, verteidigt seine kleine ökonomische Existenz, sorgt für seine Kinder und seinen Hausstand und ab und an gönnt er sich auch ein bisschen Zeit für das Hier und Jetzt. Man muss dafür auch ein bisschen Verständnis entwickeln, denn sonst wird jede politische Initiative ein auf ein kleines Grüppchen beschränktes Projekt bleiben.

    Gesellschaftskritiker und Revolutionäre haben immer wieder das Problem gehabt, dass sie die Nöte der einfachen Leute zu wenig verstanden haben.

    1. „Anders, als Marx z.B. behauptete, entstehen sie in Zeiten wachsenden Wohlstands. In Zeiten der Verelendung werden sie unwahrscheinlich.“
      Solange der Prozess der Verelendung noch im Gange ist, ja. Allerdings, ab dem Zeitpunkt an dem jemand das Gefühl hat, nichts mehr zu verlieren zu haben, wird er „unberechenbar“ aus Sicht des Systems. Entsolidarisierung, Angst und Propaganda können den Zeitpunkt verschieben, aber ausschließen würde ich nicht wollen, dass es – irgendwann – doch die Art von Erkenntnis durchsetzt, die Sie zu den, der „…schon biografisch etwas länger Erfahrungen gemacht hat mit Protestbewegungen und Initiativen…“ hat werden lassen. Leider bringt Engagement nur dann gewünschte Änderungen, wenn eine ausreichend breite Masse dafür eintritt. Um die Aktionen einer solchen Masse zu bündeln, reichen keine regionale Initiativen mit mehr oder weniger Verbreitung, sondern bedarf es einer gemeinsamen Causa, so wie auf der anderen Seite der Barrikade, das Kapital darstellt. Die Causa gibt es zwar, es ist der sich gerade abspielende Generalangriff auf Menschenwürde, Demokratie und Freiheit, aber die Erkenntnis über die Notwendigkeit des Handelns fehlt.
      Und ich gebe Ihnen recht, die Unmündigkeit als Aufhänger einzusetzen, zeugt in dieser Form von einer nicht ganz ausgereiften Weltanschauung, aus den Gründen die ich sicher nicht besser formulieren könnte als Sie es getan haben.

  6. @LM
    Das finde ich hast du sehr schön und segr gut erfasst und zusammengefasst, ich stimme dir da voll zu.

    Zitat: Gesellschaftskritiker und Revolutionäre haben immer wieder das Problem gehabt, dass sie die Nöte der einfachen Leute zu wenig verstanden haben.
    Zitatende!

    Das ist wohl das Problem das alle Akademiker haben, schau ins Netz, ob du das in den Piratenblogs bei den Grünen oder sonst wo siehst, wirst du feststellen das es immer nur um junge studierende oder studierte geht. Die anderen spielen keine rolle, nicht einmal in der Theorie. Und Ansprechen sollte man das auch besser nicht im besten falle wird es nur ignoriert.
    Tja so kann man niemanden für sich gewinnen. Bei diesen Leuten mangelt es ebenso an der Einsichtsbereitschaft zu begreifen was Armut ist und wie diese sich auswirkt, was auf mangelde Lebenserfahrung zurück zuführen ist, weshalb auch dieses Thema keinen ernstzunehmenden eingang findet.
    Desweiteren begreifen die Super jungen Studierenden/te (Babys) nicht, was es bedeutet wenn man pernsönlich von der Gesellschaft ausgeschlossen ist, durch Arbeitslosigkeit, wenn man noch nicht einmal antwort auf Bewerbungschreiben erhält und wenn man antworten erhält sind diese meist extrem herablassend. Besonders schlimm ist die Situation für Menschen die keinerlei Staatliche Hilfe bekommen weil sie durch die Maschen gerutscht sind, also kein Hartz nocht nicht einmal hilfe bei der Vermittlung zu einer Ausbeuterstelle. Wenn man mal das ungeheuere Glück hat zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, dann platzen spätestens bei der frage ob man fördergelder von den Ämtern bekommt alle träume auf eine job (ich meine damit keine Arbeitstelle sondern nur Jobs) weil man diesen nämlich nur bekommt wenn der Arbeitgeber vom Staat dafür geld bekommt. Aber gleichzeitig immer allen unterstellen sie wäre böse kommunisten, die einzigen echten kommunisten die ich kenne sind die raffgierigen und menschenverachtenden Arbeitgeber in Deutschland besonders die sogenannten Mittelständler.
    Ich für meinen Teil weiß genau wemm ich das zu verdanken habe und ich kenne meine Totfeinde damit, die meisten wissen noch nicht einmal das!
    So und jetzt dürft ihr euch die Welt in Deutschland wieder schön reden, mit eurem Abitur und hochschulabschlüssen! Mein frust ist gerade raus!

  7. Die mit der Überschrift aufgeworfene Frage wird nicht beantwortet. Es ist zwar richtig, bei der Suche nach den Schuldigen noch mal auf die Meta-Ebene zu gehen, aber die von RA Stadler aufgestellte Ausgangsthese von der Angstgesellschaft wird von diesem Beitrag nicht bestritten, wenn ich ihn richtig verstanden habe.

  8. Die Angst in der wir leben wird gezielt geschürt um Ziele gegen die Ureigensten Interessen der Bürger durchzusetzen. Von Politikern, die mit der Angst vor der Klimaapokalypse, sowohl massive Steuererhöhungen als auch den planwirtschaftlichen Umbau der Wirtschaft betreiben. Von anderen Politikern, die mit der Angst vor Terrorismus, riesige Geheimdienstapparate und eine breite Einschränkung der Grundrechte durchsetzen. Wieder andere schüren die Angst vor dem sozialen Abstieg um riesige Umverteilungsprogramme zu starten, deren Hauptnutzen ist den Staat immer weiter aufzublähen. Wieder andere schüren Angst vor Flüchtlingen um Ausländerfeindlichkeit zu durchsetzen. Wieder andere nutzen die Angst vor der Stigmatisierung als Nazi, um jede unerwünschte Diskussion über Einwanderung zu unterdrücken.
    Angst ist politisches Mittel der Wahl geworden. Um Menschen zu kontrollieren und zu manipulieren, die nicht mehr als eigenständige, freie Bürger betrachtet werden, sondern als dummes Schaf das es mit einem Hund in die richtige Richtung zu treiben gilt. Angst ist leider ein ureigenster Instinkt des Menschen und es braucht sehr viel Willenskraft gegen diese geschürte Angst anzugehen und wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

  9. Vielleicht ist dem Einen oder Anderen das Postulat „Die Summe aller Probleme bleibt immer gleich.“ bekannt. Noch viel wesentlicher ist aber: „Das Integral über alle Ängste ist konstant.“ Dies gilt (als Mittelwert) über eine überschaubare Zeit eines Menschen, solange er keine Erkenntnisse über den Ursprung seiner persönlichen Ängste erfährt (z. B. durch Psychoterapie oder im Extremfall der sogenannten „Gehirnwäsche“).

    Im Gegensatz zu vielen Gefühlen, die sich unmittelbar in einen Trieb verwandeln (Hunger – Nahrungssuche, Kälte – Einpacken, Heizen) ist die Angst rückzugsorientiert. Führt also zur Trieblosigkeit. Sehr gut lässt sich Angst aber in Wut, Agression umleiten. Wenn man sich evolutionsmäßig beschäftigt wird klar, warum das Sinn macht. Entweder ich hab so viel Angst, dass der Feind mich nicht mehr bemerkt oder, wenn das augenscheinlich nicht wirkt, lassen sich durch Wut und Hass die letzten Kräfte zum Kampf bündeln.

    Das sind alles Grundlagen. Grundlage ist aber auch, da Angst mit Todesgefahr, dem Lebensende verbunden ist, dass sich mit diesem sehr starken Gefühl gut manipulieren lässt.

    Ich hab Angst vor einer Überwachung meiner Person durch Maschinen mit dem Ziel, das Andere mich durch diese Information beeinflussen können. Wobei ich den Begriff Maschine auf theoretischer Basis verwende: Auch Sensoren mit Datenverbindung zu einem interpretativen System ergibt eine Maschine.

    Sosehr die Angst von uns manipulativ verwendet werden kann, bleibt sie uns, um uns davon wieder zu befreien. Die Wage zwischen diesen diametralen Elementen zeigt dahin, wo wir landen werden. Und nicht der angstauslösende Faktor.

  10. Es gibt zum Thema als Zweit Lektüre auch noch ein etwas älteres Buch (2013) bei der Bundeszentrale für politische Bildung. „Gesellschaft in Angst“

    1. Beim nachsehen ob es das immer noch gibt ist mir aufgefallen das es auch ein neues Buch gibt Gesellschaft DER Angst. Ich werde mir das jetzt mal bestellen um das zu vergleichen

  11. Ich war ehrlich schockiert von der Aussage Merkels das „Datenschutz Arbeitsplätze gefährden könnte“ ( so ganz knapp hab ich es verstanden) Für mich ist „Angst Machen“ eine Methode die gerade Terroristen und einsetzen um bestehende Strukturen zu schwächen. Angst als Begründung ist ist in diesem Fall sehr stark emotional angelegt und gerade das hätte ich von einer Wissenschaftlerin nicht erwartet. So habe ich das auch in meinem Schreiben an die Abgeordneten zum Ausdruck gebracht. Angst lähmt und ist gefährlich für die Gesellschaft da sie nachhaltig und indifferenziert zur Schwächung und zum Misstrauen untereinander beiträgt.

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