Der Online-Salon Edge.org, der 1996 aus dem „Reality Club“ entstand, ist eine Webseite, auf der wissenschaftliche, technologische und philosophische Themen diskutiert werden. Zwischen 1981 und 1996 trafen sich die Mitglieder des „Reality Club“ regelmäßig, wobei es sich, wie heute auch noch, zum größten Teil um eine privilegierte Elite handelte. Ihr Slogan ist bis heute:
To arrive at the edge of the world’s knowledge, seek out the most complex and sophisticated minds, put them in a room together, and have them ask each other the questions they are asking themselves.
Zu diesem Zweck wird auf Edge.org seit 1999 die „Jährliche Frage“ gestellt und von den WissenschaftlerInnen beantwortet. Diese Antworten werden gesammelt und sind permanent auf der Homepage abrufbar.
Thematisch sind diese Jahresfragen weit gestreut und beschäftigten sich zum Beispiel damit, wie das Internet unser Denken verändert (2010), welche Idee die AutorInnen für gefährlich halten (2006) oder an welche sie glauben, auch wenn sie nicht bewiesen werden kann (2005).
Künstliche Intelligenz
Die Frage in diesem Jahr ist: What do you think about machines that think?
Künstliche Intelligenz ist eine alte Idee und Vision der Science Fiction, die häufig mit dem Gedanken einhergeht, humanoide Roboter zu erschaffen, oder zumindest die Frage stellt, was passieren würde, wenn Maschinen sich selbstständig und von der Menschheit unabhängig weiterentwickeln können – eine Art anatürliche Evolution, inspiriert von Pflanzen und Tieren. Die Antworten drehen sich gar nicht so sehr um das Endprodukt – eine selbstständig denkende Maschine -, sondern sehr stark um die grundlegenden Fragen, was Menschen als Intelligenz wahrnehmen, bzw. welche an dieser Stelle gemeint ist. Wenn der Schachcomputer Big Blue den besten Schachspieler der Welt, Gary Kasparov, schlägt, ist dies eine ihrer Formen. Aber es würde eine erweiterte oder andere Form von Intelligenz herausfordern, auf einer empathischen Ebene mit diesem Menschen zu interagieren.
Mit diesen theoretischen Grundfragen danach, was „Intelligenz“ und „Denken“ unserer Ansicht nach sind, beschäftigen sich einige der 186 Antworten.
No novel science or technology of such magnitude arrives without disadvantages, even perils. To recognize, measure, and meet them is a task of grand proportions. Contrary to the headlines, that task has already been taken up formally by experts in the field, those who best understand AI’s potential and limits.
James J. O’Donnel fragt sich zum Beispiel, ob es überhaupt möglich wäre, Maschinen zu entwerfen, die ohne menschliche Weisung funktionieren und falls ja, ob sich ihre Handlungen eher positiv oder negativ für die Menschheit ausnehmen würden. Um derlei Maschinen entwerfen zu können, sollten wir uns jedoch vorher im Klaren darüber sein, welchen Vorgang wir als „Denken“ bezeichnen. Und würde es auch bedeuten, dass die intelligenten Maschinen verwirrt sein können oder sich im Denken im Kreis drehen?
When we get tangled up in this question, we need to ask ourselves just what it is we’re really thinking about.
Roger Schank, Psychologe und Informatiker, ist hingegen ganz klar der Auffassung, dass Maschinen nicht denken können und es auch in naher Zukunft nicht können werden. Diese Vorstellung entspringt lediglich unserer Imagination, oder, wie er es schreibt:
We have all been watching too many movies.
Denn um wahre künstliche Intelligenz zu kreieren, müssten wir selbst in der Lage sein, zu verstehen, wie menschliche Intelligenz funktioniert und woraus sie sich zusammensetzt. Melanie Swan argumentiert damit, dass unsere individuelle Intelligenz and die persönliche Identität gekoppelt sei. Maschinen, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sind, hätten jedoch nicht nur keine Identität und auch keinen damit verbundenen Charakter, sondern sie wären zusätzlich aufgrund ihrer Speicherfähigkeiten nicht einmal in der Lage etwas zu vergessen. Intelligenz ist jedoch nicht mit Erinnerungsvermögen gleichzusetzen, sondern setzt sich auch daraus zusammen, dass Erfahrungen und Erlerntes hinter sich gelassen werden kann. Das perfekte Erinnerungsvermögen der KI müsste also wiederrum künstlich begrenzt werden, wenn sie in einem nicht-statischen, sozialen Gefüge funktionieren solle.
The technological construct of identity and the social construct of identity are different and have different implied social contracts. The social construct of identity includes the property of imperfect human memory that allows the possibility of forgiving and forgetting, and redemption and reinvention. Machine memory, however, is perfect and can act as a continuous witnessing agent, never forgiving or forgetting, and always able to re-presence even the smallest detail at any future moment.
Alison Gopnik betrachtet kleine Kinder als die besten Lernenden des Universums, da sie in sehr kurzer Zeit sehr viele Fakten, aber auch soziale Zusammenhänge erlernen. Sie bezweifelt, dass KI in der Lage wäre, auch nur das Level eines 3‑jährigen Kindes zu erreichen. Denn im Gegensatz zum Menschen, können bestimmte Aspekte mit KI sehr leicht erlernt werden, während andere fast gar nicht, oder nur mit ungleich höherem Aufwand erreicht werden können. Logisch-mathematische Intelligenz, wie zum Beispiel Schachspielen, gehören zu den Aspekten, die KI leicht zu fassen bekommt, während es viel schwieriger ist, ihr beizubringen, etwas zu erkennen (z.Bsp. Gesichtserkennung auf Fotos) oder auszuwählen. Die meisten Kinder hingegen, können einen Hund erkennen, wenn sie vorher schonmal einen gesehen haben, auch wenn dieser ganz anders aussah.
The trouble with this sort of purely statistical machine learning is that it depends on having enormous amounts of data, and data that is predigested by human brains. Computers can only recognize internet images because millions of real people have reduced the unbelievably complex information at their retinas to a highly stylized, constrained and simplified Instagram of their cute kitty, and have clearly labeled that image, too.
In den Antworten werden auch noch ganz anderen Thematiken aufgegriffen. Wie zum Beispiel: Was würde geschehen, wenn Maschinen Leid empfinden können? Würde ihre Intelligenz die Menschheit insgesamt klüger machen? Entstünden eher hybride Formen aus menschlicher und künstlicher Intelligenz? Welchen Einfluss hätte KI auf soziale Gefüge? Würde KI über die großen Sinnfragen des Lebens nachdenken?
Alle Antworten zu lesen, würde wohl mehr als nur einige Stunden beanspruchen, aber wir können auf jeden Fall empfehlen einen oder mehrere Blicke darauf zu werfen. Da die AutorInnen aus verschiedenen Disziplinen kommen, ergbit sich ein recht breit gefächertes Bild, welches sich nicht nur wie eine Vision Lems oder Asimovs liest, sondern durchaus auch praktischen Bezug zur Realität und dem Alltag aufweist. Hier findet sich eine Übersicht der AutorInnen und Antworten und hier dieselben als Fließext.
