Diskussionen über die Zukunft der Privatsphäre in der Post-Snowden-Ära geraten gerade in Deutschland schnell zu einer Art Gruppentherapie für Ernüchterte. Auf der IT-Messe South by Southwest (SXSW) Interactive in Austin/Texas zeichneten Ben Wizner, Snowden-Anwalt und Jurist bei der American Civil Liberties Union (ACLU), und Bruce Schneier, Informatiker und Kryptographie-Urgestein, am Wochenende ein positiveres Bild: Kurzfristig sehe er zwar auch einigermaßen schwarz für persönliche Geheimnisse, räumte Schneier ein. Mittelfristig hingegen glaube er an die Selbstheilungskräfte der Demokratie: „Es kann sein, dass es eine Generation lang dauern wird. Aber wir haben schon weitaus größere Schwierigkeiten gemeistert“, meinte er mit Blick auf Kinderarbeit und Sklaverei in den USA, „obwohl auf diesen Feldern sehr starke wirtschaftliche Interessen im Spiel waren, die den Fortschritt zu verhindern suchten“.
Wizner und Schneier warfen sich auf faszinierende Weise die Bälle zu und machten dabei deutlich, wie man das oft eher theoretisch wirkende Thema Privatsphäre auch sehr anschaulich diskutieren kann. Wizner etwa lud zu folgendem Gedankenspiel ein: „Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf der Autobahn – und mit einem Mal sehen Sie neben sich einen Polizeiwagen. Wie reagieren Sie? Fühlen Sie sich sicherer – oder eher kontrolliert und unter Druck, jetzt bloß keinen Fehler zu machen?“ Ähnlich verhalte es sich bei staatlicher Überwachung, ergänzte Schneier: Privatsphäre bedeute, selbst zu entscheiden, welches Bild man von sich in der Öffentlichkeit zeichnen wolle, welche Details bekannt werden sollten und welche nicht. Überwachung hingegen führe zu Konformität – so wie man eben unter Strom steht, wenn die Cops auf der Spur nebenan ihre Bahn ziehen und kritisch rüberschauen.
Jurist Wizner hakte sogleich nach, ob es denn überhaupt die Freiheit brauche, sich nicht an Gesetze zu halten? Schneier: „Selbstverständlich!“ Dass in den USA inzwischen homosexuelle Ehen und Marihuana-Rauchen weitgehend legal seien liege schließlich vor allem daran, dass Menschen die unsinnigen Gesetze dagegen gebrochen hätten und die Parlamentarier irgendwann gemerkt hätten, dass beides offenbar doch nicht zum Untergang des Abendlandes führe. Sozial abweichendes Verhalten sei damit Grundlage für gesellschaftlichen Fortschritt. Vor diesem Hintergrund bedauerte Schneier, dass die amerikanische Gesellschaft jede Gelassenheit gegenüber Kriminalität verloren habe.
Wizner stimmte dem zu und ergänzte, in der USA seien viele Menschen bereit, sehr weitreichende Einschränkungen von Freiheitsrechten in Kauf zu nehmen, wenn dafür nur mehr Sicherheit versprochen werde – jedenfalls vor Gefahren wie Terrorismus. Schärfere Regeln im Straßenverkehr hingegen seien meist nicht mehrheitsfähig, obwohl sie typischerweise viel mehr Leben retten könnten.
Mit Blick auf den von Edward Snowden geleakten NSA-Fundus, mit dem er eine Weile arbeiten konnte, meinte Schneier, ihn habe am meisten überrascht, wie wenig Überraschungen die Dokumente enthielten: „Es ist einfach alles wahr, was wir uns immer ausgemalt hatten“. Doch auch dem vermochte Schneier eine positive Note abzugewinnen, denn immerhin sei deutlich geworden: „Cryptography works!“. Zwar sei es kaum möglich, Metadaten effektiv zu vermeiden – und diese seien auch sehr gefährlich für die Privatsphäre, weil sie sich besonders einfach automatisch auswerten ließen. Inhalte könne man aber sehr wirksam verschlüsseln, wie die Snowden-Dokumente deutlich machten, und das sollte man auch tun: „Verschlüsselung zwingt die Dienste dazu, einzelne Ziele gezielt aufs Korn zu nehmen.“ 100%ige Sicherheit von Geheimdiensten könne es sicher nicht geben, da notfalls eben auch Computer oder Handys direkt attackiert würden. „Aber immerhin kann man die Dienste so zwingen, Prioritäten zu setzen.“
(Fotos © @vieuxrenard, CC-BY-SA 3.0)
